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Yakuza vs. System

August 27th, 2015 | Tagged | 8 Kommentare | 609 mal gelesen

Der Knopf des Anstosses: Sind Sie über 20 Jahre alt? Hai!

Der Knopf des Anstosses: Sind Sie über 20 Jahre alt? Hai!

Als ich vergangenen Freitag des nächtens in den hiesigen 7-Eleven schlich, um Nachschub zu holen, herrschte im selbigen richtig dicke Luft. Ein etwas kräftiger aussehender Japaner stand an der Ladentheke, schlug alle paar Sekunden kräftig mit der flachen Hand auf die Theke und brüllte auf den Angestellten in seiner typischen grünen Kluft ein. Der wurde immer kleiner, murmelte gelegentlich was von Entschuldigung, gab aber durchaus auch schon mal Widerrede, was den Brüllenden natürlich nur noch mehr anspornte. Das Geschrei fand im feinsten Gangsterjapanisch statt. Nanu? Was war denn da los? Neben mir war lediglich noch ein weiterer Angestellter im Laden, und der tat so, als ob er gerade ganz furchtbar mit dem Einordnen neuer Ware beschäftigt wäre.

Anfangs sah alles etwas bedrohlich aus, beziehungsweise hörte es sich so an, aber bei Yakuza-Dialekt gehört das einfach dazu. Nach ein paar weiteren Tiraden merkte ich jedoch, dass hier keine Schlägerei im Anzug war. Der gute Herr wollte einfach nur etwas Luft ablassen über etwas, was ihn störte. Stein des Anstosses war der Minibildschirm, der an jeder Kasse Richtung Kunde zeigt. Kauft man nämlich in einem konbini Alkohol oder Zigaretten, macht es ordentlich “piep”, und man muss auf dem Bildschirm einen grossen Knopf drücken: Mit dem bestätigt man, dass man über 20 Jahre alt ist. Erst dann kann man die Ware erhalten.

Es war nicht so, dass ich den Schreihals nicht verstehen würde. Was, wenn ein 19-jähriger den Knopf drückt? Dann ist doch alles in Ordnung, oder? Wieso muss ein gestandener 50-jähriger ebenfalls diesen albernen Knopf drücken? All diese Fragen warf der Schreihals den Angestellten vor den Kopf und warf ihm mangelnde Gehirnmasse vor. Und dass sich die Betreiber der Kette mit dieser lächerlichen Prozedur einfach nur aus der Affäre ziehen wollen. Das wurde wunderschön ausgeschmückt. “Du Vollidiot! Wusstest Du eigentlich, dass ich 19 Jahre alt war? Guckst Du, was! Was nun? Na?” – “Äh… 19? Aber… ” – “Siehste! Natürlich bin ich nicht 19! Das sieht doch selbst der größte Trottel! Warum soll ich also diesen blöden Bildschirm abfummeln?” Und so weiter. Er will doch nur spielen…

Natürlich hat der Mann recht. Dass der Angestellte für den Knopf nichts kann, wird er freilich auch gewusst haben. Jedoch steckte der Angestellte in der Klemme, denn in Japan erwartet man, dass der Angestellte voll hinter seinem Brötchengeber steht. Hätte er nun also gesagt “Dafür kann ich doch nichts! Ich mag den blöden Knopf auch nicht”, wäre er sicher noch mehr angebrüllt worden. Wegen Illoyalität und so. Eigentlich konnte der Angestellte nur verlieren.

Irgendwann hatte ich, was ich wollte, bezahlte beim anderen Angestellten und ging. Währenddessen ging die Show drinnen weiter. Irgendwo in Japan, nachts um 1.

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Wo sind nur die Höschen hin?

