You are currently browsing posts tagged with Bergsteigen

Fuji-san

August 19th, 2011 | Tagged , | 13 Kommentare | 3209 mal gelesen

Mal was anderes zur Abwechslung: Morgenkaffee um 4:00 auf 3,776 m Höhe. Am wahrscheinlich einzigen Ort in Japan, an dem man für Toilettenbenutzung bezahlen muss. Am wahrscheinlich einzigen Ort in Japan, an dem man 400 Yen für ein Getränk aus dem Automaten bezahlen muss. Der Fuji-san (fälschlicherweise nachwievor häufig „Fujiyama“ genannt).

Blick von der 6. Station der Yoshida-Route auf Yoshida / Kawaguchi-ku (mit Gewitter)

Seit 15 Jahren wollte ich da rauf, und endlich hat es geklappt. Während dieser Sommerferien hatte ich endlich Zeit dazu. Man kann nur im Sommer rauf als normaler Wanderer, ansonsten ist es aufgrund der Witterungsverhältnisse für Laien zu gefährlich. Los ging es 19:30 mit einem Expressbus der Keiō-Linie von Shinjuku/Tokyo bis zur 5. Station von Kawaguchi-ko (河口湖五合目). Zur Erklärung: In Japan teilt man größere Berge, die häufig bewandert werden, in 10 Stationen auf. An vielen der Stationen gibt es mehr oder weniger kleine Berg- bzw. Schutzhütten. Station 10 befindet sich dabei in der Regel auf dem Gipfel. Die Länge eines Gō richtet sich dabei nicht nach Entfernung oder Höhenmeter, sondern nach der Dauer, die man braucht, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Will heissen, braucht man 10 Stunden, um den Berg X vom Fuß des Berges bis zum Gipfel zu erlaufen, erreicht man die 6. Station (6合目 – roku gōme) nach 6 Stunden. Ein gō wird bei grösseren Bergen manchmal auch noch in 10 Sun (寸) unterteilt: Am Fuji gibt es zum Beispiel eine 7合目9寸 (7-gōme 9-sun)-Station.
Aber genug der Mathematik. Wie die Form des Fuji-san schon erahnen lässt, ist es relativ egal, von wo man aufsteigt – es gibt keine senkrechten Wände, ausser im Kraterinneren; nur der Untergrund ist je nach Himmelsrichtung unterschiedlich. Es gibt insgesamt vier Hauptrouten auf den Berg. Die 5. Station markiert dabei den Eingang (口 – -guchi) zu den Routen:

– 吉田口 (Yoshida-Eingang, auch 河口湖口 Kawaguchi-ko-Eingang genannt) im Norden
– 富士宮口 (Fuji-no-miya-Eingang) im Südosten
– 御殿場口 (Gotemba-Eingang) im Osten
– 須走口 (Subashiri-Eingang) zwischen Yoshida- und Gotemba-Eingang).

Route Höhe 5. Station Entfernung Aufstieg Entfernung Abstieg Zeit für Aufstieg Zeit für Abstieg
Yoshida 2’305 m 7,5 km 7,6 km 5h 30′ 3h 30′
Fuji-no-miya 2’400 m 5,0 km 5,0 km 5h 2h 30′
Gotemba 1’440 m 11 km 8,5 km 7h 30′ 3h
Subashiri 2’000 m 7,8 km 6,2 km 7h 3h 30′

(Quelle: Unter anderem hier)

Die unterschiedlichen Entfernungen für Auf- und Abstieg erklären sich aus der Tatsache, dass Auf- und Abstieg meist getrennt verlaufen – vor allem, um Unfällen durch Steinschlag vorzubeugen. Bei allen vier Routen ist die 5. Station mit Auto und/oder Bus erreichbar, weshalb die meisten ihre Wanderung auf halbem Wege, also an der 5. Station, beginnen und beenden. Für Wanderer ohne eigenes Fahrzeug, die aus der Region Tokyo stammen, ist Yoshida die erste Wahl, denn es fahren Busse direkt von Shinjuku (Tokyo) bis zur 5. Station der Yoshida-Route – die Fahrkarte kostet 2’600 Yen. Besonders praktisch ist der Bus, der um 19:30 von Shinjuku abfährt, denn der kommt gegen 22 Uhr am Fuji an. Die Idee, die dahintersteckt, ist einfach: Man läuft nachts den Berg hoch und schaut sich von oben den Sonnenaufgang an.

