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Karte der Bahnlinien von Tokyo und Umgebung Teil 1

Oktober 12th, 2017 | Tagged , , , | 19 Kommentare | 688 mal gelesen

Es gibt so viele schöne Karten der Bahnlinien von Tokyo und Umgebung – aufwendig erstellt und schematisiert, um das ganze Wirrwarr auf engstem Raum unterzubringen. Was mir allerdings irgendwie fehlte, war eine maßstabsgetreue Karte, und dem wollte ich immer schon mal Abhilfe schaffen. Das Ergebnis ist eine Karte der Innenstadt von Tokyo und Teilen der angrenzenden Präfekturen Kanagawa, Chiba und Saitama – im Maßstab 1:36’000 (sprich 3cm entsprechen ungefähr einem Kilometer. Natürlich ist das Ergebnis ein Monster – bestehend aus 97 verschiedenen Bahnlinien und 959 Bahnhöfen. Schaut man sich die ganze Karte an, sieht man natürlich nicht viel:

Karte aller Bahnhöfe und Bahnlinien im Raum Tokyo

Karte aller Bahnhöfe und Bahnlinien im Raum Tokyo

Im Detail betrachtet wird die Sache schon etwas klarer, aber naturgemäss sieht auch das etwas chaotisch aus – vor allem im Zentrum von Tokyo:

Streckenlinien-Ausschnitt

Streckenlinien-Ausschnitt

Mit dieser Karte habe ich noch einiges vor — sie ist im SVG-Format erstellt, und hinter der Karte steckt eine Datenbank, in der aufgelistet wird, wie viele Menschen zum Beispiel im jeweiligen Bahnhof ein- oder aussteigen, wann der Bahnhof erbaut wurde/wann die Bahnlinie entstand und so weiter und so fort. Dazu bald (hoffentlich) mehr auf diesem Sender. Ich hoffe, dass irgendjemand meinen Enthusiasmus für dieses Projekt teilt. Den Rest muss ich zu meiner Verteidigung daran erinnern, dass ich eigentlich, ja eigentlich, Geograph bin…

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Wo man Zugreisen noch ernst nimmt: Shiki-shima oder der 8’000 Euro-Fahrschein

Mai 8th, 2017 | Tagged , , | 3 Kommentare | 740 mal gelesen

Eisenbahnliebhaber gibt es überall – das ist in Japan nicht anders. Es gibt unzählige Eisenbahnliebhaber, und das Schöne an Japan ist, dass es auch in den Vorstandsetagen der zahllosen Eisenbahngesellschaften an wahren Enthusiasten nicht mangelt. Und da entwickelt sich ein interessanter Trend. Während Nachtzüge in Japan früher was für Leute war, die sich entweder kein Flugticket leisten konnten oder Angst vorm Fliegen hatten, so sind Nachtzüge mehr und mehr was für Eisenbahnfans mit praller Brieftasche. Während die regulären Nachtzüge, wegen der Farbe wurden diese ブルートレイン Blue Train genannt, nach und nach aus dem Fahrplan verschwinden (ich hatte damals noch das Glück, mit dem Hayabusa von Tokyo nach Kumamoto fahren zu können, aber auch diese Verbindung gibt es nicht mehr), denken sich die Eisenbahngesellschaften neue Verbindungen aus. Das Sahnehäubchen wurde am 1. Mai diesen Jahres von JR East (der ehemals staatlichen Eisenbahngesellschaft) feierlich eingeweiht: Der 四季島 Shiki-Shima. Wörtlich übersetzt: Insel der Vier Jahreszeiten (wie passend, waren wir doch neulich erst beim Thema). Der Zug fährt von jetzt an von Tokyo nach Tohoku, also in den Nordosten, und manchmal weiter nach Hokkaido – und zurück. Man kann zwischen einer 2-Tagesreise und einer 4-Tagesreise wählen. Der komplette Zug wurde eigens für diese Linie entworfen und wurde laut JR nur „aus besten Materialien“ zusammengesetzt. Und das ganze ist in der Tat sehr erlesen: Gerade mal 34 Passagiere können mitfahren und zwischen drei verschiedenen Suiten wählen. Zur Atzung gibt es nur das Feinste, gekocht von einem Sternekoch.

Shikishima-Luxuszug (Quelle: Mainichi Shimbun)

Shikishima-Luxuszug (Quelle: Mainichi Shimbun)

Die billigste Suite kostet pro Person ca. 2’000 Euro, die teuerste Suite, so man sie allein nutzen will, geschlagene 1’050’000 Yen, also rund 8’000 Euro. Wer jetzt denkt, dass sei doch ein Schnäppchen und gleich zugreifen möchte, hat jedoch Pech gehabt: Bis März 2018 ist bereits alles ausgebucht. Jiji-Press hat dazu ein nettes Werbevideo gedreht (siehe unten). Wer mehr darüber lesen möchte (und wissen will, wie es im Zug aussieht), dem sei dieser Artikel der BBC anempfohlen.

Purer Luxus, klar. Aber dahinter steckt viel Arbeit und ein 遊び心 asobigokoro – „Spielen – Herz“, also Freude am Spielen. Und das ist doch mal eine Nachricht wert.

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Und die vollsten Bahnlinien von Tokyo sind…

Juli 8th, 2016 | Tagged , | 6 Kommentare | 1412 mal gelesen

158 verschiedene Bahnlinien, betrieben von insgesamt 48 verschiedenen Bahngesellschaften. 2,210 Bahnhöfe. Und 40 Millionen mal pro Tag macht es „Beep!“, wenn die Bahnfahrenden ihre Geldkatzen oder Handys über den IC-Kartenleser der Ticketschranken ziehen. Das ist der Nahverkehr im Raum Tokyo.

Da bekommt man schnell schlechte Laune: Rush Hour in Tokyo

Matthias Reichさん(@tabibito_tokyo)が投稿した写真 –

Und alljährlich erscheint eine Liste in Tokyo, der man entnehmen kann, welche Bahnlinien – im Durchschnitt, an einem Wochentag – am vollsten sind. Der Auslastungsgrad lässt sich dabei recht leicht in Prozent angeben – und dafür gibt es vom Verkehrsministerium erlassene, mehr oder weniger feste Definitionen:

Auslastung in % Definition (nach Verkehrsministerium)
100% Man kann entweder sitzen, sich an einer der Halteschlaufen festhalten oder neben der Tür stehen
150% Man kann bequem eine Zeitung aufschlagen und lesen
180% Wenn man sich viel Mühe gibt und faltet, kann man eine Zeitung lesen
200% Man steht dicht an dicht gedrängt, berührt auf allen Seiten Mitreisende und kann nur mit Mühe eine Zeitschrift lesen
250% Wenn sich der Zug neigt, neigt man sich mit. Man kann den Körper nicht mehr bewegen – einschliesslich der Hände.

Ein Blick auf die Top Ten in diesem Jahr ist für Tokyo-Kenner keine wirkliche Überraschung. Die Linien, die ich quasi täglich benutze, liegen auf Platz 6 und 7. Und die Nummer 1 ist keine Unbekannte – die 東西線 Tozai-Linie verbindet schliesslich Urayasu, meinem Wohnort von 2005 bis 2014, mit Tokyo. Es passierte auch in dieser Linie, dass im vergangenen Jahr eine Scheibe wegen Überfüllung zu Bruch ging. Die angegebenen Werte in der Liste unten sind wohlgemerkt Durchschnittswerte, denn die Türen und Waggons, von denen man sofort zu Treppenaufgängen am Bahnsteig gelangt, sind natürlich viel beliebter als die anderen Waggons (zur Erinnerung: Japanische Züge halten zentimetergenau an fest bestimmten Punkten). So sind dann bei einem Schnitt von 200% Teile des Zuges zu 150%, andere hingegen zu 250% überfüllt.