Juni 26th, 2015 | Tagged , | 5 Kommentare | 1691 mal gelesen

Kurz, kürzer, Bloomer: Das war Japan. Quelle: http://djminamo.blog99.fc2.com/blog-entry-106.html

Kurz, kürzer, Bloomer: Das war Japan. Quelle: http://djminamo.blog99.fc2.com/blog-entry-106.html

Neulich unterhielt sich meine Frau mit einer, nun ja, Kollegin, und man kam auf die sogenannten ブルマー burumaa zu sprechen – der Begriff leitet sich vom englischen Wort “Bloomer” ab: Damenpumphosen. Die sind allen Japanerinnen, die vor den 1990ern die Schulbank drückten, ein Begriff. Und ja – obwohl ich keine Animes schaue – sind diese mir doch in Erinnerung geblieben, als ich beim Zappen auf irgendein Volleyballanime stiess. Bis in die 1990er waren diese Hosen Pflichtkleidung im Sportunterricht für alle Grund- und Mittelstufenschülerinnen, also bis zu 14-jährigen Mädchen. In einigen Fällen waren diese sogar in der Oberstufe Pflicht.

Damenpumphosen waren schon lange Pflicht, doch in den 1970ern kam die ultrakurze Variante, auch als ちょうちんブルマー Chōchin Bloomer bekannt, in Mode. Angeblich aufgrund der zunehmend in Mode kommenden Sportart Volleyball. Nicht gänzlich unverständlich entwickelte sich daraufhin schnell ein regelrechter Fetisch, was jedoch, auch das ist verständlich, den 13, 14-jährigen Mädchen ziemlich auf den Wecker ging, denn in der Regel (sorry, die Zote muss sein) zieht man in dem Alter, beziehungsweise eigentlich in fast jedem Alter, so etwas nicht freiwillig an.

Die Hosen verschwanden jedoch letztendlich in den 1990ern. Und die heute erwachsenen Frauen wundern sich heute, wie so etwas eigentlich möglich war: Wie konnte es sein, dass man gezwungen war, so etwas anzuziehen? Das wäre doch heute undenkbar! Das wirft die berechtigte Frage auf, ob da etwa das japanische Patriarchat ins Schwanken geraten ist. Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie damals ein paar Lustgreise feixend beschlossen, dass alle Mädchen dieses minimalistische Kleidungsstück anziehen müssen, ob sie wollen oder nicht. Das ist heute vorbei – der Trend geht zu längeren Kleidungsstücken, zudem noch beschleunigt durch die regelrecht panische Angst japanischer Frauen vor dem geringsten Sonnenstrählchen, dann man könnte ja den hellen Taint einbüssen, so man ihn überhaupt hat. Japan ist wahrscheinlich das einzige nicht-muslimische Land, in dem Burkini der absolute Renner sind. Aber — dazu muss man kein Mädchen sein — ist es verständlich, dass Frauen heute aufatmen, dass die ultrakurzen Bloomer irgendwann verschwanden.

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Kabe-don | Rosa Heuschrecken

September 5th, 2014 | Tagged , | 1 Kommentar | 5763 mal gelesen

Zum allmählichen Ende des Sommers noch ein Beitrag der eher seichteren Natur. Zum einen wäre da die neue Werbung des berühmten Cup Noodle-Herstellers 日清 Nisshin. Der Trockenfutterproduzent ist seit jeher für ausgefallene, amüsante Werbung bekannt, und auch dieses Mal hat man sich redlich Mühe gegeben. Interessanterweise mit englischen Untertiteln, die auch im Fernsehen gezeigt werden.
Lachen musste ich bei dem Begriff Kabe-don: “Kabe” bedeutet Wand, “-don” ist ein lautmalerisches Wort für klatschen oder plumpsen. In der Tat: Diese Pose, bei der ein Mädchen/eine Frau an der Wand steht und der potentielle Geliebte sich mit einer Hand vor ihr an der Wand abstützt, sieht man recht häufig in Manga. So gesehen liegt die Werbung nicht falsch. Man spielt mit Klischees auf unterhaltsame Weise.