Gedränge an der 8. Station

Das ist vor allem im Sommer praktisch, und erst recht am Fuji-san, denn auf den letzten 2,000 Höhenmetern gibt es keinen einzigen Baum und damit keinen Schatten – ein Aufstieg in der Mittagssonne ist sehr schweißtreibend. Im Japanischen gibt es sogar ein eigenes Wort für das „Sonnenaufgang-vom-Berggipfel-schauen“: 御来光 goraikō – „go“ ist ein ehrfurchtbezeugender Präfix, –rai bedeutet „kommen“ und „“ ist das Licht.
Gottseidank hatte ich so etwas schon einmal gemacht: Vor 11 Jahren, beim Aufstieg auf den Mount Sinai (auch: Jabal Mūsā) auf der Sinai-Halbinsel. Der ist zwar nur 2’285 Meter hoch, aber er hat mich trotzdem folgendes gelehrt:

1.) Man friert sich auf einem Berggipfel in der Nacht den Allerwertesten ab. Egal, wie heiss es am Tag war.
2.) Wer rot am Horizont sieht und denkt, dass sei endlich der Sonnenaufgang, irrt: Das dauert noch eine ganze Weile.

Nun, gegen 22 Uhr ging es also los von der Bushaltestelle auf 2’305 m Höhe. Es war angenehm kühl. 45 Minuten später war ich auf 2’700 m Höhe, und gegen Mitternacht auf 3’100 m Höhe. Das war besorgniserregend: Wenn ich so weitermachen würde, wäre ich viel zu früh auf dem Gipfel. Und dann – siehe Punkt 1 oben. Also wurden längere Pausen eingelegt und der Gang ein Schritt runtergefahren. Das war nicht schwer: Mittlerweilen war ich in Gruppen geraten – Reisegesellschaften, bestehend aus einer Busladung von Menschen jeglicher Couleur, die unter Anleitung erfahrener (?) Wanderer den Berg hochschlichen. Es war interessant zu sehen, wie sich alle vorbereitet hatten: Die teuersten, dünnsten Wanderjacken, High-Tech-Stöcke mit Federung, Sprayflaschen mit Sauerstoff, winzige Kopf-LED-Leuchten der neuesten Generation usw.

Auf dem Gipfel

Diese Gruppen zu überholen war nicht ganz einfach. Sie hatten aber einen Vorteil: Geriet man selbst ausser Puste, schleuste man sich einfach in eine solche Gruppe ein und hielt deren Tempo, bis man wieder voller Tatendrang war.
Die Zickzackwege auf den Fuji auf der Yoshida-Route sind relativ breit und nicht sehr steil. Manchmal gibt es Treppen. Nach dem 7-gōme wurde es jedoch etwas steil. Man bewegt sich teilweise krabbelnd fort, manchmal an Seilen festhaltend sowie immer auf der Hut, den Wanderstock des Vordermanns nicht ins Auge oder anderswohin gestochen zu bekommen.
1:30 hatte ich die 3’400 m hohe achte Station erreicht. Danach wurde es allmählich mühseliger: Die Höhe machte sich bemerkbar, man wurde schneller erschöpft und musste mehr Pausen einlegen, zumal die Hangneigung eher zu- als abnahm. Das ging offensichtlich nicht nur mir so, sondern auch den meisten anderen. Im letzten Abschnitt standen schliesslich sogar ein paar Wegweiser mit Leuchtstäben, die mich ermahnten, meine Lampe anzuschalten (das war vorher nicht nötig, denn a) es war Vollmond und b) hatten alle Anderen Wanderer Lampen), mich aufmunterten (nur noch ein bisschen, aber lassen Sie sich Zeit – es sind nur noch 20 Minuten und die Sonne geht erst um 5 auf) und so weiter.

