Japan-Almanach: Alles über das Leben und Reisen in Japan. Seit 1998.
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Datum der Tenno-Abdankung steht fest | Steuern, Steuern, noch mehr Steuern

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Internetbanking mit Kaiserjahren
Internetbanking mit Kaiserjahren
Vor drei Tagen, am 1. Dezember, wurde eine seit anderthalb Jahren geführte Diskussion zu Ende geführt: Es geht um die vom Kaiser selbst vorgeschlagene Abdankung zu Lebzeiten – zugunsten des Thronfolgers und aufgrund gesundheitlicher Sorgen. Laut Beschluss des 皇室会議 kōshitsu kaigi (Kaiserlicher Hofrat) wird der Kaiser also planmäßig am 30. April 2019 seine rund 31-jährige Amtszeit beenden. Damit endet dann auch die „Heisei“-Zeitrechnung, und eine neue Zeitrechnung muss her, die im Jahr 2019 ihr Jahr 1 („元旦“ gantan“) und im Jahr 2020 ihr Jahr 2 haben wird. Wie das neue Motto, beziehungsweise wie die neue Zeitrechnung heißen wird, weiß man noch nicht.

Die gute Nachricht lautet dabei: Wahrscheinlich hat man dank der lange im Voraus geplanten Abdankung, so etwas gab es immerhin seit rund 200 Jahren nicht mehr, etwas mehr Zeit als sonst, sich auf den Namen einzustellen, denn die japanische Zeitrechnung wird noch immer auf den meisten amtlichen Dokumenten verwendet. Die schlechte Nachricht lautet, dass die Umstellung der Zeitrechnung in der IT-Branche quasi den kleinen Bruder des Y2K-Problems darstellt – hunderttausende Systeme müssen umgestellt werden, um das neue Datum darstellen und in die westliche Zeitrechnung umrechnen zu können. Das letzte Mal geschah das 1989, doch seitdem gibt es natürlich viel mehr IT als sonst. Beispiel gefällig? Das Internetbanking der japanischen Postbank zeigt das Datum im Heisei-Format, also eine am heutigen Tag getätigte Transaktion hat den Zeitstempel 29-12-04 – das steht für den 4. Dezember (Heisei) 29 = 2017. Die Transaktionen kann man sich im CSV-Format herunterladen, und unzählige Firmen haben ihre eigenen Programme dafür, diese CSV-Dateien in ihr eigenes Buchhaltungssystem zu importieren – inklusive der Umrechnung in das westliche Kalenderjahr. Das muss natürlich alles 2019 umgestellt werden. Dem jetzigen Kaiser, Akihito, kann man indes nur wünschen, dass er und seine Gemahlin bis zur Abdankung und darüber hinaus gesund bleibt, damit er noch etwas von seinem verdienten Ruhestand hat, denn so viel steht fest: Kaiser von Japan zu sein ist aufgrund der Terminfülle ganz sicher kein Zuckerschlecken.


Vor zwei Tagen sprang mir ein Artikel in den japanischen Medien (und in der Japan Times, siehe hier) ins Auge: Im für 2018 geplanten Steuerreformpaket, jenes soll am 14. Dezember verabschiedet werden, befindet sich wohl auch eine „Ausreisesteuer“ von 1,000 yen, die jeder, der Japan auf dem Luft- oder Seeweg verlässt, entrichten soll. Die Steuereinnahmen sollen dazu dienen, den Tourismus in Japan zu fördern. Sicher, 7,50 Euro sind nicht viel Geld, aber Touristen dafür zu bestrafen, dass sie auf Tourismuswerbung reagieren und nach Japan kommen, halte ich für etwas merkwürdig. Den Großteil müssen natürlich Japaner aufbringen, die ins Ausland reisen, und dennoch: Es ist beinahe so, als ob man mit einem Werbeprospekt des Möbelhändlers zu selbigem geht – und dort beim Bezahlen dann ein paar Euro für den Werbeprospekt bezahlen soll. Dabei war ich eigentlich froh, dass die unsägliche Ausreisegebühr am Flughafen Narita kurz vor der Jahrtausendwende endlich wegfiel — damals musste man nämlich noch bei der Ausreise jedes Mal gute 2’000 Yen „departure tax“ zahlen – so etwas gab es damals fast nur in „Bananenrepubliken“, und eben in Japan… Was mich jedoch wirklich wurmt, ist die Tatsache, wofür das Geld dann ausgegeben wird: Größtenteils sehr wahrscheinlich für nationalistische Propaganda.

Ein Volk der Kleinhändler

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Manchmal wähnt man sich fast wie unter den Ferengi: Der Klein- und Kleinsthandel in Japan nimmt immer groteskere Züge an, und die Frage nach den Gründen für das Verkaufsfieber ist durchaus interessant. Die Popularität äußerte sich erst heute wieder bei der An- und Verkaufsplattform Mercari メルカリ. Diese startete heute Punkt Mitternacht einen neuen Dienst, genannt „Mercari Now„. Das Prinzip ist sehr einfach und sicherlich verlockend: Wenn man etwas zu verkaufen hat, macht man ein Foto von dem Artikel, lädt es hoch und bekommt prompt einen Preisvorschlag zurück. Ist man damit einverstanden, wird das Geld umgehend überwiesen – die verkauften Sachen schickt man dann hinterher zu Mercari. Nach 17 Minuten, also um Punkt 00:17, war jedoch erstmal Schluß: Aufgrund zu hoher Serverbelastung wurde der Dienst erstmal wieder vom Netz genommen (und 15 Stunden später reaktiviert – Hut ab vor den IT-Leuten!)

Der Zuspruch muss also höher gewesen sein als erwartet, was ein wenig überrascht, denn im Juni startete ein ähnlich gearteter Dienstleister mit dem Namen „CASH“, finanziert von einem Bankenverband. Am ersten Tag vermeldete der Dienst einen Umsatz von rund 3 Millionen Euro – zu viel für den Betreiber. Man nahm am folgenden Tag den Dienst vom Netz und verkaufte ihn an den „wir-kaufen-alles-mit-Internet“-Giganten DMM.com, der den Service dann im August wieder startete.
Doch nicht nur bei Mercari und Cash geht es hoch her – auch bei Amazon, Rakuten, Atte, Yahoo! Auction und vielen anderen Dienstleistern wird gehandelt bis zum Umfallen. Auch Offline sind Dienstleister wie Book Off! und dergleichen gut dabei und hoch beliebt, wenn auch nicht immer unbedingt profitabel.

Mercari Now-Screen
Mercari Now-Screen

Wie kommt’s, möchte man da fragen. Schließlich erreicht dieser private Kleinsthandel Dimensionen, die man anderswo so nie erreichen wird. Sind immer mehr Haushalte knapp bei Kasse? Haben zu viele Hausfrauen, und von denen gibt es in Japan ja reichlich, schlicht zu viel Zeit? Oder ist es einfach nur die Tatsache, dass das Land so lange in Luxusgüter schwelgte, dass es davon einfach sehr viel gibt? Wahrscheinlich ist es eine Mischung. Gerade, was Luxusgüter anbelangt. Japan dürfte den höchsten Anteil Louis Vuitton-handtaschenschwingender Frauen haben. Von anderen Marken ganz zu schweigen. Markennamen gelten noch etwas, und man gibt gern viel Geld dafür aus, ob man es hat oder nicht (oder man lässt ausgeben). Doch irgendwann braucht man das eine oder andere Stück nicht mehr, und eine bequeme Methode wie Mercari Now kommt da genau richtig. Verständlicherweise ist die Seite deshalb auch auf Mode begrenzt: Man wählt die Art des Kleidungsstücks, den Markennamen (ganz wichtig!), den Zustand und einiges mehr – und basierend darauf bezahlt Mercari Geld. Genau wie bei einem gebrauchten Auto.

Doch auch in Japan muss man vorsichtig sein – Betrug ist allgegenwärtig. Ein Beispiel: Als wir neulich im Auftrag der Familie für jemanden einen Stillkittel als Geschenk bei Amazon bestellten, erhielten wir eine ominöse Plastiktüte mit einem selbstgedruckten Schreiben drin, in dem die Marke „Bebe au Lait“ gepriesen wurde. Ganz offensichtlich war das aber kein Original, darauf deutete auch schon die Verarbeitung hin (nicht, dass dieses Exemplar wesentlich günstiger war, wohlgemerkt). Eine Beschwerde beim Anbieter wurde zwar akzeptiert und das Produkt zurückgenommen, doch der Verkäufer bestand darauf, dass es ein Original eben jener Marke sei.

Aufruhr in der Sumowelt

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Seit gut einer Woche erschüttert ein handfester und zugleich eigenartiger Skandal die Sumowelt in Japan: Hauptakteur ist der 33-jährige Mongole Davaanyamyn Byambadorj, besser bekannt unter seinem Ringnamen Harumafuji. Interessant für die Allgemeinheit wurde der Vorfall nur, weil es sich hier um den 70. Yokozuna, also einem Sumogroßmeister, handelt. Und vielleicht auch ein wenig deshalb, weil der pockennarbige Harumafuji auf den ersten Blick furchteinflößend wirkt – ganz anders als sein Landsmann Hakuho zum Beispiel.

Der eigentliche Vorfall liegt fast einen Monat zurück: Bei einem Trinkgelage in der Provinzstadt Tottori soll Harumafuji einen Landsmann, bekannt unter dem Ringnamen Takanoiwa, niedergestreckt haben – von Schlägen war die Rede, aber auch von einer Flasche, die er ihm über den Kopf gezogen haben soll. Das Problem an der Angelegenheit ist, dass Harumafuji zum Hause 伊勢ヶ濱部屋 Isegahama gehört und Takanoiwa zum Hause 貴乃花, Takanohana. Isegahama wird vom 63. Yokozuna Asahifuji geführt, und Takanohana von, nun ja, Takanohana, seines Zeichens 65. Yokozuna. Rivalisierende Sumohäuser, also.

Harumafuji gab den Vorfall zu – zumindest, dass es einen Vorfall gab – und Asahifuji begab sich deshalb zu Takanohana, um sich dort offiziell („謝罪 – shazai“) zu entschuldigen. Doch als er dort – unangemeldet wohlgemerkt – ankam, fuhr Takanohana einfach fort. In der Zwischenzeit veröffentlichte Takanohana ein ärztliches Attest, in dem von einem Schädelbruch und weiteren, schweren Verletzungen die Rede war – und dass Takanoiwa bescheinigte, für einige Wochen nicht kampftauglich zu sein. Andererseits tauchte ein Video vom Tag nach dem Zwischenfall auf, in dem Takanoiwa offensichtlich putzmunter an einem Showkampf beteiligt war.

Der Sumoverband lud schliesslich alle Beteiligten dazu ein, Stellung zu nehmen. Takanohana verweigerte jedoch seine Teilnahme und schwieg. Bleibt nur noch die Polizei, die sich nun ebenso für den Fall interessiert. Der Fall sieht ganz nach einer offenen Fehde zwischen Asahifuji und Takanohana aus – und schadet dem Sport natürlich. Die sumointeressierte Öffentlichkeit war ohnehin schon verunsicherheit, als sich 3 von 4 aktiven Yokozuna vom letzten Turnier einfach abmeldeten – ein ungewöhnlicher Vorfall, denn von einem Yokozuna erwartet man die Teilnahme an Tournieren, so lange sie als Ringer aktiv sind.

Fahrschule in Japan Teil 2

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Aus gegebenem Anlass nun also Teil 2 (und vorerst der letzte Teil) zum Thema Fahrschule in Japan – der erste Teil befindet sich hier.

Und bevor ich es vergesse – vorneweg eine kurze Randnotiz für die Freunde der japanischen Sprache. Das Wort „Führerschein“ entspricht im Japanischen dem Wort 免許 menkyo (das ist der kürzeste Begriff, der volle Begriff ist 運転免許 unten menkyo, und der offizielle Begriff beinhaltet natürlich, auf was für ein Fahrzeug sich der Führerschein bezieht. „Menkyo“ setzt sich aus den Schriftzeichen men (Ausnahme, Befreiung) und kyo (Erlaubnis) zusammen – es handelt sich also um eine „Ausnahmegenehmigung“, und die Logik hinter diesem Wort ist verblüffend einfach: Per Gesetz ist es in Japan jedem verboten, ein Fahrzeug zu operieren. Wer von diesem Gesetz ausgenommen werden möchte, braucht deshalb eine Ausnahmegenehmigung – den Führerschein. Und noch ein Wort ist interessant: 助手席 joshuseki – der Beifahrersitz. Die korrekte Übersetzung lautet jedoch „Assistentensitz“, und das stammt aus der Zeit um 1916, als die ersten Taxis in Japan auftauchten und ein Assistent an Bord war, um den Motor anzukurbeln, die Tür zu öffnen und dergleichen. Noch heute steigen Japaner bei einem Taxi immer hinten ein (es sei denn, es fahren mehr als 3 Leute mit), und nur die hinteren Türen öffnen sich automatisch.

Nach dem Erlangen der provisorischen Fahrerlaubnis geht es nun also raus auf die Strasse. Das war im Fall meiner Fahrschule zumindest eine kleine Herausforderung – jedenfalls bei Autos mit manueller Schaltung. Es gibt zwei Wege aus der Schule – eine 10%ige und eine 12%ige Steigung, sofort gefolgt von einer dreispurigen Strasse, und das auch noch nur 50 Meter von einer großen Kreuzung entfernt, mit ständig entweder stehendem oder rasenden Verkehr.

16 Stunden Praxis sind Pflicht im zweiten und letzten Block – die meiste Zeit verbringt man auf verschiedenen Routen auf der Strasse, ein paar Stunden aber auch im Innenhof – um dort Parken (in Reihe sowie rückwärts einparken/Richtung ändern) zu üben, aber auch um ein Mini-Sicherheitstraining zu machen – Vollbremsung bei 25 km/h, mit 20km/h in eine 90 Grad-Kurve fahren und dergleichen. Hinzu kommt eine Stunde Autobahnfahrt. Da die Schule groß ist, hat man selten den gleichen Fahrlehrer, und so trifft man viele verschiedene Charaktere. Das hat seine Vor- und Nachteile. Der Vorteil: Bei einer Fahrlehrerin hatte ich zwei Stunden im Block. Eine nette Frau, aber sie gab pausenlos Anweisungen, egal ob man schon dabei war oder nicht. Sie trieb mich absolut in den Wahnsinn, und nach den zwei Stunden hatte ich Kopfschmerzen wie nach einer Flasche Kumpeltod. Dementsprechend war froh, dass die Lehrer jedes mal wechseln. Der Nachteil: Dem einen Lehrer ist man zu schnell, dem anderen zu langsam. Das verwirrt ebenfalls.

Fahrschulauto in Japan -- diese sehen jedoch je nach Fahrschule völlig anders aus.
Fahrschulauto in Japan — diese sehen jedoch je nach Fahrschule völlig anders aus.

Die 16 Stunden Theorie brachten erstaunlich wenig Neues. Es scheint, dass rund 90% dessen, was in der Theoriepeüfung nötig ist, im Block 1 gelehrt wird. Ausserdem gab es noch einen dreistündigen Erste-Hilfe-Block. Mein Jahr bei den Sanitätern liegt knapp 25 Jahre zurück, und die Auffrischung erwies sich als notwendig – offensichtlich haben sich sehr viele Regeln bezüglich der Ersthilfe drastisch geändert.

Nach 16 Stunden Praxis ist es wieder Zeit für 見極め mikiwame – die Prüfung vor der Prüfung. 45 Minuten „kleine“ Prüfung, halb Strasse, halb Parkübungen – danach entscheidet der Prüfer, ob man reif für die finale Fahrprüfung ist oder ob man mehr Fahrstunden benötigt. Scheinbar war ich bereit, doch dann eröffnete man mir, dass ich vor der letzten Praxisprüfung die Vorprüfung zur letzten Theorieprüfung benötige. Das könne ich doch gleich, in circa einer halben Stunde machen. Da die Vorprüfung nichts kostet und man selbige beliebig oft wiederholen kann (und auch noch etwas Zeit hatte), setzte ich mich also an den Prüfungscomputer und beantwortete die 100 Fragen. 90 davon müssen richtig sein. Und ich hatte tatsächlich Glück: Genau 90 Punkte.