Weithin sichtbar: Rosa Heuschrecke auf grünen Blättern

Weithin sichtbar: Rosa Heuschrecke auf grünen Blättern

Themenwechsel: Auf die Gefahr hin, den einen oder anderen Leser zu langweilen – schliesslich ging es schon im letzten Artikel um Insekten – muss ich hier doch noch etwas zum Thema loswerden. Vorgestern, als meine Frau mit dem Nachwuchs im Park spielte, sprang ihr eine rosa Heuschrecke vor die Füße. So etwas hatten wir auch noch nicht gesehen. Schnell ein Foto gemacht – und dann ging das recherchieren los. Angeblich werden ganz selten mal rosa Heuschrecken (keine Wüstenheuschrecken, wohlgemerkt!) in Japan gesichtet, neulich zum Beispiel in der Präfektur Gunma. Das passiert so selten, dass das sogar im Fernsehen erscheint. Dummerweise hatte man aber kein Insektenkanister dabei.
Das konnte meine Frau nicht auf sich sitzen lassen: Sie wollte unbedingt noch mal in den Park und die Heuschrecke fangen – damit unsere Tochter sie mit in die Schule nehmen kann. Ich scherzte noch: “Schlimmer, als sie nicht mehr zu entdecken, wäre, wenn da plötzlich ganz viele rosa Heuschrecken wären”. Und siehe da: Innerhalb von 15 Minuten fing sie … 4 (vier) rosa Heuschrecken.

Das wäre doch was für Verschwörungstheoretiker: Dengue Fieber in Tokyo und Rosa Heuschreckenplage! Das Ende naht! Fukushima!!! Nun gut. Es dürfte aber interessant zu sehen sein, wie schnell und wie weit sich diese seltsamen Tiere noch ausbreiten werden…

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Batman lebt. In Chiba.

August 25th, 2014 | Tagged | Comments Off | 597 mal gelesen

Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich heute Nachrichten auf Twitter in Japan über – Batman. Da hat sich doch tatsächlich jemand die Mühe gemacht, ein fahrbares Batman-Motorrad zu basteln – und damit im entsprechenden Kostüm über die Autobahn bei Makuhari (Präfektur Chiba) zu brettern. Das Ding hat wohlgemerkt ein amtliches Nummernschild.

Was will Batman hier? Ist er auf der Jagd nach Baikinman? Oder ist er sogar hier, um den bösen Abeman vom Ministerpräsidentensessel zu schubsen? Sollte letzteres der Fall sein, wäre ich gern Robin.

Wer weiss, wer sich dahinter versteckt. Ich hoffe, es ist kein PR-Stunt sondern wirklich jemand mit Humor… und offensichtlich viel technischem Verstand. Auf jeden Fall muss die Fahrt zu den befriedigensten Momenten im Leben des Fahrers gehört haben.

Mehr Fotos und Infos gibt es bei der japanischen Version der Huffingtonpost.

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Angriffslustiger Jaguar

August 8th, 2014 | Tagged , | 1 Kommentar | 3831 mal gelesen

Neulich fiel mir in Roppongi eine riesengrosse Werbung für Jaguar auf: Der Werbeslogan:

ドイツもこいつも、刺激が足りない。
[doitsu mo koitsu mo, shigeki ga tarinai]

Sehr frei übersetzt: “All den anderen fehlt einfach der Pfiff”.
Ein ganz gewöhnlicher Werbeslogan, erst recht für einen Autohersteller der gehobenen Klasse. Die Wörter “doitsu” und “koitsu” gehören zu den ko-so-a-do-Wörtern, mit denen man ausdrückt, wo sich was oder wer befindet:

ko- bedeutet “hier”, also beim Sprecher
so- bedeutet “da”, quasi in Sichtweite des Sprechers
a- bedeutet weiter weg, meist ausserhalb der Sichtweite
do- wird dafür benutzt, zu fragen, wo etwas ist.