Kurz vor 3 Uhr war es dann doch passiert – ich erreichte den Torii (traditioneller Torbogen für Schreine) am Gipfel. Und war etwas überrascht: Ich wusste, dass es oben Gebäude gab, aber ich hatte nicht eine vollständige Ladenstrasse erwartet. Neben einer schlichten Unterkunft gibt es diverse Restaurants (alles in Holzhäusern), Souvenirstände, sogar Getränkeautomaten. Die Getränke kosten dort allerdings 400 statt normalerweise 150 Yen, da das Heranschaffen der Getränke schwerer ist (bin nicht sicher, ob sie per Hubschrauber beliefert werden, aber es gibt auch ein bulldozerähnliches Gefährt, das bis nahe unter den Gipfel zu fahren scheint). Wasser ist allgemein ein Problem – was nicht als Regenwasser gespeichert werden kann, muss hochgetragen werden. Aus diesem Grund müssen Wanderer auch für die Toilettennutzung bezahlen (200 Yen).

Sonnenaufgang vom Gipfel des Fuji-san

Die Geschäfte und Restaurants öffnen erst 3:30, also hiess es warten. Es war erwartungsgemäss sehr kalt – trotz isolierender Regenjacke, dickem Pullover und zwei T-Shirts. Also setzte ich mich in eins der Restaurants, oder besser, Hütten, um einen Kaffee und eine Nudelsuppe zu bestellen.
Mehr und mehr Wanderer trafen ein – es herrschte Gedränge wie zu Spitzenzeiten in Tokyo’s Bahnhöfen. Aber das war zu erwarten. Allmählich färbte sich der Osten dunkelblau, dann hellblau, dann rot, dann gelb. Grosse Oh’s und Ah’s als die Sonne zum Vorschein kam. Ich machte mich langsam auf den Weg um den Kraterrand. Jener ist mehr als 200 m tief und über 2 km breit. Mit anderen Worten, sehr imposant. Es gibt keine einzige Pflanze, und wäre der Himmel nicht blau, könnte man sich genauso gut auf dem Mond wähnen.

Ken-ga-mine - der höchste Punkt Japans

Noch ein kurzer Anstieg, und ich hatte 剣ヶ峰 Ken-ga-mine erreicht – den höchsten Zacken im Kraterrand – und mit 3’776 m der höchste Punkt Japans. Ziel erreicht. Zeit zum Rückzug nach vollbrachter Bewunderung der Mondlandschaft. Vorbei ging es am Postamt (!), vor dem sich bereits eine lange Schlange gebildet hatte, zum Eingang der Gotemba-Route. Von dort ging es erstmal ab ca. 6 Uhr eine Weile im Zickzack nach unten, aber der Weg war weit weniger steil als die letzten Kilometer der Yoshida-Route. Doch nach ca. 3 km ging es richtig los: Diese Seite des Berges besteht aus einem schwarzen Sand- und

Und Ihr glaubt wirklich, Menschen haben eine Sonde zum Mars geschickt?

Geröllfeld ohne jegliche Pflanzen. Hätte man nicht ein Seil gespannt, würde alles gleich aussehen und man wüsste den Weg nicht. Die Hangneigung ist immer noch recht gross, und da das lose Geröll sehr kleinkörnig und 20 bis 30 cm tief ist, kann man hier – rennen. Nein, nicht normal rennen, sondern man kann kontrolliert runterspringen, in 2 bis 3 m langen Sätzen, beinahe wie man es von den Aufnahmen der Mondlandung kennt. Das ganze hat jedoch mehrere Nachteile. Das „Laufen“ auf diese Art und Weise erfordert Konzentration, da doch hin und wieder grössere Steine herausschauen. Und bei trockenem Wetter hinterlässt der Vordermann eine viele Meter lange Staubfahne aus sehr feinem, schwarzen Staub, der sich überall festsetzt. Auf diese Art und Weite geht es auf
ca. 3 bis 4 km 1’000 m und mehr abwärts. Aufgrund der Hangneigung und der Geschwindigkeit verliert man irgendwann die Orientierung – der Horizont mit den Bergen und Seen erscheint schräg. Ein sehr seltsames Gefühl.
Dieser Weg wird allerdings nach ein paar wenigen Kilometern zur Qual, vor allem, wenn die Hangneigung so gering wird, dass es zum Laufen zu schwer und zum Springen nicht steil genug ist.

