You are currently browsing posts tagged with Amüsantes

Shibuhallo – wenn Fasching auf Japan trifft

November 1st, 2016 | Tagged , , | Kein Kommentar bisher | 2037 mal gelesen

Halloween ist in Japan seit ein paar Jahren schwer im Kommen — und das nicht nur bei den Kindern. 2012 kamen ein paar Clubs im Tokyoter Trendviertel auf die Idee, sich zusammenzuschliessen und regelrechte Kostümballe zu veranstalten. Und es gibt viele Clubs in Shibuya. Nach zwei Jahren lag die geschätzte Teilnehmerzahl bei über 50’000, doch diese Zahl hat sich 2015 und auch 2016 vervielfacht — wobei es schwer ist, genaue Zahlen zu schätzen, denn bei weitem nicht alle gehen wirklich in die Clubs. Stattdessen brodelt die ganze Gegend zwischen Bahnhof und dem oberen Ende der Dogenzaka. Und dieses Jahr dauert das ganze Spektakel auch noch 4 Tage – vom 28. Oktober bis zum 31. Oktober.

Da ich sowieso in Shibuya umsteigen muss, habe ich mir heute mal das Spektakel kurz selbst angesehen. Die Stimmung rund um den Bahnhof war ausgelassen, und es war extrem voll. Schätzungen gehen davon aus, dass die berühmte „Scramble-Crossing“ genannte Kreuzung pro Tag von einer halben Millionen Menschen überquert wird – während des mittlerweile liebevoll シブハロ shibuharo, von SHIBUya HALLOween genannten Events hingegen von einer Millionen Menschen. Die sind natürlich nicht alle gleichzeitig da, daher die ungenauen Teilnehmerzahlen.

Trotz der enormen Menschenmassen verlief das ganze bisher immer recht friedlich – mit Ausnahme einer Festnahme im Jahr 2015, als ein paar Vermummte einen Polizisten angriffen. Der Vorfall fand in den Medien viel Beachtung, da vielen diese neue Grossveranstaltung ohnehin suspekt ist. Die Polizei hingegen kann nur gelobt werden: Die auf ihren typisch japanischen Polizeiwagen stehenden Beamten mit ihren Mikrofonen sind bereits unter dem Namen „DJ Police“ berühmt geworden und versuchen nach Leibeskräften, die Kreuzung freizuhalten und für ein bisschen Ordnung zu sorgen, was nicht so einfach zu sein scheint. Anbei ein kurzes Video, heute gedreht (leider hatte ich nur mein Handy dabei):

Mir fielen jedenfalls viele Ausländer auf — überall hörte man koreanisch, chinesisch, aber auch Englisch und andere Sprachen. Ganz offensichtlich hat sich die Veranstaltung über die Landesgrenzen hinweg herumgesprochen. Und warum auch nicht: Shibuhallo ist Tokyos jüngste Attraktion und ich hoffe sehr, dass es nicht zu Zwischenfällen kommt, denn dann könnte die Veranstaltung sehr schnell verboten werden. Übrigens sieht das ganze weniger wie Halloween sondern mehr wie Fasching aus: Gruselkostüme sieht man zwar oft, aber noch häufiger sind harmlosere Verkleidungen.

Bei der Recherche zu aktuellen Zahlen bin ich auf diese Seite hier gestossen, wo auch auf die negativen Begleiterscheinungen aufmerksam gemacht wird. Dazu zählen die enormen Müllberge, aber auch die potentielle Terrorgefahr. Ungefährer Wortlaut: „Da die Menschen verkleidet sind, sieht man nicht, ob sie Ausländer sind oder nicht, oder ob sie gefährliche Waffen dabei haben“. Dieser Satz macht mich wirklich sprachlos. Scheinbar ist das Gedächtnis hier sehr kurz, denn der schlimmste (und eigentlich einzig nennenswerte) Terrorangriff wurde eben nicht von Ausländern verübt, sondern von *reinrassigen* Japanern – den Verrückten der Aum-Sekte.