Dementsprechend gibt es kochira/sochira/achira/dochira (hier, dort, da drüben, welches?) oder eben koitsu (der Typ hier), soitsu (der Typ da), aitsu (der – nichtanwesende – Typ) und doitsu (eigentlich: welcher Typ?”). Ich benutze bewusst das Wort “Typ”, da “aitsu” usw. wirklich in dieser Nuance benutzt werden.

Jaguar-Werbung in Japan

Jaguar-Werbung in Japan

Zurück zur Werbung: “doitsu mo koitsu mo” bedeutet eigentlich “all die Typen”. Das schöne am obigen Slogan ist allerdings, dass man “doitsu” mit Katakana schreibt, und das macht man eigentlich nur bei Fremdnamen. So geschrieben, bedeutet “doitsu” schliesslich “Deutschland”.

Mit diesem meines Erachtens durchaus einfallsreichen Spruch versucht sich Jaguar, an der deutschen Konkurrenz zu reiben. Da haben sie allerdings reichlich viel zu tun, da deutsche Autos – allen voran Mercedes, seit einiger Zeit sehr stark auch Audi sowie BMW und Porsche – in Japan über alle Masse hinaus beliebt sind. Von daher kann das der deutschen Konkurrenz ziemlich egal sein. Die ist sowieso nicht faul und bringt in Japan recht ansprechende Werbung heraus: Siehe unten, mit Super Mario:

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Ein totales Fukuppy

Oktober 22nd, 2013 | Tagged | 3 Kommentare | 9153 mal gelesen

Macht alle Happy: Das berüchtigte, strahlende Fukuppy

Macht alle Happy: Das berüchtigte, strahlende Fukuppy

Nein, mit dem Namen Fukushima assoziiert man wirklich nicht viel Gutes zur Zeit. Tsunami, Erdbeben und die Atomkatastrophe im AKW Fukushima haben vor gut zwei Jahren innerhalb weniger Stunden dafür gesorgt, dass die ganze Welt plötzlich den Präfekturnamen kennenlernte. Fukushima bedeutet eigentlich “Insel des Glücks”, aber damit ist es bekanntlich seit geraumer Zeit vorbei. Kann es noch schlimmer kommen? Aber ja doch! Indem eine japanische Firma namens Fukushima Industries Corp. beschloss, sich ein Maskottchen zuzulegen. Jenes nennt sich フクッピー, und das macht an sich noch nicht viel aus, wenn man es auf Japanisch (oder auf Deutsch) liest: Fukuppii. Zusammengesetzt aus Fuku- in “Fukushima” und “ppy” wie in Happy. Schlimm wird der Name natürlich, wenn man ihn auf Englisch ausspricht, und das tun englische Muttersprachler ja bekanntermassen oft. Man kann dementsprechend wunderbar Brücken schlagen und umgehend bestätigen, dass TEPCO und die Lage am AKW ein 1A-Fukuppii sind. Klasse! Ein albernes Ei mit roten Schuhen und Flügeln, und die von dem Ungetüm ausgehenden Strahlen machen die Interpretation natürlich noch… eindeutiger.

In englischsprachigen Blogs und anderen Medien machte das armselige Maskottchen schnell seine Runden. Dass Fukushima Industries dabei nicht aus Fukushima stammt, sondern eine Firma aus Ōsaka ist, spielt da nur noch eine untergeordnete Rolle – wer will schon kleinlich sein. Nun, der Name ist in der Tat sehr unglücklich gewählt, und die Wellen schlugen so hoch, dass selbst die Firma davon Wind bekam, und auf seiner Webseite eine Presserklärung auf Englisch veröffentlichte. Dort heißt es am Anfang:

It seems that the transliteration of the name of our corporate mascot into the English alphabet has been mistakenly associated with some unsavory words by people living in English speaking countries, or some content on the Internet may have led to misunderstandings. We apologize profusely for having caused concern and misunderstanding among a great many people.

Ganz schön kess: Das Fuckin Fashion Laboratory.

Ganz schön kess: Das Fuckin Fashion Laboratory.

Immerhin kann man da also von halbwegs professionellem Krisenmanagement sprechen. Und mal ehrlich – dass ein Japaner den Namen so missversteht wie ein Engländer oder Amerikaner, kann man nicht unbedingt erwarten, denn “Fu” liesst man hierzulande nun mal “fu” und nicht “fa”, und “ku” ist “ku” und nicht “ka”. Ergo: Einfach mal Pech gehabt.

Da gibt es durchaus schlimmere Fälle. Nur 100 m von meinem Büro entfernt gibt es eine kleine Boutique, die bei näherer Betrachtung einen interessanten Namen trägt: Fuckin Fashion Laboratory. Das der Namensgeber das F-Wort nicht kennt, halte ich für relativ unwahrscheinlich, und ein japanisches Wort ist das erste Wort auch nicht. Hier wurde, wie es scheint, bewusst ein angeblich ganz schön frecher, provozierender Name gewählt. Ein grobes Fehlurteil – zumindest aus der Sicht eines Zugereisten – denn der Name ist einfach nur eins: Bescheuert.

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Roboter, halbnackte Frauen und Business

Oktober 3rd, 2013 | Tagged , , | 3 Kommentare | 9479 mal gelesen

Roboter + α: Robot Restaurant in Shinjuku/Tokyo

Roboter + α: Robot Restaurant in Shinjuku/Tokyo

Gestern war ein Treffen mit zwei Geschäftspartnern vereinbart – beide gestandene Japankenner aus dem englischen Sprachraum. Einer der beiden hatte auch lange vorher bereits einen angemessenen Ort für das Treffen arrangiert: Das Robot Restaurant in Shinjuku, genauer gesagt im berühmt-berüchtigten Viertel Kabukichō. Aus eigener Erfahrung schlug der Gastgeber vor, sich vorher zum Abendessen zu treffen, da das Robot Restaurant zwar ein Restaurant ist, die Betonung jedoch hauptsächlich auf dem ersten Wort liegt.
Gesagt, getan. Ah, Shinjuku! Vor 15 Jahren war ich quasi jeden Abend in Shinjuku – entweder zum Arbeiten (wochentags) oder zum Vergnügen (Rest). Shinjuku war mein Spielplatz, und dieser Spielplatz war mir von Anfang an lieber als Roppongi. In den letzten Jahren mangelte es allerdings an Gelegenheiten, und so erkannte ich Shinjuku kaum wieder. Wie sehr sich doch alles in ein paar Jahren ändert. Als erstes viel mir eine chinesische Reisegruppe auf, die einem fähnchenschwingenden Reiseleiter hinterherliefen. Na wenigstens sehen sie so das echte. Japan. Räusper.

Das Robot Restaurant liegt mitten in Kabukichō inmitten all der mehr oder weniger zwiespältigen Etablissements, die da Gruppentarife im Massagesalon anbieten und… nein, das wird zu lang. Selbst im gleißenden Kabukichō fällt das noch gleißendere Robot Restaurant sofort auf. Die Preisstruktur ist einfach: 5,000 Yen pro Person (also rund 40 Euro), ohne wenn und aber. Einfach so hingehen ist nicht – man muss vorher reservieren. Dann wartet man im Eingangsbereich, in dem sofort dank des Dekors Tränen in die Augen schiesen. Es glitzert und funkelt, die Sinne überschlagen sich. Und – nach Japanern muss man beinahe suchen. Fast alle Besucher kommen aus dem Ausland. Irgendwann wird man unter die
Erde geführt – drei Stockwerke tief. Dort: Eine kleine Arena, mit drei gestaffelten Sitzreihen auf beiden Seiten und einem breiten Gang in der Mitte. Dort stehen zwei Angestellte und verkaufen Bier aus Plastebechern. Am Eingang bekommt man zudem eine Pappbox mit Essen drin. Ich musste sie nicht erst öffnen, um zu ahnen, warum wir vorher essen sollten. Nein, hier kommt man ganz sicher nicht des Essens wegen hin.

Farbige Panzer und nackte Frauen. Nun ja.

Farbige Panzer und nackte Frauen. Nun ja.

Irgendwann ging es los. Viele aufgetüterte, halbnackte junge Frauen mit Körbchengrössen, die sich nicht mit den ersten drei Buchstaben des Alphabets beschreiben lassen, sprangen grölend, kreischend, schwerter- und fahnenschwingend durch den Raum. Naja, die ganz normale Durchschnittsfrau eben. Dazu gab es Videoinstallationen, einen Kung-Fu-Panda-Abklatsch, der gegen Bösewichter kämpft (die dann quer durch den Raum fliegen) usw. Besonders bemerkenswert: Die Schlagzeugerin mit einem sehr sportlichen, bunten Drachentattoo, welches den halben Körper bedeckte. Alle Achtung. Irgendwann wurden schliesslich noch. Leuchtknüppel verteilt, mit denen man im Rhythmus winken sollte, Und die meisten haben auch ordentlich mitgemacht.

Was vergessen? Ach so, ja, Roboter! Die gab es natürlich auch, in rauhen Mengen und den verschiedensten Formen, bemannt und unbemannt. Dazu seltsame Fahrzeuge und einiges mehr. Nach anderthalb Stunden war die Show zu Ende, und alle verliessen entweder glücklich oder irritiert das Lokal.

Nun, da habe ich mich zum ersten Mal seit langem in eine andere Welt begeben. Und bei allem Kitsch: Wenn man einfach alles um sich vergisst und sich einfach der Sache ergibt, macht das durchaus Spass. Prädikat: Sehr nerdig, aber gut gemacht und, wenn auch nicht immer, so doch größtenteils, sehr unterhaltsam.
Ach ja: Vom Essen würde ich die Finger lassen. Das können die Convenience Stores besser.

Hier noch der Link zur offiziellen Webseite.

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Einfach mal verblüfft sein

September 29th, 2013 | Tagged | 6 Kommentare | 8911 mal gelesen

Heute in der Meguro-Linie. Mit Frau und heute mal nur einem Kind zuckelten wir durch die Gegend. In Okusawa, einer relativ wohlhabenden Gegend, steigt eine sehr fein angezogene Dame in den Zug. An ihrer Seite ein kleiner, etwas dicklicher Mann. Er sah ebenfalls durchaus schnieke aus, aber er redete ohne Unterlass, und die Art und Weise, wie er redete, war irgendwie anders. Irgendwo an der Grenze zwischen Normalsein und Wahnsinn. Erst dachte ich, die Frau und er fahren zusammen, aber scheinbar hat er sich ihr nur angeheftet, denn sie wirkte leicht pikiert. Plötzlich fragte er sie: “Fährt dieser Zug eigentlich zum Tokyo Tower?”. Sie antwortete etwas irritiert “das weiss ich nicht”. Umgehend antwortete er “日本人のくせに東京タワーの場所も知らないのか” – “Was, obwohl sie Japanerin sind, wissen sie nicht mal, wo der Tokyo Tower steht!?”. Meine Frau konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er setzte sich plötzlich woanders hin und redete dort weiter vor sich hin. Es schien immer noch um den Tokyo Tower zu gehen. Keine Minute später kam er zurück, und da sass er nun wieder — direkt vor uns. Und er erblickte mich. “Komm, lass es raus, Junge” dachte ich. Beziehungsweise begann ich zu denken, denn schon schleuderte er mir die gleiche Frage entgegen. Was tun? Ignorieren? Plötzlich kein Japanisch mehr verstehen? Ich entschied mich für ein lautes, klares “うん!” (un, also “ja!”). Und dann kam eine Reaktion, die ich nicht erwartet hätte. Der gute Mann war einfach nur baff. Völlig verblüfft. So verblüfft, dass der Mund offenblieb, und er zum ersten Mal nicht redete. Nun konnte ich mir mein Grinsen nicht verkneifen, aber das verbarg ich dann lieber, indem ich mein Telefon hervorwühlte und interessiert auf das Display starrte. An der nächsten Station mussten wir umsteigen. Keine Ahnung, ob er mit meiner Antwort glücklich war. Wir jedenfalls waren es. Der Gesichtsausdruck war jedenfalls unvergesslich.

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Alles Haare… Oder nicht? Oder doch?

September 9th, 2013 | Tagged , | 3 Kommentare | 10003 mal gelesen

Wo man auch hinschaut – überall, wirklich überall hängt Werbung herum, die sich auf die eine oder andere Art und Weise mit Haaren beschäftigt. Entweder geht es um den Kampf gegen die schleichende Entlaubung auf dem Scheitel (育毛 – ikumō, Haarwuchs) oder es geht um das Herausrupfen selbiger, dann natürlich jedoch nicht vom Scheitel, sondern von vielen anderen, manchmal nicht jugendfreien Stellen. 脱毛 Datsumō, Haare entfernen, heisst das dann, und es soll am liebsten für immer sein. Das ist mittlerweilen so beliebt, dass bereits Oberschülerinnen Extra-Rabatte angeboten werden. Wer weiß, vielleicht schliesst sich ja die eine Industrie mit der anderen kurz und man kann auf “gemeinsame Resourcen” zurückgreifen!? Nein, ich denke lieber nicht weiter.

Neulich im Briefkasten: Werbung für den Business-Baby-Popo

Neulich im Briefkasten: Werbung für den Business-Baby-Popo

Und so sieht das Idealbild entsprechend aus: Sie ist rund 1.68 m groß, hat kullerrunde Augen, glänzende Haare, und zwar nur auf dem Kopf und über den Augen (naja, und dann noch an einer nicht näher benannten Stelle, sonst fällt der Freund noch vor Schreck um), wiegt maximal 50 kg (Nettogewicht, mit Knochen) und von edler, weißer Hautfarbe. Er hingegen kann ruhig etwas dunkler sein, ist mindestens 1,78 m groß, wiegt maximal 70 kg, hat volles, üppiges Haar und keine anderen, irgendwie störenden Haare bzw. Stoppeln im Gesicht oder auf der Brust. Ach, ich verallgemeinere ja schon wieder. Nein, eigentlich nicht, denn dies ist wirklich das, was man als Schönheitsideal hierzulande bezeichnen kann.

Aber sehen wir es mal von der positiven Seite: Wenigstens wird in Japan noch nicht so viel am Menschen herumgeschnippelt wie in Südkorea¹. Schönheitsoperationen stellen einen Trend dar, der in Japan zwar auch nicht zu verleugnen ist – jedoch, die Hemmschwelle für plastische Chirugie ohne Not scheint hier höher zu sein. Da haben die Marketingexperten noch viel zu tun. Interessant zum Thema Schönheitschirurgie ist ein Artikel bei Gawker.com – mit einem hübschen (!) Vergleich aller Miss Korea-Aspirantinnen.

Quelle: Bowzu.com (Haareausrupffirma)

Quelle: Bowzu.com (Haareausrupffirma)

¹ Siehe hier: 74 Schönheits-OP’s pro 10’000 Einwohner in Südkorea, 32 in Japan – beide Zahlen 2009. Keine Quellenbewertung möglich, wohlbemerkt.

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Otaku im Glück

Juli 2nd, 2013 | Tagged , | 32 Kommentare | 7469 mal gelesen

Gut ausgestattet: Otaku im Zug

Gut ausgestattet: Otaku im Zug

Neulich ging es mal wieder zum Zoo von Chiba – Kinder verlustieren. Am einfachsten kommt man dort, so ohne eigenes Gefährt unterwegs, mit der 千葉都市モノレール Chiba Toshi Monorail – ihres Zeichens mit 15 km die längste (Guinness-Rekord) Schwebebahnlinie der Welt. Am Hafen von Chiba beginnt die Linie, und zwei Stationen später ist man schon im Zentrum von Chiba, und sechs oder so Stationen später im Zoo. Normalerweise ist in der Schwebebahn am Wochenende nicht allzu viel los – ein paar alte Leute, ein paar Oberstufenschüler, die von oder zu ihren “außerschulischen sportlichen Aktivitäten” (sprich: bukatsu auf Japanisch) fahren, und hin und wieder ein Ausländer mit zwei quirligen Kindern … Dieses Mal waren jedoch noch mehr Fahrgäste an Bord. Ein paar von ihnen dick bebrillt, alle ziemlich jung, recht verschlossen wirkend und vom Erscheinungsbild her stark nach “cherry boy” duftend. “Cherry boy” ist wahrscheinlich gebräuchlicher in Japan als in Amerika und bedeutet “Jungfrau – männliche Variante”. Was war los? Aufgeregt hopsten die Jungs durch den Wagen, photographierten die ganzen Werbeposter und Sticker und freuten sich wie die Schneekönige. Es war unheimlich. Der Passagier neben mir stand wohl über allem: Er saß da wie ein König, mit teurem Audioequipment (ich habe ein Auge dafür) und Stabmikrofon, das er direkt unter den Waggonlautsprecher platzierte. In der Tat, die Lautsprecherdurchsagen waren irgendwie anders – es war eher ein nerviges Gefiepe (sorry, liebe Anime-fans), eine typische Animestimme, die da ihre Kommentare zu den einzelnen Stationen abgab. Ich schaute mich um: Alle Werbeanzeigen, alle möglichen Aufkleber (selbst die für Notbremse, Feuerlöscher, “Vorsicht an der Tür”), waren mit Mangafiguren verziert.

Endlich am Zoo angekommen, konnte ich es dann auch in groß sehen: Der komplette Zug war einem beliebten Manga mit dem einprägsamen Namen 俺の妹がこんなに可愛いわけがない – Ore no imōto ga konna ni kawaii wake ga nai (die deutsche Wiki übersetzt das mit “Meine kleine Schwester kann gar nicht so niedlich sein”) gewidmet, und das bis ins kleinste Detail. Naja, bis auf den Fahrer, der war natürlich weder Schwester noch kawaii, aber das ist auch gut so. Sollte das eine PR-Aktion der Präfektur Chiba sein, um mehr Leute in die Gegend zu locken? Dass das funktioniert, kann ich mir nicht wirklich vorstellen, schließlich machen die Gerufenen nur ihre Bild- und Tonaufnahmen und verschwinden dann ganz sicher ganz schnell in ihr Kämmerchen… Wikipedia bringt hier natürlich Licht ins Dunkle. Und zwar viel Licht, denn der japanische Beitrag zu besagtem Manga ist mit 48’000 Zeichen schließlich beinahe genauso lang wie der über Deutschland (53’000 Zeichen): Ein großer Teil des Manga spielt in Chiba, und die Schwebebahn spielt im Manga eine große Rolle.

Manga-Schwebebahn

Manga-Schwebebahn

Wenn ich mir die hiesigen Otaku so ansehe, bin ich mir immer nicht sicher, ob ich sie beneiden oder bemitleiden soll. Ihre Hingabe und Leidenschaft ist schlichtweg phänomenal. Diese Leute freuen sich WIRKLICH, wenn sie ihren Idolen irgendwie näher kommen. Aber ich werde nie verstehen, wie man dieser Kultur so nahe kommen kann – letztendlich ist doch alles unecht, Lug und Trug und Kommerz. Aber über Kunst soll man bekanntlich nicht streiten.

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