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Interview mit Botschafter Dr. Hans Carl von Werthern

November 10th, 2016 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 2177 mal gelesen

Dieses Interview war schon länger in Planung und soll in dieser Form auch nicht das einzige bleiben – geplant ist eine ganze Reihe von Interviews mit Deutschen in Japan. Ein Interview mit dem Botschafter ist natürlich eine ganz besondere Angelegenheit, denn es handelt sich hier um den höchsten Repräsentanten Deutschlands in Japan, und damit um einen ganz eigenen Blickwinkel.

Das Interview fand am 29. September 2016 zwischen dem Botschafter und mir in der Kanzlei der Deutschen Botschaft in Tokyo statt. Zum besseren Verständnis jedoch erstmal eine kurze Biographie des jetzigen Botschafters.

Werdegang
1971 Abitur
1972 Amerikanisches High School Diplom, St. Albans School, Washington, D.C.
1973-1975 Wehrdienst
1979 Diplom-Volkswirt, Universität Mainz
1979-1984 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Mainz
1984-1986 Attaché (Ausbildung) im Auswärtigen Amt, Bonn
1986-1987 Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Hamburg
1987-1990 Botschaft Hanoi, Vietnam
1990-1992 Ständige Vertretung bei der NATO, Brüssel
1992-1994 Stv. Ausbildungsleiter für den Höheren Dienst, Auswärtiges Amt, Bonn
1994-1997 Botschaft Asunción, Paraguay
1997-2000 Stv. Leiter des Westeuropa-Referats, Bonn/Berlin
2000-2002 Referent für Europapolitik, FDP-Bundestagsfraktion, Berlin
2003 Royal College of Defence Studies, London
Magister in Internationalen Beziehungen, King’s College, London
2004-2005 Leiter des Arbeitsstabes “Deutschland in Japan 2005/2006”, Auswärtiges Amt, Berlin
2005-2007 Leiter des Ostasienreferats, Auswärtiges Amt, Berlin
2007-2010 Gesandter, Botschaft Peking, China
2010-2011 Beauftragter für Personal, Auswärtiges Amt, Berlin
2011-2014 Leiter der Zentralabteilung, Auswärtiges Amt, Berlin
seit März 2014 Botschafter in Tokyo
Interview mit Botschafter von Werthern

Interview mit Botschafter von Werthern

Tabibito: ​Herr Botschafter, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Sie waren vor Japan ja unter anderem in China, Vietnam und in Paraguay tätig. War Japan Ihr Wunschland? Oder wie hat es Sie letztendlich nach Japan verschlagen?
Botschafter von Werthern: ​ Ich war in Deutschland ab 2004 zuständig für ein Großprojekt, das sich „Deutschland in Japan 2005/2006“ nannte, und anschließend Referatsleiter für Ostasien; auch mit der Zuständigkeit für unsere Beziehungen zu Japan. Deswegen habe ich mir immer gewünscht, mal nach Japan versetzt zu werden. Dass ich als Botschafter kommen würde, habe ich mir eigentlich gar nicht zu erträumen gewagt. Deswegen könnte man sagen, dass die Berufung nach Japan die Erfüllung eines Wunsches ist, den ich eigentlich nie ernsthaft gehegt habe.
Tabibito: ​Dann brauche ich Sie wahrscheinlich nicht nach Ihrem ersten Gedanken fragen, der Ihnen durch den Kopf ging, als Sie gehört haben, dass es nach Japan geht.
Botschafter von Werthern: ​Ich war natürlich sehr, sehr froh, denn ich hatte damit eigentlich nicht gerechnet. Ich wusste, dass Japan einer der offenen Posten war, denn die Botschafterstelle war schon seit vier Monaten vakant. Aber es standen auch noch einige andere Posten zur Auswahl, wo ich natürlich auch gerne hingegangen wäre. Japan stand jedoch ganz oben auf meiner Liste.
Tabibito: ​ Haben Ihnen Ihre Erfahrungen in China eigentlich in Japan helfen können?
Botschafter von Werthern: ​ Ja, sehr. Ich habe in Peking beziehungsweise von Peking aus auch auf die Region im weiteren Sinne geschaut, inklusive der Beziehungen Chinas mit seinen Nachbarn, mit Japan und Korea, die Territorialkonflikte im Südchinesischen und im Ostchinesischen Meer. Ich finde, dass mir das geholfen hat, weil ich sozusagen auch die andere Seite gut kenne. Das hilft natürlich beim Verständnis des Konfliktes als solchem, aber auch beim Verständnis dafür, wie Japan auf manche Dinge reagiert.
Tabibito: ​Dazu aus aktuellem Anlass: Vor zwei Stunden ist in fünfhundert Metern Entfernung von der Botschaft eine anti-chinesische Demonstration vorbeigezogen. Haben Sie das in China eigentlich auch einmal erlebt?
Botschafter von Werthern: ​ Ja, es gab anti-japanische Demonstrationen, es gab auch anti-europäische, z.B. anti-französische Demonstrationen. So hat es 2008, als das olympische Feuer durch die Welt getragen wurde, einen sehr unschönen Vorfall in Paris gegeben. Da ist die chinesische Fackelträgerin – eine Rollstuhlfahrerin – angegriffen worden. Danach hat es wilde Proteste in China gegeben, zum Beispiel auch einen Boykott von Carrefour. Es hat auch anti-japanische Demonstrationen gegeben; zum Teil sicher auch staatlich gelenkt. Weder in China noch hier in Japan gefallen mir diese Dinge. Ich verstehe zwar nicht, was sie sagen, aber diese von der Intonation her hasserfüllten Brüllereien sind nicht nur unjapanisch, sondern auch unschön.
Tabibito: ​ Das war ja zum Glück nur ein sehr kleines Häufchen. Aber nun zu etwas anderem. Sie haben ja die Stelle an der Botschaft in Tokyo im Frühjahr 2014 angetreten. Keine drei Monate später waren Sie bereits in Fukushima vor Ort. Es ist schon eine Weile her, aber was war Ihr persönlicher Eindruck von der Lage vor Ort?
Botschafter von Werthern: ​Das war schon ein spannender Besuch in jeglicher Hinsicht. Ich war zum ersten Mal überhaupt im Leben im Inneren eines Atomkraftwerks, noch dazu im Inneren eines havarierten Atomkraftwerks. Uns wurde alles gezeigt, was wir sehen wollten – und wo man hin konnte, natürlich – einige Stellen sind natürlich immer noch viel zu gefährlich wegen der hohen Strahlung. Ich hatte das Gefühl, dass die Betreiber des Kraftwerks das Menschenmögliche tun, um dort die Schäden zu beseitigen. Nach eigener Aussage wird das aber mindestens vierzig Jahre dauern. Das hängt natürlich damit zusammen, dass die Probleme unglaublich groß sind. Also auch jetzt, zwei Jahre nach meinem Besuch, haben sie den Durchfluss des Grundwassers immer noch nicht im Griff. Und auch die Dekontaminierung des Grundwassers, sowie die Dekontaminierung der Erde außenrum, ist sehr, sehr schwierig und langwierig. Nachdem ich das gesehen habe, verstehe ich noch besser den Beschluss der deutschen Bundesregierung – kurz nach Fukushima ist der ja gefallen – den Zeitplan für den Ausstieg aus der Kernkraft vorzuziehen. Das hat die Bundeskanzlerin ja auch hier öffentlich gesagt im letzten Jahr. Sie hat sich gedacht: Wenn noch nicht einmal ein so hochtechnologisiertes und so hervorragend organisiertes Land wie Japan offensichtlich mit den Risiken der Atomkraft umgehen kann, wer soll das dann eigentlich können?
Tabibito: ​Warum denken Sie, dass Japan nicht damit umgehen kann? Ist es die Natur, ist es menschliches Versagen, ist es politisches Versagen?
Botschafter von Werthern: ​Es ist wie immer ein Zusammenspiel mehrerer Dinge. Ich habe dort auch gelernt, dass das Ausmaß der Katastrophe sehr viel geringer gewesen wäre, wenn man sich an die Auflagen der Aufsichtsbehörde gehalten hätte. Denn die Aufsichtsbehörde hat ja bestimmt, dass die Notfallgeneratoren nicht mehr vor dem Kernkraftwerk, sozusagen am Strand, stehen dürfen, sondern hinter das Kernkraftwerk, höher ins Gelände, verlegt werden müssen. Das haben sie auch getan. Aber die Schaltzentrale ist unten am Strand geblieben, und nachdem sie überflutet war, fiel das ganze Notstromkonzept dort aus. Es ist aber vielleicht wirklich so, dass wir mit den Risiken der Atomkraft gerade in einem Land, das immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht wird, letztendlich nicht jedes Risiko ausschließen können. Und das zeigt Fukushima. Von der auch hier völlig ungelösten Frage der Endlagerung mal ganz abgesehen.
Tabibito: ​Sie haben neulich den Deutsch-Japanischen Kooperationsrat zur Energiewende, kurz GJETC¹, mit ins Leben gerufen. Was wird da im Hinblick auf die Atomkraft geschehen?
Botschafter von Werthern: ​ Dieses Gremium wird sich hauptsächlich mit erneuerbaren Energien beschäftigen. Es geht nicht um Atomkraft, sondern um die Förderung der Erneuerbaren, also Windkraft, Sonnenkraft, Wasserkraft und so weiter. Da haben Deutschland und Japan ohnehin eine enge Zusammenarbeit vereinbart. Anfang des Jahres, als sich die Umweltminister hier getroffen haben, wurde ein Memorandum of Understanding unterschrieben. Dieser Energierat versammelt jetzt Experten und Leute, die ganz praktisch mit erneuerbaren Energiequellen zu tun haben, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und in beiden Ländern möglichst die erneuerbaren Energien voranzutreiben.

