Also das mit dem omotenashi…

Oktober 12th, 2016 | Tagged , | 1 Kommentar | 1441 mal gelesen

… muss vor den Olympischen Spielen scheinbar noch ein bisschen geübt werden. Schliesslich war „Omotenashi“ (in etwa: „Gastfreundschaft“) eines der Schlagwörter bei der Bewerbung für die Olympischen Spiele 2020. Und auf besagtes „omotenashi“ ist man in Japan ganz besonders stolz — gerade so, als ob so etwas wie Gastfreundschaft in anderen Ländern auf gar keinen Fall existiert.

Heute wurde bekannt, dass ein Angestellter der Nankai-Eisenbahnlinie am 10. Oktober eine Lautsprecherdurchsage der etwas anderen Art durch den Äther pustete: „Heute fahren viele Ausländer mit diesem Zug, weshalb es sehr voll ist. Wir bitten die japanischen Passagiere um Verständnis für die damit verbundenen Unannehmlichkeiten“.¹ Ein japanischer Fahrgast erkundigte sich daraufhin an der Endhaltestelle, ob besagte Durchsage etwa eine Standarddurchsage sei. Der Angestellte wurde daraufhin befragt und letztendlich abgemahnt. Seine Begründung für sein Verhalten: Ein japanischer Passagier hatte sich lautstark beschwert, dass so viele Ausländer im Zug seien und es deshalb unerträglich laut sei. Laut Befragung sah sich der Schaffner daraufhin genötigt, sich mit der Durchsage zu entschuldigen — wohl aber nicht mit der Absicht, diskriminieren zu wollen. Nun ja. Laut Bahnlinie gab es schon häufiger Beschwerden über Ausländer in dem Zug aufgrund der Lautstärke und ihres Gepäcks, das die Wege versperrt. Allerdings: Bei der Bahnlinie handelt es sich um einen Flughafenzubringer (zum nicht gerade kleinen Kansai International Airport bei Osaka).

Passend zum Thema – quasi gleich in der Nähe, im Stadtzentrum von Osaka, wurde in der vergangenen Woche aufgedeckt, dass ein Sushirestaurant mit dem Namen Ichiba Zushi ausländischen Gästen wesentlich mehr Wasabi ins Sushi unterjubelt als einheimischen Gästen. Während sich die Japaner genüsslich das Sushi schmecken liessen, hatten so die ahnungslosen Ausländer einfach nur Tränen in den Augen². Der Vorfall erhielt bald Beinamen wie Wasabi-Terror und dergleichen. Letztendlich entschuldigte sich der Restaurantbetreiber öffentlich für das Fehlverhalten seiner Angestellten. Die hatten allerdings auch eine Erklärung parat: Vor allem koreanische Gäste fragten oft nach extra viel Wasabi, denn wie ja allgemein bekannt, speisen Koreaner gern scharf. Irgendwann sind die Sushimeister deshalb darin übergegangen, ungefragt den Wasabigehalt zu erhöhen. Das ist in der Tat jedoch nicht normal: Extra viel oder gar kein Wasabi sind bei Sushirestaurants Standardwünsche, doch die Betonung liegt da auf „-wünsche“.

Fairerweise muss man allerdings dazu sagen, dass solche Vorfälle relativ selten sind – so selten, dass sie es in die Hauptschlagzeilen schaffen, so sie denn entdeckt werden. Sicher – Diskriminierung gibt es auch in Japan (in sehr vielen Fällen wird das von den Betroffenen mangels Sprachkenntnisse nicht einmal bemerkt, aber es gibt sie eben auch). So wurde mir ein Mal eine Reservierung in einem Hotel verweigert, mit der Begründung, man nehme keine Ausländer auf, da man kein Ausländisch spreche und deshalb nicht den üblichen Service garantieren könne (sehr einleuchtend!). Dass die obigen Fälle jedoch in Kansai stattfanden, überrascht mich zumindest nicht sehr. Denn dort wird man oben genannte negative Extreme als auch positive Extreme wie diesen hier eher erleben als zum Beispiel in Tokyo.