Fazit: 1’472 Höhenmeter hochgelaufen (5 Stunden). 2’336 Höhenmeter runtergelaufen (2 Stunden).
Der Fuji-san kann wirklich von Laien bestiegen werden, aber folgende Sachen sollten nicht vergessen werden: Sehr warme Kleidung. Genügend trinken – man trocknet schnell aus in der Höhe. Festes Schuhwerk. Langsam laufen. Langsam laufen. Laaaangsaaaam laufen!

砂走 - Sunabashiri. Die Sandrennroute.

Dabei sollte ich vielleicht anmerken, dass ich unter idealen Wetterbedingungen gelaufen bin: Für einen Berg wie den Fuji-san kaum Wind (selten). Minimaltemperatur auf dem Gipfel 7 Grad (sehr warm). Kein Regen. Unter diesen Bedingungen ist der Fuji-san relativ problemlos begehbar. Aber diese Wetterbedingungen sind selten.

Um 8 Uhr morgens war ich an der 5. Station der Gotemba-Route. Um 9 Uhr fuhr ein Bus zum Bahnhof von 御殿場 Gotemba (30 Minuten, 1’050 Yen). Von dort fuhr 9:35 ein Bus der Odakyū-Linie nach Shinjuku (2 Stunden, 1’600 Yen).

Mehr Photos:

Get the flash player here: http://www.adobe.com/flashplayer

Teilen:  

Mt. Bandai und Aizu Wakamatsu

September 24th, 2009 | Tagged , , , | 11 Kommentare | 1325 mal gelesen

So, heute hatte ich etwas mehr Glück mit dem Wetter: Morgens vereinzelte Wolken, die sich später wohlwollend in Luft auflösten. Ziel war der 磐梯山 Mt. Bandai, ein 1’819 m hoher Berg bei Aizu Wakamatsu. Jener gehört zu einer Vulkankette, und früher gab es zwei Berge namens Bandai: Der kleine und der grosse Bandai. 1881 beschloss der Vulkan Bandai jedoch, etwas aktiver in das Projekt Terraforming einzugreifen: Ohne Vorwarnung explodierte der kleine Gipfel und verschwand daraufhin Richtung Tal. Etliche Dörfer verschwanden, ein Fluss wurde aufgestaut und eine neue Seenplatte entstand.

Soviel steht erstmal fest: Antizyklisch reisen in Japan ist jedes Mal ein Vergnügen: Man hat die gesamte Infrastruktur beinahe für sich allein. So geschehen heute in 猪苗代 (Inawashiro) – der einzige Insasse im Bus Richtung Bandai-Plateau war ich. 750 Yen ärmer und 30 Minuten später war ich in 五色沼入口 (Goshiki-Numa Iriguchi – Eingang zu den fünffarbigen Seen). Dort gibt es einen leichten, ca. 4 km langen Wanderweg vorbei an verschiedenfarbenen Seen.

Dort wimmelt es nur so von Rentnern, und wie es in Japan Usus ist, grüsst man sich mit einem freundlichen Nicken und „konnichiwa“, wenn man sich beim Wandern begegnet.
Nach dem Rundgang ging es endlich los. Erstmal eine lange, staubige Strasse entlang. Dann eine lange Skipiste herauf. Dann geht es in den Wald. Es riecht leicht nach Schwefel, der daran erinnert, dass man sich auf einem nachwievor aktiven Vulkan befindet.
Der Waldweg ist angenehm, aber es geht gut bergauf. Im Vergleich zum Gassan ist der Aufstieg aber noch recht zivil: Man kann sich nahezu ausnahmslos aufrecht durch das Gelände bewegen. Nichtsdestotrotz läuft man fast zwei Stunden lang nur bergauf – kein Wunder: Es gilt, 1’000 Höhenmeter, verteilt auf rund 2 Kilometer, zu bewältigen. Wann hört die Vegetation auf, dachte ich dabei die ganze Zeit: Schaut man von Norden auf den Berg, sieht man nämlich keine Bäume, nur blankes Gestein und fast senkrechte, vulkantypisch sehr bröcklige Wände. Irgendwann bemerkte ich rechterhand einen grossen, roten Hügel: Aha, der Herbst hat hier definitiv schon begonnen. Aber wo ist der Gipfel?
Auf ca. 1,600 m stehen zwei Hütten – dort werden Getränke und Andenken verkauft. Die Besitzer, ein altes Ehepaar, sprechen mich vorsichtig an. Und geben mir einen kleinen Becher mit Kaffee, für umsonst. Sie betreiben den Laden seit vielen Jahren. Sie steigen jeden Morgen hoch und jeden Abend herunter. Im Gepäck: die Getränke, die sie verkaufen. Wahnsinn.
Der Ausblick ist grandios – in der näheren Umgebung gibt es nur einen einzigen Berg, der höher ist – der 西吾妻 Nishi-Azuma, 2’035 m hoch und ebenfalls ein Vulkan. Man sieht die Stelle, an der der kleine Bandai stand, mehr als deutlich. Ein Traumanblick für Geografen und Geologen. Ich bin überrascht, denn der rote Hügel ist bereits der Bandai – von der Hütte sind es nur noch 20 Minuten – die letzten Meter sind wirklich steil, aber man bewegt sich mitten durch Krüppel… nein, Kiefern sind das nicht. Und dann steht man auf dem Bandai und überschaut einfach alles. Ein grandioser Berg und relativ leicht zu ersteigen.