Anbei noch ein paar Fotos:

  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016 - Bahnhofsvorplatz
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Shibuhallo 2016
  • Diese Polizisten sind echt
  • Diese auch: DJ Police bei der Arbeit
  • Shibuhallo 2016
  • Diese Polizistinnen sind jedenfalls nicht echt
  • DJ Police
  • Mitgehangen, mitgefangen
  • Shibuhallo 2016
  • Armeeeinheiten sind auch dabei
  • Mehr Fasching als Halloween
Teilen:  

Chouchous für die Wohlfahrt

Oktober 4th, 2016 | Tagged | 2 Kommentare | 527 mal gelesen

„Komm Schatz, lass uns doch mal wieder gemütlich einen Film schauen!“ – „Lass mal, für mich nich. Muss noch Chouchous machen“ – „…“. Ja, so oder ähnlich sieht der graue Alltag im Hause tabibito aus. Aber warum nur? Schon den ganzen Sonntag lang haben wir die Kinder durch die Stadt getrieben, von einem 100-Yen-Shop zum nächsten, um allerlei lustige Gummibändchen und ganz fluffige Wollknäuelchen in Mintgrün und Leberwurstbraun zu erstehen, nur um diese in nächtlichen Seancen zu ganz drolligen Chouchous, formerly known as „Haargummis“ zu verwandeln.

Warum? An welcher Wegkreuzung haben wir nicht aufgepasst? Wo in unserem Leben sind wir falsch abgebogen? Achso, nee – wir sind in Japan, und in zwei Wochen ist Kindergartenbasar. Ab Sonnabend morgen, 8:30. Vor dem Aufstehen. Und jeder soll etwas mitbringen, was er entweder nicht mehr braucht oder selbst gebastelt hat. Das wird dann an die anderen rund 999 Mütter unseres Kindergartens verkauft. Und, aber diese Information ist eigentlich geheim: Alles, was nicht verkauft werden konnte, wird hernach vom Kindergartenteam eingesammelt und … weggeworfen!

Neulich in der Chouchou-Manufaktur

Neulich in der Chouchou-Manufaktur

Da wir keinen unbrauchbaren Krempel verhökern wollen (nein, eigentlich sind wir nur geizig und brauchen alle unsere Sachen ganz für uns allein) basteln wir also selbst etwas und verkaufen es für 50 Yen pro Stück. Dieses Geld dient ja schliesslich einem guten Zweck: Das Geld wird „für die weitere Verschönerung des Kindergartens“ benutzt. Und zwar für den Kindergarten, für den wir 300 Euro pro Monat bezahlen. Und dann natürlich noch Extra für Uniform, Exkursionen, PTA und so weiter und so fort. Logisch, oder? Bleibt die Hoffnung, dass sich die Leute nach den Chouchous nur so reissen werden und ein namhafter alkoholkranker Modedesigner auf die superputzigen Chouchous aufmerksam wird. Ist doch klar, oder?

Teilen:  

Endlich da: Cup Noodles mit… rätselhaftem Fleisch!?

September 6th, 2016 | Tagged , | 3 Kommentare | 670 mal gelesen

Neu: Undefinierbares-Fleischfestival im Pappbecher!

Neu: Undefinierbares-Fleischfestival im Pappbecher!

Nissin, der Cup-Noodle-Pionier und Marktführer für allerlei Instantnudeln, hat heute seine jüngste Kreation vorgestellt. Anlass dafür ist der 45. Geburtstag der sogenannten Cup-Noodles, die sich in Japan seit Einführung selbiger ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Die neueste Kreation hat dabei einen sehr, nun ja, gewöhnungsbedürftigen Namen: 謎肉祭 Nazo Niku-matsuri. „Nazo“ bedeutet „Rätsel“ bzw. „Undefinierbares“, „niku“ bedeutet „Fleisch“ und „Matsuri“ soviel wie „Fest(ival)“. Ein Fest undefinierbaren Fleisches quasi. Das klingt doch schon mal sehr verlockend, und es beschreibt genau das Gefühl, was ich jedes Mal habe, wenn ich Instant-Nudeln in Japan esse. Das passiert in etwa ein Mal pro Woche, im Büro, denn ich bin zugegebenermassen auch ein Fan dieser schnellen Mahlzeiten – aber nur in geringen Mengen. Die Dinger sehen schon von weitem äusserst ungesund aus, so dass die Angst vor dem, was da alles drin sein könnte, stärker ist als das Verlangen danach. Besonders verdächtig sind mir die Sorten mit Fleischbeilagen – entweder als gefriergetrocknete, braune Krümel oder einzeln verschweisst. Das sieht immer ein bisschen aus wie Chappi – also absolut undefinierbar, rätselhaft sozusagen. Von daher ist der Name der Nissin-Kreation kein grosses Wunder. Liest man sich die PR-Mitteilung jedoch genauer durch, stellt man fest, dass es sich nicht um undefinierbare Fleischsorten zweifelhaften Ursprungs handeln soll, sondern einfach nur um eine rätselhaft grosse Menge undefinierbarer Fleischbröckchen: Zehn Mal so viel als üblich. Igittigitt.