Rang Auslastung in % Spitzenzeit Linie Strecke
9. 178 7:34 – 8:34 JR総武線(快速) JR Sōbu (Rapid) 新小岩 Shinkoiwa → 錦糸町 Kinshichō
9. 178 7:45 – 8:45 千代田線 Chiyoda-Linie (Metro) 町屋 Machiya → 西日暮里 Nishi-Nippori
8. 182 7:39 – 8:39 JR東海道線 JR Tōkaidō 川崎 Kawasaki → 品川 Shinagawa
7. 185 7:50 – 8:50 田園都市線 Den’en Toshi-Linie 池尻大橋 Ikejiri-Ōhashi → 渋谷 Shibuya
6. 189 7:46 – 8:48 小田急小田原線 Odakyū Odawara-Linie 世田谷代田駅 Setagaya Daita → 下北沢 Shimokitazawa
5. 191 7:54 – 8:54 JR中央線(快速) JR Chūō-Linie (Rapid) 中野 Nakano → 新宿 Shinjuku
4. 192 7:34 – 8:34 JR横須賀線 JR Yokosuka-Linie 武蔵小杉 Musashi-Kosugi → 西大井 Nishi-Ōi
3. 197 7:50 – 8:50 JR京浜東北線 JR Keihin-Tōhoku-Linie 上野 Ueno → 御徒町 Okachimachi
2. 199 7:34 – 8:34 JR総武線(緩行) JR Sōbu (Kankō) 錦糸町 Kinshichō → 両国 Ryōgoku
1. 200 7:50 – 8:50 東西線 Tōzai-Linie (Metro) 木場 Kiba – 門前仲町 Monzen-Nakachō

In der Liste gibt es von Jahr zu Jahr keine großartigen Überraschungen, aber auf längere Zeit gesehen schon. Ich kann mich gut daran erinnern, dass Ende der 90er Jahre die 西武池袋線 Seibu-Ikebukuro-Linie jahrelang den Spitzenplatz einnahm, aber dann wurden die 大江戸線 Ōedo-Linie und die 副都心線 Fuku-Toshin-Linie gebaut sowie der Abstand zwischen den Zügen verändert, was für Entlastung sorgte. Dafür rücken nun Linien aus Richtung Kawasaki in die Top Ten vor – Kawasaki hatte Ende der 1990er nämlich rund 1,2 Millionen Einwohner und in diesem Jahr bereits 1,5 Millionen – diese zusätzlichen Einwohner müssen natürlich auch irgendwie zur Arbeit nach Tokyo gelangen, doch eisenbahntechnisch hat sich in der Gegend in den vergangenen 20 Jahren nicht allzu viel getan.

 Wenn man an der richtigen Tür im richtigen Waggon steht und aussteigt, sehen die Schranken so aus


Wenn man an der richtigen Tür im richtigen Waggon steht und aussteigt, sehen die Schranken so aus

30 Sekunden später sieht man die Schranken schon nicht mehr -- dann dauert alles etwas länger

30 Sekunden später sieht man die Schranken schon nicht mehr — dann dauert alles etwas länger

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Hokuriku- Shinkansen-Reise (3. & letzter Teil)

März 10th, 2016 | Tagged , , | 4 Kommentare | 659 mal gelesen

Der Hokuriku-Shinkansen verbindet Tokyo mit Toyama und Kanazawa an der Nordostküste Japans. Im März 2015 wurde das Teilstück zu beiden Städten als Erweiterung der Linie von Nagano aus fertiggestellt.

Der Hokuriku-Shinkansen erreicht die Station Omiya in der Präfektur Saitama vom Bahnhof Tokyo aus in gerade einmal 25 Minuten. Vom Bahnhof Ueno sind es sogar nur 19 Minuten.

Hokuriku-Shinkansen im Bahnhof Tokyo

Hokuriku-Shinkansen

Saitama – Omiya

Omiya war einst eine Poststation auf der alten Nakasendo-Route, die quer durch das zentrale Bergland Japans Kyoto mit Tokyo verband. Heute ist Omiya eine moderne, hochgewachsene Stadt, und die Gegend rund um den Bahnhof von Omiya wird von etlichen Hochhäusern dominiert.

Eisenbahn-Museum. Photo mit freundlicher Genehmigung des Eisenbahnmuseums

Eisenbahn-Museum. Photo mit freundlicher Genehmigung des Eisenbahnmuseums

Das Eisenbahnmuseum von Saitama war das erste seiner Art von heutzutage vielen exzellenten Eisenbahnmuseen in Japan. Das Museum konserviert zahlreiche Züge aus dem langen und reichhaltigen Erbe der japanischen Eisenbahnen, aber es bietet auch einen Einblick in die Zukunft der Bahnen in diesem Land. Besucher können sich an einer Mahlzeit in einem Restaurantwagen laben und mit einer Minieisenbahn im Eisenbahnpark außerhalb der Ausstellungshalle fahren.

Das Saitama Bonsai-Museum sowie das Bonsaidorf liegen nebeneinander zwischen den Bahnhöfen Toro und Omiya Koen und sorgen für ein besonderes Erlebnis für Liebhaber dieser stilvollen, eleganten kleinen Bäume.

Zwischen Tokyo und Takasaki, im bereits ländlichen Abschnitt der Präfektur Saitama, liegt der Shinrin-Park mit einer Fläche 65 mal so groß wie der Tokyo Dome. Dieser Park ist vor allem an Wochenenden und Feiertagen beliebt bei Paaren und jungen Familien. Der Shinrin-Park bietet eine interessante Mischung verschiedener Landschaftsformen inklusive Seen, Flüsse, Wälder und Sümpfe. Es gibt unzählige Gelegenheiten zum Spaß haben, darunter ein Abenteuerspielplatz für Kinder, ein Discgolfkurs, ein Wander- und ein Joggingweg, Fahrradwege (Fahrräder können im Park geliehen werden), eine Segway-Tour, ein Kräuter- und ein Wildblumengarten sowie zahlreiche Orte zum Einkaufen, Ausruhen und Essen. Es gibt sogar spezielle Hundetoiletten sowie Hundekekse für die Vierbeiner. Der nächstgelegene Bahnhof ist der Shinrin Koen-Bahnhof an der Tobu-Tojo-Bahnlinie.

Filmhaus  Fukaya

Filmhaus Fukaya

Kumagaya, eine weitere alte Poststation an der Nakasendo-Strasse, ist berühmt für das nahegelegene Filmhaus Fukuya. Das Minikino hat gerade einmal 57 Sitze und befindet sich in einer 300 Jahre alten Sake-Brauerei. Die Gegend wird gelegentlich bei Dreharbeiten benutzt und zieht Menschen vor allem wegen ihres Showa-Flairs (das ist die Epoche vor und nach des Zweiten Weltkrieges) in den Bann.

Das Museum für moderne Kunst, Saitama

Das Museum für moderne Kunst, Saitama

Das Museum für Moderne Kunst in Saitama (MOMAS) liegt im Kitaurawa-Park und wurde vom preisgekrönten Architekten Kisho Kurokawa gestaltet, der auch für das Stadtmuseum für Zeitgenössische Kunst in Hiroshima, das Nationale Kunstzentrum, Tokyo, sowie das Wissenschaftsmuseum der Präfektur Ehime federführend war. Das Museum befindet sich innerhalb eines beeindruckenden Gittermuster und stellt vornehmlich Werke von Künstlern aus, die eine Verbindung zur Präfektur Saitama haben oder Künstler der Region stark beeinflussten. So findet man hier unter anderem Werke von Paul Delvaux, Moise Kisling, Claude Monet und Pablo Picasso, um nur ein paar der bekanntesten Künstler zu nennen. Das Museum für Moderne Kunst von Saitama bemüht sich so, einen Ausstellungs- und Förderungsort für örtliche Künstler zu bieten. Ein besonderes, aufregendes Merkmal des Museums sind die zahlreichen künstlerisch gestalteten, stilistisch interessanten Stühle, die zur Ausstellung gehören und von den Besuchern auch benutzt werden dürfen.

 

Präfektur Gunma

Die Tomioka-Seidenmühle in der Stadt Tomioka, Präfektur Gunma, war der erste moderne Industriekomplex Japans und wurde 1872 in Betrieb genommen. Die Originalgebäude aus der Gründungszeit sind noch immer intakt und bieten eine eindrucksvolle architektonische Kulisse und historisch wertvolle Stätte. Im Jahr 2014 wurde die Tomioka-Seidenmühle zum UNESCO-Weltkulturerbe bestimmt und ist damit die erste Industrieanlage Japans, der diese Ehre zugutekommt.

Die Seidenmühle befindet sich mitten im Zentrum der Stadt Tomioka und hat selbige vollends geprägt. Mehr als ein Jahrhundert lang war die Seidenmühle die wichtigste Industrieanlage der Stadt, und es gab kaum einen Stadtbewohner, der nicht in irgendeiner Weise mit der Seidenmühle zu tun hatte. Das ist heute nicht anders – es ist eben jene Seidenmühle, die Besucher von außerhalb anzieht, und damit für einen guten Teil der jetzigen Einnahmen der Stadt und deren Bewohner sorgt.

Tomioka-Seidenmühle (Photo mit freundlicher Genehmigung der Tomioka-Seidenmühle)

Tomioka-Seidenmühle (Photo mit freundlicher Genehmigung der Tomioka-Seidenmühle)

Das Ziel der Seidenfabrik, als sie gegründet wurde, war nicht nur die Produktion von Seide – damals eines der am heißesten begehrten Produkte in Europa – sondern auch die Einführung westlicher Industrieproduktionsmethoden in Japan. Damit war die Mühle der Vorreiter für die Zukunft eines industrialisierten Japans.

Die meisten Gebäude im Industriekomplex der Tomioka Seidenmühle stammen aus den 1870ern, und sie wurden bis heute in der ursprünglichen Form belassen. Selbst die in Frankreich hergestellten Glasfenster stammen noch aus jener Zeit.

Tomioka-Seidenmühle (Photo mit freundlicher Genehmigung der Tomioka-Seidenmühle)

Tomioka-Seidenmühle (Photo mit freundlicher Genehmigung der Tomioka-Seidenmühle)

Zu den Originalgebäuden gehören das Östliche Kokon-Lagerhaus, die Kokontrocknungsanlage, die Seidenspulfabrik und das Brunat-Haus, in dem dereinst der Fabrikdirektor Paul Brunat residierte.

5 Kilometer südlich der Seidenmühle befindet sich der Gunma Safari-Park, in dem man sich eine unerwartete Prise des tropischen Afrikas mit seiner ehrfurchteinflössenden Tierwelt holen kann.

 

 

Präfektur Niigata

Takada-Burg

Takada-Burg

Joetsumyoko ist ein nagelneuer Bahnhof, der eigens für die Eröffnung dieses Teils der Hokuriku-Shinkansen-Trasse im März 2015 fertiggestellt wurde. Der Bahnhof liegt in der Stadt Joetsu im Südwesten der Präfektur Niigata. Nördlich des Bahnhofes Joetsumyoko erstreckt sich der Takada-Park mit der gleichnamigen Burg – ein moderner Nachbau basierend auf Originalbestandteile der einst viel grösseren Festung. Die Burg wurde ursprünglich im Jahr 1614 von einem Sohn des legendären Tokugawa Ieyasu errichtet, doch das Bauwerk wurde später während der Meiji-Zeit geschliffen.

Myoko-Kogen – Imori-Teich

Myoko-Kogen – Imori-Teich

Der Takada-Park ist berühmt für seine 4’000 Kirschbäume, die nachts angestrahlt werden und so für wundersame Spiegelungen in den alten Wassergräben der Burg sorgen. Zahlreiche Imbißstände im Park öffnen bis spät in die Nacht und sorgen so für Erfrischungen. Es gibt einige Nachtbustouren von den nahegelegenen Ski– und Onsengebieten von Myoko Kogen südwestlich der Stadt Joetsu. Die Gegend westlich vom Takada-Park bewahrt bis heute etwas von der Atmosphäre einer Burgstadt aus der Edo-Zeit mit seinen altertümlichen Holzhäusern und Sake-Brauereien.

Diese Region von Niigata war einst die Provinz Echigo und bekannt für seine furchtlosen Samuraikrieger, darunter die legendären Rivalen Kenshin Uesugi und Takeda Shingen. Kenshin Uesugi nannte die nahegelegene Burg von Kasugayama sein zu Hause.

Unweit des Bahnhofs Katamachi an der Shin’etsu-Hauptlinie und direkt an der Küste befindet sich Unohama, ein kleiner Kurort mit heißen Quellen. Dieser Ort liegt etwas abseits und ist ein Geheimtipp mit seinen zahlreichen Ryokan – traditionelle japanische Herbergen, in der man nach Herzenslust heiße Quellen und zwei Mal am Tag füllende Mahlzeiten mit vor Ort gefangenen Meerestieren genießen kann – vor allem die für diese Region besonders bekannten, allerdings nur zu bestimmten Jahreszeiten erhältlichen Schneekrabben.

Die Skigebiete der Myoko Kogen-Berge zählen nicht nur zu den besten Skigebieten Japans, sondern sogar von ganz Asien. Mitten im Joshin’etsu Nationalpark befinden sich übrigens die beiden höchsten Gipfel der Präfektur Niigata: Der Myoko und der Hiuchi, beide jeweils knapp über 2’450 Meter hoch.

Die Gegend ist besonders bekannt für ihren feinen Pulverschnee und hohe Schneewände. Seki Onsen und Akakura Onsen sind zurecht bei Skifahrern und Snowboardern beliebt – bieten sie doch eine wunderbare Kombination aus Pulverschnee und heißen Quellen. Akakura Onsen gibt es seit 1816, und der Ort ist noch immer der größten Onsen-Kurort in der Gegend. Seki Onsen ist hingegen der älteste Onsen-Kurort unter den Onsen in Myoko – der Ort mit seinen heilenden, heißen Quellen lockt bereits seit 1729 Besucher an.

Nur ein bisschen weiter südlich liegt der Ort Ikenotaira, ein weiterer alpiner Erholungsort mit der bezaubernden Kombination aus Pulverschnee und heißen Quellen. Es gibt drei verschiedene Skihänge verschiedener Schwierigkeitsgrade und eine ausgezeichnete Sicht auf den alles überragenden Berg Myoko. Etwas östlich eben dieses Berges liegt das abgelegene und friedvolle Tsubame Onsen, benannt nach den unzähligen Schwalben, die dort jeden Sommer in den Felsen nisten. Das Quellwasser dort ist milchig-weiß, und im Winter kann man mit heftigen Schneefällen rechnen.

Im Sommer kann man hier sogenannte „Waldtherapie“-Wanderungen auf dem Sasagamine-Hochland unternehmen. Die lieblichen alpinen Blumen sowie die Buchen, Kiefern, Wasserfälle und Sümpfe erinnern dabei stark an die europäischen Alpen. Dort findet man auch das Sasagamine-Gehöft, zu dem Weidegründe für die örtliche Rinderzucht gehören. Der Imori-See bietet ein Besucherzentrum sowie einen Pfad rund um den kleinen See, der vor allem im April besuchenswert ist, wenn an den Ufern plötzlich tausende weiße Scheinkalla (ein Aronstabgewächs) blühen. An klaren Tagen spiegelt sich zudem der Berg Myoko in dem glasklaren Gewässer.