¹ Siehe Webseite des GJETC und Nachrichten zum Start

Tabibito: ​ Sie haben im Jahr 2015 an der Akita International University eine Rede zum Thema „Deutsch-französische Versöhnung und was man daraus lernen kann“ gehalten. Was kann Japan davon lernen? Ist da irgendwas übertragbar?
Botschafter von Werthern: ​Eins-zu-eins ist sicher nichts übertragbar. Die Situation sowohl unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg als auch in der Zwischenzeit bis heute ist in Ostasien und in Europa doch sehr unterschiedlich. Die Essenz dessen, was ich damals und bei anderen Gelegenheiten gesagt habe, ist aber dies: Die deutsch-französische Erfahrung, dass zwei Länder, die über Jahrhunderte hinweg Erzfeinde waren und viele Kriege gegeneinander geführt haben, jetzt so eng zusammenarbeiten, wie zwei souveräne Länder nur zusammenarbeiten können; dass auch die Zivilgesellschaften eng miteinander verflochten und verbunden sind – diese Erfahrung macht auch für andere Länder oder andere Regionen in der Welt Hoffnung. Wir sagen nicht, dass wir in Europa oder gar die Deutschen es richtig gemacht haben und die anderen falsch – das wäre nicht nur überheblich, sondern auch nicht richtig. Aber gerade letztes Jahr, siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, haben wir oft darüber gesprochen, welche Erfahrungen wir gemacht haben. Wir bieten diese Erfahrungen an, aber Japan und die Japaner müssen daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen, wenn sie das überhaupt wollen.
Tabibito: ​Angela Merkel hat rund einen Monat später beim Forum in der Asahi Pressezentrale genau das gleiche Thema angesprochen. Warum gilt das als so wichtig?
Botschafter von Werthern: ​ Zu besonderen Jahrestagen stellt man sich die Frage: „Was können wir lernen, was haben wir mitgenommen?“ So, wie wir uns 2014 die Frage gestellt haben „Befindet sich die Welt möglicherweise in einer Situation, die mit 1914 vergleichbar ist, als der Erste Weltkrieg ausgelöst wurde?“, so hat man sich 2015 eben die Frage gestellt: „Was ist eigentlich 1945 gewesen und warum ist es hier so und dort anders gewesen und welche Schlüsse können wir daraus ziehen?“ Im Wesentlichen lag das an diesem Jubiläum. Und nicht zuletzt hat Premierminister Abe zu dem gleichen Jubiläum im August eine viel beachtete Erklärung abgegeben. Auch in Europa ist natürlich in allen Hauptstädten des Endes des Zweiten Weltkrieges gedacht worden.
Tabibito: ​Was müsste Ihrer Meinung nach eigentlich passieren, damit, die Beziehung zwischen Japan und China sich ähnlich entwickelt wie die zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Polen? Ist das überhaupt möglich in der jetzigen Konstellation?
Botschafter von Werthern: ​Wir hatten in Europa eine wahrscheinlich historisch einmalige Chance. Und insofern hatten wir Deutsche 1945 und in den Jahren danach auch ein unglaubliches Glück, dass wir direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Nachbarn wie Frankreich hatten, die die Hand zur Versöhnung ausgestreckt haben. Schon knapp zwanzig Jahre später, bei der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags 1963, war das Verhältnis zu Frankreich schon schwieriger. Und der Élysée-Vertrag wäre auch beinahe nicht zustande gekommen. Es war wirklich eine historische Chance, die weder für Deutschland heute wiederholbar wäre, noch ist sie für Japan und China wiederholbar. In Europa ist es uns vielleicht besonders gut gelungen, und das ist immer noch weit davon entfernt, vollständig gelungen zu sein, dass wir Deutsche gelernt haben, uns als Täter im Zweiten Weltkrieg zu verstehen – dass wir gelernt haben, in Europa uns selber und die Konflikte mit unseren Nachbarn in der Vergangenheit auch durch die Augen der anderen zu sehen. Jemand hat mal gesagt: „Die Erinnerung an die eigene Vergangenheit ist immer dann unvollständig, wenn sie nicht auch die Erinnerung der Opfer mit umfasst.“ Ich glaube, das haben wir in Deutschland in einem langen, sehr, sehr schmerzhaften und umstrittenen Prozess inzwischen einigermaßen hinbekommen. Und das ist eine Regel, die überall anwendbar sein sollte: Wir müssen versuchen, auch durch die Augen des Anderen sehen zu lernen. Dadurch wären, glaube ich, Fortschritte möglich.
Tabibito: ​Japan und Korea zum Beispiel scheinen ja da noch immer gerade mal auf halbem Wege zu sein. Im August wurde der Oberbürgermeister von Freiburg im Breisgau gefragt, ob er in einem Park der Stadt eine Trostfrauen-Statue aufstellen könne. Und er sagte erst mal ja, hat das aber wieder später zurückgezogen. Was wäre eine diplomatische Antwort auf diese Problematik mit der Trostfrauen-Statue?
Botschafter von Werthern: ​ Die Antwort hat der Oberbürgermeister von Freiburg ja selber gefunden. Er hat gesagt, dass ihm die internationale Implikation nicht klar war, als er dieses Angebot bekommen und ihm zugestimmt hat. Es war ihm nicht klar, welche Gefühle er damit in Japan verletzen würde. Und deswegen hat er diese Entscheidung dann auch zurückgenommen. Das passt schon auch ein bisschen auf die Antwort auf die letzte Frage. In diesem Fall hat man nur auf Korea geschaut und nicht auf Japan. Wenn man beide Winkel in den Blick nimmt, dann findet man auch bessere Antworten. Im Übrigen haben sich Japan und Korea ja in der sogenannten Trostfrauen-Frage doch sehr aufeinander zubewegt. Die Vereinbarung vom 28. Dezember letzten Jahres, die jetzt auch zu großen Teilen umgesetzt worden ist, ist doch nicht nur objektiv eine erfreuliche Entwicklung, sondern wird so auch in Japan und Korea von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als positiv angesehen.