Auch vor der letzten Praxisprüfung war mir nicht ganz klar, was passieren wird: Man sagte nur, dass man 8:30 beginnt, und das man um 12:00 Uhr fertig ist. Wenn es sich um eine große Fahrschule handelt, kann man diese Prüfung an der Schule ablegen und wird so von der wohl sehr schweren Fahrprüfung im Präfekturzentrum befreit. Letztendlich dauerte die Fahrschulfahrt jedoch pro Person noch nicht mal eine halbe Stunde, und die schwere Ausfahrt aus der Schule war nicht in der Fahrt inbegriffen. Zum Schluss musste jeder ein Mal einparken (und das ganze mit den Worten „Ich bin drin!“ abschliessen), und das war es auch schon. Jedes Mal fährt dabei ein anderer Prüfling hinten mit. Und obwohl einige das Einparken ordentlich vergeigten, haben letztendlich alle 8 Prüflinge an dem Tag bestanden. Der Rest der Zeit bestand aus Erklärungen und Däumchendrehen.

Präfekturzentrum der Verkehrspolizei. Jeder Autofahrer muss hier ca. alle drei Jahre antanzen
Präfekturzentrum der Verkehrspolizei. Jeder Autofahrer muss hier ca. alle drei Jahre antanzen

Mit dieser letzten Fahrprüfung hat man dann auch die Fahrschule „absolviert“. Schluss, fertig. Man bekommt ein paar Unterlagen sowie die magnetischen Sticker für Fahranfänger, die man sich in Japan genau ein Jahr lang ans Auto kleben muss (das ist Pflicht). Ganz Schluss ist dann aber doch nicht, denn die finale Theorieprüfung muss man am Präfekturzentrum der Verkehrspolizei ablegen. Davon gibt es in den meisten Präfekturen genau eines, in Tokyo aber gibt es drei. Selbst in der Präfektur Kanagawa, mit seinen Millionenstädten Yokohama und Kawasaki, gibt es genau ein Zentrum. Wer die Prüfung ablegen will, muss sich nicht vorher anmelden – man kann einfach dort antanzen, muss dies aber werktags zwischen 8:00 und 8:30 oder 13:30 und 14:00 tun. Dort angekommen lässt man seine Papiere überprüfen, bezahlt 1’750 yen Prüfungsgebühr, füllt Formulare aus und setzt sich mit 100 oder mehr Leuten in den Prüfungsraum. 50 Minuten Zeit bekommt man dann für 95 Fragen, wobei es für die letzten 5 Fragen bei drei Antworten jeweils 2 Punkte gibt (wer eine der drei Antworten falsch hat, verliert beide Punkte). Wer 90 Punkte oder mehr hat, hat gewonnen. Laut Prüfer erreichen nur 0.5% 100 Punkte, im Schnitt fallen um die 15% durch (insgesamt, inkl. derjenigen, die die Prüfung wiederholen). Eine gute halbe Stunde nach dem Test erfolgt die „Siegerehrung“ im Foyer: Die Prüflinge werden vor einer großen digitalen Leinwand versammelt, und dann erscheinen plötzlich Zahlenblöcke auf der Tafel – mit Löchern. Die Löcher stellen diejenigen dar, die das ganze noch mal versuchen dürfen (in Tokyo darf man das wohl am gleichen Tag machen, in Kanagawa zum Beispiel nicht).

Die Gewinner werden dann wieder auf Tour geschickt: Zu einem anderen Schalter, danach Foto, dann Gebührenmarken für 2’050 yen kaufen. Danach: Anderthalb Stunden Pause, bis man sich den Führerschein am Schalter abholen kann.

"Siegerehrung" nach der theoretischen Prüfung: Nummern, die nicht gezeigt werden, haben verloren. Bingo.
„Siegerehrung“ nach der theoretischen Prüfung: Nummern, die nicht gezeigt werden, haben verloren. Bingo.

Fazit: Mit Deutschland kann ich es mangels Erfahrung nicht vergleichen, aber die ganze Prozedur (des Führerscheinmachens) ist ziemlich gut durchorganisiert und letztendlich nicht besonders kompliziert. Solange man sich an all die kleinen Regeln hält. Eine interessante Erfahrung ist es auf jeden Fall, wenn auch eine kostspielige.