 

Präfektur Toyama

Die am besten von Toyama Stadt erreichbare Tateyama-Kurobe-Alpenroute ist Teil des Chubu Sangaku-Nationalparks und ist ein herausragender Höhepunkt der Natursehenswürdigkeiten der Hokuriku-Region – vor allem während der Herbstlaubfärbung, wenn die Natur traumhafte Farben hervorzaubert. The Strecke kann man im Bus, in der Standseilbahn, der Schwebeseilbahn sowie im KEPCO-Trolleybus, aber auch zu Fuß zurücklegen.

 

Die Tateyama Kurobe Alpenroute

Die Tateyama Kurobe Alpenroute

Die Tateyama-Kurobe-Alpenroute beinhaltet auch eine Passage durch einen Schneekorridor mit bis zu 20 Meter hohen Schneewänden, die am Berg Tateyama vorbei durch die Hida-Bergkette führt. An der gleichen Strecke liegt auch der Kurobe-Staudamm, der mit 186 Meter höchste Staudamm des Landes. Die Stauermauer ist ganze 492 Meter lang und läßt im Schnitt 10 Tonnen Wasser pro Sekunde passieren.

Ein Teil der Alpenroute wurde während der Konstruktion des Staudamms gebaut. Jener wurde 1963 in Betrieb genommen, um in diesem entlegenen Teil des Landes durch Wasserkraft erzeugte Elektrizität zur Verfügung zu stellen.

Murado liegt 2,450 Meter über dem Meeresspiegel und bietet den imposantesten Anblick besagter Schneewände, vor allem zwischen April und Mai, wenn die Tateyama-Kurobe-Alpenroute für den Verkehr freigegeben wird. Dieser Abschnitt ist auch für Fußgänger geöffnet, damit man so in Ruhe die gewaltigen Schneemassen beiderseits der Straße genießen kann.

Kurobe-Staumauer

Kurobe-Staumauer

Es gibt noch weitere interessante Orte wie zum Beispiel den Mikurigaike (みくりが池) – den tiefsten Hochgebirgssee in den Japanischen Alpen, die bis in den Juni hinein schneebedeckt sind. Das tiefblaue Wasser des Sees reflektiert die schneebedeckten Gipfel des Tateyama-Gebirges, und am See findet man zahllose Vogel- und Pflanzenarten.

Nicht weit davon entfernt befindet sich Mikurigaike Onsen, eine Berghütte auf 2’410 Meter Höhe und nur einen Spaziergang vom Murado entfernt. Dieses Onsen rühmt sich dafür, die höchstgelegenen heißen Quellen des Landes zu haben. Das heilende Wasser strömt aus dem umliegenden Jigokudani (wörtlich: Höllental) herein. Das nahegelegene 4-Sterne-Hotel Tateyama ist Japans höchstgelegenes Hotel und bietet einen unvergesslichen Aufenthalt abseits der Menschenströme.

Das Tateyama-Museum von Toyama (立山博物館展示館) bietet Ausstellungen über die Flora und Fauna der Tateyama-Berge, über Shugendo – eine religiöse Tradition, die seit der Heian-Zeit in den Bergen der Region praktiziert wird, sowie über die komplexe Geologie und Ökologie dieses Hochlandes, welches einst von Pilgerern, die sich auf den so mühsamen wie gefährlichen Weg durch die Berge machten, als heilig betrachtet wurde.

Man benötigt ungefähr 5 Stunden, um die Tateyama-Kurobe-Alpenroute zurückzulegen, und dazu gehört sechsmaliges Umsteigen. Man beginnt am Bahnhof Dentetsu-Toyama, von wo es weiter bis zum Bahnhof Toyama geht, und dann nach Shinano-Omachi, von wo Züge Richtung Norden nach Nagano sowie Richtung Süden nach Matsumoto fahren. Die Strecke ist für den normalen Verkehr von Mitte April bis Ende November geöffnet – für den Rest des Jahres bleibt sie gesperrt. Man kann diese Route nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen, da der Abschnitt zwischen dem Bahnhof Tateyama und Ogizawa für Privatfahrzeuge gesperrt ist.

 

Präfektur Ishikawa

Der Name Kaga Onsen (Kagaonsenkyo) ist ein Sammelbegriff für die insgesamt vier größeren Onsenkurorte in Kaga und Komatsu in der Präfektur Ishikawa: Awazu Onsen, Katayamazu Onsen, Yamashiro Onsen und Yamanaka Onsen.

Die Geschichte dieser heißen Quellen geht über 1’300 Jahre zurück, als, so wird es jedenfalls berichtet, wandernde Shugendo-Ästheten auf ihrem Besuch des heiligen Berges Hakusan selbige entdeckten.

Einige der traditionellen Herbergen in Kaga Onsen können ebenfalls auf eine lange und besondere Geschichte zurückblicken. Das Hoshi Ryokan in Awasu Onsen eröffnete bereits im Jahr 718 und gilt als das zweitälteste, noch betriebene Hotel der Welt. Seit mehr als 45 Generationen wird das Hotel von der gleichen Familie betrieben (man nimmt an, dass das Nishiyama Onsen Keiunkan in der Präfektur Yamanashi das älteste Hotel ist – Tokugawa Ieyasu übernachtete dort zwei Mal).

Zu den berühmtesten Besuchern von Kaga Onsen in seiner langen Geschichte gehören der Priester Rennyo (1415–1499) und der berühmte Haiku-Dichter Basho (1644-1694), die den Ort aufgrund seines heilenden Wassers aufsuchten.

Awasu Onsen

Awasu Onsen

Awasu Onsen wurde angeblich vom gleichen Mönch entdeckt, der den nahegelegenen Natadera-Tempel gründete. Dem Wasser sagt man verschiedene Heilwirkungen nach, und man kann es in einer Herberge oder in dem modernen, öffentlichen Bad Soyu geniessen.

Katayamazu Onsen liegt an der Shibayamagata-Lagune. Entdeckt im Jahr 1653, wurde hier seit der Meiji-Zeit ein Kurort errichtet. Dieses Onsen zeichnet sich durch den spektakulären Anblick des Berges Hakusan in der Ferne aus, den man während eines Bades geniessen kann. Katayamazu war früher als „Vergnügungs-Onsen“ (歓楽温泉) bekannt, da es neben den heißen Bädern noch zahlreiche weitere Unterhaltsamkeiten bot und bietet, wie zum Beispiel das Eis- und Schneemuseum, das Kitamae-Schiffsmuseum oder einen künstlichen Geysir, der jede Stunde Wasser aus dem See speit.

Yamashiro Onsen wiederum ist vor allem für seine beiden großen und einzigartigen Badehäuser bekannt – das Soyu und das Ko-Soyu (das alte öffentliche Bad). Das Ko-Soyu wurde originalgetreu im Stil der Meiji-Zeit restauriert.

Yamashiro-Onsen

Yamashiro-Onsen

Yamashiro Onsen befindet sich nahe der Kakusenkei-Schlucht in den japanischen Alpen. Die Straße, die man auf jeden Fall gesehen haben sollte, wird Yuge-Kaido genannt und beginnt am Kino-no-yu. Dort findet man zahlreiche Handwerksläden, in denen lokale Kunstwerke wie Lack- und Holzprodukte verkauft werden, sowie zahlreiche japanische Retaurants und Bars, in denen man die verschiedensten Sachen probieren kann. Basho war einer der ersten Bewunderer des Ortes, und so adelte er Yamashiro-Onsen, zusammen mit Arima Onsen in Hyogo und Kusatsu Onsen in Gunma, zu den besten drei Onsen Japans.

Die elegante Stadt Kanazawa ist momentan die Endhaltestelle des Hokuriku-Shinkansens. Auch als „Klein-Kyoto“ bekannt, hat es Kanazawa geschafft, etwas von der Kultur und Atmosphäre des alten Japans zu bewahren.