Interessant werden die ganzen Instantnudeln in Japan erst durch das ちょい足し choitashi – quasi das „Aufmotzen“ der Billiggerichte durch Zugabe von Käse oder Mayonnaise, Dashi oder Kim’chi, Nori oder Sake, Curry oder… Erdbeermarmelade. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt, und das Internet ist voll mit „Rezepten“ und Tipps für „Pimp my cup noodles“-Anfänger und Experten. Na dann – Prost Mahlzeit!

Teilen:  

Einmal als Mario im Go-kart durch Tokyo fahren

August 16th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 577 mal gelesen

​Heute nachmittag habe ich an einer grossen Kreuzung in Shibuya einen triftigen Grund gesehen, endlich mal die Fahrerlaubnis zu machen: An der Ampel warteten vier Go-karts, mit als Mario und Konsorten kostümierten Fahrern, die offensichtlich sehr viel Spass an der Sache hatten. Deutsch, wie ich bin, war ich natürlich erstmal perplex, dass man mit den Dingern ganz normal im Strassenverkehr mitmischen darf, denn die Vehikel liegen so tief, dass schnell mal ein Bus- oder LKW-Fahrer die Dinger übersieht, und das Ergebnis dürfte klar sein. Erstmal dachte ich auch an den Batman-Fahrer in Chiba, aber ein genauer Blick auf die Karren machte deutlich, dass sich jedermann die Dinger ausleihen kann. Vorausgesetzt natürlich, man hat einen japanischen oder einen in Japan anerkannten Führerschein.

Im Go-kart durch Tokyo

Im Go-kart durch Tokyo

Ich bin zwar kein Mariospieler, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass es ein Riesengaudi sein muss, mit den Dingern durch Tokyo zu flitzen. Das geht entweder im Pulk und mit Führung oder auch allein. Die auf der Webseite inserierten Preise klingen jedenfalls vernünftig: 8,000 yen für 2 Stunden, inkl. Benzin, klingen zivil. Wer sich einen Mariobart dazu ausleihen möchte, muss noch 250 yen pro Stunde draufzahlen, aber der Spass ist es sicherlich wert. Man konnte auch sehen, dass die meisten Menschen, die die Gefährte bemerkten, schnell ein Lächln auf den Lippen hatten. Und für 8,000 yen Tausenden Menschen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern klingt nach einer guten Idee. Das funktioniert übrigens auch mit dem Fahrradhelm vom Sohnemann:

Fahhradhelm mit Iro

Fahhradhelm mit Iro

Teilen:  

Senryū-Wettbewerb 2016: Die Gewinner und mehr

Mai 24th, 2016 | Tagged , , | 5 Kommentare | 793 mal gelesen

sararimanAuch in diesem Jahr fand er wieder statt – der サラリーマン川柳コンクール Sarariman-Senryū-Wettbewerb, ausgetragen von der der Daiichi Seimei Hoken (“Erste Lebensversicherung”). Und zwar zum 29. Mal. Die Gewinner wurden heute bekanntgegeben, und bis März hatte jeder die Möglichkeit, aus den 100 besten Senryūs den persönlichen Favoriten zu nominieren. Da diese Senryu immer ein herrlicher Spiegel der Zeit sind und zudem noch eine gute Sprachübung, möchte ich an dieser Stelle wieder eine kurze Auswahl vorstellen:

退職金もらった瞬間 妻ドローン
Taishokukin moratta shunkan tsuma dorōn
Kaum erhalte ich mein Altersgeld, die Gattin zur Überwachungsdrohne mutiert

Der Sieger des diesjährigen Wettbewerbs. Drohnen sind auch in Japan ein ganz grosses Thema, und dieses Haiku deutet an, dass so manche japanische Ehefrau sicherlich sehr genau darüber wacht, was der Göttergatte mit dem (zumindest bei grossen japanischen Firmen) sehr üppigen Altersgeld macht.