​Wie das entstanden ist, weiß ich nicht, aber natürlich haben sich viele schon lange die Frage gestellt, warum es eigentlich zwei Demokratien und zwei Marktwirtschaften wie Japan und Korea nicht schon viel früher geschafft haben, im Angesicht eines immer übermächtiger werdenden China näher zueinanderzufinden.

Tabibito: ​Man könnte fast meinen, dass diese doch recht plötzliche und späte Einigung quasi unter dem Druck Chinas entstanden ist. Würden Sie dem zustimmen?
Botschafter von Werthern: ​Wie das entstanden ist, weiß ich nicht, aber natürlich haben sich viele schon lange die Frage gestellt, warum es eigentlich zwei Demokratien und zwei Marktwirtschaften wie Japan und Korea nicht schon viel früher geschafft haben, im Angesicht eines immer übermächtiger werdenden China näher zueinanderzufinden. Aber ob das – ich würde es nicht unbedingt Druck, sondern vielleicht einfach nur Vernunft nennen – eine Rolle gespielt hat, kann ich letztlich nicht beurteilen.

Die Diskussion in Japan heute erinnert mich sehr stark an die Diskussion in Deutschland nach der Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre, als wir ja auch von der internationalen Staatengemeinschaft aufgefordert wurden, uns stärker an friedenserhaltenden Maßnahmen zu beteiligen.

Tabibito: ​ Die jetzige japanische Regierung versucht momentan, die Verfassung zu ändern. Und zwar geht es vor allem um die Änderung, wenn nicht gar Abschaffung, des sogenannten Pazifismus-Paragrafen 9. Dazu entstand vor zwei Jahren eine interessante Initiative, angestoßen von einer Hausfrau aus Kawasaki. Diese versuchte, genau diesen Paragrafen als Friedensnobelpreis-Kandidaten vorzuschlagen. Was halten Sie eigentlich von der Idee an sich, die Verfassung zu ändern?
Botschafter von Werthern: ​ Nach unserem Staats- und Verfassungsverständnis sind Verfassungsänderungen etwas völlig Normales. Auch das deutsche Grundgesetz ist unzählige Male verändert worden. Allerdings haben wir da den Kernbestand der ersten 19 Artikel, in denen unter anderem grundlegende Menschenrechte festgelegt sind, die nicht verändert werden dürfen. Nach unserem Verständnis ist eigentlich eine Verfassung, die seit fast siebzig Jahren unverändert ist, etwas unnormal. Wenn ich es richtig verstanden habe, will die Regierung auch nicht den Kernbestand des Artikels 9 verändern, also das Verständnis, dass Japan eine friedliche Nation ist und keinen Angriffskrieg mehr führen will, genauso, wie sich Deutschland das ja festgeschrieben hat, sondern Japan möchte in der Lage sein, sich auch mit militärischen Mitteln an internationalen Friedensmissionen zu beteiligen. Das begrüßen wir sehr. Die Diskussion in Japan heute erinnert mich sehr stark an die Diskussion in Deutschland nach der Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre, als wir ja auch von der internationalen Staatengemeinschaft aufgefordert wurden, uns stärker an friedenserhaltenden Maßnahmen zu beteiligen. Damals dachten in Deutschland auch viele, dass das eine Rückkehr zum alten Militarismus bedeutet. Man muss derlei Veränderungen in der eigenen Bevölkerung sehr sorgfältig diskutieren, und man muss es eben auch dem Nachbarn verständlich machen.
Tabibito: ​Ich denke, da ist noch viel nachzuholen. Denn ein Grundtenor der Rhetorik ist zurzeit, dass sich Japan angeblich im Falle eines Angriffs nicht verteidigen dürfte. Der Eindruck scheint in vielen Schichten der Bevölkerung entstanden zu sein, die das nun befürworten.
Botschafter von Werthern: ​Dass sich Japan selber verteidigt, ist schon immer möglich gewesen durch die Interpretation des Artikels 9 und die Aufstellung der Selbstverteidigungskräfte.

Aber irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, und dann wird der japanische Staat ein echtes Problem haben.