Eine Fahrt mit dem Hokuriku-Shinkansen zwischen Tokyo und der Hokuriku-Region, zwischen Pazifik und Japanischem Meer, erschließt eine völlig neue und sehr photogene Seite Japans: Eine traditionell landwirtschaftlich geprägte Reisanbaugegend, die heute Heimat hochmoderner Industrien, aber auch uralter kultureller Bräuche und unzähliger Freizeitvergnügen ist. Von Skipisten bis zu Heißwasserbädern, von Reisfeldern bis zu Spitzenrestaurants – es gibt allerhand zu entdecken in dieser sehr vielfältigen Region im Nordosten der Insel Honshu.

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Museen in Japan [Gunma-Version]

September 2nd, 2015 | Tagged , , | 1 Kommentar | 2472 mal gelesen

Eisenbahnpark Usui-Pass

Eisenbahnpark Usui-Pass

Am Wochenende war ich mit 6 Verwandten (nebst 5 Kindern) in der Präfektur Gunma unterwegs. Dank ununterbrochenen Regens – dieses Jahr ist wirklich arg verregnet – haben wir es sogar in zwei Museen geschafft. Und dabei habe ich – mal wieder – festgestellt, dass viele japanische Museen wirklich hervorragend gestaltet sind. Das erste Museum nennt sich 碓氷峠鉄道文化むら – Usui-Pass Eisenbahn-Kulturpark. Ein Eisenbahnmuseum also, mit zahllosen alten Loks und Waggons, die ausnahmslos begehbar sind. Dabei hat man die alten Geräte nicht etwa neu angepinselt, sondern so belassen, wie sie waren, als sie aus dem Dienst genommen wurden. Trotzdem ist aber alles sehr sauber. Kinder können sich auf die Lokführersitze setzen, Knöpfe drücken, Hebel bewegen, Draisine fahren oder sich von einer echten Dampflokomotive eine Runde durch den Park fahren lassen. Quasi ein Museum, in dem man sich als Erwachsener ebenfalls recht wohl fühlen kann. Im Museum steht übrigens auch ein alter Waggon mit Tatami. Solche Spezialzüge fahren in manchen Gegenden immer noch herum, aber bisher habe ich es noch nicht geschafft, da mitzufahren. Kommt sicher noch. Dabei sei angemerkt, dass Tatami-Waggons weder damals noch heute typisch waren bzw. sind – es handelt sich um Spezialanfertigungen, die dann zum Beispiel für Feierlichkeiten angemietet werden können.

Mit Tatami ausgelegter, alter Waggon

Mit Tatami ausgelegter, alter Waggon

Das zweite Museum war das 群馬県立自然史博物館 Museum für Naturgeschichte der Präfektur Gunma (Webseite). In der Präfektur hatte man einst Saurierknochen entdeckt, und auch sonst hat Gunma in Sachen Natur etliches zu bieten: Der heißeste Ort Japans befindet sich hier, doch nur ein paar dutzend Kilometer entfernt gibt es subalpine Zonen. Und es gibt eine Reihe gefährlicher Vulkane wie den Asama-san, der in der Vergangenheit Asche bis Tokyo schickte – und wieder schicken wird, denn er bricht recht regelmäßig aus. Das Museum ist hervorragend eingerichtet – das beginnt schon bei der Fassade, die Saurierknochen enthaltende Sedimente nachbildet. Saurier in Lebensgrösse, die sich teilweise auch noch recht natürlich bewegen, sowie eine sehr gute Präsentation der lokalen Flora, Fauna, Geographie und Geologie sind nicht nur für Kinder sehenswert. Ich war dabei etwas überrascht ob der Grösse und Qualität des Museums: Da sind sehr, sehr viel Geld und Liebe eingeflossen.

Im Naturgeschichtlichen Museum von Gunma

Im Naturgeschichtlichen Museum von Gunma

Natürlich kann es auch sein, dass ich einfach zu lange nicht mehr in Museen unterwegs war. Ist diese Qualität mittlerweile normal?

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Anschlag auf ein Nationalsymbol: Selbstverbrennung im Shinkansen

Juli 1st, 2015 | Tagged , | 9 Kommentare | 1865 mal gelesen

Will man Japan ins Mark treffen, dann gibt es nur wenige Dinge, bei denen man das so leicht erreichen kann wie beim Shinkansen. Das Shinkansen-Netz gibt es seit 1964, also seit 51 Jahren, und die Beliebtheit ist ungebrochen – das Netz wird auch heute noch ausgebaut, und tagtäglich benutzen durchschnittlich 400,000 Fahrgäste die Züge. Und: Bisher gab es noch nie in der langen Geschichte einen tödlichen Unfall. Bis heute: Im Nozomi, dem schnellsten Shinkansen zwischen Tokyo und Osaka, lief ein laut Augenzeugen etwas verwahrloster, älterer Mann den Gang im ersten Wagen auf und ab, sprach einen Fahrgast mit „Wie sieht’s aus mit einer Zigarette?“ an (alle Abteile sind Nichtraucherabteile, wohlgemerkt) und blieb schliesslich neben einer jungen Frau in der ersten Reihe stehen. Dieser legte er dann ein paar 1’000-Yen-Scheine auf den Tisch und sagte „Habe ich gefunden. Kannst Du behalten!“. Als die Frau ablehnte, sagte er ihr „verschwinde von hier, sonst wirst Du verletzt“. Anschliessend goss er sich eine brennbare Flüssigkeit über den Körper und zündete sich an.

Im Abteil brach Panik aus – die Fahrgäste versuchten aus dem Abteil zu fliehen, doch die enorme Rauchentwicklung führte schliesslich dazu, dass nicht nur der 71-jährige Selbstmörder aus Tokyo, sondern auch eine unbeteiligte, gut 50 Jahre alte Frau aus Yokohama noch vor Ort verstarb. Im fahrenden Shinkansen. Zudem gab es rund 20 Verletzte, vornehmlich mit Rauchvergiftung. Der Zug wurde schliesslich angehalten und Löschkräfte drangen zum Waggon vor, aber viel war nicht mehr zu tun: Von dem Mann blieb wohl nicht viel übrig, und der Waggon selbst fing nicht Feuer. Genauer gesagt war von aussen rein gar nichts zu sehen.

Dieses tragische Ereignis ist ein Schock – Shinkansen sind Japans Stolz und – vollkommen zurecht – ein Symbol für Pünktlichkeit, Sicherheit, Sauberkeit und Effizienz. Und obwohl natürlich sofort etliche Leute nach Massnahmen krähen – so ist das heutige Ereignis natürlich nicht mehr als ein freak accident – man kann sich nicht vor allen Dingen schützen.

Die Shinkansen rollten nach drei Stunden wieder, und nur wenig später war der Selbstmörder identifiziert – ein ehemaliger Abrissunternehmer, der vor kurzem in Rente ging und als unauffällig und nett galt. Was ihn zu der Tat wohl bewogen hat? Seine Geste mit dem Geld deutet auf Geldnot hin. Einen Abschiedsbrief hat man noch nicht gefunden, aber ein politischer Hintergrund würde mich überraschen.

Aus gegebenem Anlass an dieser Stelle mal ein gut gemachtes Video, in dem erklärt wird, wieso die Shinkansen so sauber sind, wie sie sind:

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Hokuriku-Shinkansen: Der Countdown läuft

Februar 9th, 2015 | Tagged , | 2 Kommentare | 1805 mal gelesen

Aus aktuellem Anlass (nun ja, ich war heute mit dem Shinkansen unterwegs) wird es Zeit, der baldigen Eröffnung einer neuen Shinkansenstrecke ein paar Zeilen zu widmen. Alle paar Jahre wird in Japan eine neue Trasse eingeweiht – zuletzt im März 2011, als die Hauptachse des Kyushu-Shinkansens sowie die Erweiterung des Tohoku-Shinkansens bis Aomori eingeweiht wurden. Das ging leider etwas in den Nachrichten unter, denn 6 Tage nach Eröffnung des Aomori-Shinkansens gab es das schwere Erdbeben, und die Strecke musste erstmal für ein paar Wochen geschlossen werden. Die Eröffnung der kompletten Kyushu-Strecke fand am Tag nach dem Beben statt.

In 33 Tagen ist es dann wieder soweit: Das Netz wird am 14. März 2015 um einen neuen Abschnitt erweitert – die Rede ist vom 北陸新幹線 Hokuriku-Shinkansen. Bisher war in dieser Richtung, von Tokyo aus gesehen, immer in Nagano Schluss, doch die neue Strecke führt von Nagano weiter bis ans Japanische Meer – genauer gesagt geht es über Toyama bis nach Kanazawa. Landschaftlich sollte man von der Strecke nicht allzu viel erwarten – sicherlich, die Landschaft als solche ist eigentlich spektakulär, denn es geht erst die Südalpen und dann das Meer entlang, aber die neuen Shinkansenstrecken enthalten so viele und so lange Tunnel, das man meinen möchte, man sitzt in der U-Bahn. Zugegebenermassen einer verdammt schnellen U-Bahn.

Was hat man aber nun von dem neuen, knapp 230 Kilometer langen Teilstück? Wer heutzutage mit der Bahn von Tokyo bis Kanazawa fährt, braucht 4 Stunden und 15 Minuten – die einfache Fahrt kostet rund 16’000 Yen. Mit dem neuen Shinkansen braucht man nur 2½ Stunden – und bezahlt nur noch rund 14’000 Yen: Der Grund: Für die jetzige Strecke muss man einen weiten Umweg (über Nagoya) fahren. Will man heuer nach Toyama, braucht man momentan 3 Stunden und 45 Minuten und bezahlt rund 11’000 Yen – der neue Shinkansen ist da mit 12’730 Yen etwas teurer, dafür aber in 2 Stunden und 15 Minuten vor Ort. Fazit: Toyama und Kanazawa rücken näher an die Hauptstadt, und das ist gut: Vor allem Kanazawa ist ein unterschätztes Reiseziel in Japan.

Bei Kanazawa soll es übrigens nicht bleiben: Die Strecke wird letztendlich weitergehen – über Fukui bis Tsuruga und dann schliesslich weiter bis Osaka oder Kyoto, aber bis dahin wird noch eine Menge Wasser den Tone-Fluss herunterfliessen.

Kopfbahnhof von NihongiSchaut man sich die Haltestellen der neuen Strecke an, so findet man dort unter anderem den Namen 上越妙高 Jōetsu-Myōkō. Dieser Bahnhof befindet sich in der Präfektur Niigata – im Nichts. Rundherum gibt es rein gar nichts. Der Bahnhof kam mir etwas seltsam vor, als ich selbst im vergangenen Sommer in Richtung Myōkō-Kōgen unterwegs war – einem sehr malerischen Wintersportort auf über 1’000 Meter Höhe. Als ich mich dort schliesslich mit einem Bewohner über die Shinkansenanbindung unterhielt, war jener entsprechend etwas vergnatzt: Der Shinkansenbahnhof trägt zwar den Namen Myōkō, ist aber vom ziemlich bekannten Wintersportort so weit entfernt, dass die Trasse für Besucher des Ortes kaum einen Nutzen trägt.

Auf halbem Wege zwischen dem eigentlichen Bahnhof von Myōkō-Kōgen und dem neuen Shinkansenbahnhof befindet sich übrigens der etwas ungewöhnliche Bahnhof von 二本木 Nihongi (wörtlich: „Zwei Bäume“ – im Gegensatz zu Roppongi in Tokyo: „Sechs Bäume): Züge können den Bahnhof nur in der Richtung verlassen, aus der sie gekommen sind. Will heissen, die Züge müssen einen kleinen Berg hochfahren, um nach Nihongi zu kommen – und fahren zumindest einen Teil der Strecke wieder zurück, bevor sie die Richtung ändern.

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Alltagsfreuden im Pendelverkehr

April 29th, 2014 | Tagged , | 20 Kommentare | 12718 mal gelesen

Es ist kurz nach 8 am Morgen. Der Wecker überzeugt mich irgendwie, aufzustehen. Heute steht ab 10 ein Meeting in Shibuya auf dem Plan. Normalerweise sieht das so aus: Ich verlasse gegen Dreiviertel Neun das Haus, fahre mit dem Fahrrad 4 km lang Berg und Tal bis zu meinem Bahnhof des Vertrauens. Die Strecke ist gewürzt mit 18-Grad-Steigungen und einer gut 1 km langen, ununterbrochenen Talfahrt. Man ist danach wach. Knapp 15 Minuten später bin ich am Bahnhof und steige in den Schnellzug. 20 Minuten später, also gegen halb Zehn, bin ich in Shibuya. So weit, so gut.

Professionelle Passagierquetscher bei der Arbeit

Professionelle Passagierquetscher bei der Arbeit

Ein Blick aus dem Fenster erklärt das Hintergrundrauschen: Es regnet. So ein Mist. Mein Fahrrad ist zwar sehr schnell, aber einer der Gründe dafür ist das Fehlen von Schutzblechen. Mit Anzug und jenem Fahrrad 4 km bis zum Bahnhof fahren ist nicht empfehlenswert. Ich will ja nicht wie ein nasser Pudel im Meeting sitzen. Deshalb Plan B, extra für Regentage: Ich verlasse kurz nach halb Neun das Haus und laufe eine Minute zur Bushaltestelle. Der Bus kommt natürlich 10 Minuten zu spät, aber kein Problem – komme ich eben erst 9:40 an. Der Bus fährt zum nächstgelegenen Bahnhof: Der ist nur 2 km entfernt, aber dort halten keine Schnellzüge. Es gibt aber ein paar Semi-Express-Züge. Jedenfalls, wenn der Bus pünktlich ist. Da er es aber nicht ist, bleibt nur das Warten auf den Bummelzug. Der fährt – ebenfalls mit etlichen Minuten Verspätung – endlich ein, ist natürlich rappelvoll und bleibt hier und da länger als üblich stehen. Gegen 9:40 – eigentlich wäre ich schon lange in Shibuya – bin ich endlich in Shimokitazawa. Ich wälze mit den Menschenmassen die Treppen und Rolltreppen hoch zur Keiō-Linie. Ein paar Schrecksekunden sind dabei: Die Rolltreppe spuckt immer mehr Menschen auf den Bahnsteig aus, doch jener ist schon hoffnungsvoll überfüllt und die Menschen kommen nicht schnell genug von der Rolltreppe weg. Gleichzeitig fahren links und rechts hupenderweise Züge ein.

Der Keiō-Linie scheint auch unwohl zu sein: Die Herrscher der Bahnhofssprechanlage entschuldigen sich pausenlos mit überschlagender Stimme. Ein Zug nach Shibuya fährt ein. Die Gesichter der Passagiere sind so stark an die Scheiben gedrückt, das sie größer als normaler Gesichter erscheinen. Die Türen gehen unerbittlich auf. Nach ein paar Sekunden, kurz, bevor die Türen wieder schliessen, fällt einem Passagier aus exakt der Waggonmitte auf, dass er ja hier aussteigen möchte. Plötzlich quellen dutzende gestresste, fahle Passagiere aus dem Waggon und wogen sofort wieder zurück, nachdem der Schläfer endlich die Bahn verlassen hat. Endlich! 3.4 Kubikzentimeter mehr pro Passagier! Wenn einer den Waggon verlässt, müsste ja theoretisch mindestens einer neu zusteigen können. Ist aber nicht. Selbst die erprobte Kampftechnik – Mit dem Rücken zum Waggon hin vor die Tür treten, mit den Händen in den inneren Türrahmen festkrallen und dann rückwärts mit allem verfügbaren Druck reinquetschen – hilft nicht. Es passt keiner mehr rein. Zug fährt ab. Nächster Zug kommt: Gleiches Schauspiel. Dritter Zug: Genau, keiner kann zusteigen. Endlich, bei Zug Nummer 4 (wir reden hier von insgesamt 10 Minuten), kann ich „einsteigen“, wobei die Eleganz des Wortes „einsteigen“ die Situation nicht ganz korrekt beschreibt. Eigentlich ist es eher wie Rambo in Afghanistan, nur mit Regenschirm statt mit Gewehr, und in Zeitlupe. 7 Minuten später steht der Zug wieder, und zwar 100 Meter von der Endhaltestelle Shibuya entfernt. Wenige Minuten nach 10 Uhr geht die Tür auf. Ja, heute wird wieder ein schöner Tag!*

*Jaja, ich gebe es ja zu: Das ganze geschah bereits vor 10 Tagen. Heute hat es nicht geregnet.

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Frühjahrssturm / Wetter für Japanbesucher

April 4th, 2012 | Tagged , , , | 5 Kommentare | 2271 mal gelesen

Verkehrsinfo-Display im Bahnhof: Rot bedeutet kompletter Stillstand, gelb bedeutet Verspätung

Das Sturmtief, das heute über fast ganz Japan zog, hatte es in sich. Es war kein Taifun, aber es stand einem Taifun in nichts nach: Es legte den Verkehr von Kyūshū bis nördlich von Tokyo lahm, es gab Überschwemmungen, zahlreiche umgekippte Bäume und LKW, mindestens 3 Tote und Hunderter Verletzte. Selbst im Stadtzentrum von Tokyo wurden Windgeschwindigkeiten bis 110 km pro Stunde gemessen. Alle Bahnen, die nicht unter der Erde fahren, standen still, etliche Flüge wurden gestrichen. In der Präfektur Fukui strandete ein grosser, unbemannter Frachter, der sich losgerissen hat.

Rekordverdächtig für diese Jahreszeit? Nicht ganz – ca. ein Mal in zehn Jahren passiert so etwas im Frühling. Dieses Mal waren die Leute recht gut gewarnt: Sehr viele Firmen, auch die unsere, schickten ihre Leute am Nachmittag nach Hause. Ich hatte um 15 Uhr leider ein wichtiges Meeting, und mein Gegenüber entschuldigte sich mehrmals, dass es keinen Tee geben werde, da die Leute alle schon auf dem Heimweg sind. Nun gut – nach dem Meeting war es voraussichtlich schon zu spät, und so ging es zurück zum Büro, Sturm aussitzen. Da ich ja nun schon zahlreiche Taifune hier erlebt habe, weiss ich ungefähr, wann und wo welche Züge ausfallen. Und ein bisschen Thrill zum Feierabend tut auch ganz gut. Also ging es abends kurz vor 8 Uhr zum Bahnhof Ebisu. Erwartungsgemäss fuhr meine Linie nicht, also ging es mit der Yamanote-Ringlinie nach Ōsaki. Die Linie von dort fuhr – erwartungsgemäss, da sie fast die ganze Strecke unterirdisch verläuft (nein, keine U-Bahn!).

In Shin-Kiba hiess es umsteigen, aber natürlich fuhr die Linie nicht, denn die Linie von dort verläuft auf Stelzen und immer an der Küste entlang. Ein leichter Luftzug, und die Linie steht. Seit 14 Uhr. Also raus aus dem Bahnhof und zum Taxistand. Erstaunlicherweise warteten dort nur 3 Leute. Der Vordermann, ein junger Japaner, fragt mich ganz selbstverständlich auf Japanisch, wo ich hinmöchte. „Nach Urayasu!“ antworte ich, und er sagt freudestrahlend „Ich auch! Wollen wir uns das Taxi teilen?“. Aber gern doch. 15 Minuten später teilen wir die Rechnung – 1,300 yen für jeden. Letztendlich dauerte die Heimfahrt damit sogar etwas kürzer als üblich. Geht doch. Vor 9 Uhr war ich zu Hause. Meine Linie nahm erst nach 23:30 wieder den Betrieb auf.

Jüngst fragte ein Japan-Besucher und Leser verständlicherweise, woher man als Japan-Besucher im Voraus von solchen Wetterlagen erfahren kann. Nun, die JMA (Japan Meteorological Agency) unterhält eine sehr umfangreiche englische Webseite zum Thema, und ein gelegentlicher Blick darauf kann bei der Reiseplanung sehr nützlich sein:

http://www.jma.go.jp/jma/indexe.html

Insbesondere sind folgende Seiten darin wichtig:

Aktuelle Unwetterwarnungen
Taifunwarnungen (Juni bis November)
Wettervorhersage
Für Fortgeschrittene: Regenradar (mit Vorhersage-Simulation)

Bei allen Karten kann man Gebiete anklicken.

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Fernostalgie

Juni 9th, 2011 | Tagged , , | 4 Kommentare | 1090 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Frühjahrs (2011/02)-Ausgabe der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

Irgendwann fällt es einfach auf: Eine gewisse Szene, die so ziemlich in fast jedem Film, so nicht Samurai oder gewisse Riesenechsen drin vorkommen, auftaucht: Eine ländliche Gegend, durch die ganz gemächlich ein Triebwagen zuckelt. Ein Triebwagen, den man zumindest in meiner Gegend ganz profan als Ferkeltaxe zu bezeichnen pflegte. Interessanterweise taucht diese Szene meist auch in der Filmvorschau auf, als ob dieses eine Szenenbild eine besondere Bedeutung hätte und so die Leute haufenweise zum Kino oder DVD-Dealer treiben würde.

„Ferkeltaxe“ in tiefster japanischer Provinz

 

Nun, die Szene hat symbolträchtige Bedeutung und verfehlt ihre Wirkung nicht. Zwar sind Ferkeltaxen alles andere als ausgestorben – man braucht gar nicht lange suchen, um in Japan noch welche zu finden, aber der Anblick solcher Züge und die damit verbundenen Emotionen lassen einen leisen Verdacht aufkommen: Ist dieses glitzernde, hochtechnologisierte, innovative, knallbunte und etwas verrückte Japan etwa im Herzen eher ländlich, sentimental und in sich gekehrt? Das wäre ja mal ein ganz anderes Bild!

Wie überall hat Sentimentalität zwei Dimensionen: Die örtliche und die zeitliche. Besagte Ferkeltaxen haben da den Vorteil, gleich beide Dimensionen anzusprechen, denn diese Bahnen gab es früher überall und sie sind damit für jeden über 40-jährigen in Japan fester Bestandteil der Erinnerungen an die Kindheit (von den Bewohnern kleiner und kleinster Inseln einmal abgesehen). Zum anderen gibt es die Bahnen immer noch, und zwar auf dem Land. Man sollte dabei bedenken, dass Tokyo zum Beispiel zwar ganz schön gross ist – jedoch in Japan gern schlicht als grosses Dorf bezeichnet wird, denn die meisten Bewohner kommen eigentlich gar nicht aus Tokyo, sondern aus Regionen irgendwo hinter den sieben Bergen. Wenn ich beruflich oder privat jemanden in Tokyo kennenlerne, werde ich – verständlicherweise – zumeist nach meiner Herkunft gefragt. Den Spiess drehe ich freilich danach gerne um (immer Gefahr laufend, als Antwort ein verwirrtes „Na, aus Japan!“ zu hören), und bin dabei nicht etwa über die Antwort „Okinawa!“ sondern mehr über die Antwort „aus Tokyo“ überrascht. Echte Tokyoter muss man suchen.
Man sollte eigentlich meinen, dass ein fortgeschrittenes Land wie Japan Phänomene wie massenhafte Landflucht hinter sich hat, doch dem ist nicht so. Die Landflucht hält an. Wer gute Bildung sucht, kommt um die Hauptstadt nicht herum. Wer in internationaler Atmosphäre arbeiten will – und damit sind nicht die berüchtigten Philippino-Bars gemeint, muss in die Hauptstadt. Es sei denn, man hält es eher mit Portugiesisch oder Spanisch, denn die meisten Einwanderer aus Südamerika leben mehr in der Gegend um Nagoya.

Wer wissen will, wie Tokyo ohne Zugezogene aussieht, sollte mal den ersten oder zweiten Januar in der Hauptstadt verbringen – viel ist da nicht los, da alle zum Neujahrsfest in die Heimat, aufs Land, gefahren sind. Leider erfreut sich die ländliche Gegend eines solchen Andrangs nur zwei Mal im Jahr – zum Neujahrsbeginn und während der お盆 O-Bon Feiertage Mitte August – ansonsten wirken weite Landstriche in Japan wie ausgestorben, und man kann froh sein, hier und da gelegentlich mal einen 80-jährigen Bauern zu treffen. Anzumerken sei hier auch, dass die Landflucht oftmals nicht etappenweise geschieht – selbst größere Städte in der Provinz, als Beispiel möchte ich hier mal Wakayama oder auch Akita, beides immerhin Präfekturhauptstädte, kämpfen mit stark und konstant schwindenden Einwohnerzahlen, was nicht nur der geringen Geburtenrate zuzuschreiben ist. In solchen Städten muss man oft nicht lange nach den sogenannten シャッター通り Shutter dōri – Rollläden-Strassen – suchen: Ehemalige Einkaufsstrassen, in denen man heute nur noch heruntergezogene Rollläden vorfindet. Nein, die meisten Leute wenden sich gleich richtig von der Heimat ab und gehen umgehend in die Hauptstadt, nach Ōsaka, Fukuoka usw. So mag es nicht verwundern, dass ca. jeder vierte Japaner in der Hauptstadtregion lebt.

Wohnzimmer vor 40 Jahren (Shōwa-Museum, Takayama)

 

Nun aber zur zeitlichen Dimension. Vor wenigen Jahren erschien in Japan der Kassenknüller Always – 三丁目の夕日 3-chōme no Yūhi, wörtlich „Always – Abendsonne im 3. Abschnitt“. Dieser Film trieb nicht nur die Leute scharenweise ins Kino, sondern auch unzähligen japanischen Männern im besten Alter die Tränen in die Augen. Der Film spielt in einem Tokyoter Stadtviertel und in Sichtweite des Tokyo Tower, welcher in der Zeit, in der es im Film geht – Ende der 1950er – gerade gebaut wird. Im Viertel geht es arm, laut aber herzlich zu – Jeder kennt Jeden, es gibt viel zu feiern und viel zu hauen. Der erste Kühlschrank und der erste Fernseher im Viertel sorgen für unglaubliche Szenen – während Wasser immer noch mit der Handpumpe im staubigen Hinterhof geholt werden muss. Kurzum, alle sind arm aber glücklich, und der Fortschritt steht vor der Tür. Dieser Tage ist ein solches Viertel zwar nicht völlig undenkbar (obwohl sehr selten geworden) – aber in der Nachbarschaft des Tokyo Tower sieht es heute, gelinde gesagt, doch etwas ander aus.

Was muss das für eine Zeit gewesen sein – jede nur halbwegs grössere Stadt lag am Ende des Zweiten Weltkrieges komplett in Schutt und Asche, und die Niederlage im Krieg war ein gewaltiger Schock. Wie auch in Deutschland folgten Jahre der Mühen und des Hungers, bis es endlich in den 1950ern aufwärts ging – in gewaltigen Schritten. Das Wirtschaftswunder gab es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan. Doch in Japan verlief es schon immer etwas anders. In Deutschland baute man seit jeher Stein auf Stein, mit dicken Mauern, auf dass das Haus auch lange stehen möge. Erst später begann man mit dem Bau von Zweckbauten mit begrenzter Lebenserwartung. In Japan war letzteres schon immer so. Stein auf Stein, womöglich noch mit Ziegelsteinen, war in Japan kaum populär – man baute und baut am liebsten mit Holz. Das ist kein Wunder – ein Ziegelsteinhaus hat bei einem stärkeren Erdbeben kaum Überlebenschancen, während Holzhäuser flexibel genug sind, um auch stärkere Stösse abzufedern. Dies hatte zur Folge, dass in Deutschland unzählige Häuser nach dem Krieg repariert wurden. In Japan hingegen brannten die Städte bis zum Grund nieder – alles musste neu gebaut werden (dabei hatte man zum Beispiel in Tokyo erst gute 20 Jahre vorher alles neu bauen müssen – nach einem verheerenden Erdbeben). Auch Regeln wie „Häuser dürfen nicht grösser sein als die Kirche im Ort“ sind in Japan unbekannt. In guten Zeiten wurde und wird gebaut, was das Zeug hält.

Es ist aber nicht nur der Anblick alter Holzhäuser in einem staubigen Viertel, der bei der Generation 40+ das Herz höher schlagen lässt, schliesslich findet man solche Häuser noch immer, sondern auch der Gedanke an das Zusammenleben von damals. Das soziale Gefüge in den Grossstädten hat sich wie anderswo auch stark verändert – nach einem richtigen Kiez muss man mittlerweilen suchen, man geht heutzutage meistens seine eigenen Wege. Oder? Dies ist sicherlich richtig für Wohngebiete mit grossen Wohnhäusern. Doch dort, wo man maximal 2-geschossige, sehr günstig zu mietende, zusammengeschusterte Wohnhäuser sieht, gibt es ihn noch – den Zusammenhalt der Bewohner. Da wird dann im Sommer spontan draussen gegrillt und gefeiert und man hilft sich bei der einen oder anderen Angelegenheit. Dass die Teilnehmer dabei ein aus allen Landesteilen zusammengewürfelter Haufen darstellt, ist der meist guten Stimmung nicht abträglich – im Gegenteil. Jedoch scheint dabei auch in Japan eine Faustregel zu herrschen: Je ärmer, desto grösser die Warhscheinlichkeit, einen solchen Zusammenhalt zu finden.

Tokyo Tower

 

Zurück zum Tokyo Tower: Jener wurde damals quasi zum Symbol der Nachkriegsgeneration und wird von daher von vielen ganz sentimental betrachtet. Dafür eignet sich der rot-weisse, 332 m hohe Turm auch ganz hervorragend: Er ist schlichtweg photogen und liebenswert. Der Tokyo Tower steht entsprechend für die Shōwa-Epoche (1926-1989, 昭和 Shōwa war das Motto des Kaisers Hirohito). Die jüngste Generation braucht sich gottseidank um ein ähnliches symbolträchtiges Bauwerk keine Sorgen machen: Der Nachfolger, genannt Tōkyō Sky Tree, wird fast doppelt so hoch (634 m) und 2011 fertig sein. Und die Japaner sind schon jetzt ganz versessen danach.

An dieser Vorliebe für Nostalgie muss etwas dran sein – immerhin spiegelt sie sich sogar in der Sprache nieder. Was geht uns durch den Kopf, wenn wir zum Beispiel ganz plötzlich ein Poster sehen oder einen Geruch wahrnehmen, welches uns umgehend an die Kindheit erinnert? Wie kann man dieses Gefühl in deutsche Worte packen? Ich bin mir bis heute nicht sicher, aber woran ich auch denke, es wird eine ganze Wortkaskade – wie „oh, das habe ich ja schon ewig nicht gesehen“ oder „ach, das waren Zeiten“. Im Japanischen gibt es für dieses Gefühl ein eigenens Wort: 懐かしい natsukashii. Und man hört dieses Wort sehr, sehr oft. Einfach mal einen mindestens 30 Jahre alten Japaner nach Wooper Looper fragen (Leser der letzten Kolumne mögen sich erinnern), und die Chance, als Antwort ein „natsukashii“ zu hören ist ziemlich gross.

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