¹ O-Ton: „本日は多数の外国人のお客さまが乗車されており、大変混雑しておりますので、日本人のお客さまにはご不便をおかけしております“. Siehe hier (Mainichi Shimbun)
² Siehe unter anderem hier (Nikkei)

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Lesenswertes oder Nur keine Langeweile aufkommen lassen

Oktober 7th, 2016 | Tagged | 1 Kommentar | 1163 mal gelesen

Wer sich schon immer gefragt hat, was tabibito nach Mitternacht so treibt, soll mit diesem kurzen Beitrag Klarheit darüber bekommen. Denn neben der Pflege des eigenen Blogs und diverser anderer Seiten (zur Zeit wird die ganze Japan-Sektion generalüberholt) gibt es noch viel mehr tun:

Japan Digest - das neue Japan-Portal

Japan Digest – das neue Japan-Portal

Da wäre zum Beispiel das nagelneue Japan-Portal Japan Digest, welches just am 1. Oktober veröffentlicht wurde und sehr vielversprechend aussieht – allein schon wegen der zahlreichen Autoren (ja, auch ich bin dabei). Ich hatte die Ehre, die Menschen hinter dem Projekt persönlich kennenzulernen. Diese bringen sehr viel Erfahrung mit, unter anderem durch die Herausgabe der Printversion des Japan Digest, die es so schon seit ein paar Jahren gibt. Das kostenlose Magazin erscheint allerdings nur ein Mal im Jahr, so dass man diese lange Zeit zwischen den Magazinen endlich mit der Online-Ausgabe überbrücken kann. Japan Digest macht und schreibt all die Dinge, die ich gern selbst machen würde, mangels Zeit jedoch nie in diesem Umfang hinbekommen würde. Neben diversen Beiträgen von mir habe ich mich auch auf Autorenjagd begeben, damit möglichst viele Facetten abgedeckt werden. Bei rechtem Licht betrachtet säge ich mit meiner Hilfe an diesem Portal an meinem eigenen Stuhl – es ist ja schliesslich Konkurrenz, gewissermassen – aber für so eine professionelle Seite mache ich das natürlich gern.

DerDieDas - das Neueste aus D-A-CH auf Japanisch

DerDieDas – das Neueste aus D-A-CH auf Japanisch

Dann wäre da auch noch DerDieDas — eine neue, frische Seite für Japaner über alles mögliche aus Deutschland, der Schweiz und Österreich. Bei dieser Seite war und bin ich bei der technischen Umsetzung zuständig. Sicher würde ich auch gelegentlich gern mal etwas schreiben, aber dazu reicht dann die Zeit leider doch nicht. Die professionell ausgesuchten und verfassten Artikel sind jedenfalls selbst für mich manchmal sehr interessant, und dank der Musikvideos der Woche weiss ich halbwegs, was man in Deutschland gerade so hört oder zu hören scheint. Technisch war das Erstellen dieser Seiten eine ziemliche Herausforderung — sonst hätte ich wahrscheinlich auch kein Interesse daran gehabt.

Und natürlich schreibe ich nach wie vor — seit nunmehr 7 Jahren – regelmässig für das „Midori“-Magazin, aber mehr dazu steht ja bereits hier geschrieben.

So. Dieser Artikel muss dann mal gelegentlich als Entschuldigung herhalten, wenn ich mal wieder viel zu spät auf eine Email oder einen Kommentar reagiere

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Chouchous für die Wohlfahrt

Oktober 4th, 2016 | Tagged | 3 Kommentare | 582 mal gelesen

„Komm Schatz, lass uns doch mal wieder gemütlich einen Film schauen!“ – „Lass mal, für mich nich. Muss noch Chouchous machen“ – „…“. Ja, so oder ähnlich sieht der graue Alltag im Hause tabibito aus. Aber warum nur? Schon den ganzen Sonntag lang haben wir die Kinder durch die Stadt getrieben, von einem 100-Yen-Shop zum nächsten, um allerlei lustige Gummibändchen und ganz fluffige Wollknäuelchen in Mintgrün und Leberwurstbraun zu erstehen, nur um diese in nächtlichen Seancen zu ganz drolligen Chouchous, formerly known as „Haargummis“ zu verwandeln.

Warum? An welcher Wegkreuzung haben wir nicht aufgepasst? Wo in unserem Leben sind wir falsch abgebogen? Achso, nee – wir sind in Japan, und in zwei Wochen ist Kindergartenbasar. Ab Sonnabend morgen, 8:30. Vor dem Aufstehen. Und jeder soll etwas mitbringen, was er entweder nicht mehr braucht oder selbst gebastelt hat. Das wird dann an die anderen rund 999 Mütter unseres Kindergartens verkauft. Und, aber diese Information ist eigentlich geheim: Alles, was nicht verkauft werden konnte, wird hernach vom Kindergartenteam eingesammelt und … weggeworfen!