じいちゃん建てても孫がばあちゃんち
Jiichan tatetemo mago ga baachanchi
Obwohl der Opa das Haus gebaut, nennen es die Enkel „Omas Haus“

Der Zweitplazierte. Und auch das ein schöner Spiegel der Gesellschaft in Japan. Japanischlerner sollten das -chi am Ende bemerken: Das ist Kindersprache und eine Abkürzung von „uchi“ (Haus).

君だけは俺のもの マイナンバー
Kimi dake ha ore no mono da yo my number
Du bist das einzige, was nur mir gehört – My Number

Der drittplatzierte. Ledige, jeden Tag bis Mitternacht arbeitende junge Schlipsträger werden darüber wohl nur gequält lächeln können.

娘来て 「誰もいないの?」オレいるよ
Musume kite „dare mo inai no?“ Ore iru yo
Kommt die Tochter vorbei „Niemand da?“ – Doch, ich!

Dieser Haiku fand auch sehr viel Zuspruch und deutet daraufhin, dass der durchschnittlich rackernde japanische Schlipsträger so gut wie nie zu Hause ist — und damit zu Hause quasi Luft ist.

「できません‼︎」 言えるあなたは 勝ち組です
„Dekimasen!!“ ieru anata wa kachigumi desu
Der, der „das kann ich nicht“ sagen kann, ist der eigentliche Gewinner

Dieser hier ist herrlich: Die meisten wagen es nicht, „nein“ zu sagen, wenn sie vom Vorgesetzten gebeten werden, etwas zu machen – ob sie es können oder nicht. Die Arbeiter, die alles annehmen, bezahlen natürlich den Preis dafür: Schnell sind zahllose Überstunden die Folge (siehe alte Managerregel: Wenn Du etwas sehr schnell erledigt haben möchtest, frage den, der am beschäftigsten ist!).

本物の ビール3本 わが爆買い
Honmono no biiru sanbon wagabakugai
Drei richtige Dosen Bier – so sieht mein „Kaufrausch“ aus

Über „bakugai“ habe ich ja erst im letzten Artikel berichtet. Wie praktisch.

我が家では イエスかハイの 二択制
Wagaie de wa yes ka hai no nitakusei
„Yes“ oder „hai“: Bei uns zu Haus‘ gibt es zwei mögliche Antworten

辞書にない 難読難解 生徒の名
Jisho ni nai Nandoku nankai seito no na
Schwer zu lesen, schwer zu entziffern – steht in keinem Wörterbuch: die Vornamen meiner Schüler

Diesem Thema habe ich in meinem Buch sogar ein ganzes Kapitel gewidmet.

Ältere Artikel zu den Senryu auf diesem Blog: Die besten Senryu 2015, 2013, 2009 und 2007.

Teilen:  

Umgekehrter Kulturschock im Anmarsch

Mai 16th, 2016 | Tagged | 14 Kommentare | 938 mal gelesen

Im Juli geht es endlich mal wieder in die Heimat – und dieses Mal sogar richtig lange, also fast 3 Wochen. Das wird auch langsam Zeit – schliesslich war ich seit drei Jahren nicht mehr dort. Und wie immer freue (?) ich mich auf den sogenannten reverse culture shock, der umso schlimmer ausfällt, je länger man weggeblieben ist, denn der Mensch hat ja die famose Eigenschaft, gute Erinnerungen den schlechten hervorzuziehen. Vor drei Jahren kam ich zum Beispiel in meinem Heimatort in den Genuss des Kulturschocks. Eines Abends beschloss ich, allein etwas durch die dunklen Gassen zu schlurfen und wenn möglich kurz in einer Bar aufzuschlagen, um mal wieder richtig die Eingeborenen beobachten zu können. Das ich dabei jemanden Bekannten treffen würde, war ziemlich unwahrscheinlich: Ich bin mit 14 Jahren aus der Stadt weggezogen, und ich habe ein lausiges Personengedächtnis: Selbst wenn jemand von meiner alten Klasse neben mir sitzen würde, würde ich den- oder diejenige mit Sicherheit nicht wiedererkennen. Irgendwann traf ich tatsächlich auf eine pubähnliche Einrichtung mit – meine alte Biologielehrerin hätte dazu „Muschepupu-Beleuchtung“ gesagt – eines dieser famosen und aberwitzigen Wörter, die man nie im Leben zuvor gehört hat, aber sofort weiss, was gemeint ist. Im Etablissement war ich prompt enttäuscht: Zwei Daddelautomaten dudelten leise vor sich hin. Die Dinger hatte ich in der Tat völlig vergessen. Hinter dem Tresen stand eine Dame, wahrscheinlich um die 30, und am Tresen sassen drei Gäste – ganz offensichtlich Stammgäste, die sich und die Bedienung lange kannten. Das ist kein Wunder in einem 30’000-Seelenort. Das Beisammensein der vier sah recht intim aus, und es war schon elf Uhr abends und werktags – da drängte sich natürlich die berechtigte Sorge auf, dass hier gleich Zapfenstreich gemacht wird. Also fragte ich, mangels Hinweisen auf Öffnungszeiten, freundlich nach, wie lange denn heute geöffnet sei. Die Antwort kam prompt: “ Na die janze Nacht will ick hier nich mit Dir rumhängen!“ Rums. Direkt in die Fresse. Hier herrschen klare Verhältnisse, und dem Gast wird sofort klargemacht, dass er hier nur nämlicher ist.

Nun ist (Rand)berlin ohnehin nicht berühmt für seine Kundenfreundlichkeit. Und letztendlich tröstete ich mich mit dem Gedanken, mit dem ich auch meine Frau damals in der Ukraine, Weißrussland und ähnlichen Gefilden auf Reisen tröstete: „Sieh es mal so: Wenn Dich hier jemand anlächelt, dann ist es wenigstens ein echtes Lächeln!“

Natürlich geht es nicht nur mir so. Mein englischer Geschäftspartner weilt zum ersten Mal seit 20 Jahren ein paar Monate auf der heimischen Insel. Seinen Worten zufolge funktionieren dort zuverlässig 9 von 10 Dingen überhaupt nicht, was ihn zur allabendlichen, verzweifelten Frage bringt: Wie können die Leute hier nur leben?

Teilen:  

Japanisch lernen mit dem Togearitogenashitogetoge

Februar 17th, 2016 | Tagged , | 3 Kommentare | 875 mal gelesen

Stachelstachler. Quelle: Wikipedia.Es war einmal eine Unterfamilie von Käfern, die zu den Blattkäfern (auf Japanisch: hamushi – ha=Blatt, mushi=Käfer/Insekt) gehören. Und da viele Vertreter dieser Unterfamilie Stacheln („toge“) haben, nennt man diese Unterfamilie auf Japanisch Togehamushi. Stachel-Blatt-Käfer. Allerdings gibt es da auch ein paar Arten in der Familie, die dummerweise keine Stachel haben. Die nennt man dann logischerweise Togenashitogehamushi. Also „Stachel-ohne-Stachel-Blatt-Käfer“. Da man in Japan Onomatopeia, lautmalerische Worte, liebt – vor allem nach dem Schema Silbe 1 + Silbe 2 + Silbe 1 + Silbe 2 – hat man der ganzen Unterfamilie noch einen Kosenamen verpasst: Togetoge. Also „Stachel-Stachel“.

Aus den stachellosen aber eigentlich stachligen Blattkäfern wird somit ein Togenashitogetoge. Ein Stachel-ohne-Stachelstachel. Doch jetzt kommt’s. Die japanische Wikipedia¹ geht dazu noch mehr ins Detail:

トゲナシトゲトゲの仲間にもトゲのある種があり、複数の文献でトゲアリトゲナシトゲトゲ(トゲアリトゲナシトゲハムシ)という呼び方で紹介している。

Soll heissen: Unter den Verwandten der stachellosen Stachelstachler gibt es jedoch auch Arten, die sehr wohl Stachel haben. Diese werden in zahlreichen Publikationen mit dem Namen „Togearitogenashitogetoge“ vorgestellt. Quasi der „Stachel-mit-Stachel-ohne-Stachelstachler“.

So, heute haben wir also die Wörter „mit“ (ari), „ohne“ (nashi) und „Stachel“ (toge) gelernt. So einfach geht das, dank des Mitstachelohnestachelstachelstachlers. Und beim nächsten Mal stelle ich Euch den Ukeguchinohosomionaganookinahagi vor.

¹ Siehe hier.

Teilen:  

Beispiellose Verbrechenswelle: Über 400 Halteschlaufen gestohlen!

Februar 2nd, 2016 | Tagged | 7 Kommentare | 904 mal gelesen

Ja, von wegen Japan ist sicher! Dieses zähe Vorurteil wird ganz eindeutig mit der folgenden Schlagzeile widerlegt:

Tokyo police baffled by theft of hand straps from commuter trains¹

Der Polizei zufolge wurden im Raum Tokyo seit November vergangenen Jahres rund 400 Halteschlaufen aus den Zügen verschiedener Linien gestohlen. Halteschlaufen — das sind die Schlaufen, in die sich die müden Fahrgäste am Morgen und die Betrunkenen am Abend einfädeln, um beim Wegdösen nicht ungebremst auf den Boden zu klatschen. Die Polizei ist dem Artikel zufolge ratlos, denn die Griffe sind nicht einfach zu lösen – schliesslich müssen sie ja bis weit über 100 Kilogramm aushalten. Die Schlaufen zu entfernen sollte somit etwas Zeit und Geschick verlangen und in einem gut besetzten Zug unbeobachtet nahezu unmöglich sein.

Objekt der Begierde... und des Schmerzes

Objekt der Begierde… und des Schmerzes

Wer macht so was? Und wie? Und vor allem – warum!? Schliesslich haben die Schlaufen keinen besonderen Wert. Gibt es irgendwo einen Perversen, der die Dinge nach Hause schleppt, um dort ganz authentisch den packenden Nahkampf in Tokyos vollbesetzten Zügen zu simulieren? Oder werden sie sogar als Fetisch zwischen Eisenbahnliebhabern – davon gibt es genug in Japan – hoch gehandelt? Man weiss es nicht genau. Und so geht die Suche weiter.

Ganz insgeheim wünsche ich mir, dass die Suche noch eine Weile dauert. Denn die Dinge baumeln in für japanische Großmütter greifbarer Höhe, so dass man als durchschnittlich grosser Europäer täglich mindestens ein Mal die Hartplastikgriffe an den Kopf geknallt bekommt, wenn sich der Nachbar daran festhält und beim Aussteigen plötzlich loslässt. Sprich – die Griffe nerven ungemein.

Nun mag der eine oder andere Leser denken: „Ja, und in China ist ein Sack Reis umgefallen!“ Das mag sein. Aber die obige Nachricht hat es in so ziemlich alle Hauptnachrichten geschafft und ist damit gesellschaftlich hoch relevant. Oder etwa nicht?

¹ Siehe Japan Times vom 1. Februar

Teilen:  

Possierliches: Der unterdrückte Toilettengruß

Januar 8th, 2016 | Tagged | Kommentare deaktiviert für Possierliches: Der unterdrückte Toilettengruß | 540 mal gelesen

Bevor wir uns wieder den harten Themen zuwenden, wie zum Beispiel nordkoreanischen Wasserstoffbomben, chinesischen Börsencrashs oder opulenten Vorwahlgeschenken in Japan, kann ich es mir nicht verkneifen, dieses Photo zu teilen. Aufgenommen im örtlichen Elektronikmarkt, aber in dieser Form auch an vielen Orten anzutreffen. Das Schild klebt dort über dem hiesigen Stehpissoir und besagt, dass die Angestellten ebenfalls die gleichen Toiletten benutzen.

Unterdrückte Höflichkeit: Auf diesem Klo wird nicht gegrüsst!

Unterdrückte Höflichkeit: Auf diesem Klo wird nicht gegrüsst!

So weit, so gut. Darunter steht dann jedoch auch noch, dass die Angestellten auf dem Lokus davon absehen, Kunden zu grüssen. Der Gedanke hat sich mir sofort ins Gehirn gebrannt: Da steht man also, am Pissoir, und der Nebenmann, ebenfalls beschäftigt, schaut zur Seite und schmettert sein fröhliches Irasshaimase (Willkommen) raus. Das wäre doch mal was. Als Kunde muss man zum Glück darauf nicht antworten, aber man kann sich gut vorstellen, warum es diese Schilder überhaupt gibt: Wahrscheinlich hat sich irgendwann mal ein Schnösel darüber beschwert, nicht vom Angestellten lauthals begrüßt worden zu sein. Wundern würde mich das jedenfalls nicht.

Teilen:  

Yakuza vs. System

August 27th, 2015 | Tagged | 9 Kommentare | 935 mal gelesen

Der Knopf des Anstosses: Sind Sie über 20 Jahre alt? Hai!

Der Knopf des Anstosses: Sind Sie über 20 Jahre alt? Hai!

Als ich vergangenen Freitag des nächtens in den hiesigen 7-Eleven schlich, um Nachschub zu holen, herrschte im selbigen richtig dicke Luft. Ein etwas kräftiger aussehender Japaner stand an der Ladentheke, schlug alle paar Sekunden kräftig mit der flachen Hand auf die Theke und brüllte auf den Angestellten in seiner typischen grünen Kluft ein. Der wurde immer kleiner, murmelte gelegentlich was von Entschuldigung, gab aber durchaus auch schon mal Widerrede, was den Brüllenden natürlich nur noch mehr anspornte. Das Geschrei fand im feinsten Gangsterjapanisch statt. Nanu? Was war denn da los? Neben mir war lediglich noch ein weiterer Angestellter im Laden, und der tat so, als ob er gerade ganz furchtbar mit dem Einordnen neuer Ware beschäftigt wäre.

Anfangs sah alles etwas bedrohlich aus, beziehungsweise hörte es sich so an, aber bei Yakuza-Dialekt gehört das einfach dazu. Nach ein paar weiteren Tiraden merkte ich jedoch, dass hier keine Schlägerei im Anzug war. Der gute Herr wollte einfach nur etwas Luft ablassen über etwas, was ihn störte. Stein des Anstosses war der Minibildschirm, der an jeder Kasse Richtung Kunde zeigt. Kauft man nämlich in einem konbini Alkohol oder Zigaretten, macht es ordentlich „piep“, und man muss auf dem Bildschirm einen grossen Knopf drücken: Mit dem bestätigt man, dass man über 20 Jahre alt ist. Erst dann kann man die Ware erhalten.

Es war nicht so, dass ich den Schreihals nicht verstehen würde. Was, wenn ein 19-jähriger den Knopf drückt? Dann ist doch alles in Ordnung, oder? Wieso muss ein gestandener 50-jähriger ebenfalls diesen albernen Knopf drücken? All diese Fragen warf der Schreihals den Angestellten vor den Kopf und warf ihm mangelnde Gehirnmasse vor. Und dass sich die Betreiber der Kette mit dieser lächerlichen Prozedur einfach nur aus der Affäre ziehen wollen. Das wurde wunderschön ausgeschmückt. „Du Vollidiot! Wusstest Du eigentlich, dass ich 19 Jahre alt war? Guckst Du, was! Was nun? Na?“ – „Äh… 19? Aber… “ – „Siehste! Natürlich bin ich nicht 19! Das sieht doch selbst der größte Trottel! Warum soll ich also diesen blöden Bildschirm abfummeln?“ Und so weiter. Er will doch nur spielen…

Natürlich hat der Mann recht. Dass der Angestellte für den Knopf nichts kann, wird er freilich auch gewusst haben. Jedoch steckte der Angestellte in der Klemme, denn in Japan erwartet man, dass der Angestellte voll hinter seinem Brötchengeber steht. Hätte er nun also gesagt „Dafür kann ich doch nichts! Ich mag den blöden Knopf auch nicht“, wäre er sicher noch mehr angebrüllt worden. Wegen Illoyalität und so. Eigentlich konnte der Angestellte nur verlieren.

Irgendwann hatte ich, was ich wollte, bezahlte beim anderen Angestellten und ging. Währenddessen ging die Show drinnen weiter. Irgendwo in Japan, nachts um 1.

Teilen:  

« Ältere Einträge