An dieser Stelle sei allerdings auch noch erwähnt, dass es zwei Alternativen zu diesem Weg gibt:

  1. Wer bereits im Ausland einen Führerschein gemacht und dort mindestens 3 Monate mit seinem Führerschein verbracht hat, kann sich im gleichen Amt und ganz ohne Prüfung einen japanischen Führerschein erstellen lassen. Das gilt aber nur für Länder, mit denen es entsprechende Abkommen gibt. Bei deutschen Führerscheinen geht das, bei amerikanischen zum Beispiel jedoch nicht. Das ganze Verfahren des Umschreibens ist hier sehr detailliert beschrieben.
  2. Wer Geld sparen will und/oder nicht sattelfest im Japanischen ist, kann die Prozedur auch bei einem auf Englisch sprechende Kundschaft spezialisierten Unternehmen machen. Ohne Theoriestunden, denn die sind nicht Pflicht – nur das Bestehen der Prüfung (die man auch auf Englisch ablegen kann) ist Pflicht. Da man die Theorieprüfung beliebig oft wiederholen kann, lernt man dann eben so lange, bis man es geschafft hat. Die Praxis erfolgt dann auf Englisch. Mit dieser Methode bezahlt man nur ungefähr die Hälfte – ob diese Methode nervenschonender ist, weiss ich allerdings nicht.
Schalter zum Umschreiben ausländischer Führerscheine
Schalter zum Umschreiben ausländischer Führerscheine

 

Der Massenmord von Zama

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​In den meisten japanischen Nachrichten wird tagtäglich von irgendwelchen Verbrechen berichtet, gerade so, als ob Japan ein absolut gefährliches Land sei. Doch der Fall, der momentan durch die Presse und die Köpfe der Menschen geistert, wird vielen noch lange in Erinnerung bleiben. Es geht um den Fall von Shiraishi, einem 27-jährigen, wohnhaft in einem Apartment in der Stadt Zama, Präfektur Kanagawa.

Aufmerksam wurde die Polizei auf Shiraishi am 31. Oktober, Halloween also, als sie Häuser durchsuchte, da es einige Vermißtenfälle gab und die Handyortung der Opfer jeweils in der gleichen Gegend schwächer wurden. In der Wohnung des mutmaßlichen Täters fanden die Beamten über 200 Körperteile von insgesamt 9 Menschen – verteilt auf Kühltruhen, Kübel und so weiter, nur hier und da mühsam mit Katzenstreu bedeckt. Es dauerte ein paar Tage, um die Opfer zu identifizieren: Es handelt sich um 8 junge Frauen zwischen 15 und 26 Jahren (darunter drei Oberschülerinnen) und einen jungen Mann, der, so fand man später heraus, auf der Suche nach seiner vermissten Freundin war.

Bei der ersten Vernehmung gab der junge Mann an, sich über Twitter und andere Netzwerke an Menschen gewandt zu haben, die Selbstmordabsichten geäussert hatten. Er bot ihnen an, mit ihnen zu reden, und ihnen unter Umständen zu helfen. Dabei gab er vor, ebenfalls mit Selbstmordgedanken zu spielen. Später widerrief er seine Aussage und gab zu, dass seine Opfer meistens nur reden wollten, und das er eigentlich nur auf das Geld der Opfer aus war.

Kaltblütige Mordserien wie diese gibt es überall irgendwann mal. Das wirklich Erschreckende an dem Fall ist, dass der Täter erst am 22. August diesen Jahres in die Wohnung eingezogen war. Und diese Wohnung befindet sich in einem dicht bebauten Wohngebiet. In jenem Wohngebiet also konnte der Mörder quasi innerhalb von rund zwei Monaten 9 Menschen ermorden – erst eine komplizierte Handyortung konnte die Polizei auf die richtige Fährte bringen.

Die Schlagwörter des Jahres

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Das Jahr hat noch ein paar Wochen übrig, doch Bildungsgigant U-can ist wie jedes Jahr wieder dabei, das beliebteste bzw. prägendste neue oder in Mode gekommene Wort des Jahres zu ermitteln – auf dieser Seite. Etliche Worte sind in der Tat neu, andere gibt es schon seit langem, aber sie tauchten nun in diesem Jahr verstärkt als Schlagwörter in den Nachrichten auf. In die engere Auswahl kamen erstmal 30 Begriffe, die einen schönen Eindruck davon liefern, was die Menschen in Japan in diesem Jahr soweit beschäftigte. Aus dieser Auswahl wird nun erstmal die Top 10 ermittelt. An dieser Stelle deshalb erstmal eine Liste der 30 bewegendsten Schlagwörter des Jahres 2017 – für alle, die Japanisch lernen oder lernen wollen. Interessanterweise ist dieses Jahr auch ein rein deutsches Wort dabei — allerdings unter einer nur Eingeweihten bekannten Bedeutung.

# Japanischer Begriff Aussprache Direkte Übersetzung Hintergrund / Bedeutung
1 アウフヘーベン aufuheeben (aufheben) Aufheben (im Hegelschen Sinne) Von Governeurin Koike benutzt – im Sinne von “eine Diskussion überwinden”
2 インスタ映え insutabae Instagram-Abbild Dinge zurechtrücken/manipulieren, damit sie auf Instagram einen guten Eindruck machen
3 うつヌケ utsunuke Depression überwinden Nach einem beliebten Mangatitel
4 うんこ漢字ドリル unko kanji doriru Fäkalien-Kanji-Drill Bei Kindern beliebtes Lernmaterial, bei dem ein Kothaufen den Lehrer mimt
5 炎上○○ enjō (marumaru) XYZ-Aufflackern Nach einem beliebten Comedy-Programm. Für Netizens bedeutet “Enjō” auch “Shitstorm” oder Netzdiskussion
6 AIスピーカー ei-ai-supiika- Künstliche-Intelligenz-Lautsprecher Amazon’s Alexa & Co.
7 9・98(10秒の壁) kyū ten kyūhachi 9,98 (die 10-Sekunden-Barriere) Bezieht sich darauf, ob die japanischen 100m-Sprinter die 10-Sekunden-Marke knacken können
8 共謀罪 kyōbōzai Konspirationsstraftat Siehe hier
9 GINZA SIX (Kaufhausname) Name eines neuen Kaufhauses an der Ginza, in dem 241 Markenläden vertreten sind (eröffnet im April 2017)
10 空前絶後の kūzen zetsugo no “früher nicht und später auch nicht” extrem selten
11 けものフレンズ kemono furenzu Biesterfreunde Populäres Anime/RPG
12 35億 sanjūgo oku 3.5 Milliarden Beliebter Slogan der Komödiantin “Bluson Chiemi with B” (bezieht sich auf Anzahl der Männer auf der Erde)
13 Jアラート jei araato J-Alarm Frühwarnsystem der japanischen Regierung für Raketenabschüsse in Nordkorea
14 人生100年時代 jinsei hyakunen jidai Zeitalter der 100-jährigen Diskussion über gesellschaftliche Veränderungen im Angesicht der gesteigerten Lebenserwartung
15 睡眠負債 suimin fusai Schlafschulden / Schlafdefizit Diskussion über mangelnden Schlaf in Japan und die gesundheitlichen Spätfolgen
16 線上降水帯 senjō kōsuitai Regenband Meteorologisches Phänomen, das in Japan 2017 zu einigen, lokal stark begrenzten Sturzfluten mit zahlreichen Toten sorgte
17 忖度 sontaku Vorauseilender Gehorsam / Wunsch von den Lippen ablesen Im Zusammenhang mit Korruptionsaffären benutzter Begriff – siehe auch hier: http://www.tabibito.de/japan/blog/2017/04/03/metis-patriotenporno/
18 ちーがーうーだーろー! chi-ga-u-da-ro-u Das ist doch völlig falsch! Verzweifelter Ausruf der Ex-Abgeordneten Toyoda, als sie ihren Sekretär nach Strich und Faden massregelte
19 刀剣乱舞 Tōken Ranbu “Schwerttanz” Beliebtes PC- und Mobilspiel von DMM Games
20 働き方改革 Hatarakikata Kaikaku Reform der Arbeitsweise Öffentliche Diskussion über die Art und Weise, wie in japanischen Firmen gearbeitet wird (Stichwort Überstunden)
21 ハンドスピナー handosupina- Handspinner Die auch in Japan beliebten Spielzeuge
22 ひふみん hifumin Zahnloser, älterer und sehr drolliger Shōgi-Experte
23 フェイクニュース feiku nyuusu Fake News
24 藤井フィーバー Fujii fiibaa Fujii-Fieber Fujii ist ein Mittelschüler, der in atemberaubender Geschwindigkeit zum Shōgi-Meister aufstieg
25 プレミアムフライデー puremiamu furaidee Premium Friday Initiative zum Abbau von Überstunden/Ankurbelung des Konsums – siehe hier: http://www.tabibito.de/japan/blog/2017/01/16/premium-freitag/
26 ポスト真実 posuto shinjitsu Postfaktisch
27 魔の2回生 ma no nikaisei “Teuflische Wiedergewählte” Eine Reihe von wiedergewählten Politikern, die sich in Sicherheit wähnten und sich grobe Fehltritte erlaubten
28 ○○ファースト (marumaru) faast XYZ-First Nach “America First”, “tomin fiirst” (siehe auch hier)
29 ユーチューバー yūchūbaa You-Tuber
30 ワンオペ育児 wanope ikuji “one operator”-Kindeserziehung Familien, bei denen aus diversen Gründen sich nur ein(e) Einzige(r) um die Kinder kümmern kann

9. Allgemeiner Bloggergipfel

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Bloggergipfel – mit Dank an Thuruk für das Logo!
Bloggergipfel – mit Dank an Thuruk für das Logo!
Und schon ist wieder ein Jahr rum – Zeit für ein neues Bloggertreffen! Und zwar wird dies bereits die neunte Auflage. Der Name “Bloggergipfel” soll dabei niemanden abschrecken – gerne sind auch Blogvoyeure eingeladen.

Als Terminvorschlag stelle ich mal den 2. Dezember, ein Sonnabend, in den Raum. Falls jemand an diesem Tag nicht kann, bitte einen alternativen Termin vorschlagen. Sollte sich da ein Tag herauskristallisieren, an dem deutlich mehr Leute können, lässt sich sicher etwas machen.

Da es auch Bloggerinnen mit sehr jungen Kindern gibt, können wir das Treffen auch gern um ein Nachmittagsprogramm (mit Nachwuchs) erweitern.

Die Regeln sind ansonsten wie immer:

1. Das Treffen findet in Tokyo statt – innerhalb oder nahe der Yamanote-Linie (Beispiel: Nakano, Ebisu, Meguro, Shibuya usw)
2. Bowling, Billard oder was weiss ich, als Vorspiel quasi, sind machbar.
3. Partner können gern mitkommen – ebenso Leute, die einfach nur dabei sein wollen.

Deshalb erstmal eine Frage in die Runde: Wer will? Wer kann? Gibt es Ortsvorschläge? Bessere Vorschläge als die obigen? Also, bitte leitet diesen Artikel weiter und hinterlasst einen Kommentar, wann es Euch passt und wo es Euch passt!

Falls jemand dieses Jahr den 幹事 machen möchte, bitte melden! Freiwillige vor!

Und noch eine Bitte: Bitte teilt den Aufruf, soweit möglich – es gibt mit Sicherheit einige Interessierte, die hier nicht täglich vorbeischauen, und neue Gesichter sind immer willkommen!

​Filmkritik: Survival Family

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Filmposter Survival Family
Filmposter Survival Family
Nach langer Pause ist mal wieder Zeit für eine Filmkritik. Heute geht es um einen der erfolgreichsten japanischen Filme (in Japan) diesen Jahres: サバイバルファミリー Survival Family.

Der Streifen erzählt die Geschichte der Familie Suzuki – ein Ehepaar mit zwei Kindern, die um die 18 Jahre alt sind. Und die vier Familienmitglieder sind so furchtbar gewöhnlich, dass sich der Film nicht allzu lange mit dem Aufbau der Charaktere beschäftigt. Herr Suzuki arbeitet in der Buchhaltung eines grossen Unternehmens in Tokyo, gibt 150% für die Firma und will dementsprechend zu Hause einfach nur in Ruhe gelassen werden. Die Wohnung ist sehr eng, und Frau Suzuki gibt sich als Hausfrau reichlich Mühe, ist aber von allem ziemlich genervt. Unter anderen von den beiden Kindern. Die Tochter, Pennälerin, ist aufmüpfig und starrt nur auf ihr Handy. Der Sohn, Student, will genau wie sein Vater, einfach nur in Ruhe gelassen werden, zumal er gerade eine Kommilitonin anhimmelt. Natürlich ist auch er schwer handyabhängig.
Der Film kommt ziemlich schnell zur Sache. Als der Vater morgens aufwacht, hat er die böse Ahnung, verschlafen zu haben. Seltsamerweise ist der Wecker stehengeblieben. Doch nicht nur das: Auch der Strom ist weg. