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Personen, um die man in Japan einfach nicht herumkommt – heute: Matsuko DeLuxe

Juni 2nd, 2017 | Tagged , | 4 Kommentare | 686 mal gelesen

In einer losen Folge möchte ich an dieser Stelle einmal Personen vorstellen, um die man in Japan einfach nicht drumherum kommt. Weil sie allgegenwärtig sind, etwas Besonderes geleistet haben und/oder meinungsbildend sind.

Heute geht es um マツコ・デラックス Matsuko Deluxe, einem Schriftsteller und Fernsehunterhalter, der seit vielen Jahren als seine eigene Kunstfigur durch die Landschaft tobt. Der 44-jährige Mann taucht nur in weiten Frauenkleidern auf und hat eigenen Angaben zufolge die perfekten Körpermasse: 180/180/180. Begonnen hat Matsuko Deluxe, Baujahr 1972, seine Karriere als Schriftsteller, mit Beiträgen für ein Schwulenmagazin.

An Matsuko muss man sich erstmal gewöhnen. Seine Stimme, seine Erscheinung, seine Körperfülle, sein Lachen, dass durch Mark und Bein dringt. Matsuko sprengt – vollkommen bewusst – alle Geschlechtergrenzen. Er ist nicht Mann, er ist nicht Frau – er ist Matsuko (ein Frauenname). Das ist in Japan, wo gleichgeschlechtliche Liebe zwar bekannt und nicht verboten ist, wohl aber totgeschwiegen wird, eine besondere Leistung, auch wenn Matsuko bei weitem nicht der Erste ist (andere bekannte Personen aus dem Genre sind Haruna und Ikko, um nur zwei zu nennen). Das „der“ ist dabei gewußt gewählt – er bevorzugt die Anrede mit männlichen Personalpronomen.

Bemerkenswert ist seine Allgegenwar im japanischen Fernsehen. Lediglich am Sonntag hat Matsuko sendefrei, an den anderen Tagen hat er eins, an manchen Tagen auch zwei Programme, die alle am Abend oder in der Nacht laufen. Dafür braucht man sehr, sehr viel Energie, zumal er in allen Programmen mehr oder weniger die Hauptrolle spielt.

Matsuko kann man mögen oder nicht. Manchmal kann ich ihn mir antun, aber jeden Tag wäre zu viel. Persönlich ganz interessant finde ich 夜の巷を徘徊する yoru no chimata o haikai suru („durch die nächtlichen Gassen ziehen“) – läuft jeden Freitag in der Nacht auf TV Asahi und zeigt Matsuko, wie er mit dem Kamerateam (das auch in die Sendung einbezogen wird) durch diverse Gassen streift und wahllos in Geschäfte reinspaziert. Das kann er gut – er ist äußerst direkt, nicht selten unverschämt, aber meistens auf seine Art erfrischend. Er scheut sich auch nicht vor Konflikten – bleibt aber in seinen Ansichten meistens recht neutral. In Berlin jedenfalls würde man ihn einfach „ein Orijinal“ nennen.

Matsuko Deluxe ist dabei gleichzeitig der lebende Beweis, dass es vollkommen okay ist in Japan, schwul zu sein: Solange man nur schrecklich schrill und extravagant ist.

Hier zur bildlichen Veranschaulichung drei ziemlich amüsante Werbespots mit Matsuko Deluxe:

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Buntes Allerlei: Erdbeben | Schnee | Abe’s Fehlgriff und Geschichtsstunde

November 24th, 2016 | Tagged , , , | Kommentare deaktiviert für Buntes Allerlei: Erdbeben | Schnee | Abe’s Fehlgriff und Geschichtsstunde | 997 mal gelesen

Unerhört: Schnee in Tokyo im November

Unerhört: Schnee in Tokyo im November

Irgendwann im vergangenen Jahr, im November oder Dezember, meldete das Wetteramt Schnee für Tokyo an. Das war recht ungewöhnlich, denn wenn es mal in Tokyo schneit (man erinnere sich – Tokyo liegt auf dem gleichen Breitengrad wie Tunis!), dann eher um den Februar herum. Und siehe da – es schneite nicht, und die falsche Vorhersage wurde damit begründet, „dass es nicht kalt genug war“. Aha. Heute hat es jedoch gereicht. Zwar blieb der Schnee im Zentrum von Tokyo kaum liegen, wohl aber in den Randgebieten, inklusive meines Gärtchens. Und das ist schon etwas besonderes: Das letzte mal, dass es im Zentrum von Tokyo im November geschneit hat, war 1962 – also vor 54 Jahren. Das Verkehrschaos war da, aber es hielt sich einigermaßen in Grenzen.


A propos Natur: Am Dienstag, dem 22. November, morgens kurz vor 6 Uhr, rüttelte es spürbar im Raum Tokyo — Grund dafür war ein Erdbeben der Stärke 6.9¹ vor der Küste von Fukushima – also genau da, wo man in den Jahrzehnten lieber kein grösseres Erdbeben erwarten möchte. Es wurde sogar eine Tsunami-Warnung herausgegeben, aber der Tsunami war letztendlich maximal 1.5 Meter hoch und richtete keine größeren Schäden an.  Auch im havarierten AKW gab es wohl keine besonderen Vorkommnisse. In den deutschen Medien las sich das jedoch alles so furchtbar, dass zahlreiche Bekannte ganz erschrocken über Facebook und Co. fragten, ob alles in Ordnung sei. Das freut mich natürlich sehr, aber andererseits war es letztendlich ein relativ harmloses Beben.


Und da wäre noch Ministerpräsident Abe, der in dieser Woche nach New York eilte, um als erstes Staatsoberhaupt eines anderen Landes mit Donald Trump reden zu können. Das schien Abe wohl sehr wichtig, um die Gemüter zu Hause zu beschwichtigen, denn wie hier geschildert, macht man sich auch in Japan große Sorge darüber, was Trump außen- und wirtschaftspolitisch alles anrichten wird. Scheinbar ist man noch optimistisch – nach einem kurzen Sturzflug ist die Börse seit Tagen im Höhenflug, doch es fällt schwer zu glauben, dass sich die Lage mit Trump verbessern wird. Heute kam jedenfalls ans Licht, dass Abe ein besonderes Souvenir im Gepäck hatte: Einen goldfarbenen Golfschläger der Firma Honma Golf Co. Damit wollte er die Besonderheit und Qualität der Marke „Made in Japan“ unterstreichen. Das ganze hatte nur einen Schönheitsfehler, wie die chinesischen Medien in dieser Woche genüsslich feststellten²: Honma Golf ging schon vor 11 Jahren pleite und wurde danach von chinesischen Geschäftsleuten übernommen. Das einzige, was an dem Golfschläger noch japanisch ist, ist der alte Firmenname „Honma“.


Zu guter letzt noch eine Perle japanischer Wissensvermittlung. Beim Zappen fiel mir neulich ein Programm mit dem Namen 戦国鍋TV 〜なんとなく歴史が学べる映像〜 (Sengoku-nabe TV – ‚Videos, mit denen man irgendwie ein bisschen Geschichte lernen kann‘ auf. Eine Boygroup in Glitzergewändern sang da mit viel Humor und noch mehr Verrenkungen die Erbfolgen der verschiedenen japanischen Clans im 17. Jahrhundert herunter. Das war einfach zu göttlich anzuschauen. Leider scheint es das Programm nur 2 Jahre lang gegeben zu haben – produziert wurde es laut Wikipedia von 2010 bis 2012 vom lokalen Sender TV Kanagawa, aber zur Zeit gibt es manchmal Wiederholungen. Ob das unten folgende Video in Deutschland sichtbar ist und wenn ja wie lange, weiss ich leider nicht. Aber es versuche es trotzdem:

Fazit: Interessanter Ansatz. Könnte mir vorstellen, dass einige Leute wirklich dank dieser Sendung etwas gelernt haben.

¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe unter anderem hier

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Vom Niedergang der japanischen Fernsehnachrichten

April 12th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 1122 mal gelesen

Hodo Station - mit Furutachi. Quelle: http://matome.naver.jp/odai/2142458479436089401

Hodo Station – mit Furutachi. Quelle: http://matome.naver.jp/odai/2142458479436089401

Morgens auf dem Weg zur Arbeit die Tagesschau, manchmal SPON. Während der Mittagspause BBC, manchmal auch andere, englischsprachige Nachrichtenquellen. Abends, nach der Arbeit, japanische Fernsehnachrichten. So sieht meine Nachrichtendiät seit vielen Jahren aus. Sicher nicht perfekt und viel Mainstream, aber wenigstens verschiedene Facetten.

Doch mittlerweile weiss ich nicht mehr, welche japanischen Nachrichten ich noch schauen kann. NHK, dem staatlichen Fermsehsender, traue ich schon lange nicht mehr. Dort wird zu viel einfach totgeschwiegen, und was dort an der Spitze los ist, ist einfach nur suspekt. Früher habe ich, vor allem weil die Sendezeit (23 Uhr) günstig war, News Japan, die Nachrichten auf Fuji TV, gesehen. Doch der Sender driftet immer deutlicher Richtung rechts ab, und in jüngster Zeit hat man sich gänzlich vom letzten Rest seriösen Journalismus‘ losgesagt: Jetzt unterlegt man alle Videobeiträge mit unterschwelligen Geräuschen und konzentriert sich nahezu vollständig auf Verbrechen: Je gruseliger und abstruser, um so besser. Vor allem die musikalische Untermalung bringt mich umgehend auf die Palme und wirft die Frage auf, für wie blöd die Macher den Zuschauer eigentlich halten, ihn mit solch billigen, manipulativen Tricks zu foltern. Nein, ich möchte keine Antwort auf diese Frage.

News Zero begann vor ein paar Jahren, und zu dieser bunt-flippigen, sogenannten Nachrichtensendung gibt es nicht viel zu sagen. Nur so viel: Die Reihenfolge der beiden Wörter im Namen der Sendung sollte vertauscht werden, das würde das Programm besser beschreiben.

Also verlegte ich mich auf 報道ステーション Hōdō Station auf TV Asahi: Eine recht kritische Nachrichtensendung, die zwar auch mitunter stark vom Bildungsauftrag eines Nachrichtensenders abschweifte, aber wenigstens hin und wieder kritisch hinterfragte. Die Sendung lebte von ihrem Sprecher, Ichirō Furutachi, der die Sendung 12 Jahre lang führte und, so wollen es die Gerüchte, sich letztendlich mit den Oberen überwarf, von denen wiederum aus der Politik gefordert wurde, sich mit der Kritik an der Regierung zurückzuhalten. Die war nämlich für japanische Verhältnisse recht scharf in der Sendung. Dass Furutachi die Dinge neutral betrachtete, konnte man ihm jedenfalls nicht nachsagen – es ging recht deutlich gegen Kernkraft, gegen Verfassungsänderungen, gegen die Wirtschaftspolitik… Dass zwischen Politik und dem Sender Asahi brodelte, deutete sich vor fast genau einem Jahr bereits bei diesem Vorfall an. Leider fiel der Sender jedoch auf einen Schwindel rein: So beschäftigte man ein Jahr lang den selbsternannten Business-Consultant mit dem klangvollen Namen Sean McArdle Kawakami als Kommentator, bis herauskam, dass sowohl der Name als auch der Lebenslauf purer Schwindel waren: Sean K. war ein, wenn auch eloquenter, Hochstapler wie aus dem Bilderbuch.

Heute schaute ich zum ersten Mal die neue Version von Hōdō Station mit den neuen Nachrichtenvorleser. Die Sendung begann mit ein paar Sekunden Nachrichten, dann gab es ein 10-minütiges Exklusivinterview mit dem japanischen Schwimmhelden Kitajima, der heute seinen Rücktritt bekanntgab, gefolgt von 2, 3 Minuten Inlandspolitik, gefolgt von einem Interview mit einem Ex-Baseballprofi, der heute in den japanischen Selbstverteidigungskräften arbeitet und über die Hilfe der Truppe nach der Erdbebenkatastrophe sprach. Was für eine Entwicklung! Bleibt nur noch die Sendung News 23 Cross auf TBS, wie es scheint, aber auch die ist eher mangelhaft. Man kann heute bei den japanischen Nachrichten quasi auswählen, ob man mehr über japanische Spitzensportler oder Spitzenverbrecher lernen möchte. Kritische Berichterstattung aus dem Inland ist hingegen Mangelware.

Kurzum: Mit seriösen Nachrichtensendungen sieht es in Japan immer schlechter aus. Das ist besorgniserregnend – sicher, ich kann mich nach Alternativen umschauen, aber viele machen das nicht und lassen sich so von schlecht gemachten, manipulativen Sendungen einlullen. Keine schöne Aussicht.

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Angriffslustiger Jaguar

August 8th, 2014 | Tagged , | 1 Kommentar | 6391 mal gelesen

Neulich fiel mir in Roppongi eine riesengrosse Werbung für Jaguar auf: Der Werbeslogan:

ドイツもこいつも、刺激が足りない。
[doitsu mo koitsu mo, shigeki ga tarinai]

Sehr frei übersetzt: „All den anderen fehlt einfach der Pfiff“.
Ein ganz gewöhnlicher Werbeslogan, erst recht für einen Autohersteller der gehobenen Klasse. Die Wörter „doitsu“ und „koitsu“ gehören zu den ko-so-a-do-Wörtern, mit denen man ausdrückt, wo sich was oder wer befindet:

ko- bedeutet „hier“, also beim Sprecher
so- bedeutet „da“, quasi in Sichtweite des Sprechers
a- bedeutet weiter weg, meist ausserhalb der Sichtweite
do- wird dafür benutzt, zu fragen, wo etwas ist.

Dementsprechend gibt es kochira/sochira/achira/dochira (hier, dort, da drüben, welches?) oder eben koitsu (der Typ hier), soitsu (der Typ da), aitsu (der – nichtanwesende – Typ) und doitsu (eigentlich: welcher Typ?“). Ich benutze bewusst das Wort „Typ“, da „aitsu“ usw. wirklich in dieser Nuance benutzt werden.

Jaguar-Werbung in Japan

Jaguar-Werbung in Japan

Zurück zur Werbung: „doitsu mo koitsu mo“ bedeutet eigentlich „all die Typen“. Das schöne am obigen Slogan ist allerdings, dass man „doitsu“ mit Katakana schreibt, und das macht man eigentlich nur bei Fremdnamen. So geschrieben, bedeutet „doitsu“ schliesslich „Deutschland“.

Mit diesem meines Erachtens durchaus einfallsreichen Spruch versucht sich Jaguar, an der deutschen Konkurrenz zu reiben. Da haben sie allerdings reichlich viel zu tun, da deutsche Autos – allen voran Mercedes, seit einiger Zeit sehr stark auch Audi sowie BMW und Porsche – in Japan über alle Masse hinaus beliebt sind. Von daher kann das der deutschen Konkurrenz ziemlich egal sein. Die ist sowieso nicht faul und bringt in Japan recht ansprechende Werbung heraus: Siehe unten, mit Super Mario:

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Kultur (!?): Crayon Shin-Chan

Mai 14th, 2014 | Tagged , | 9 Kommentare | 14118 mal gelesen

Crayon Shin-chanMal schauen, was die Stifte so sehen im Fernsehen: Shaun das Schaf ist seit Jahren der Renner. Paulchen Panther, auf Deutsch natürlich. Wolf und Hase, sponsored by Oma und Opa (wie auch etliche Shaun-DVD’s). Auf Japanisch geht es munter weiter: Hana-Kappa. Doraemon darf nicht fehlen. Und was bemerkte ich da neulich: Die Kinder schauten Crayon Shin-Chan. Das Anime ist mir schon vorher aufgefallen. Und zwar unwissenderweise unangenehm, denn die Figuren sind, nun ja, gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen irgendwie häßlich gezeichnet. Natürlich musste ich mich erstmal 5 Minuten dazusetzen und sehen, worum es da geht. Nun, es geht um einen 5-jährigen Bengel, der mit seiner dreisten Art die Eltern quasi alltäglich in den Wahnsinn treibt. Kenne ich, muss ich nicht noch im Fernsehen haben. Kaum schaue ich hin, läuft eine Szene, in der der Junge nach Hause kommt und erstmal „Okaerinasai“ ruft. Was natürlich falsch ist, denn der nach Hause Kommende muss „Tadaima“ sagen – die Antwort darauf ist „Okaerinasai“. Unwillkürlich musste ich lachen, denn den Fehler machen, wie es scheint, alle Kinder anfangs. Auch die Kommentare des Jungen sind alles andere als an den Haaren herbeigezogen und schlichtweg real. Eine Minute später entblösst der Sohnemann seinen Allerwertesten und wackelt damit herum. Klasse, wenn meine Kinder damit gross werden, kann das ja nichts werden.

Aber nein – zwar war die ursprünglich von 1990 bis 2000 laufende Trickfilmserie eher für Erwachsene gedacht, da es an anzüglichen Bemerkungen nicht mangelt. Allerdings beschäftigt man sich gern auch mit interessanten Themen – so neulich mit der Mehrwertsteuererhöhung, und wie die Menschen darauf reagieren. Sehr witzig, das Ganze. Vor allem gefallen mir die Sprecher. Und so gibt es tatsächlich einen Anime, den ich mir freiwillig anschauen kann! Wäre da nicht akuter Zeitmangel.

Crayon Shin-chan scheint auch im Ausland recht beliebt zu sein – selbst auf Deutsch gibt es einen grösseren Artikel bei Wikipedia.
Übrigens ist der Zeichner von Crayon Shin-chan, Yoshito Usui, beim Bergklettern in Japan tödlich verunglückt. Das war 2009, und er war gerade mal 51 Jahre alt. Ich kann mich noch gut an die Nachrichten darüber erinnern. Trotzdem geht es weiter mit Crayon Shin-chan, und die neuen Folgen sind, soweit ich das beurteilen kann, nicht minder unterhaltsam.

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Rassistisch? Ein Sturm im Wasserglas

Februar 7th, 2014 | Tagged | 7 Kommentare | 2573 mal gelesen

Japanern wird oft mehr oder weniger latenter Rassismus nachgesagt. Und der neue Werbespot von ANA, einer der beiden großen japanischen Airlines, ist angeblich ein hervorragender Beweis dafür. Da stehen also zwei Japaner im Flughafen von Haneda und unterhalten sich über selbigen. Letztendlich sagt einer der beiden „Soll ich Dich umarmen?“, worauf der andere verdutzt aus der Wäsche schaut. Daraufhin sagt der potentielle Umarmer: „Das ist eine so typisch japanische Reaktion“, worauf jener natürlich erwidert: „Ich bin ja auch Japaner“. Die Antwort darauf: „Dann lass uns ändern, wie Japaner im Ausland betrachtet werden“. Und schwupps, hat der Zaudernde eine lange Plastiknase und eine blonde Perücke auf.

Sofort hagelte es Proteste – vor allem von Ausländern. Dieser Spot sei verletzend und vorurteilsbeladen. In der Tat denken viele Japaner bei Ausländern aus Europa oder den USA erstmal an 金髪 (kinpatsu = goldenes Haar, sprich „blond“) und 高い鼻 (takai hana – hohe, bzw. lange Nase). Aber urteilt selbst – der Spot dauert keine halbe Minute und beginnt ab ca. 25 Sekunden:

Mal davon abgesehen, dass dieser Werbespot ziemlich sinnfrei ist, verstehe ich den Wirbel nicht so richtig. Wo kämen wir denn hin, wenn man nicht mehr andere Leute ein bisschen durch den Kakao ziehen darf? Und mal ehrlich, das ist doch noch eher vorteilhaft gezeichnet, wenn man bedenkt, wie Japaner und andere ostasiatische Völker im Ausland karikiert werden, aber das Bild hat sicherlich jeder selbst vor Augen. Ein bisschen politische Unkorrektheit darf schon mal sein.

Wie nicht anders erwartet, stürzt sich natürlich Debito genüßlich auf diesen Werbespot, aber interessant sind dabei die anderen Fälle, die eine ähnliche Tonlage haben: ANA ad on Haneda Airport as emerging international Asian hub, talks about changing “the image of Japan” — into White Caucasian!.

Nun, persönlich ist es mir ziemlich egal, ob man mit dem Vorurteil des blonden, langnasigen und blauäugigen Ausländers herumfuchtelt. Was mich eher auf die Palme bringt, ist das, was momentan in der Werbeindustrie schwer angesagt zu sein scheint: Furchtbar schlecht auf japanisch herumstammelnde Ausländer (mit einer sehr akzentuierten, nervtötenden Katakana-Aussprache). Hey, nicht alle Ausländer sind so! Viele sprechen gar kein Japanisch! Und einige sehr gut! Obwohl, Moment… nein, eigentlich stammeln viele wirklich nur so vor sich hin. Ach, vergessen wir das. Ist doch nur Marketing.

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Tokio… was?

Februar 15th, 2013 | Tagged , | 10 Kommentare | 1979 mal gelesen

Tokyo Kazoku - zur Zeit auf der Berlinale

Tokyo Kazoku – zur Zeit auf der Berlinale

Als ich gestern nacht so vor dem Rechner saß, erzählte mir das Radio, in meinem Fall Radio Eins (ein Berliner Sender), daß auf der Berlinale ein japanischer Film laufe und man dazu Karten gewinnen könne. Der Film heiße Tokyo Katsuko. Hmmm, der Name kam mir irgendwie … jedenfalls nicht Japanisch vor. Heute stieß ich jedoch auf einen japanischen Beitrag zum Thema, in dem der Film erwähnt wurde: Aha. 東京家族 – Tokyo Kazoku (sprich: Tokio Kasoku) war gemeint.

Nun, man kann gewiss nicht von allen Moderatoren erwarten, dass sie sämtliche ausländischen Namen auf die Reihe bekommen. Schließlich gibt es ja ein paar tausende Sprachen. Aber man könnte sich doch wenigstens mit der Idee anfreunden, dass ein „z“ in fast allen Sprachen nicht wie ein „zett“, sondern ein weiches „s“, sprich Englisch, gelesen wird.

Das interessante an der Aussprache ist, dass man bei gewissen Namen, die man schon seit jeher, also auch von der Zeit, bevor man die Sprache wirklich gelernt hat, von der teutonisierten Aussprache nur schwer lassen kann. Ein „Judo“ (sprich: yudo) geht mir, so ich das Wort nicht auf Japanisch lese, immer noch leichter über die Lippen, als das Original: „dschuudoo“. Und vor einer Weile schaute ich mal auf ein Fahrrad und erblickte den Namen „Shimano“ – einer der weltweit größten Hersteller für Fahrradzubehör. Ein geläufiger Name, den ich, da mit lateinischen Buchstaben gelesen, sofort typisch „schiMAAno“ las, was freilich völlig falsch ist – es gibt keinen Grund dafür, das „a“ zu betonen und dazu noch in die Länge zu ziehen.

Aber zurück zum Film – die Kritiken sind recht gut. Der Film ist ein Remake des bekannten „Tokyo Monogatari“ von Ozu (nein, nicht „ottsu“ lesen, bitte!), einem der berühmtesten Regisseure Japans. Eine sehr brauchbare Kritik zum Film gibt es natürlich beim Kollegen vom Japankino, und so freue ich mich schon darauf, mir „Tokyo Kazoku“ demnächst ansehen zu können. Hoffentlich ist es keiner der üblichen Tränendrüsenmassierer…

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Der Maskottchenwahn

Dezember 12th, 2012 | Tagged , | 3 Kommentare | 1241 mal gelesen

Trara: Gestatten, Kumamon!

Im Weltspiegel vom 9. Dezember gab es einen so unwichtigen wie treffenden Beitrag über Japan – es ging um Maskottchen. Von ignoranten Bemerkungen wie „lächerliche Figuren geben Hilfe in allen Lebenslagen“, man kann es durchaus etwas respektvoller oder zumindest neutraler ausdrücken, abgesehen, ein durchaus gut gemachter Beitrag zum Maskottchenwahn. Lange Rede, kurzer Sinn: In Japan gibt es Maskottchen für alles und jeden. Jede Präfektur hat eins, jede Stadt, jede Firma, Gesellschaft, Gruppe… es wimmelt nur so von Maskottchen. Beispiel Präfektur Kumamoto: Das dortige Maskottchen nennt sich くまモン Kumamon (Kuma = Bär) und wurde 2010 ins Leben geworfen. Und offensichtlich kam es recht gut an: Weilt man heute in Kumamoto, sieht man das Vieh an allen Ecken und Enden, auf tausenden Produkten und was weiss ich wo. Kumamon hier, Kumamon da. Kumamon hat seine eigene Webseite nebst Blog (und Fanartikelladen, natürlich), eine ellenlangen Artikel auf Wikipedia.

Ich bin in Japan schon unzähligen Maskottchen begegnet, auf der Straße, in Geschäften und was weiß ich wo. Und jedesfall packt mich so ein Urtrieb, der in diesem kurzen Video recht anschaulich dargestellt ist:

Nein, noch kann ich mich zusammenreißen. Aber irgendwann mal…
Natürlich ist gegen die Maskottchen nichts einzuwenden. Wenn es hilft – und sich zum Beispiel Kinder oder ältere Menschen daran erfreuen und sich dank dessen besser an etwas erinnern – fein. Warum nicht.

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Sich mal richtig arm arbeiten

November 8th, 2012 | Tagged | 14 Kommentare | 1225 mal gelesen

Es gibt Werbespots, bei denen sich mir die Zehennägel kräuseln. In der Regel aus einer der vier verschiedenen Gründe:

1. Schlechte Musik
2. Ideenarmut
3. Kein Bezug zum Produkt/zur Realität
4. Schlechtes Produkt.

Der Werbespot der Shinsei-Bank erfüllt beinahe alle Voraussetzungen, und zwar vorbildhaft. Beworben wird der Service „Lake“ – ein „card loan“, also eine Karte, mit der man sich zu gewissen Bedingungen Geld leihen kann. Zur Erinnerung: In Japan gibt es quasi keinen Dispo-Kredit.
Das ist ja schön und gut. Sicher wird das dem einen oder anderen irgendwann mal nützen. Aber der Werbespot ist einfach grausam: Da singt die gute Yū, ihres Zeichens Sängerin und Model, also „Mal wieder den ganzen Tag zu viel Streß auf Arbeit, zu beschäftigt, und wieder zu spät geworden – aber kein Problem!“. Wie jetzt, kein Problem? Na, Lake kann man über das Handy beantragen und sich somit ganz schnell Geld leihen! Wozu? Keine Ahnung. Um mit dem Taxi nach Hause zu fahren? Die Nacht durchzuzechen? Ins Soapland gehen? Wir wissen es nicht.
Was aber daran OK sein soll, dass man zu viel arbeitet, mit schickem Anzug durch die Gegend springt, bis Mitternacht schuftet – und sich dann doch noch Geld leihen muss, weiß ich nicht. Da ist es mir egal, ob Yū „kawaii“ ist oder nicht – diese Werbung ist einfach mal furchtbar. Aber was soll’s. Hauptsache Gedudel, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt:

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Vorsicht bei YouTube oder Japanischer Humor Teil soundso

Oktober 20th, 2012 | Tagged , | 5 Kommentare | 1311 mal gelesen

Manchmal, wenn alle Langeweile haben, holen wir den iPad raus und suchen ein oder zwei interessante Videos für die Kinder bei YouTube. Psy’s „Gangnam Style“ ist da momentan ein absoluter Favorit, aber auch das bereits ältere Lied „hataraku kuruma“ – wörtlich „arbeitende Fahrzeuge“. Da kann man nämlich ganz schmucke Müllwagen, Feuerwehren, Bagger usw. sehen kann. Ein Augenschmaus für knapp 2-jährige Jungen also. Das ganze sieht dann so aus:

Nun, das Lied klingt nach dem, was es ist. Man hört die ganzen Namen für die Fahrzeuge, und das Lied klingt überzeugend alt. Und Mama hat beim Aufräumen nicht die Muße, genau hinzuhören oder den Karaoke-Text zu lesen. Neulich wurden wir allerdings stutzig. Was hat das Wort „oppai“ (die passendste Übersetzung, so es ein Erwachsener benutzt, in Sachen Bedeutung UND Benutzung ist „Titte“, aber es ist auch Kleinkindsprache für „Brust“) in einem Lied über Fahrzeuge zu suchen? Meine Frau schaute etwas genauer zu.

のりものあつまれ
いろんなくるま
Ihr verschiedenen Fahrzeuge,
versammelt euch
どんどんでてこい
はたらくくるま
Kommt alle heraus, ihr
arbeitenden Fahrzeuge
こわれたにもつを
あつめるゆうびんしゃ
Sammelt all die kapputten Sachen ein
das Postauto
まちじゅうきれいに
たいらにブルドーザー
Macht die Stadt wunderschön
platt – der Bulldozer
おおきなおっぱい
うごかすレッカーしゃ
Große Brüste werden
bewegt vom Abschleppwagen
ガソリンまんたん
はしごしょうぼうしゃ
Hat einen vollen Benzintank
der Leiterwagen
いろんなくるまが
あるんだな
Es gibt so viele
verschiedene Fahrzeuge
いろんなしごと
あるんだな
Es gibt so viel verschiedene
Arbeit zu tun
はしるはしる
はたらくくるま
Fahrt, fahrt!
ihr arbeitenden Fahrzeuge
けがにんびょうにん
あげさげフォークリフト
Kranke und Verletzte werden
auf- und ab bewegt vom Gabelstapler
じめんのにもつは
おまかせせいしょうしゃ
Sachen auf dem Boden überläßt man
den Reinigungsfahrzeugen
はがきやおてがみ
はこべるきゅうきゅうしゃ
Karten und Briefe
transportiert der Krankenwagen
ビルのかじにはつっこむダンクローリー Stürzt sich in Hausbrände
der Tanklaster
(und der Refrain noch mal)

Interessant sind die Reaktionen auf das Video bei YouTube: 265 likes und 191 dislikes. Und viele Kommentatoren habe offensichtlich ebenfalls nicht hingehört bzw. mitgelesen. Ein Kommentar ist richtig typisch Japanisch: „Wurde der Text mit Absicht umgeschrieben!?“ Manchmal kann man japanischen Humor nur lieben. Und ebenso Naivität in Sachen Humor.

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