Neulich in der Chouchou-Manufaktur

Neulich in der Chouchou-Manufaktur

Da wir keinen unbrauchbaren Krempel verhökern wollen (nein, eigentlich sind wir nur geizig und brauchen alle unsere Sachen ganz für uns allein) basteln wir also selbst etwas und verkaufen es für 50 Yen pro Stück. Dieses Geld dient ja schliesslich einem guten Zweck: Das Geld wird „für die weitere Verschönerung des Kindergartens“ benutzt. Und zwar für den Kindergarten, für den wir 300 Euro pro Monat bezahlen. Und dann natürlich noch Extra für Uniform, Exkursionen, PTA und so weiter und so fort. Logisch, oder? Bleibt die Hoffnung, dass sich die Leute nach den Chouchous nur so reissen werden und ein namhafter alkoholkranker Modedesigner auf die superputzigen Chouchous aufmerksam wird. Ist doch klar, oder?

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Ein Tag im Müll

September 27th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 771 mal gelesen

Was macht man an einem (mal wieder) hoffnungslos verregnetem, freien Tag? Genau, man geht mit seinen Kindern zur örtlichen Müllanlage. Auf Wunsch der Kinder wohlgemerkt, denn als die Schulklasse dort zur Exkursion war, war Töchterchen lustig befleckt krank zu Hause.

Das örtliche ゴミ処理センター Müllzentrum besteht aus einer Mülltrennungsanlage nebst Müllverbrennungsanlage… und einem angeschlossenen, grösseren Schwimmbad mit dem eher italienisch anmutenden Namen Yonetti. Dieses seltsame Wort stammt vom japanischen Wort 余熱 yonetsu Restwärme ab und erklärt damit gleich, was mit der Abwärme der Müllverbrennungsanlage geschieht. Eine vernünftige Idee.

Müllrampe

Müllrampe

An einem verregneten Feiertag rufen wir also im Müllzentrum an und fragen, ob man sich die Anlage ansehen könne. Ja, hiess es – aber nur die Wiederaufbereitungsanlage. Für die Verbrennungsanlage muss man einen Tag im voraus reservieren. Wir spazieren also hin und betreten den blitzblanken Eingangsbereich im vierten Stock – der liegt auf Strassenhöhe, denn das Müllzentrum liegt am Hang eines kleinen Tals. In der dritten Etage befindet sich eine riesige Ausstellungsfläche und eine offensichtlich gelangweilte Empfangsdame, denn wir sind die einzigen Gäste. In der Ausstellung können sich die Kinder austoben: Sie können an Kurbeln drehen und dann erkennen, wieviel Strom sie gerade produzieren und welche Haushaltsgeräte man damit betreiben kann (die Kurbel war so klein – ich kam nur bis zum Fön; bis zur Mikrowelle reichte es nicht), mit dort angeschlossenen iPhones kann man über eine grosse Karte der Stadt fahren und sieht hier und ort animierte 3D-Abbildungen dessen, was da so kreucht und fleucht usw. Schliesslich kam noch eine Angestellte und führte uns 45 Minuten lang durch den Bau, zeigte uns die Müllrampe, den Kontrollbereich, den Sortierbereich usw. und beantwortete dazu alle Fragen der Kinder mit viel Geduld. Ein richtiges Erlebnis, quasi. Besagte Anlage ist übrigens für 450 Tonnen Müll pro Tag ausgelegt und produziert 7,500 kWh Strom.

Der Kontrollraum

Der Kontrollraum

In Kawasaki wurde 1990 der Müllnotstand ausgerufen. Die gute Millionen Bewohner produzierten einfach zu viel Müll, und man musste etwas machen. Die Einwohnerzahl wuchs nämlich ständig weiter, doch Deponien und Müllverbrennungsanlagen waren bereits am Limit. Interessanterweise setzte man jedoch nicht da an, wo man es zunächst vermuten würde – bei der Müllvermeidung. Man kennt eben seine Pappenheimer und weiss, dass der Verzicht auf all die kunstvollen Verpackungen nicht leicht in Japan durchzusetzen ist. Stattdessen setzte man alles auf Mülltrennung und somit der Wiederverwertung. Doch auch dort gibt es verschiedene Ansätze: Während in Deutschland das Pfandsystem bevorzugt wird (vor allem Ostdeutsche sind ja damit gross geworden), gibt es im Japan gar kein Pfandsystem. Stattdessen wird nach Leibeskräften getrennt – nach PET- und Plaste, verschiedenfarbigem Glas, Batterien, Papier, sonstigem brennbaren und nichtbrennbarem Müll. Nein, auch Biotonnen haben sich nicht durchgesetzt, und sie wären in dicht besiedelten Gebieten wie Tokyo auch keine gute Idee.

Yonetti-Schwimmbad, betrieben mit der Abwärme der benachbarten MVA

Yonetti-Schwimmbad, betrieben mit der Abwärme der benachbarten MVA

Bei der Müllverwertung gibt es in Japan noch sehr viel Potential – siehe zum Beispiel Müllvermeidung. Aber die bisherigen Maßnahmen greifen natürlich auch. Vor allem die Aufklärung begeistert mich zumindest: Die Idee, die Müllzentren zu einer Mischung aus Museum und Erlebnispark zu machen und mit der Schule Exkursionen dorthin zu gestalten ist prima. Als wir durch die Ausstellung gingen, kamen übrigens noch drei Besucher – Klassenkameraden meiner Tochter, die beschlossen hatten, sich dasganze noch mal in Ruhe anzusehen.

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8. Allgemeiner Bloggergipfel

September 23rd, 2016 | Tagged , | 18 Kommentare | 778 mal gelesen

bloggergipfel2016Und schon ist wieder ein Jahr rum – Zeit für ein neues Bloggertreffen! Und zwar wird dies bereits die achte Auflage. Der Name “Bloggergipfel” soll dabei niemanden abschrecken – gerne sind auch Blogvoyeure eingeladen.

Im Gegensatz zu vergangenen Jahren steht dieses Mal sogar ein konkreter Termin im Raum: Sonnabend, der 5. November. Der folgende Sonnabend (12. November) würde als Ausweichtermin auch gehen, falls zu viele Leute nicht am 5. November können. Die Regeln sind wie immer:

1. Das Treffen findet in Tokyo statt – innerhalb oder nahe der Yamanote-Linie
2. Bowling, Billard oder was weiss ich, als Vorspiel quasi, sind machbar.
3. Partner können gern mitkommen – ebenso Leute, die einfach nur dabei sein wollen.

Deshalb erstmal eine Frage in die Runde: Wer will? Wer kann? Gibt es Ortsvorschläge? Bessere Vorschläge als die obigen? Also, bitte leitet diesen Artikel weiter und hinterlasst einen Kommentar, wann es Euch passt und wo es Euch passt!

Falls jemand dieses Jahr den 幹事 machen möchte, bitte melden! Freiwillige vor!

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Tokyos Antwort auf den Berliner Flughafen BER

September 19th, 2016 | Tagged , | 5 Kommentare | 1023 mal gelesen

Mit Grausen verfolge ich seit Jahren das jämmerliche Gezerre um den neuen Berliner Grossflughafen BER. Die geballte Inkompetenz und die grandios unterschätzten Baukosten eignen sich wunderbar zum, wie heisst es doch in letzter Zeit so schön, „Fremdschämen“. Aber zum Glück ist Berlin nicht ganz allein, schafft man doch so etwas auch in Hamburg… und wie es aussieht, auch in Tokyo. Zwar hat man dort vor ein paar Jahren in rekordverdächtig kurzer Zeit den Tokyo Sky Tree mitten ins Stadtzentrum gepflanzt, doch ein anderes Grossprojekt nimmt ähnlich groteske Züge an wie der BERühmte Möchtegernflughafen: Es handelt sich um den neuen Standort für den berühmten Tokyoter Fischmarkt 築地Tsukiji. Das jetzige Gelände ist seit 1935 in Betrieb, nicht ausbaufähig mangels Raum und ziemlich in die Jahre gekommen. So kam man auf die Idee, die Markthallen zu verlegen – und zwar nach 豊洲 Toyosu, einer Neulandinsel im Distrikt Koto und keine zwei Kilometer Luftlinie vom jetzigen Standpunkt entfernt.

Die Baustelle des neuen Marktes auf Toyosu (aufgenommen im November 2014)

Die Baustelle des neuen Marktes auf Toyosu (aufgenommen im November 2014)

Eigentlich sollte der gesamte Grossmarkt – in dem pro Jahr cirka eine Millionen Tonnen Waren umgeschlagen werden (zwei Drittel Fisch, ein Drittel Obst und Gemüse) im Februar 2017 in die neuen Hallen auf der Insel Toyosu umziehen. Von Anfang an gab es dagegen Protest, denn auf dem neuen Gelände befand sich früher ein gewaltiges Gaswerk von Tokyo Gas, und – zu recht – befürchtete man Grundwasser- und Bodenverschmutzung. Diese Befürchtungen wurden durch eine Untersuchung untermauert: Die Grenzwerte für Benzen, Blausäure, Blei und Arsen wurden zum Teil sehr deutlich überschritten. Schaut man sich allerdings die Geschichte des jetzigen Standortes Tsukiji an, wird einem ebenfalls Angst und Bange, denn hier stand nicht nur ein Giftgaslabor der kaiserlichen Marine – hier verbuddelte man auch mehrere Tonnen Thunfisch, die ein japanischer Trawler aus den Wasserstoffbombentestgebieten aus der Südsee heimbrachte. Besagtes Boot namens 第五福竜丸 Daigofukuryū-Maru geriet damals unbewusst in ein Testgebiet – 23 Besatzungsmitglieder wurden zum Teil stark verstrahlt.

Bei einer Begehung der fast fertigen, neuen Hallen in der vergangenen Woche stiess man auf eine unangenehme Überraschung: Im Untergeschoss der Hallen stand eine enorme Menge Wasser, und man konnte noch nicht einmal sagen, wo es herkommt – ob vom Regen oder vom Untergrund. Der pH-Wert war zudem enorm hoch, was allerdings vom Beton stammen könnte. Ausserdem stellte man fest, dass die gesamte Fläche scheinbar nicht, wie ursprünglich geplant, komplett versiegelt und asphaltiert war, sondern aus Kies bestand, auf den man eine dünne Schicht Beton gegossen hat. Gleichzeitig tauchten erste Ungereimtheiten bei den Verträgen auf. Obwohl die Stadtregierung ursprünglich das Projekt mehrfach ablehnte, wurde trotzdem irgendwann ein Vertrag aufgesetzt – mit Auflagen, die ganz offensichtlich nicht eingehalten wurden. Der damalige Governeur von Tokyo, Ishihara, gab bei einer ersten Befragung an, sich an nichts mehr zu erinnern.

Der Umzug im Februar nächsten Jahres wird damit wohl ins Wasser fallen, und möglicherweise werden sich die in Tsukiji ansässigen rund 1’000 Handelsfirmen jetzt gänzlich gegen den Umzug wehren. Die Hallen hätte man dann quasi ganz umsonst gebaut. Man darf gespannt sein, wie man das Problem bis zu den Olympischen Spielen im Jahr 2020 lösen wird, denn Toyosu befindet sich quasi direkt neben dem geplanten Olympischen Dorf und zahlreichen Wettkampstätten. Da muss ich die Stadtregierung ins Zeug legen, sonst hat man bald eine japanische Variante des BER mitten in Tokyo.

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Doppelte Staatsbürgerschaft in Japan — Theorie und Praxis

September 15th, 2016 | Tagged | 1 Kommentar | 1263 mal gelesen

japanischer Reisepass

japanischer Reisepass

Das infrage stellen der Staatsbürgerschaft eines Politikers hat ja Konjunktur. Adolf konnte es damals nicht aufhalten, aber aus Amerika sind ja Gerüchte wie „Obama ist nicht als Amerikaner geboren wurden“ und dergleichen gang und gäbe. Aus Japan hört man so etwas eigentlich weniger, denn hier sind nahezu alle Japaner Japaner. Nun ja, fast alle. In dieser Woche musste 蓮舫 Renho, Ex-Ministerin, jetzt Oberhausabgeordnete und Galionsfigur der Demokratischen Partei, zugeben, dass sie die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt¹. Renho, Halb-Taiwanesin, Halb-Japanerin, nahm erst 1985 die japanische Staatsbürgerschaft an, „versäumte“ es jedoch danach, die taiwanesische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Und das ist in Japan eigentlich verboten: Eine doppelte Staatsbürgerschaft ist so nicht vorgesehen im japanischen Rechtssystem. Demzufolge müssen Kinder mit nur einem japanischen Elternteil bis zu ihrem 22. Lebensjahr entscheiden, welche Staatsbürgerschaft sie annehmen wollen.

Die Enthüllung von Renho hat entsprechend eine Debatte in Gang getreten. Es wird nämlich selbst von den Behörden vermutet, dass sich in etwa 90% der von dieser Regelung Betroffenen nur wenig darum scheren und die doppelte Staatsbürgerschaft behalten. Warum auch nicht: Einen Abgleich bezüglich ihrer Bürger gibt es zwischen den Staaten nicht. Und während es für einige Nationen nicht sinnvoll erscheint, zwei Staatsbürgerschaften zu haben (Beispiel Amerikaner, die ja, egal, wo sie arbeiten und leben, Steuern in den USA zahlen müssen, so lange sie die Staatsbürgerschaft behalten), würde es für viele andere – auch für Deutsche – durchaus sinnvoll sein. Denn ausser den Kosten der Passerneuerung bezahlt man ja kein Geld an die alte Heimat, doch ein japanischer Pass wäre durchaus nützlich, denn den kann man im Gegensatz zur Permanenten Aufenthaltsgenehmigung nicht so schnell wieder loswerden. Und: Man könnte wählen und gehen und anderweitig politisch aktiv werden. Der einzige Nachteil eines japanischen Passes wäre nur, dass man — anscheinend nur theoretisch — seinen deutschen Pass abgeben müsste. Eine sehr hohe Hemmschwelle.

Es lohnt sich zu beobachten, was die Diskussion bewirken wird. Wird man versuchen, die Schlupflöcher in puncto doppelter Staatsbürgerschaft zu schliessen? Oder wird man die doppelte Staatsbürgerschaft gar, unter Auflagen, versteht sich, gar genehmigen? Man darf gespannt sein. Letzteres wäre bei rechtem Licht betrachtet die einfachere – und auch für Japan selbst praktikablere Lösung.

¹ Siehe unter anderem hier (Englisch)

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„Hikikomori“ – Japans moderne Einsiedler werden älter

September 9th, 2016 | Tagged | 2 Kommentare | 921 mal gelesen

Quelle: http://lightrend.com/light/post-12535/

Quelle: http://lightrend.com/light/post-12535/

Die sogenannten 引きこもり hikikomori – Menschen, die sich komplett aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen – sind zwar keine rein japanische Besonderheit, aber dieser japanische Begriff hat es dennoch in die weite Welt geschafft, genauso wie das ebenfalls nicht auf Japan begrenzte, aber gern als japanisches Phänomen bezeichnete, da hier gehäuft auftretende 過労死 karōshi („Tod durch Überarbeitung“). Beide Phänomene sind äußerst negative Randerscheinungen der japanischen (Arbeits)welt und werden von der Politik durchaus ernst genommen, beziehungsweise zumindest gut untersucht. So veröffentlichte gestern das japanische Kabinettsamt zum ersten Mal seit 2010 eine umfangreiche Studie¹ zum Thema und stellte dabei fast, dass es in ganz Japan insgesamt 540,000 hikikomori in der Gruppe der 15 bis 39-jährigen gibt². Als hikikomori gilt, wer mindestens 6 Monate lang maximal zum Convenience Store oder zum Frönen des eigenen Hobbys nach draussen geht, ansonsten aber weder einer Arbeit nachgeht noch an irgendeinem Unterricht teilnimmt. Zu dieser Altersgruppe gehören insgesamt 35 Millionen Japaner – damit liegt der Anteil der freiwilligen Einsiedler bei 1,5%. Im Vergleich zur Studie im Jahr 2010 sind es immerhin 150’000 Menschen weniger, jedoch:  Zum einen schrumpft diese Altersgruppe, zum anderen hat man diese Zahl aus der vergleichsweise kleinen Versuchsgruppe von 3’115 Menschen extrapoliert (befragt wurden 5’000 Menschen, geantwortet haben gut 3’000). Immerhin hat man so herausgefunden, dass ein gutes Drittel der hikikomori bereits seit mehr als 7 Jahren nichts anderes macht als zu Hause zu sitzen.

Die Studie stellte ebenfalls fest, dass sich der Anteil der 35 bis 39-jährigen mehr als verdoppelt hat, was möglicherweise bedeutet, dass die hikikomori einfach älter werden und nicht geringer, denn wie viele +40-jährige dazu zählen, wurde nicht untersucht. Ob die Zahlen nun etwas grösser sind oder kleiner ist jedoch nebensächlich, denn Japan kann es sich nicht leisten, eine halbe Million Menschen an den heimischen Futon zu verlieren, denn diese Menschen fehlen in der Wirtschaft. Immerhin gibt es aber einen Hoffnungsschimmer: Suga, Chef des Kabinettssekretariats, und noch weitere Politiker, mutmassten bereits, dass möglicherweise Pokémon GO die Einsiedler raus ins tobende Leben locken könnte³. Das wage ich allerdings zu bezweifeln, denn die Gründe für das komplette Zurückziehen aus der Gesellschaft sind oft nicht ohne weiteres zu beseitigen – in vielen Fällen waren es traumatische Erlebnisse in japanischen Firmen…

¹ Den Fragebogen der Studie „Zum Leben junger Menschen“ kann man hier einsehen.
² Siehe unter anderem hier (Japanisch) und hier (Englisch).
³ Siehe unter anderem hier (Japanisch).

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Endlich da: Cup Noodles mit… rätselhaftem Fleisch!?

September 6th, 2016 | Tagged , | 4 Kommentare | 732 mal gelesen

Neu: Undefinierbares-Fleischfestival im Pappbecher!

Neu: Undefinierbares-Fleischfestival im Pappbecher!

Nissin, der Cup-Noodle-Pionier und Marktführer für allerlei Instantnudeln, hat heute seine jüngste Kreation vorgestellt. Anlass dafür ist der 45. Geburtstag der sogenannten Cup-Noodles, die sich in Japan seit Einführung selbiger ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Die neueste Kreation hat dabei einen sehr, nun ja, gewöhnungsbedürftigen Namen: 謎肉祭 Nazo Niku-matsuri. „Nazo“ bedeutet „Rätsel“ bzw. „Undefinierbares“, „niku“ bedeutet „Fleisch“ und „Matsuri“ soviel wie „Fest(ival)“. Ein Fest undefinierbaren Fleisches quasi. Das klingt doch schon mal sehr verlockend, und es beschreibt genau das Gefühl, was ich jedes Mal habe, wenn ich Instant-Nudeln in Japan esse. Das passiert in etwa ein Mal pro Woche, im Büro, denn ich bin zugegebenermassen auch ein Fan dieser schnellen Mahlzeiten – aber nur in geringen Mengen. Die Dinger sehen schon von weitem äusserst ungesund aus, so dass die Angst vor dem, was da alles drin sein könnte, stärker ist als das Verlangen danach. Besonders verdächtig sind mir die Sorten mit Fleischbeilagen – entweder als gefriergetrocknete, braune Krümel oder einzeln verschweisst. Das sieht immer ein bisschen aus wie Chappi – also absolut undefinierbar, rätselhaft sozusagen. Von daher ist der Name der Nissin-Kreation kein grosses Wunder. Liest man sich die PR-Mitteilung jedoch genauer durch, stellt man fest, dass es sich nicht um undefinierbare Fleischsorten zweifelhaften Ursprungs handeln soll, sondern einfach nur um eine rätselhaft grosse Menge undefinierbarer Fleischbröckchen: Zehn Mal so viel als üblich. Igittigitt.

Interessant werden die ganzen Instantnudeln in Japan erst durch das ちょい足し choitashi – quasi das „Aufmotzen“ der Billiggerichte durch Zugabe von Käse oder Mayonnaise, Dashi oder Kim’chi, Nori oder Sake, Curry oder… Erdbeermarmelade. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt, und das Internet ist voll mit „Rezepten“ und Tipps für „Pimp my cup noodles“-Anfänger und Experten. Na dann – Prost Mahlzeit!

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Überraschender Service am Flughafen | Japankenner dringend gesucht

September 3rd, 2016 | Tagged | 10 Kommentare | 920 mal gelesen

Die weltweit Maßstäbe setzende Kundenfreundlichkeit in Japan hat oftmals ihren Preis: Vieles wird durch unglaublich viele, und unglaublich penible Handbücher geregelt, die von den jeweiligen Firmen verfasst und den Angestellten eingebleut werden. Nicht selten bleibt dabei die Flexibilität auf der Strecke. Beispiel: Als ich mal in einem Supermarkt nach einer kleinen Tüte fragte (draussen gab es plötzlich einen Wolkenbruch, aber ich hatte nicht die Zeit, extra was zu kaufen, um eine Tüte für umsonst zu bekommen), wurde dies sehr wortreich abgelehnt – es gehe einfach nicht, ich muss auf jeden Fall etwas kaufen. Das ist eben Vorschrift und damit Basta. Doch es gibt, und ich habe das Gefühl, das mehrt sich in jüngster Zeit, positive Ausnahmen. So auch neulich am Flughafen Haneda.

Geschafft nach 24 Stunden auf Achse, dazwischen 17 Stunden Flug und ein sehr hektischer Transit in Doha – das alles mit zwei Kindern – kamen wir gegen Mitternacht im Internationalen Terminal des Flughafens Haneda an. Losgeflogen nach Europa waren wir mit zwei Koffern und Handgepäck. Ziemlich erledigt waren wir hocherfreut, als unsere beiden Koffer kurz hintereinander auf dem Gepäckband heranrollten. Also wurde alles aufgesattelt und der Zoll passiert. Rein ins Taxi, es war schon fast 1 Uhr, und los ging es. Nach cirka zehn Kilometern meinte meine bessere Hälfte plötzlich: Wo ist eigentlich der Rucksack? Richtig. Den hatten wir beim Hinflug leer in den Koffer gestopft – und beim Rückflug voll als Gepäck aufgegeben. Oh je. Da klingelte auch schon das Telefon, denn in weiser Voraussicht hatten wir in Berlin brav die Namenskärtchen für das Gepäck ausgefüllt – inklusive Telefonnummer und Email-Adresse. Leider bemerkten wir den Anruf zu spät, und die Nummer des Anrufers wurde nicht mitgeschickt. Also suchten wir die Telefonnummer des Terminals raus und riefen an. Nachts, um eins. Eine Minute später hatten wir die Person am Apparat, die versucht hatte, uns anzurufen. Wir fragten, ob man den Rucksack eventuell schicken könnte – „着払い chakubarai“, also der Empfänger bezahlt. Kurzes Überlegen am anderen Ende, doch dann kam der berechtigte Einwurf, dass das Gepäck noch nicht den Zoll passiert hat. Aber er könne ja mal kurz mit dem Zoll sprechen und sehen, ob sie mit sich reden lassen. Ich war nicht sicher, ob das eine tolle Idee war, denn die untere Hälfte des über einen Meter hohen Rucksacks war Schmuggelfach und voll mit Salamis, Schinken, Käse und anderen Leckereien – die Hälfte davon durfte man so eigentlich gar nicht einführen (wenn man ertappt wird, wirft der Zoll das weg – mehr passiert da nicht). Aber gut. Am nächsten Tag noch Mal extra zum Flughafen zu fahren erschien mir weniger attraktiv, zumal man mich auch dann noch filzen könnte. Das ist mir in Japan allerdings schon sehr, sehr lange nicht mehr passiert.

Keine 10 Minuten rief uns der Angestellte zurück: Der Zoll habe das Gepäck inspiziert und passieren lassen – er könne uns den Rucksack dann „朝一 asaichi“ – als erste Handlung des Tages – zuschicken. Die Adresse hatte er ja. Und siehe da: Rund 12 Stunden nach unserer Landung erreichte uns auch das letzte Gepäckstück. Die knapp 10 Euro Versandkosten haben wir gern bezahlt. Doch eine Sache interessierte mich nun wirklich: Hat der Zoll wirklich das Gepäck inspiziert? Ich glaube nicht. Sonst wäre der Rucksack wohl etwas leichter geworden. Jedenfalls war ich begeistert von dem Angestellten, denn das war sicher Extra-Arbeit für ihn, und keiner hätte etwas gesagt, wenn er sie nicht gemacht hätte. Mehr davon!


An dieser Stelle möchte ich diesen Blog noch kurz für eine Anzeige nutzen. Ein in Aufbau befindliches, nagelneues Japanportal sucht noch nach Japanexperten, die interessiert daran sind, Vollzeit oder Teilzeit für das Portal über Japan zu schreiben. Auf Deutsch. Das kann in Deutschland, aber auch von Japan aus geschehen. Schreiberfahrung ist natürlich von grossem Vorteil. Bei Intesse bitte bei mir melden – ich schicke dann mehr Informationen!

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