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4 x 6 = 24? Denkste!

Februar 17th, 2015 | Tagged , | 23 Kommentare | 2314 mal gelesen

Mathelehrbuch der 2. Klasse

Mathelehrbuch der 2. Klasse

Neulich kam Töchterchen, zweite Klasse Grundschule, etwas geknickt nach Hause. Eigentlich mag sie ja Mathe, aber dieses Mal gab es keine 100 Punkte, sondern nur 85. Das ist zwar nicht weiter tragisch, schliesslich könnten es cirka 85 Punkte weniger sein, aber das Problem lag daran, dass Töchterchen den Grund für den Punkteabzug nicht verstand.

„Ein Blumenstrauß beinhaltet 6 Blumen. Es gibt vier Sträuße. Wie viele Blumen gibt es insgesamt?“

Als Antwort schrieb Töchterchen also „4 x 6 = 24“. Und eben das ist falsch. Genau wie die folgende Aufgabe:

„Es gibt 9 Bänke. Auf einer Bank finden 7 Menschen Platz. Wie viele Menschen können insgesamt sitzen?“

9 x 7 = 63? Aber nicht doch.

Mathe war früher eigentlich meine Stärke. Beziehungsweise hatte ich keine größeren Probleme damit. An die Anfänge kann ich mich jedoch natürlich nicht mehr erinnern, und von daher hat es nicht viel zu sagen, wenn mir die Begründung für den Punkteabzug völlig unbekannt vorkommt. Ach so, ja, die Begründung lautet wie folgt:

Bei der Multiplikation schreibt man zuerst die Anzahl einer Einheit, und danach wie oft das ganze vorkommt. Richtig ist also:

6 (eine Blume mal 6) x 4 = 24 Blumen

(7 Menschen x 1 Sitzplatz) x 9 Bänke = 63

Auf Japanisch sieht die Regel so aus:

「1つ分の数」×「いくつ分」

Sprich: Anzahl der Untereinheiten * Wie viele Einheiten.

Schau an! Das Ergebnis mag noch so richtig sein – man legt Wert auf die Reihenfolge! Flugs mal etwas recherchiert, und siehe da: Es gibt sogar einen richtig langen Eintrag bei Wikipedia zur Problematik der Reihenfolge bei Multiplikationen. Und dort liest man gar Erstaunliches: Das MEXT (Bildungsministerium) zum Beispiel empfiehlt, die oben genannte, „richtige“ Reihenfolge zu lehren. Letztendlich überlässt jedoch das MEXT den Schulen (bzw. Lehrern) die Entscheidung, OB die „falsche“ Reihenfolge als Punktabzug zu werten ist oder nicht. Wie bitte? Da geht man also an Schule X in Japan, lernt dort das Einmaleins und dass 7 mal 9 = 63 ist – dann wird man an eine andere Schule versetzt und erfährt dort, dass 7 mal 9 nicht das gleiche ist wie 9 mal 7?

Im Wikipedia-Eintrag erfährt man auch, dass in den USA wohl die umgekehrte Reihenfolge unterrichtet wird – „Verstösse“ jedoch nicht geahndet werden.

Warum man nun in Japan so viel Wert darauf legt, diese „Regel“ (deren Sinn sich mir wirklich nicht vollständig erschliesst) durchzusetzen, ist mir unbekannt. Da bin ich dann wohl doch zu sehr ergebnisorientiert. Sicher, Regeln helfen – wenn sie helfen. Aber in diesem Fall scheint die Regel nur eins zu tun: Die Kinder zusätzlich zu verwirren. Im japanischen Internet scheinen sich sehr viele Eltern – zurecht – darüber zu ereifern. Der Tenor – und das gilt nicht nur bei Mathematiklehrbüchern – lautet: „Warum müssen Kinder, exakt nach unsinnigen Inhalten in Lehrbüchern schreiben, um keine Punkte zu verlieren?“. Gute Frage. Aber die Qualität japanischer Schullehrbücher lässt im Großen und Ganzen sowieso zu wünschen übrig. Da werden keine frei denkenden Menschen gebildet, sondern Ja-Sager.

Interessanterweise sollte noch vermerkt werden, dass im ganzen Mathelehrbuch der 2. Klasse kein Wort von dieser Regel steht. Das wird wohl nur in Begleitmaterialien erwähnt. Und entweder hat die Lehrerin die Regel nicht gut erklärt, oder meine Tochter war mit etwas anderem beschäftigt. Die Chancen stehen 49:51. Oder 51:49?

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