Tabibito: ​Sie haben ja vor einiger Zeit auch Volkswirtschaft studiert.
Botschafter von Werthern: ​ Vor sehr langer Zeit, ja.
Tabibito: ​Was sagt der Volkswirt in Ihnen in Anbetracht der japanischen Schuldensituation?
Botschafter von Werthern: ​Die Schulden sind, wenn man die reinen Zahlen anschaut, schon atemberaubend: Fast 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Andererseits gibt es das Argument, dass die japanischen Staatsschulden fast zu 100 Prozent von Japanern selbst gehalten werden – es gibt also keine Auslandsverschuldung, sodass die Gefahr eines Zusammenbruchs dadurch, dass sich zum Beispiel Ausländer von japanischen Staatspapieren trennen, und dass es dadurch riesige Wechselkursverwerfungen und mehr gibt, nicht besteht. Trotzdem muss natürlich auch eine Verschuldung, die im Inland gehalten wird, bedient werden. Das geht verhältnismäßig leicht, wenn die Zinsen niedrig sind. Aber irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, und dann wird der japanische Staat ein echtes Problem haben. Dies umso mehr, da ja noch enorme demografische Probleme hinzukommen – größere, als wir sie in Deutschland kennen. Denn die Japaner bekommen genauso wenige Kinder wie wir, aber sie werden noch viel älter, und das wird eine weitere Belastung des Staatshaushaltes mit sich führen. Und da ist der Rat der Experten teuer.
Tabibito: ​Die Deutsche Botschaft kümmert sich wie, ja, wie jede Botschaft in jedem Land, zu einem gewissen Grade um die deutschen Staatsbürger in Japan. Über wie viele Deutsche sprechen wir da?
Botschafter von Werthern: ​ Wir wissen es nicht genau. Wir schätzen etwa 6.000. Wir ermutigen alle Deutschen, sich bei der Botschaft online zu registrieren. Das geht auch ganz leicht über die gemeinsame Website von Botschaft und Generalskonsulat (www.japan.diplo.de). Denn wir möchten gerne die Deutschen erreichen im Falle einer Katastrophe. Ich halte das auch deswegen für wichtig, weil der deutsche Anteil an den Ausländern in Japan verschwindend gering ist. Also wenn die Japaner, sagen wir mal im Fall einer großen Katastrophe, an Ausländer denken, denken sie zunächst an Chinesen, Koreaner und so weiter. Das heißt, uns als Botschaft wird in einem solchen Fall eine große Verantwortung zukommen. Und dafür wäre es gut, wenn wir wüssten, wie wir unsere Landsleute erreichen können. Es registrieren sich aber nicht alle, und man ist dazu auch nicht verpflichtet.
Tabibito: ​ Es gibt ja seit geraumer Zeit den „Fonds für hilfsbedürftige Deutsche“ in Japan, einst als Dittman-Fond bekannt. Was macht der Fond? Was geschieht da eigentlich?
Botschafter von Werthern: ​Der BDF genannte Fond kümmert sich um Deutsche, die hier in Japan in Not geraten. Auf den ersten Blick kommt einem das etwas merkwürdig vor, es gibt aber doch immer wieder Fälle. Zum Beispiel deutsche Frauen, die mit japanischen Männern verheiratet waren, inzwischen geschieden oder verwitwet sind, und die Mühe haben, die Ausbildungskosten für ihre Kinder zu bezahlen. Es gibt natürlich auch ein paar, glücklicherweise nicht sehr viele, deutsche Familien, die mit Krankheit oder sonstigen Dingen zu kämpfen haben, wo einfach die Finanzierung und manchmal auch die Basis dafür fehlt, um sich hier im Sozialsystem oder überhaupt in der japanischen Gesellschaft zurechtzufinden. Da hat der BDF eine wirklich sehr wichtige Aufgabe, die natürlich auch unsere Arbeit in der Botschaft sehr erleichtert, indem er Geld sammelt und es diesen Familien zur Verfügung stellt, sowie ihnen auch mit Rat und Tat zur Seite steht.
Tabibito: ​ Wie viele Leute, schätzen Sie, werden so unterstützt?
Botschafter von Werthern: ​Das weiß ich gar nicht, denn ich bin nicht Mitglied des BDF, und das unterliegt natürlich auch der Schweigepflicht. Um zum Beispiel einem Kind die Schulausbildung oder auch ein Studium zu bezahlen, ist in Japan eine Menge Geld notwendig. Deswegen macht der BDF auch jedes Jahr im Residenzgarten sein Sommerfest, zu dem man zugegebenermaßen ziemlich teure Tickets kaufen kann. Das Geld geht eben alles in die Arbeit des BDF und – wenn ich ein bisschen Reklame dazu machen darf – ist auch eine schöne Gelegenheit, bei normalerweise gutem Wetter, deutsches Essen und Getränke im Residenzgarten zu genießen und an einer Tombola teilzunehmen, wo es auch schicke Preise gibt.
Tabibito: ​Um einmal zur Botschaftssituation von vor vier Jahren zu kommen. Sie haben ja gesagt, dass sich die Botschaft zum Beispiel im Falle einer neuen Katastrophe um die Mitbürger im Land kümmert, nur haben das viele Deutsche, ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht, sich vor fünf Jahren, ja, im Stich gelassen gefühlt, weil die Botschaft relativ schnell im Vergleich zu anderen Botschaften nach Ōsaka umgezogen ist und auch viele Leute keine Benachrichtigung erhalten haben. Wenn jetzt wieder ein schweres Erdbeben geschieht, und wenn dann vielleicht auch noch das AKW in Niigata wieder in Betrieb gegangen ist und havariert – würde irgendwas anders laufen? Es gab ja zum Beispiel Town-Hall-Meetings mit Ihrem Vorgänger. Gab es irgendwelche Konsequenzen oder Schlüsse, dass irgendetwas anders gemacht werden wird?

Natürlich ist ein solcher Vorfall wie 2011 nicht im Voraus planbar. Es bricht immer – das ist völlig unvermeidlich – erst mal das große Chaos aus.

Botschafter von Werthern: ​Wir haben versucht, so viel wie möglich aus der damaligen Situation zu lernen. Ich habe ja, als ich hier ankam, auch noch ein Town-Hall-Meeting gehalten, und habe zum Beispiel die Deutschen aufgefordert, sich bei uns zu registrieren, habe versucht, auf die vielfältigen Fragen einzugehen. Wir halten auch in der Botschaft seitdem jedes Jahr eine große Krisenübung ab, in der wir – auch weil unsere Belegschaft ja ständig wechselt – versuchen, uns ganz praktisch auf eine solche Situation einzustellen. Also das wird sozusagen unter echten Bedingungen gespielt. Wir haben ja einen Verteidigungsattaché hier. Die Soldaten wissen, wie man solche Übungen macht und wie man da auch Szenarien einspielt, die realistisch sind. Da kommt so mancher, einschließlich meiner Person, schon ins Schwitzen. Aber es ist gut, dass wir uns darauf einstellen. Wir wollen in Zukunft diese Übungen auch ausweiten, indem wir zum Beispiel die deutsche Schule in Yokohama oder das Goethe-Institut, die Handelskammer und so weiter, deren Rolle wir bisher nur gespielt haben, auch einbeziehen, sodass ich glaube, dass wir verhältnismäßig gut vorbereitet sind. Natürlich ist ein solcher Vorfall wie 2011 nicht im Voraus planbar. Es bricht immer – das ist völlig unvermeidlich – erst mal das große Chaos aus. Aber je besser man sich darauf eingestellt hat, desto schneller kriegt man das Chaos dann auch in den Griff. Zu Ihrer Bemerkung über die Verlagerung der Botschaft nach Ōsaka-Kōbe – da war ich ja noch nicht hier, aber wenn ich es recht verstehe, stand man damals vor der Frage „Was passiert, wenn die radioaktive Wolke nach Tokio kommt? Ist es dann nicht besser, wir operieren von einem Gebiet aus, in dem wir einigermaßen sicher sind, als dass die Botschaft, wenn sie hier geblieben wäre, vielleicht völlig außer Funktion gesetzt wäre?“ Es hätten dann alle im Keller gesessen und gar nichts mehr tun können. Damals ist die Entscheidung gefallen, dass es vernünftiger ist, zu verlagern. Aber natürlich ist das auch immer eine Frage der Kommunikation. Andere haben es anders entscheiden. Im Nachhinein sind wir natürlich auch klüger. Aber im Nachhinein sieht immer alles leichter aus, als wenn man in der Situation steht.
Tabibito: ​Dann wollen wir hoffen, dass es so schnell nicht wieder zu der Situation kommt.
Botschafter von Werthern: Dazu kann ich nur Amen sagen.
Tabibito: ​ Dann möchte ich mich herzlich bei Ihnen für das Interview bedanken.
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8. Allgemeiner Bloggergipfel

September 23rd, 2016 | Tagged , | 18 Kommentare | 749 mal gelesen

bloggergipfel2016Und schon ist wieder ein Jahr rum – Zeit für ein neues Bloggertreffen! Und zwar wird dies bereits die achte Auflage. Der Name “Bloggergipfel” soll dabei niemanden abschrecken – gerne sind auch Blogvoyeure eingeladen.

Im Gegensatz zu vergangenen Jahren steht dieses Mal sogar ein konkreter Termin im Raum: Sonnabend, der 5. November. Der folgende Sonnabend (12. November) würde als Ausweichtermin auch gehen, falls zu viele Leute nicht am 5. November können. Die Regeln sind wie immer:

1. Das Treffen findet in Tokyo statt – innerhalb oder nahe der Yamanote-Linie
2. Bowling, Billard oder was weiss ich, als Vorspiel quasi, sind machbar.
3. Partner können gern mitkommen – ebenso Leute, die einfach nur dabei sein wollen.

Deshalb erstmal eine Frage in die Runde: Wer will? Wer kann? Gibt es Ortsvorschläge? Bessere Vorschläge als die obigen? Also, bitte leitet diesen Artikel weiter und hinterlasst einen Kommentar, wann es Euch passt und wo es Euch passt!

Falls jemand dieses Jahr den 幹事 machen möchte, bitte melden! Freiwillige vor!

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7. Allgemeiner Bloggergipfel

November 13th, 2015 | Tagged , , | 8 Kommentare | 793 mal gelesen

Bloggergipfel – mit Dank an Thuruk für das Logo!Und schon ist wieder ein Jahr rum – Zeit für ein neues Bloggertreffen! Und zwar wird dies bereits die siebte Auflage. Der Name “Bloggergipfel” soll dabei niemanden abschrecken – gerne sind auch Blogvoyeure eingeladen.
In einigen Jahren fand das Bloggertreffen am gleichen Tag wie der Adventsbasar in der Kreuzkirche statt, und die Idee finde ich nach wie vor nicht schlecht. Deshalb stelle ich einfach mal Sonnabend, den 28. November, als Möglichkeit in den Raum.

Ich weiss noch nicht, was genau und wo genau, aber um wenigstens etwas festzulegen:

1. Das Treffen findet in Tokyo statt – innerhalb oder nahe der Yamanote-Linie
2. Bowling, Billard oder was weiss ich, als Vorspiel quasi, sind machbar.

Deshalb erstmal eine Frage in die Runde: Wer will? Wer kann? Gibt es Ortsvorschläge? Bessere Vorschläge als die obigen? Also, bitte leitet diesen Artikel weiter und hinterlasst einen Kommentar, wann es Euch passt und wo es Euch passt!

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Stichtag 8. Juli: Alien Registration Cards werden ungültig

April 29th, 2015 | Tagged , | 3 Kommentare | 1874 mal gelesen

Im Dezember vergangenen Jahres hörte ich bei der Wiedereinreise zum ersten Mal davon: „Denken Sie daran, dass ihre Karte im Juli dieses Jahres ungültig wird“. Und zwar ungeachtet dessen, was auf der Karte selbst draufsteht. Meine „Alien Registration Card„, so hiessen die Karten nach amerikanischem Vorbild, ist zwar bis 2020 gültig, aber das zählt nicht mehr.
Vor kurzem flatterte dann auch eine Karte der Ausländerbehörde (入国管理局 nyūkoku kanrikyoku – genauer übersetzt: „Immigrationsverwaltungsamt“)) ins Haus: Ich solle bitte meine Karte umtauschen, und zwar bis spätestens zum 7. Juli. Dazu noch die Empfehlung, dass lieber vor Mai zu tun, da man im Mai und Junimit einem Ansturm auf die Ämter rechnet. Das mag anfangs verwundern, schliesslich ist der Ausländeranteil mit unter 2% sehr gering. Entsprechend gibt es aber auch nur sehr wenige Ausländerbehördenämter: Im Grossraum Tokyo mit seinen rund 30 Millionen Einwohnern gibt es 15 Ämter beziehungsweise Zweigstellen. Kawasaki, immerhin eine Millionenstadt, hat nur eine kleine Zweigstelle, und das war es auch schon.

Ausländerbehörde (Zweigstelle)

Ausländerbehörde (Zweigstelle)

Natürlich haben die Ämter am Wochenende und an Feiertagen nicht auf (so natürlich ist das allerdings nicht, denn Rathäuser haben sehr wohl oftmals am Sonnabend oder Sonntag geöfnet).
Heute war der Zeitpunkt günstig, Ich war auf dem Weg zu einem Kunden, und auf dem Weg liegt die Zweigstelle für Kawasaki. Es ist erst das zweite Mal in meinem Leben, dass ich in Japan selbst zur Ausländerbehörde gegangen bin. Das erste Mal war 1998, und zufälligerweise war es die gleiche Zweigstelle. Ich konnte mich noch gut an den etwas rauhen Ton erinnern. Damals wollte ich, mit dem Internet war es ja noch nicht so weit her, herausfinden, ob ich als Austauschstudent arbeiten darf und wenn ja wie lange, und ob ich das anmelden müsse. Die Antwort war, nun ja, nicht ganz das, was ich erhofft hatte: Ja, ich dürfe etwas arbeiten, müsse aber vor Arbeitsantritt den Arbeitnehmer bei der Ausländerbehörde angeben und bekäme dann eine Arbeitserlaubnis. „Aber ohne Arbeitserlaubnis darf mich doch keiner anstellen, oder?“ versuchte ich mich noch zu vergewissern. „Ja, das stimmt“, war die Antwort. Ohne Arbeitserlaubnis keine (legale) Arbeit. Ohne Arbeit keine Arbeitserlaubnis. Alles klar. Was man mir allerdings nicht mitteilte, war, dass man durchaus als Student ohne diese Formalitäten arbeiten kann, wenn auch nur begrenzt. Und so war letztendlich alles kein Problem.

Halb zehn kam ich bei der Behörde an. Dutzende waren bereits da, aber das Chaos hielt sich in Grenzen. Ab und an fuchtelten Ausländer aus aller Herren Länder planlos mit Formularen herum, und die Anmeldeschalterdame war bereits, 30 Minuten nach Öffnung, angesäuert. Dabei muss man eigentlich nur etwas Japanisch können, und sich das Formular vorher durchlesen – dann wird auch sie etwas freundlicher. Dass man in Japan nicht vordrängelt, scheint sich auch noch nicht herumgesprochen zu haben. Dass man erstmal schaut, ob es an den zahlreichen Formularausfülltischchen auch Kugelschreiber gibt, bevor man sich vordrängelt und in brüchigem Englisch „Pen! Where is pen!“ kräht, sollte eigentlich auch selbstverständlich sein. Letztendlich ging alles jedoch relativ schnell. 3×4 cm grosses Passfoto, „darf nicht älter als 3 Monate sein“ (meins war vier Jahre alt, aber ich altere ja nicht), Reisepass, alte Alien Registration Card und einseitiges Formular herübergereicht und Nummer bekommen. Wie lange das ungefähr dauern würde? „30 Minuten, vielleicht ein bisschen mehr“ wurde mir gesagt, und als ich nach knapp 30 Minuten wiederkam, war ich auch schon bald an der Reihe. Und bekam meine entwertete Karte sowie die neue Zairyū Card mit meinem jung gebliebenen Antlitz zurück. Geht doch. Man sieht sich in 7 Jahren wieder, denn so lange ist diese Karte gültig.

In diesem Sinne – wer noch im Besitz einer alten Alien Registration Card ist, sollte sich langsam aber sicher auf die Socken machen.

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Der Osten macht sich im Osten breit

März 13th, 2015 | Tagged | 16 Kommentare | 2665 mal gelesen

Wenn man lange genug in Japan wohnt – und ein „Freund voller Fleischtöpfe“ ist, um mal Bertold Brechts Leben des Galilei zu zitieren – kennt man nach nicht allzu langer Zeit seine Bezugsquellen für Stoff jeglicher Art. Wo man welchen Käse bekommt zum Beispiel. Oder anständiges Bier. Oder Mohn. Ganze Muskatnüsse. Wacholderbeeren. Rhabarber. Die Liste würde lang werden. Wahrscheinlich könnte ich damit einen kostenpflichtigen Infodienst gründen.

Trotzdem gibt es manchmal Überraschungen. Radeberger zum Beispiel ist mir im vergangenen Jahr zum ersten Mal aufgefallen, und es ist sogar, vergleichsweise, mit rund 2 Euro pro kleiner Dose recht bezahlbar. Köstritzer Schwarzbier war übrigens schon lange vorher in Japan, aber ich hab es mit dem Schwarzbier nicht so. Überrascht hat mich jedoch vor ein paar Tagen, was mich da aus dem Regal eines Spezialitäten-aus-aller-Welt-Laden anstarrte:

spreewaldhof

Sieh mal einer an – Spreewaldhof! Aus der Heimat! Kostet zwar drei Mal so viel wie in Deutschland, aber das läßt sich nun mal nicht ändern. Ob ich es gekauft habe? Letztendlich nicht, da ich kein grosser Fan von Konservenessen bin. Immerhin ist Ostdeutschland damit in Japan bereits durch zwei Sorten Bier, Spreewaldhof und dem Ampelmännchen vertreten. Als nächstes bitte ich dann um Bautz’ner Senf und Nudossi.

Und doch gibt es noch immer Dinge, die ich auch in 10 Jahren noch nicht gefunden habe. Räucherspeck zum Beispiel. Nein, keine Pancetta oder Lard, sondern schlichter Räucherspeck. Ich habe mich mal mit einem Metzger in Japan darüber unterhalten, und er meinte, dass die Schweine in Japan keine so dicke Schwarte haben. Ach, und wo wir schon bei Konserven sind: Anständige Tiefkühlpizzen vermisse ich, dass gehörte früher einfach zu meiner Diät und musste ersatzlos gestrichen werden. Das ist aber wahrscheinlich letztendlich auch besser so.

Wer hat noch Tipps zu deutschen Lebensmitteln in Japan – abseits von Seijō Ishii, National Azabu und Meidi-ya? Dann nur her damit!

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For the records: Wie man aus dem Ausland eine Kreditkarte in Deutschland bestellt

März 4th, 2015 | Tagged , | 13 Kommentare | 3053 mal gelesen

Der Prozess war so holprig, dass ich mich dafür entschieden habe, eine kleine Anleitung für im Ausland lebende Deutsche zu hinterlassen. Das könnte mitunter sogar der Beginn einer losen Serie werden.

Aber erstmal zum Hintergrund: Obwohl ich im Ausland lebe, habe ich noch immer ein Konto in Deutschland. Das brauche ich einfach mal, denn es ist praktisch. Früher war das alles auch kein Problem: Ich hatte eine Maestro-Karte, und mit der konnte man – lange zumindest – auch in Japan und anderswo Geld abheben. Im Gegensatz zu Japan haben aber deutsche Bankkarten dummerweise eine begrenzte Gültigkeitsdauer (warum eigentlich!?). Und so sendete mir die Targobank, Nachfolgerin der Citibank, eine neue Karte zu: Ohne Maestro, sondern mit V-Pay. Und das ist nur in Europa brauchbar. Überweisungen nach Japan funktionierten auch nicht (Targobank sagt zwar, es geht – aber es funktionierte einfach nicht) – und selbst wenn sie funktionieren würden, hätte es bei jeder Überweisung elendig lange Kontrollanrufe von der japanischen Bank zur Folge. Paypal ginge theoretisch: Man hat ein Paypal-Konto in Deutschland, verbindet es mit seinem Konto in Deutschland, und dann noch ein Paypal-Konto in Japan (oder sonstwo), wo man es ebenfalls mit seinem Konto verbinden könnte. So kann man sich dann quasi selbst Geld überweisen. Jedoch: Paypal verlangt 3,4% Gebühren, und in Japan hat man dann immer noch das Problem, dass die Bank vor Ausführung der Überweisung von Paypal anruft und ein regelrechtes Verhör startet.

Die Targobank hatte wenigstens noch Abkommen mit der Citibank in anderen Ländern. So konnte man selbst mit der V-Pay-Karte bei der Citibank in Japan Geld abheben. Das ging bis Ende 2014 gut – denn danach wurde die Citibank von der SMBC geschluckt und das Abkommen wurde ungültig. Sprich, die Bankkarte ist in Japan nunmehr unbrauchbar.

Da stolperte ich über die Amazon.de-Kreditkarte der LBB. Soll wohl alles sehr einfach gehen – und siehe da, der Antrag ist in ein paar Minuten online erledigt. Am Ende kam dann aber doch – das war absehbar – der Stolperstein: Will man ein Konto eröffnen, muss man persönlich am Schalter erscheinen – oder PostIdent benutzen können. Und so ist es auch bei Kreditkarten: Sie werden mit PostIdent geliefert, es kann also nur der die Karte in Empfang nehmen, der sie bestellt hat. Vollmachten helfen nicht – man muss in Deutschland sein.

Gut ein Jahr forschte ich herum, wie man das umgehen kann. Im legalen Sinne, versteht sich. Bei drei Banken habe ich in Deutschland nachgefragt, und erstaunlicherweise lautete die Antwort immer gleich: Man muss nachweisen, dass man ist, wer man ist, und das kann wie folgt geschehen:

1) Man lässt sich die eigene Existenz von der Botschaft bestätigen
2) Man lässt sich die eigene Existenz von einer Bank vor Ort bestätigen
3) Man findet einen Notar, der dies erledigt

Meine weiteren Recherchen ergaben, dass 1) nicht (mehr!?) möglich ist. Bei der Recherche nach 2) erntete ich Stirnrunzeln bei den Banken in Japan, inklusive der eigentlich international ausgerichteten Citibank: Sowas habe man noch nie gehört, und das macht man einfach nicht. Auch das ist nicht ganz unerwartet: Warum sollte eine japanische Bank das auch machen? Und was für ein Formular soll dafür herhalten? So ein Formular gibt es einfach nicht.

Bleibt also 3). Ich soll also nachweisen, dass ich existiere – und wo ich wohne. Laut Information der Banken in Deutschland reicht dazu eine beglaubigte Übersetzung des Reisepasses. Das hielt ich allerdings ebenfalls für riskant, denn bekanntlich steht im Reisepass keine Adresse.

Meine Kreditkarte wurde derweilen wieder an die Bank zurückgesendet, und die Bank bat mich per Email, anzurufen. Und ich war recht perplex, denn a) beantwortete die LBB Emails schnell, und b) ging sofort immer jemand ans Telefon. Ich war zugegebenermassen beeindruckt. Ich hätte wohl ein paar Monate Zeit, meine Existenz zu bestätigen, wurde mir zugesichert.

Also suchte ich über DinJ einen Notar in Japan. So fand ich Karl Zucchi, ein in Gunma lebender öffentlich bestellter und beeidigter Übersetzer. Mit ihm kam ich schnell ins Geschäft. Ich schickte also einen Scan des japanischen Pendants eines Personalausweises zu ihm, klärte ein paar Details per Email und bekam ein paar Tage später per Post eine beglaubigte Übersetzung zugeschickt. Für Deutsche in Japan kann ich seine Dienst jedenfalls nur wärmstens empfehlen (nein, ich bekomme kein Geld für die Werbung).

Die beglaubigte Kopie schickte ich nebst Begleitschreiben dann zur Bank, mit der Bitte, entweder die Karte nach Japan zu schicken, oder falls das nicht ginge, an meine Eltern in Deutschland. Ohne PostIdent. Und siehe da: Eine gute Woche später kam die Karte wohlbehalten an. Mit einem Aufkleber, dass ich telefonisch den Erhalt bestätigen soll. Das tat ich dann auch – via Skype – und wieder: Das Telefon klingelte zwei Mal, und … ein echter Mensch! … beantwortete das Telefon. Die Bestätigung dauerte ein wenig länger, da ich ja „ein Sonderfall“ sei, aber letztendlich war alles in Ordnung.

Ein Jahr Recherche, viel Kopfschütteln und unzählige Fehlinformationen später halte ich also eine deutsche Kreditkarte in der Hand. Mit der ich Geld von meinem deutschen Konto in Japan abheben kann. Beziehungsweise könnte. Ich werde sie wohl nur sehr selten benutzen, aber jetzt weiss ich wenigstens, dass ich könnte, wenn ich wollte – vorher wäre das ganze schlichtweg nicht mehr möglich gewesen.

Ich hoffe, diese Information erspart irgendjemanden ein Jahr Recherche!

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Auf der Suche nach DEM Weihnachtsmarkt

Dezember 7th, 2014 | Tagged | 5 Kommentare | 2615 mal gelesen

Weihnachtsmarkt in Yokohama

Weihnachtsmarkt in Yokohama

Kinder lieben Weihnachtsmärkte. Das weiss ich ziemlich genau, denn ich war selbst mal ein Kind. Auch wenn es schon eine Weile her ist. Meinen Kindern will ich diese Freude nicht vorenthalten. Aber wohin nur, wenn man in Japan ist? Einmal waren wir auf einem Strassburger Weihnachtsmarkt im Kokusai Forum in Yurakucho / nahe Bahnhof Tokyo. Konnte man völlig vergessen. Ein ander Mal waren wir beim Weihnachtsmarkt in Roppongi Hills. Das war einfach nur traurig. Ein ander Mal (genauer gesagt im vergangenen Jahr) zog es uns zum Weihnachtsmarkt in die Kreuzkirche – eine deutsche, evangelische Kirche in Shinagawa. Und siehe da, es war tatsächlich ein bisschen wie ein Weihnachtsmarkt, und man hörte natürlich viel Deutsch.

Dieses Jahr haben wir es leider nicht zur Kreuzkirche geschafft, da uns erst das Wetter und dann die Familie in die Quere kam. Deshalb sind wir heute zum Weihnachtsmarkt in センター北 (Center-Kita, Tsuzuki-ku, Yokohama) getapert. Der war mal völlig anders: Es gab rund 10 echte Weihnachtsmarkthütten, kaum Kommerz – und kaum Leute! Das mag am Wetter gelegen haben, denn für Tokioter Verhältnisse war es ziemlich kühl. Und es gab einen Kinderchor. Der natürlich unbedingt den Titelsong von アナと雪の女王 (Anna und die Schneekönigin – auf deutsch heisst der Streifen wohl „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“) singen musste. Vor diesem Lied gibt es in Japan wirklich gar kein Entrinnen. Kein Wunder: Der Film war hier 11 Wochen lang auf Platz 1, und ich habe hier noch kein Kind gesehen, dessen Augen nicht leuchten, wenn sie das Lied hören.

Wir hatten erst eine gute Stunde vor unserer Ankunft Ramen gegessen, und so wurde mein Angebot an die Kinder, ihnen ein Stück deutschen Kuchen oder etwas anderes Süsses zu kaufen, ausgeschlagen. Nicht, weil sie etwa satt waren. Sondern weil sie unbedingt Bratwurst essen wollten. Die Eltern gaben sich mit einem Glühwein zufrieden, aber der war ziemlich enttäuschend: Ein halber Pappbecher voll, lieblos direkt aus der Flasche eingegossen, für 700 Yen (gute 5 Euro). Natürlich haben wir erst danach gemerkt, dass es eine Bude gab, in der richtiger Glühwein verkauft wurde.

Was freilich bei einem Weihnachtsmarkt in Tokyo und Umgebung fehlt, sind die Minustemperaturen. Aber egal – den Kindern hats gefallen, und das ist das wichtigste. Mal sehen, wo es nächstes Jahr hingeht.

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6. Allgemeiner Blogger (und Blogleser)gipfel

November 12th, 2014 | Tagged | 7 Kommentare | 3696 mal gelesen

Bloggergipfel - mit Dank an Thuruk für das Logo!

Bloggergipfel – mit Dank an Thuruk für das Logo!

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, die Geschäfte packen die Weihnachtsdeko raus und den frierenden Bäumen werden wärmende Lichterketten umgehängt. Pünktlich zur Saison sind die japanischen Kühe mal wieder am Ende ihrer Kräfte, und man kann nur noch mit Ersatzbutter backen. Keine Frage: Es wird wieder Zeit für ein Bloggertreffen. Numero 6 ist es dieses mal. Bisher hat sich der Aufruf immer an aktive Blogger gerichtet, aber es ist auch jeder eingeladen, der in Tokyo oder Umgebung weilt und einfach nur wissen will, wer hinter all den Blogs steckt. Darum eine Frage in die Runde: Wer kann? Wer will?

Im vergangenen Jahr fand das Bloggertreffen am gleichen Tag wie der Adventsbasar in der Kreuzkirche statt, und die Idee war an sich nicht schlecht. Deshalb stelle ich einfach mal Sonnabend, den 29. November als Möglichkeit in den Raum.

Wer Interesse hat, bitte einen Kommentar und/oder eine Email hinterlassen (contact@tabibito.de) und alles andere regeln wir schon. Vorschläge sind ebenfalls willkommen (letztes Jahr war es Bowling), aber nach Möglichkeit sollte der Treffpunkt in der Nähe der Yamanote-Linie liegen.

Natürlich kann jeder seine Begleitung – ob handzurrend oder nicht – mitbringen!

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Live in Shibuya: Tocotronic

Oktober 17th, 2014 | Tagged | Kommentare deaktiviert für Live in Shibuya: Tocotronic | 504 mal gelesen

Zur Abwechslung mal ein Veranstaltungstipp: Am kommenden Mittwoch, dem 22. Oktober, spielt Tocotronic in Tokyo – und zwar im relativ kleinen Club Garret mittem in Shibuya. Organisiert wird das ganze interessanter- wie lobenswerterweise vom Goethe-Institut. Die Tickets kosten 2,500 yen Vorkasse und 3,000 yen vor Ort. Die Tickets kann man bei jedem Lawson kaufen (L 71896). Mehr dazu hier.

Gut, ich bin kein Fan-Fan von Tocotronic. Aber ein paar Lieder gefallen mir sehr, und es wird sicherlich sehenswert. Zumal ja solche Konzerte, wie hier bereits erwähnt, oftmals die Chance bieten, die Musik in beinahe intimer Atmosphäre zu geniessen: Die Clubs sind meist sehr klein, und da es natürlich nur wenige Fans deutschsprachiger Musik gibt, ist die Zuschauerzahl in der Regel überschaubar.

Und falls Tocotronic in den Genuss kommen, mal im Berufsverkehr mit den Bahnen hier in Tokyo zu fahren, werden sie sich bestimmt vor allem an dieses ihrer eigenen Lieder erinnern:

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Tag der Einheit – aber bitte ohne Pöbel!

Oktober 2nd, 2014 | Tagged | 11 Kommentare | 5544 mal gelesen

In den vergangenen Jahren wurde es zu einer Tradition: Das Fest am Tag der deutschen Einheit, organisiert von der deutschen Botschaft in Tokyo – und zugänglich für jedermann! Ein echtes Fest quasi, so richtig mit Kindern (und dem einen oder anderen Angetütelten). Aber – ein neuer Botschafter ist im Land, und das haben die Deutschen in Japan nun davon. Zitat der Mitteilung der Botschaft in Tokyo:

Liebe Landsleute,

Sie warten möglicherweise an dieser Stelle auf die generelle Einladung zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Ich habe mich nach sorgfältiger Überlegung aber entschieden, zu der Einladungspraxis zurückzukehren, die vor meinem Vorgänger üblich war. Ich möchte nämlich gerne, dass wir noch mehr japanische Gäste erreichen als in der Vergangenheit.

Ich kann mir vorstellen und habe auch schon gehört, dass sich einige von Ihnen, die keine Einladung erhalten haben, darüber wundern oder auch ärgern. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich bitte Sie dennoch um Verständnis für die Entscheidung, die Steuer- und Sponsorengelder, die wir für den Empfang zur Verfügung haben, im Sinne einer ausgewogenen Balance zwischen den verschiedenen Gästegruppen und vor allem auch zur Stärkung der deutsch-japanischen Begegnung noch zielgerichteter einzusetzen.

Nun gut. Leider habe ich es nie persönlich zu der Feier geschafft (dabei liegt mein Büro keine zwei Kilometer entfernt), aber vom Hörensagen her war die Veranstaltung wohl sehr beliebt und natürlich eine gute Gelegenheit, andere Leute kennenzulernen. Sowie mit den Kindern etwas deutsche Atmosphäre zu schnuppern. Ehrlich, das gibt’s! Jedes Mal, wenn ich im Goethe-Institut in Tokyo bin – so alle zwei, drei Jahre ein Mal – fühle ich mich wie in einer anderen Welt.

Die Begründung halte ich allerdings nicht für sehr gelungen: „Steuer- und Sponsorengelder …. im Sinne einer ausgewogenen Balance zwischen den verschiedenen Gästegruppen und vor allem auch zur Stärkung der deutsch-japanischen Begegnung … einzusetzen“. Ja, wer ist denn nun eingeladen?

Eigentlich ist es schade, denn gerade die öffentliche Veranstaltung hat, da bin ich mir absolut sicher, zur Stärkung der deutsch-japanischen Begegnung beigetragen. Feier in der Botschaft? Offen für alle? Weltoffener kann man sich kaum präsentieren.

Logischerweise ist bei der Mailingliste DinJ (Deutschsprachige in Japan) ein, wie sagt man so schön auf Neudeutsch: shitstorm losgetreten wurden. Die Wogen werden sich glätten, aber ein bisschen schade ist es schon.

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