Schnell ein Onigiri verzehrt, die Aussicht genossen und allmählich zum Abstieg klargemacht – es ist immerhin schon 14:30. Die gleiche Route zu nehmen halte ich für langweilig und wähle deshalb die Südroute (bei diesem Berg auch „Vorderseite“ genannt). Vorteil: Ich muss nicht wieder mit dem Bus fahren, sondern kann direkt zum Bahnhof laufen. Nachteil: Andere Wanderer hatten mich schon gewarnt, dass die Route 険しい (steil, schroff) ist. Sie hatten recht. Kein Zickzack, sondern steil den Berg hinunter. Keine Bäume, an denen man sich zur Not festhalten kann, stattdessen loses Geröll und ein Gefälle, dass jeden Fehltritt zur echten Gefahr macht – hier kann man sich an nichts festhalten, es geht einfach steil bergab. Dass die Steine dort zum Teil bimssteinartig sind, macht die Sache nicht einfacher – nicht nur, dass selbst grosse Steine oft unerwartet lose sind, nein, sie zerbröseln teilweise sogar beim rauftreten. Und so geht es auf allen vieren runter.

Das letzte klitzekleine Problem war nur noch, den Bahnhof zu finden. Letztendlich erwies sich der Abstieg als ebenso anstrengend wie der Aufstieg – zumindest erfordert er weit mehr Konzentration. Wer auch immer den Bandai in Angriff nehmen möchte, sei gewarnt: Für die Südroute braucht man eine sehr gute Kondition beim Aufstieg – und gutes Schuhwerk + ein Mindestmass an Erfahrung beim Abstieg.

Seit gestern mittag bin ich übrigens in Aizu Wakamatsu – ein Ort, den jeder Japaner aus den Geschichtsbüchern kennt, da die Stadt historisch bedeutsam ist. Sehr bekannt ist die Geschichte der 白虎隊 (Byakkotai – „Trupp der weissen Tiger“), die während der Meiji-Restauration gegen die kaiserliche Armee für alte Werte kämpfte. Besagte Gruppe sah von einem Hügel die Stadt brennen, und dachte, die Burg sei gefallen (was aber wohl nicht der Fall war). Sie hielten die Lage daraufhin für aussichtslos und so beschloss eine Gruppe von 20 16 bis 17-Jährigen Samurai-Azubis, Seppuku (aka Harakiri) zu begehen. Einer überlebte (die einen sagen, seine Frau fand ihn, andere sagen, ein Bauer fand ihn) und lebte noch bis 1931, die anderen waren „erfolgreich“.
Diese Geschichte ist sehr beliebt in Japan, und sowohl Mussolini als auch die Nazis liebten die Geschichte sehr. Mussolini sandte eine Originalstele aus Pompei:

Darin preist er die „BIACCOTAI“ (vorletzte Zeile). Gezeichnet wurde mit ANNO MCMXXVIII VI ERA FASCISTA – Jahr 1928 – Jahr 6 der Faschisten (Mussolini wurde 1922 Ministerpräsident). Auf der Rückseite würdigt man „Allo Spirito du Bushido“ – das wurde wohl nach 1945 von den Alliierten entfernt, später aber wieder erneuert. Aiuch ein deutscher Gedenkstein, gezeichnet „Ein Deutscher – Den jungen Rittern von Aizu“ von 1935 steht dort – das Hakenkreuz wurde und bleibt bei diesem Stein entfernt.

Wie es der Zufall so will, war gestern in Aizu auch grosses Festival – Mittelalterspektakel auf Japanisch, sozusagen:

Das schönste am Bergsteigen heute – ca. 20 km Längenkilometer und 2,500 Höhenmeter – war erwartungsgemäss das Herumlümmeln im Onsen und das Bier danach. Prost!

Teilen:  

Von Bären und Trampern: Gassan & Yamadera

September 22nd, 2009 | Tagged , , | 16 Kommentare | 1833 mal gelesen

Heute wollte ich nun also mal auf den Mt. Gassan (月山) – ein 1’984 m hoher, zudem auch noch heiliger Berg in der Mitte der Präfektur Yamagata. Um 8 Uhr fuhr der Bus von Yamagata Stadt, und um 9 war ich am Fuss des Berges. In den letzten Tagen war das Wetter typisch für den Herbst hier: Meist heiter, kaum Regen. Das änderte sich jedoch gegen 8:50 – Starkregen. Dann sah es jedoch nach einer Besserung aus, und los ging es: 3 km Strasse bergauf, dann noch mal 2 km Strasse bergauf und danach auf den richtigen Wanderweg.
Und der hatte es in sich: Prinzipiell war es eine sehr steile Naturtreppe mitten durch den Dschungel. Stehenbleiben war keine gute Idee, denn dann wurde man sofort von Myriaden von Mücken überfallen. Weiter oben ging es schliesslich auf nahezu senkrecht stehenden Leitern weiter.

Als ich auf einem Plateau in ca. 1’400 m Höhe ankam (gestartet war ich von 700 m), bot sich mir obiger Anblick: Da gibt’s nichts zu sehen. Alles hing in den Wolken, und die begannen sich auch noch schnell zu senken. Satz mit x – das war wohl nix! Die Vernunft siegte über die Neugier, und ich kletterte zurück. Die Entscheidung war richtig – es fing schnell auch weiter unten an, gut zu regnen.

Unten angekommen, war es bereits 12:30. Nächster Bus nach Yamagata: 16:00. Klasse. Ein älteres Ehepaar, das ich auch schon vorher getroffen hatte, sprach mich an: „Sind sie etwa den ganzen Weg gelaufen?“ – „Ja, wieso?“ – „Haben Sie keinen Bären getroffen? Oben (am Tempeleingang in ca. 1,000 m Höhe) wurde uns gesagt, dass weiter unten an der Strasse vorhin einer gesichtet wurde!“. Nein, den hatte ich nicht gesehen. Übrigens: vor ein paar Tagen fiel ein Bär an einem Parkplatz in der Präfektur Gifu eine Reisegruppe an und verletzte einige Leute.
Hmm, Glück gehabt. Die beiden meinten nur „Da haben Sie ja wirklich Glück gehabt!“. Ich meinte darauf hin: „Naja, ich habe ja immerhin ein Jagdmesser dabei, damit kann man sich im Notfall verteidigen“. Darauf wurde ich etwas verdutzt angesehen- frage mich bloss warum!?

Da kein Bus fuhr, tat ich etwas, was ich ausgiebigst in Europa, aber noch nie in Japan tat: Ich versuchte zu trampen. Und siehe da: das 10. Auto (in etwa) hielt an und nahm mich bis nach Yamagata mit. Ein Ehepaar aus Sendai, und sie waren sehr nett. Geht also auch tatsächlich in Japan.

Immerhin hatte ich so noch Zeit, nach 山寺 Yamadera (=Bergtempel) zu fahren. Der liegt zwischen Sendai und Yamagata, existiert seit dem 9. Jhd. und ist wirklich sehr schön gelegen. Bis man was davon hat, muss man jedoch ordentlich Treppen steigen (das ist aber kein Vergleich zum Gassan).

So, das war seltenerweise mal wieder ein richtiger (wenn auch kurzer) Reisebericht – zu beiden Orten dann mehr später auf diesen Seiten.

Das Wort des Tages: 登山 tozan – „steigen – berg“. Bergsteigen. Hoffentlich habe ich übermorgen mehr Glück…

Teilen: