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Report: Antiatomkraft-Demo in Tokyo

Juli 17th, 2012 | Tagged , , , | 17 Kommentare | 1464 mal gelesen

Heute, am 17. Juni, habe ich just meine guten Vorsätze über Bord geworfen: Eigentlich hatte ich mir selbst auferlegt, in Japan nicht politisch aktiv zu werden – sprich, ich hielt es zum Beispiel für fraglich, ob ich das Recht dazu habe, mich an Demos zu beteiligen. Schliesslich bin ich hier nur zu Gast. Wenn auch ein hartnäckiger Gast.

Demobeginn in Yoyogi: Alles schön bunt

Doch wenn ich das Herumgeeiere in puncto Kernkraft hier so sehe, sehe ich mich wirklich gezwungen, meine Prinzipien über Bord zu werfen. Immerhin musste meine Frau mit unserem damals 1-monatigen Sohn und 4-jähriger Tochter damals wegen der letztendlich hausgemachten Katastrophe von Fukushima fluchtartig die Stadt verlassen. Und nun ist die Politik dabei, dem Volk weiszumachen, dass man doch besser die AKWs wieder anwerfen sollte, weil sonst das Licht ausgeht. Nur 16 Monate nach Fukushima. Man lernt einfach nichts dazu, und anstatt nach Alternativen zu suchen, will man weitermachen wie bisher.
Heute (ein Feiertag) fand aus diesem Grund die 10万人集会 jūmannin shūkai – 100’000-Leute-Zusammenkunft statt. Man versammelte sich ab Mittag im grossen Yoyogi-Park mitten im Zentrum. Berühmte Musiker (zum Beispiel Ryūichi Sakamoto) und Schriftsteller (zum Beispiel Literaturnobelpreisträger Kenzaburō Ōe) traten auf, und am Ende zogen die Demonstranten auf drei verschiedenen Routen durch die Stadt.
An einer japanischen Demo teilzunehmen ist prinzipiell unspektakulär und ähnlich gefährlich, wie einem 2-jährigen den Lutscher wegzunehmen. Gewaltausbrüche sind auf gar keinen Fall zu erwarten. Keine Chaoten, kein schwarzer Block, keine knüppelschwingenden Polizisten. Zwar hatte ich trotzdem Allein machen sie dich ein von Ton Steine Scherben im Ohr, aber da geht es auch nur ums Prinzip: Scheinbar ist der Politik in Japan egal, was die Leute denken, aber es muss selbst in Japan eine Schmerzgrenze für Politiker geben. Liegt die bei 100,000 Demonstranten? Scheinbar nicht. Eine Million? Wer weiss. Also erstmal hingehen. Selbst meine Schwiegeeltern haben beschlossen, hinzugehen (ihre erste Demo) und sich eigens ein Schild gemacht.
Eigentlich wollte ich mit Frau und Kindern hin, aber das mussten wir kurzfristig verwerfen.

Sehr clever: Losung einfach auf Sonnenschirm kleben!

Solche Menschenmassen bei rund 35 Grad und brennender Sonne kommt bei Kleinkindern nicht so gut an. Also ging es allein los. Ohne Schild. Dabei sein ist alles! In Yoyogi, genauer gesagt rund um dem Bahnhof Harajuku, war die Hölle los, denn gleichzeitig fand dort die Show „Disney on Ice“ statt. Was für eine Mischung. Über dem Park schwebten 5 Pressehubschrauber, und hunderte Polizisten sorgten für Ordnung. Viele Teilnehmer hatten selbstgebastelte Schilder dabei, andere beklebten praktischerweise ihre Sonnenschirme mit Losungen. Eine junge Band spielte live auf einem Anhänger – ganz unjapanisch und sehr erfrischend. Natürlich waren nicht alle Teilnehmer aus eigenen Stücken da. Ein paar politische Parteien und Organisationen schickten ihre Leute hin. Alles in allem war es sehr bunt.
Wie die Demo selbst ablief, war typisch japanisch: Sehr, sehr geordnet. Nur ein Teil der Straße wird gesperrt, also zieht sich der ganze Tross in die Länge. Zudem wird der Tross auch noch von langen Ampelphasen zerhackt, aber irgendwie trifft man sich schon wieder. Die Polizei ist massiv präsent, aber nur, um für Ordnung zu sorgen und alles in allem recht wohlwollend. Nach einer Stunde war der Zug auch schon vorbei.
Ob es was bringt? Laut Veranstalter waren 170’000 Menschen dort. Laut Polizei 70’000. Die wahre Zahl wird erfahrungsgemäss irgendwo dazwischen liegen, aber die Chancen liegen entsprechend nicht schlecht, dass es wirklich über 100’000 waren. Man kann nur hoffen, dass die Bewegung nicht abebbt, denn die Regierung will in der kommenden Woche die Genehmigung für das Hochschalten eines weiteren Reaktors erteilen. Und das ist besorgniserregend, denn so will man Schritt für Schritt zurück zur „Normalität“. Und das ist alles andere als normal.

Anbei noch ein kurzes Video – am häufigsten hörte man die folgenden Sätze:

再稼働撤回 Saikadō Tekkai – Nehmt die Wiederinbetriebnahme zurück
脱原発 Datsu-Genpatsu – Raus aus der Atomkraft!
原発反対 Genpatsu Hantai – Gegen Atomkraft!

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Parteien-wie-Unterhosen-Wechsler, Atomkraft und Kan vs. TEPCO

Juli 3rd, 2012 | Tagged , | 8 Kommentare | 1071 mal gelesen

Ein jeder hat sicher seinen Haßpolitiker – das Wort benutze ich nur sehr ungern, aber ich denke, die meisten wissen, was ich meine: Einen Politiker, den man einfach nicht mehr sehen und/oder hören möchte. Aus welchen Gründen auch immer. Diese Meinung muss nicht von Dauer sein – erst neulich habe ich etwas sehr Vernünftiges von Schäuble gehört (dummerweise habe ich es jedoch schon wieder vergessen) – das mich fast meine Meinung hat ändern lassen. In Japan ist es jedenfalls Ichirō Ozawa, der mich regelmässig auf die Palme bringt. Der Herr ist ein Anwalt aus der Präfektur Iwate, entsprang einer Politikerdynastie und ist seit Jahrzehnten ein politisches Schwergewicht. Erst war er bei den damals regierenden Liberalen. Dann verliess er die Partei unter Getöse und nahm einen Tross aus Abgeordneten dabei mit. Dann ging er zur Shinseitō 新生党. Danach zur Shinshintō 新進党. Dann zur Jiyūtō 自由党. Und dann, als jene gerade Aufwind bekamen, zu den Demokraten, also der Minshutō 民主党.
Und dreimal darf geraten werden, was heute geschehen ist – Mr. Ozawa, die graue Eminenz, von vielen auch – zu Recht – der Zerstörer genannt, verliess heute seine Partei, und riss dabei natürlich wieder seinen Tross mit: 38 Abgeordnete der regierenden Demokraten aus dem Unterhaus und 12 aus dem Oberhaus. Ziel: Die Gründung einer neuen Partei.

Opportunistisch sein ist gut. Reden können – auch gut. Mal mit der Faust auf den Tisch hauen und entsprechend der eigenen Gesinnung Konsequenzen ziehen ist in der Regel korrekt. Aber ein Politiker, der nunmehr zum sechsten Mal die Partei wechselt, ist in meinen Augen einfach nur noch suspekt. Zumal der Mann offensichtlich grossen Einfluss hat, sonst würde er nicht immer wieder auf den Füßen landen. Bisher hat er auch jeden Korruptionsskandal / Prozess um illegale Parteispenden überlebt – so wurden meist nur seine Untertanen verurteilt.

Dieses Mal stieß sich Ozawa an der Anhebung der Mehrwertsteuer. In der vergangenen Woche, am 26. Juni 2012, einigten sich die Regierungspartei sowie zwei Oppositionsparteien – die Liberalen und die Kōmeitō darauf, die Mehrwertsteuer bis 2015 von jetzt 5% auf 10% anzuheben. Die Debatte dazu kann man hier (Oberhaus-TV) sehen – das ganze dauert allerdings drei Stunden. Von 478 Abgeordneten stimmten 363 Abgeordnete für die 消費税増税法案 Gesetzesnovelle zur Anhebung der Mehrwertsteuer, 97 (darunter 57 Abgeordnete der Ozawa-Fraktion) stimmten dagegen. Das ist ein beachtlicher Erfolg für den Ministerpräsidenten Noda. Gleichzeitig wurden übrigens zwei weitere Gesetzesentwürfe abgenickt – auch von Opposition und Regierungspartei (ohne Ozawa natürlich): Eine Gesetzesentwurf zur Reformierung der sozialen Sicherheit sowie eine überarbeitete Fassung des Kinderbetreuungsstättengesetzes. Die genauern Abstimmungsergebnisse gibt es hier.

Ozawa arbeitet schon sehr lange gegen die eigene Partei – und zwar auf recht intrigante Art und Weise. Eigentlich brauchten die Demokraten gar keine Opposition in den beiden Abgeordnetenhäusern – sie hatten ja Ozawa, der kein Mikrophon und keine Kamera ausliess, um gegen seine Parteikollegen zu wettern. Dieses Mal mokierte er einen Verstoß gegen das Manifest und sah zudem durch den Schulterschluss mit der Opposition die Demokratie in Japan gefährdet. Gegenvorschläge? Aber nicht doch. Von Herrn Ozawa hört man in der Regel nur abgedroschene Phrasen ohne konstruktive Gegenvorschläge.

Die höhere Mehrwertsteuer wird kommen. Es scheint nicht mehr anders zu gehen. Japan hat im internationalen Vergleich sehr niedrige Steuersätze; dafür aber eine exorbitante Staatsverschuldung, gegen die Griechenland wie ein Waisenknabe aussieht. Der feine Unterschied zu Griechenland ist freilich, dass sich Japan einen Großteil des Geldes im Inland borgen kann. Ab jetzt heisst es dann also nicht mehr borgen, sondern nehmen. Über den Effekt der Mehrwertsteuererhöhung kann man freilich streiten. Die Wirtschaft stottert vor sich hin, und die Erhöhung könnte eine dauerhafte Erholung von der Rezession der letzten Jahre abwürgen. Andererseits braucht der Staat mehr Steuereinnahmen, um der gesellschaftlichen Veränderung (Kindermangel, Überalterung) entgegen treten zu können.

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Die atomkraftfreie Phase in Japan hielt nur ein paar Wochen, aber das war abzusehen: Einer der vier Reaktoren des zweitgrössten AKW Japans, das 大飯発電所 (Ōi-Kraftwerk) in der Präfektur Fukui (nördlich von Kyōto), nahm heuer wieder den Betrieb auf. Dagegen gab es zahlreiche Protestaktionen im näheren Umfeld des entlegenen Meilers – viele Teilnehmer reisten dabei aus unterschiedlichsten Regionen Japans an. Begründung für die Inbetriebnahme des Meilers durch KEPCO (Stromlieferant für die Kansai-Region): Der Strom reicht nicht für den Sommer. Selbst wenn alle Strom sparen. Das mag sein, aber schade ist es trotzdem, denn damit ist wahrscheinlich ein Damm gebrochen: Sicher werden mehr AKW folgen, und die Stromkonzerne werden bei der Suche nach Alternativen wieder weniger Drang verspüren. Es sei denn, der Widerstand schafft es wirklich, Einfluß nehmen zu können, was man momentan noch bezweifeln muss.

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Eigentlich wollte ich schon viel eher darüber schreiben, aber ich hatte einfach nicht die Muße dazu. Und daher wird dies nur eine Randnotiz: Am 9. Juni wurden die Ergebnisse eines Ausschusses zur Untersuchung der Nuklearkatastrophe von Fukushima veröffentlicht. Laut Untersuchung tragen da der damalige Ministerpräsident Kan und sein Amt („Kantei“, siehe Wikipedia) eine grosse Mitschuld an der Katastrophe durch unverhältnismässige Einmischung in die Geschehnisse (O-Ton: 過剰介入, siehe hier (Jiji)). Laut Vertretern von TEPCO sei es nicht so gewesen, dass TEPCO in der Nacht vom 14. zum 15. März alle Arbeiter aus dem explodierenden AKW abziehen wollte, sondern „ein paar Leute dalassen wollte“. Die Behauptung, Kan sei es zu verdanken, dass das AKW nicht sich selbst überlassen wurde, sei deshalb eine Legende und seine Einmischung in die Geschehnisse von daher eher störend gewesen.

Hmm. Das riecht ganz streng nach… ich weiss es nicht. Rufmord? Mundtot machen? TEPCO, der Engel in der Not, der alles richtig machte – dann aber von der Regierung gestört wurde? Ein wirklich irrwitziger Gedanke, bedenkt man das Chaos bei TEPCO nach dem Tsunami. Und nach weit mehr als einem Jahr heisst es plötzlich, „wir hatten eigentlich alles unter Kontrolle?“. Was für ein schaler Scherz.

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Save Minamisōma – Update und ein paar Dankeschöns

April 7th, 2012 | Tagged , , | 7 Kommentare | 1406 mal gelesen

Ja, das Thema verschwindet natürlich nach mehr als einem Jahr allmählich aus den Köpfen, aber leider geht die Misere für viele noch weiter. Zum Beispiel für Tausende Menschen in 南相馬 Minami-Sōma, die immernoch in Behelfsunterkünften, sprich Containern, ausharren müssen. Die meisten von ihnen haben entweder durch den Tsunami ihr Haus verloren oder mussten aus der Sperrzone um das havarierte AKW fliehen, da Teile der Stadt innerhalb der Sperrzone liegen. In beiden Fällen herrscht nachwievor Ungewissheit: Wie wird der Flächennutzungsplan für die Tsunami-gefährdeten Stadtteile aussehen? Wird es einen komplettes Bauverbot geben – und werden in dem Fall die Menschen entschädigt? Noch ungewisser ist die Zukunft natürlich für die Menschen, die aus der Sperrzone kommen. Es gibt Überlegungen, Teile der Sperrzone wieder begrenzt zugänglich zu machen, aber all das wird noch dauern, und da wäre ja auch noch die schleichende Gefahr durch die natürlich immernoch hohen Strahlenwerte.

Verteilung von Spenden am 1. Januar in Minami-Sōma

Hinzu kommt, dass die radioaktiven Partikel natürlich erst allmählich in den Wasserkreislauf gelangen. Das Trinkwasser beziehen die Bewohner aus Flüssen, die aus den hohen Bergen im Hinterland entspringen. Jedoch – gerade in den Bergen ist die Strahlung aussergewöhnlich hoch. Man muss kein Geograph oder Strahlenexperte sein, um sich auszurechnen, was auf absehbare Zeit mit dem Trinkwasser geschehen wird. Jedoch: Messwerte gibt es nicht, oder sie werden nicht oder wenn doch erst viel zu spät veröffentlicht. Das verunsichert die Einwohner natürlich, und so kaufen sie ihr Wasser verständlicherweise lieber im Supermarkt. Dort kostet der Liter allerdings ab 80 Yen pro Liter, anstelle der 0.18 yen, die es kosten würde, wenn das Wasser aus dem Hahn trinkbar wäre. Da die Behörden das Problem nicht anerkennen, bezahlen das natürlich alle aus eigener Tasche.

Und so geht das Save Minamisōma-Projekt (SMP) auf unabsehbare Zeit weiter. Es muss weitergehen, denn es hat sich ja nichts verbessert. Den Bewohnern der Container kann man jetzt schlecht sagen „Tja, war schön mit Euch, aber jetzt ist ja ein gutes Jahr rum, das sollte dann mal langsam reichen“. Sicher, sie würden es irgendwo verstehen. Aber sie wären auf jeden Fall sehr enttäuscht.

Im vergangenen Jahr hatte ich erstmals über SMP berichtet, und auch zu Spenden aufgerufen. Es kamen auf diese Weise alles in allem ca. 300 Euro zustande. Allen Spendern habe ich natürlich persönlich gedankt, aber trotzdem noch mal an alle: Dankeschön! Das Geld war sehr gut angelegt, und die Mitglieder von Save Minamisōma sowie natürlich vor allem die Betroffenen wissen das sehr zu schätzen.

Hilfeaufruf für Japan

Einige Zeit später meldete sich Frank Borsitz bei DinJ und fragte die Liste, ob nicht irgendjemand eine Organisation kenne, die die von ihm organisierten Spenden gebrauchen könnten. Nun, ich wusste da jemanden, und so gelangten 420 Euro bzw. zum damaligen Umtauschkurs 45,000 Yen an SMP. Deshalb an dieser Stelle auch ein ganz grosses Dankeschön an Frank – für die Idee, für das Vertrauen und den reibungslosen Ablauf. Frank hat nach der Katastrophe die Webseite Hilfeaufruf für Japan in Gang gebracht und zahlreiche Firmen und Einzelpersonen zu Spenden bewegen können. Ein Teil davon ging nun an SMP.

Als nächstes wurde ich von Enrico, einem Freund und Stammleser (seine Frau kenne ich nun schon seit über 15 Jahren, ihn persönlich seit rund 6 Jahren) angesprochen – der „Freies Wort hilft e.V.“, ein Thüringer Verein, suchte nach einem angemessene Empfänger für die Spenden, die dank der Leser der Tageszeitung „Freies Wort“ für Japan und diverser Aktivitäten des Vereins zusammenkamen. Auf diese Weise kam SMP eine Spende von 12’908.46 Euro, also fast 1,4 Millionen Yen, zu.

Freies Wort hilft e.V.

Aus diesem Grund möchte ich mich hiermit bei allen Thüringern bedanken, die gespendet haben oder sonstwie an Aktionen beteiligt waren. Die Hilfsbereitschaft nicht nur hier vor Ort, sondern auch von Menschen, die ganz weit Weg sind von Japan (oder Sri Lanka, Somalia, Haiti – wo auch immer Spenden und Hilfen jeglicher Art gebraucht werden) ist wirklich ermunternd und verfehlt nicht seine Wirkung bei den unmittelbar Betroffenen. An dieser Stelle neben Enrico auch ein ganz grosses Dankeschön an Herrn Ermert vom Verein bzw. stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift „Freies Wort“ sowie an Yvonne Reißig, einer Journalistin aus Eisenach, die dafür sorgten, dass alles reibungslos über die Bühne ging mit den Spenden.

Und so wird SMP dank der Spenden weitergehen. So lange, bis die Menschen dort wieder eine Perspektive haben. Wer sich irgendwie daran beteiligen möchte, kann das gern immernoch tun – entweder mit Spendne oder, falls vor Ort, mit Teilnahme (über Facebook-Seite anfragen).

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Warum trifft Journalismus über Japan nachwievor nicht den Punkt?

Februar 23rd, 2012 | Tagged , , | 33 Kommentare | 3055 mal gelesen

Neulich stolperte ich als regelmässiger Nutzer der Tagesschau-App (die, so viel Lob muss sein, sehr gut gemacht ist) über einen kurzen Artikel mit dem Titel „Das vielfache Vergessen von Fukushima„. Ein Video dazu war auch da (nun scheint es wohl weg zu sein) und dutzende Kommentare, bei denen sich mir wirklich der Magen umdrehte. Auch die Kommentare kann ich nicht mehr finden. Ist wohl auch besser so.

Lese ich mir den Artikel so durch, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Sind alle Themen der Tagesschau so schlecht recherchiert? Eigentlich sollte man doch von der ARD vergleichsweise hochwertigen Journalismus erwarten können, oder?

Mein erster Eindruck nach meiner Ankunft in Tokio war ernüchternd: Für die Bewohner der Millionen-Metropole scheint Fukushima genauso weit weg zu sein wie für die Menschen in Köln oder Berlin. Auf den Straßen herrscht Betriebsamkeit, wie man sie von Fotos oder Filmen her kennt.

Du meine Güte – was hat der Berichterstatter erwartet? Das alle mit gesenktem Kopf und Gasmaske trist und traurig durch die Strassen schleichen? Hätte der Reporter doch mit Hilfe seines Dolmetschers, den er doch hoffentlich dabei hatte, wenigstens ein paar Leute interviewt! Dann hätte er wahrscheinlich schnell herausgefunden, dass die Katastrophe den Leuten noch immer in den Knochen steckt! Es vergeht kaum ein Tag ohne bemerkenswerte Erdstösse. Und Fukushima taucht nahezu täglich in den Nachrichten auf. Viele Leute haben das Gefühl, dass das noch nicht alles war. Vor allem nicht in Sachen Erdbeben, denn zahlreiche Wissenschaftler haben erst kürzlich vermeldet, dass die Wahrscheinlichkeit, das Tokyo in ziemlich naher Zukunft einen schweren Direkttreffer erleben könnte stark gestiegen ist.

Auch die Sorge um verstrahlte Lebensmittel und das Gefühl, dass im AKW Fukushima noch lange nicht alles in trockenen Tüchern ist, ist bei vielen vorhanden. Aber, lieber Reporter, drei Mal darfst Du raten, wovor der Hauptstädter mehr Angst hat: Vor einem schweren Erdbeben direkt unter der Hauptstadt mit zehntausenden Toten, hunderttausenden zerstörten Häusern, wochenlangen Versorgungsengpässen und so weiter und so fort, oder vor Fukushima? Vor Fukushima natürlich? Ist klar…

Am Abend flimmert und leuchtet die Stadt, keine Spur von Stromausfällen – obwohl inzwischen nur noch ganze drei der einst 54 AKW des Landes am Netz sind.

Klingt alles so einfach, oder? Als ob man die 54 AKW ganz aus Spass betrieben hatte! Vielleicht sollte mit einer winzigen Fussnote erwähnt werden, das Japan einen sehr hohen Preis dafür zahlt. Aufgrund der jetzigen Lage verzeichnet Japan das erste Handelsdefizit seit Erhebung der Daten 1979. Warum? Fossile Brennstoffe müssen teuer importiert werden. Die Folge, vor allem aufgrund der seit Monaten steigenden Energiepreise: Rezession. Wieder. Klar, ohne die AKW ist es besser – und die letzten 3 kann man jetzt auch ruhig abschalten (aber das wird so schnell nicht passieren).

Immerhin hat sich der Reporter mit japanischer Begleitung nach Minami-Sōma gewagt, und seine Beobachtungen dort decken sich zum Teil mit dem, was ich dort erlebt habe. Die Region ist nachwievor im Ausnahmezustand.

Wesentlich schlimmer als der Artikel waren die Kommentare. Eine arme, gut deutsch schreibende Japanerin verzweifelte schier daran und versuchte zu erklären, welchen Stellenwert welcher Teil der Katastrophe für die Japaner hat. Sie wurde natürlich gleich als Atomlobbyistin abgetan. Wer nicht wie wir ist, muss einer von denen sein. Ein Kommentator war sich auch ganz sicher, dass in Kürze ganz Japan, Korea und Sibirien verstrahlt sein werden.

Nun – Ziel des Reporters war es, sich „… ein Bild davon machen, welche Spuren die größte Reaktorkatastrophe seit Tschernobyl in diesem Land hinterlassen hat – auf den Straßen, Feldern und Dächern der Städte rund um den Reaktor, aber auch in den Köpfen und Herzen der Menschen.“ Ziel verfehlt. Vielleicht begreift irgendwann mal ein Reporter, das man die drei Komponenten – Tsunami, Erdbeben und Reaktorkatastrophe – nicht so ohne weiteres trennen sollte? Allein in Minamisōma sind über 400 Leute vom Tsunami getötet worden, und rund 1’000 Bewohner gelten als vermisst. Auch das beschäftigt die Menschen nachwievor. Aber Erdbeben und Tsunami sind wahrscheinlich zu abstrakt und so weit entfernt wie Köln oder Berlin…

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Geigergezähltes: Strahlungswerte selbst gemessen

Januar 10th, 2012 | Tagged , , | 12 Kommentare | 23431 mal gelesen

Geigerzähler in der Wohnung: Nochmal Glück gehabt?

Bloggerkollege Coolio erwähnte neulich in diesem Beitrag, dass es momentan recht günstig ist, an Geigerzähler heranzukommen: Findige Unternehmer haben grosse Mengen der Geräte nach Japan importiert, waren damit aber offensichtlich etwas spät dran: Die Nachfrage ist nicht mehr da. Und so werden zum Beispiel hier bei Amazon handliche Geigerzähler aus Rußland vertickt – für 13,800 Yen statt den ursprünglichen 69,800 Yen. Gute 100 Euro für einen Geigerzähler? Da konnte ich schlecht nein sagen. Gesagt, getan – zwei Tage später hielt ich das kleine, leichte Gerät in den Händen.

Will ich wirklich wissen, wie hoch die Strahlung bei uns ist? Jetzt, wo scheinbar alle Messen schon gesungen sind? Aber sicher doch. Ich will letzten Endes nicht wissen, was irgendwer irgendwann in der Nähe gemessen hat, sondern wie es direkt bei uns aussieht – in der Wohnung zum Beispiel, oder vor dem Haus. Zumal unsere Stadt ja auch als Hotspot bezeichnet wird – wenn auch mit geringeren Werten als anderswo in der Gegend.

Die Messergebnisse überraschen nicht – das ist die gute Nachricht. Je nachdem, in welche Richtung das Gerät zeigt und wo ich es hinlege, messe ich zwischen 0.07 und 0.14 Mikrosievert pro Stunde. Das ist relativ normal. In den Parks unserer Stadt messe ich im Schnitt 0.2 Mikrosievert – in manchen ca. 0.12, in anderen bis über 0.3 Mikrosievert, je nachdem, wo ich messe. Die Werte im bzw. beim Kindergarten unserer Tochter liegen um die 0.15 Mikrosievert in Bodennähe und etwas niedriger in 1 Meter Höhe. Wo ich auch messe – die Anzeige ist im grünen Bereich, das Gerät sagt „Normal Radiation Background“.

Nicht mehr im grünen Bereich: Strahlung im Park

Eine weitere Messung dann heute: Es ging zum 若潮公園 – Wakashio-Park, dem beliebtesten Park bei uns im Stadtzentrum. Dort gibt es einen Verkehrsgarten (seit dem Beben wegen Baufälligkeit gesperrt) und ein zweistöckiges Haus, darin zahlreiche Einrichtungen, wo sich die lieben kleinen austoben können. Vor ein paar Wochen war der Park kurz im Gespräch, da dort an einem defekten Fallrohr sehr hohe Strahlung gemessen wurde. Angeblich wurde das Fallrohr ausgetauscht und die kontaminierte Erde rundherum abgetragen. Kurzer Test heute – Gerät an eine der Regenrinnen in Bodenhöhe gehalten, und siehe da: Anzeige wird gelb: „High radiation background“, 0.51 Mikrosievert. Ohne gross zu suchen, wohlgemerkt: Ich habe nur dort gemessen.

Fazit: Die Ergebnisse, wie sie in den Medien hier kursieren, kann ich vorerst nur bestätigen: Leicht erhöhte (aber nach allgemeiner Meinung unbedenkliche) Strahlenwerte ausserhalb, aber hier und da Punkte mit erhöhter bis stark erhöhter Strahlung. Erfahrungsgemäß sind dies dummerweise die Punkte, die von kleinen Kindern bevorzugt werden. Es ist sicherlich nicht verkehrt, zu wissen, wo diese Punkte sind.

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Ist Tokyo nun verstrahlt? Oder nicht? Eine Bestandsanalyse

Oktober 17th, 2011 | Tagged , , , , | 10 Kommentare | 3263 mal gelesen

In der vergangenen Woche schreckte eine Meldung zahlreiche Hauptstädter – sowie zahlreiche deutsch- und englischsprachige Blogger und ausländische Medien auf: In 世田谷区 Setagaya-ku, einem relativ zentral gelegenen und vergleichsweise gehobenen Distrikt von Tokyo, wurde an einem alten, zerfallenen Holzhaus eine Strahlenbelastung gefunden, die über der von Iitate liegt. Iitate gilt als einer der verstrahltesten Orte Japans und liegt in der Präfektur Fukushima.

Genauer gesagt fanden Privatpersonen bei einer Messung in Setagaya-ku einen Wert von 2.7 Mikrosievert vor (offizielle Meldung hier, Japanisch). In Iitate misst man momentan (im Schnitt) 2 Mikrosievert. Das sind aufs Jahr gerechnet 23.6 Millisievert. Die Internationale Atomenergiebehörde und zahlreiche andere internationale Behörden empfehlen für Normalsterbliche eine jährliche Dosis von maximal 1 Millisievert (siehe unter anderem hier, Englisch); andere Behörden und Organisationen wiederum gehen von 20 Millisievert pro Jahr als absolut unbedenkliche Menge aus. In Japan gilt der Grenzwert 1 mSv, obwohl man den Wert auf 20 mSv für Teile der Präfektur Fukushima erhöhen wollte bzw. teilweise wohl hat.

Vielleicht mag sich der eine oder andere gewundert haben, warum mir die obige Schlagzeile keinen Beitrag wert war. Nun: Das Ganze roch etwas nach Fisch. Warum? Der Wert erschien mir doch etwas zu hoch. Denn: Seit Monaten misst nicht nur die Regierung. Gottseidank. Mehr und mehr Privatpersonen und Organisationen ziehen mit Geigerzählern durch die Hauptstadtregion und teilen gern ihre Messwerte dem interessierten und besorgten Mitmenschen mit. Das ist gut, lobenswert und sehr wichtig. Und gleichzeitig ein Novum – noch nie haben die Bürger ihrer Regierung so stark misstraut.

Wäre der in Setagaya gemessene Wert nun die Regel, wäre dies auf jeden Fall eher und aus mehreren Ecken publik geworden. Die Medien griffen den Ausreisser gern auf, zumal ein Schulweg an dem besagten Haus vorbeiführt. Die lokalen Behörden nahmen das Haus unter die Lupe – und fanden dort in einem schmalen geheimfach-ähnlichen Hohlraum eine Kiste mit Ampullen. Darin: Radium. Jenes wurde bis in die 1950er unter anderem in Japan häufig verwendet: Zum Beispiel, um die Zeiger in Uhren im Dunkeln leuchten zu lassen. Nun – die Ampullen schienen aus der Zeit zu stammen. Sie wurden entfernt, und jetzt misst man am gleichen Ort weniger als 0.01 Mikrosievert. Das entspricht anderen Messungen.

„Foul!“ erschallte es sodann aus allerlei Ecken. „Das riecht ja nach Vertuschung – das stinkt doch irgendwie!“. Nun gut. An dieser Stelle mal die notwendige „What if“- Frage: „Was, wenn dort wirklich jemand Flaschen mit Radium hortete – und die über Jahrzehnte dort lagerten und vergessen wurden?“ Ausgeschlossen? Nein. Es ist einfach logisch, dass solche Dinge jetzt ans Licht kommen: Wer ist vor März 2011 schon mit einem Geigerzähler durch Tokyo gerannt? Grund zur Panik oder zur sofortigen Bemühung althergebrachter Verschwörungstheorien? Nein.

Oder? Andere Messung: In der vergangenen Woche wurden in Yokohama an zwei Orten hohe (bzw. relativ hohe) Strontiumkonzentrationen gefunden. Brisant ist daran, dass Strontium zum ersten Mal soweit entfernt von Fukushima gemessen wurde. Und: Strontium ist besonders gefährlich, da es vom Körper anstelle von Kalzium aufgenommen und in Knochengewebe eingebaut wird, um dort später Knochen- und andere Krebsarten auszulösen. Nun lag die maximal gemessene Konzentration in Yokohama bei 195 Becquerel / Kilogramm (Originalmeldung siehe hier), aber es wurde auch noch nicht flächendeckend gemessen. Die Konzentration ist relativ gering, aber es ist nicht mehr zu leugnen: Strontium gibt es nun auch in der Hauptstadtregion.

Das allgemeine Verständnis lautet dieser Tage so:

  • Die Strahlenbelastung in der Luft liegt auf einem (nahezu) natürlichen bzw. vernachlässigbar erhöhten Level
  • Trinkwasser in der Hauptstadtregion ist sicher (unter Nachweisgrenze)
  • Gemüse, Fleisch, Fisch usw: Streckenweise belastet. Leider ist es schwer einzugrenzen – vor allem bei Fleisch und Milchprodukten, da man nicht weiss, wo was verfüttert wurde. Wer bei Meereserzeugnissen auf Nummer sicher gehen möchte, kauft nur, was in Westjapan (Japanisches Meer) oder im Ausland gefangen wurde (jedoch: norwegischer Lachs ist dank englischer AKW auch belastet usw.). Wer bei Gemüse auf Nummer sicher gehen möchte, vermeidet Gemüse aus Fukushima, Miyagi, Saitama, Ibaraki, Tokyo, Chiba, Shizuoka, Yamagata, Niigata und Nagano, wobei jedoch Chiba, Shizuoka, Nagano und Niigata mittlerweilen als unbelasted gelten
  • Wer Kinder hat und in der Hauptstadtregion lebt, vermeidet altes Laub, den Zwischenraum zwischen Häusern, die Gegend um Gullydeckel und eigentlich alle Stellen, an denen sich leicht Regenwasser sammelt.

Zum letzten Punkt muss jedoch folgendes gesagt werden: Die Werte sind bei weitem zu gering, um äussere Strahlenschäden zu bewirken. Es geht hier um die innere Strahlenbelastung ((体)内被曝 – (tai)naihibaku). Eltern sollten deswegen vorsichtshalber sichergehen, dass Kinder nicht auf irgendeine Art und Weise Schmutz aus diesen Bereichen aufnehmen – zum Beispiel, indem sie dort spielen und dann an ihren Fingern lecken usw. Kurzum: Nicht im Laub oder rund um Wassergräben, Gullydeckeln usw. spielen lassen.

Wie geht es weiter?
Es wird noch einiges ans Licht kommen. Die erhöhten Konzentrationen im Grossraum Tokyo werden mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit gegen Mitte 2012 nahezu verschwunden (ausgewaschen) sein – so war es auch in Bayern ein Jahr nach Tschernobyl. Das Auswaschen radioaktiver Partikel wird jedoch noch auf lange Sicht Probleme im Wasserkreislauf verursachen.

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Gut gemachte Doku: 155 Tage nach dem Erdbeben

September 8th, 2011 | Tagged , , | 21 Kommentare | 3834 mal gelesen

Ich bin erst jetzt darauf gestossen – die Sendung lief bereits am 12. August in Fuji TV: わ・す・れ・な・い ~東日本大震災155日の記録~ – „Unvergesslich: Das Logbuch 155 Tage nach der grossen Erdbebenkatastrophe von Japan“.
Gute Dokus gibt es selten in Japan – gerade im deutschen Sprachraum wird man da schnell verwöhnt und erwartet viel. In Japan ist investigativer Journalismus, auch bzw. gerade im Fernsehen, weniger verbreitet.
Diese Dokumentation ist jedoch relativ gut gemacht. Die Gliederung ist wie folgt:

1) Nach einer kurzen Einleitung geht es um den Tsunami – den Teil der Dreifachkatastrophe, der bei weitem die meisten Todesopfer und die ärgsten Verwüstungen hervorrief. Dabei – erst jetzt aufgetauchte Videos, Augenzeugeberichte und gute Analysen: So zum Beispiel zum Thema, warum zahlreiche Menschen trotz Warnung überrascht wurden (Einwohner direkt hinter den Deichen konnten das Meer nicht sehen und hören; zurückfliessende Welle war streckenweise verheerender als die Hauptwelle usw).

2) Nach ca. 32 Minuten folgt eine chronologische Aufarbeitung der Geschehnisse nach dem Beben: Wie sich das Erdbeben nach und nach durch Japan bewegte, wie und wo der Tsunami zuschlug usw.

3) Nach ca. 61 Minuten geht es um Fukushima und diverse Ungereimtheiten: Warum zum Beispiel die Regierung am Abend des 11. März noch verlautet, es sei keinerlei Radioaktivität ausgetreten – die selbe Regierung aber drei Stunden vorher bereits dutzende Busse aus der Nachbarpräfektur Ibaraki nach Fukushima ordete, um zu evakuieren (ohne Marschbefehl nach Aufnahme der Flüchtlinge, wohlbemerkt!).

4) Nach ca. 81 Minuten folgt ein beeindruckender Teil über die Aufräumarbeiten: Wie man es schaffte, trotz schwerer Zerstörungen auf guten 500 km der Shinkansen-Strecke jenen wieder nach nur 49 Tagen auf Trab zu bringen. Sowie zahlreiche Vorher-Nachher-Bilder aus den Tsunami-Gebieten.

Es wäre erfreulich, wenn sich ein deutscher Sender dieser Doku bemächtigt und sie übersetzt, denn sie erzählt die Dinge wirklich so, wie sie in Japan wahrgenommen wurden. Dabei ist auch die Reihenfolge wichtig.

Die Doku kann man sich auch ohne Japanischkenntnisse ansehen. Natürlich verpasst man etliche Erklärungen, aber die Bilder sind in sich selbst schlüssig. Die Bilder sind streckenweise harter Tobak.

[Anmerkung: Das Video wurde offensichtlich fast überall entfernt. Alternativer Link: hier

Ich weiss, ich laufe Gefahr, einseitig zu werden mit diesem Thema. Aber es macht mir und sicherlich vielen Anderen, auch ein halbes Jahr danach, noch viel zu schaffen.

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Rettet Minami-Sōma

August 3rd, 2011 | Tagged , , | 13 Kommentare | 1777 mal gelesen

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich einmal erwähnt, einen Teil meines einwöchigen Sommerurlaubs damit verbringen zu wollen, irgendwas Gutes im Nordosten von Japan zu tun. Egal was. Nun, ich habe etwas gefunden, und da ich die Aktion für sehr sinnvoll halte, möchte ich sie an dieser Stelle etwas näher vorstellen.

Lage von Minami-Sōma

Lage von Minami-Sōma

Bei dem ausschliesslich von Freiwilligen (Ausländern und Japanern) geführten Projekt geht es darum, den Bewohnern der Stadt Minami-Sōma zu helfen. Über die prekäre Lage dort hatte ich hier schon einmal kurz berichtet.
Die Stadt liegt an der Nordostküste der Präfektur Fukushima und ist eigentlich mehr ein Zusammenschluss zahlreicher Dörfer. Die Ortschaften entlang der Küste wurden vom Tsunami stark zerstört – zur Erinnerung: Der Tsunami war am etwas weiter südlich gelegenen AKW rund 14 m hoch. Womit wir beim zweiten Problem der Stadt sind: Fukushima I liegt nur rund 30 km entfernt. Der Südteil der Stadt liegt mittlerweilen in der Sperrzone und darf nicht betreten werden. Zwar scheint laut bisher bekanntgewordenen Messwerten die Verstrahlung nicht so hoch zu sein wie in der Ortschaft Iitate westlich von Minami-Sōma, aber die Werte sind freilich deutlich über normalen Verhältnissen.
Damit befindet sich die Gemeinde leider in einer Grauzone. Viele Einwohner harren aus, da kein Evakuierungsbefehl vorliegt und sie nicht wissen, wo sie hinsollen. Jedoch können bzw. sollen sich die Bewohner nicht selbst versorgen, da Obst, Gemüse und Fleisch usw. zu stark kontaminiert sind. Auf dem Markt dürfen die Leute natürlich auch nicht mehr verkaufen, doch bis auf Landwirtschaft gibt es nicht viel in der Gegend.
Die Idee dieser Hilfsorganisation ist es nun also, mit Spendengeldern unbelastete Lebensmittel, vor allem frische Esswaren, günstig aufzutreiben und anschliessend mit gemieteten und/oder privaten Fahrzeugen nach Minami-Sōma zu bringen und dort an Anwohner und Flüchtlinge (aus der Sperrzone) zu verteilen. Japanische freiwillige Helfer aus der Stadt helfen bei der Verteilung.
Die Touren finden momentan alle zwei Wochen statt (so genug Spenden gesammelt werden konnten) und sehen so aus: Ein Tross aus mehreren Fahrzeugen und ca. 10 Freiwilligen versammelt sich Freitag abends in Tokyo, lädt die Sachen auf und fährt in der Nacht nach Minami-Sōma – man muss wegen des AKW’s und der Sperrzone einen grossen Bogen machen und von Norden hereinfahren. Nach der Ankunft werden tagsüber die Güter verteilt. Am Nachmittag geht es schliesslich wieder zurück nach Tokyo.

Diese Aktion ist auf lange Zeit ausgelegt – zumindest solange, wie Minami-Sōma nicht doch gänzlich zur Sperrzone erklärt wird.
Ich habe erstmal zugesagt, bei der Tour am 12/13. August mitzuhelfen – quasi gleich nach der Arbeit.

Wer dieses Projekt in irgendeiner Art und Weise unterstützen möchte, kann das wie folgt tun
– als Freiwilliger mitfahren (bitte bei mir melden)
– Kontakte zu Bauern oder Händlern herstellen, die bereit sind, frische Lebensmittel zu gemeinnützigen Preisen abzutreten (bitte bei mir melden)
– Spenden. Das Geld wird für den Erwerb der Lebensmittel, Diesel usw. gebraucht. Wer an dieser Art der Unterstützung Interesse hat, kann Spenden an mein PayPal-Konto überweisen (als Überweisungszweck bitte „Minami-Soma“ angeben – die Spenden werden dann umgehend weitergeleitet):

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Wenn es auf den regnet, der schon nass ist

August 2nd, 2011 | Tagged , , , , | 13 Kommentare | 1508 mal gelesen

Wer momentan an der Beweisführung für den sogenannten Matthäus-Effekt arbeitet, kann mit Sicherheit in Japan fündig werden. Dieses Jahr wird wohl mit einigen Rekorden in die Annalen eingehen. Das schwere Erdbeben am 11. März mit dem nachfolgenden Tsunami war da erst der Anfang, aber Japan hat ja noch weit mehr als das zu bieten. Taifune und Starkregenereignisse zum Beispiel. Ein starker Taifun richtete erst in der vergangenen Woche grosse Schäden in Westjapan an. Vom 26. bis 30. Juli war dann die Präfektur Niigata und der Westen von Fukushima (das AKW Fukushima I steht im Osten) dran: Drei Tage regnete es dort ununterbrochen, an einigen Orten bis zu 400 mm pro Tag. Ganze Landstriche und Ortschaften standen und stehen unter Wasser, 4 Menschen kamen bisher ums Leben und ein Teil der Infrastruktur hat stark gelitten. Rund 400’000 Menschen wurde die Evakuierung angeordnet – darunter sind auch tausende Menschen, die bereits als Flüchtlinge behelfsmässig untergebracht waren.
Da vergisst man doch glatt die Erdbeben. Vorgestern nacht um 4 Uhr morgens gab es erst ein Beben der Stärke 6.4, quasi gleich in der Nähe des AKW, und in weiten Teilen Chibas und Tokyos mit der Stärke 3 nach der japanischen Skala deutlich spürbar. Vor einer Stunde bebte es dann westlich der Izu-Halbinsel, Stärke 6.1; auch das war in Tokyo und Chiba mit Stärke 3 stark spürbar.
Zum Glück gibt es noch andere Sprichwörter. Zum Beispiel „Es kann ja nicht immer regnen“. Oder?

Gestern gab es in der Sendung „Mr. サンデー“ (Mr. Sunday – in etwa vergleichbar mit Spiegel TV, so es das noch gibt) einen interessanten Beitrag über die Wahrnehmung von Radioaktivität in Japan. Man verglich dabei die heutigen Werte in den sogenannten Hotspots (also Orten, in denen die Radioaktivität nach dem AKW-Unglück von Fukushima 1 deutlich zunahm) und anderen Orten weltweit, wie etwa Rom. Da war zwar nicht allzu viel Neues dabei, aber die Hintergrundinformationen über die Strahlenbelastungsgrenze in Japan (zur Zeit 20 Millisievert pro Jahr) waren recht interessant: Dazu sprach unter anderem der Chef der Internationale Strahlenschutzkommission, der nur lapidar meinte, dass Japan den untersten Grenzwert gewählt hat und alles unter 100 Millisievert pro Jahr eine „blackbox“ ist – man weiss nicht, ob eine Belastung unter 100 Millisievert etwas ausmacht. Die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission (PDF, deutsch) lesen sich nicht ganz so zuversichtlich, aber die Diskussion um die Werte zeigt eins: Nicht nur die Reaktoren sind überhitzt, sondern auch die Gemüter: Die Regierung meint, da ist doch noch Platz mit den Grenzwerten, während einige Verbände erbost einen Grenzwert von 1 Millisievert / Jahr fordern.

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Ist Japan sicher?

Juli 20th, 2011 | Tagged , , , | 17 Kommentare | 8009 mal gelesen

Als Reaktion auf den letzten Blogbeitrag, der unter anderem den Skandal um den Umlauf von radioaktiv belastetem Rindfleisch in Japan aufgriff, gab es ein paar Kommentare sowie persönliche Nachrichten besorgter Japan-Aspiranten, die sich Sorgen machen, ob Japan sicher ist oder nicht – vor allem in punkto Lebensmittel. Um weiteren Anfragen vorwegzugreifen, nun also ein eigener Eintrag dazu, den ich mehr als Denkanstoss denn als Ratgeber verstanden haben möchte – zur Erinnerung, der Verfasser dieses Blogs ist im Gegensatz zu vielen Millionen Deutschen kein Experte in Sachen Nuklearphysik und Ökotrophologie.
Ist Japan also sicher? Die Frage ist schlichtweg nicht mit ja oder nein beantwortbar. Also versuche ich mal, logische Schlüsse aus den vorhandenen Fakten zu ziehen.

Die Ausgangslage
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1. Vier Reaktoren im AKW Fukushima 1 wurden durch den Tsunami am 11. März 2011 stark zerstört. Dabei wurde eine erhebliche Menge radioaktiver Substanzen a) in die Luft und b) ins Meer freigesetzt.

2) Wie man bereits an Tschernobyl erkannt hat, breiten sich Strahlung sowie kontaminierte Substanzen nicht konzentrisch aus. Sprich, 1’000 km entfernt zu wohnen bedeutet nicht zwangsläufig, das man sicherer ist als jemand in 50 km Entfernung. Das Ausmass der Kontamination hängt stark von äußeren Faktoren wie Höhe der Explosionswolke, Windstärke und -richtung, Niederschlagssituation, Meeresströmung, Tidenhub, Länge und Konzentration der Einleitung kontaminierter Substanzen usw. usf. ab.

Folgen
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Kurz nach dem Beginn der Reaktorprobleme gab es einen deutlichen Anstieg der Konzentration radioaktiven Jods, später auch Cäsiums in der nahen bis weiteren, sowie einen Anstieg von Strontium und Plutonium (möglicherweise!?) in der näheren Umgebung. Diese Substanzen verdünnen sich an den einen Stellen und konzentrieren sich an anderen Stellen., mit teilweise schwer vorhersagbaren Verteilungsmustern.

Das Problem
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1) Information. Entweder man hat das Gefühl, die Informationen reichen nicht, oder sie werden zu spät weitergeleitet. Hinzu kommt ein grosses Misstrauen gegenüber öffentlichen Quellen sowie eine ganze Reihe von Fehlinformationen aus teilweise zweifelhaften Quellen.

2) Das Ausmass. Die Ausmasse der Reaktorkatastrophe, zudem noch gepaart mit einem gewaltigen Erdbeben und einem ebenfalls gewaltigem Tsunami, einhergehend mit massiven Strom- und anderen Versorgungsengpässen, verschärft die Lage zusätzlich.

3) Kapazitäten. Natürlich hat auch Japan Labore und mobile Messgeräte, doch das Ausmass der Katastrophe übertrifft die schlimmsten Befürchtungen. Es mangelt schlichtweg an Laborkapazität, um alle Lebensmittel und alle Winkel der betroffenen Regionen sofort und allumfassend zu überwachen.

4) Sturheit und Unwissenheit. Nein, das ist keine japanische Eigenart. Der Verkauf von belastetem Rindfleisch ist teilweise auf die Sturheit einiger Viehzüchter zurückzuführen (erwiesenermassen) – die falsche Angaben zum Futter machten, in der Hoffung, ihre Tiere trotzdem verkaufen zu können. Unwissenheit hingegen seitens der Behörden zum Beispiel, die scheinbar nicht ahnen, wie der Nahrungsmittelkreislauf funktioniert.

Die jetzige Lage
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Noch immer können nicht alle Lebensmittel getestet werden. Es werden nur Stichproben genommen. Gibt es eine erkennbare Häufung von Grenzwertüberschreitungen in einem eingrenzbaren Gebiet, wird eine Auslieferungsbeschränkung angeordnet (出荷制限 shukka seigen). Teilweise geschieht diese Beschränkung jedoch auf Freiwilligenbasis – die Landwirte werden in dem Fall lediglich „gebeten“, Lieferungen auszusetzen.

Kann ich mich in Japan schützen?
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Wer Japanisch kann, kann versuchen sich zu schützen, denn das Herkunftsgebiet bei Obst, Gemüse und Fleisch ist in der Regel ausgezeichnet. Jedoch nur auf Japanisch. Völlige Sicherheit kann auch diese Massnahme nicht bieten – vor allem bei bereits verarbeiteten Lebensmitteln ist es schwer, an Informationen zu kommen.
Bei Restaurants und dergleichen kann man sich nur sehr bedingt schützen – klar man nachfragen, woher die Zutaten stammen, und gerade bei feinem Rindfleisch ist die Herkunft wichtig und wird in der Regel dazugeschrieben, aber bei Meeresgetier und Gemüse wird es schon schwieriger.

Ist Japan unsicher in Punkto Lebensmittel?
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Nun, sicher unsicherer als vor der nuklearen Katastrophe, denn radioaktive Verseuchung kommt als potentielle Gefahr hinzu. Man sollte beim ganzen Bashing jedoch eins nicht vergessen: Die Tatsache, dass grenzwertüberschreitende Lebensmittel wichtige Themen in den Nachrichten sind, zeigt zumindest eins: Es gibt Leute, die sich Sorgen machen und versuchen, auf die Gefahren hinzuweisen. Oftmals wird man erst im Nachhinein informiert, was jedoch – logischerweise – auf die momentanen Wartezeiten bei den Labors zurückgeführt werden kann.

Was soll ich tun?
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Prinzipiell hat hier jeder 3 Möglichkeiten:

1. Augen zu und durch und einfach nicht drauf achten. Man erfährt ja sowieso nicht alles und oft erst zu spät.
Vorteil: Gesteigerte Lebensqualität aufgrund geringeren Sorgen- und Stresspegels.
Nachteil: Mit etwas Pech weniger lange Freude an der gesteigerten Lebensqualität da man doch zu oft das falsche zu sich genommen hat.

2. Panik schieben, alles und jedem misstrauen und sich weitestgehend einschränken
Vorteil: Weiss nicht. Gibt es einen?
Nachteil: Stark geschmälerte Lebensqualität und höherer Stressfaktor. Eventuelle Reue, wenn man kerngesund von einem Laster überfahren wird.

3. Augen offenhalten und versuchen, nachzudenken. Fragen stellen.
– Waren Lebensmittel vor Fukushima alle kosher?
– Sind radioaktiv verseuchte Lebensmittel die einzigen Lebensmittel, die Spätfolgen hervorrufen könnten (Stichwort Dioxin, EHEC, kanzerogene Zusatzstoffe, Schimmelsporen etc)?
– Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Rindfleisch da im Restaurant vor mir nicht aus Australien, Argentinien oder Kyūshū stammt, sondern ganz bestimmt von einem Tier aus einem stark verstrahlten Gebiet?

… usw. usf.

Ist Japan sicher?
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Für Kurzzeitbesucher? Ich denke schon. Für Dauerinsassen? Vielleicht weniger sicher als vorher, aber mit etwas Vorsicht sollte man in der Lage sein, das Risiko etwas zu senken. Es sei denn man zählt zum Typ 1, dann ist es egal.
Wer für sich Möglichkeit 1 oder 3 beansprucht, sollte nach Japan kommen. Wer Möglichkeit 2 wählt, sollte es sich überlegen – und zwar gut. Die Freude an Japan könnte durch die eigene Sorge stark geschmälert werden.
Ich habe Möglichkeit 3 gewählt.
Wie viel Sorge berechtigt war, wird sich womöglich erst in 30 Jahren zeigen. Und hoffentlich nicht bei unseren Kindern, sondern wenn schon nur bei uns selbst. Aber ich glaube, dass es selbst für Kinder sicher ist – solange sich die Eltern etwas Gedanken machen und mit Bedacht agieren.

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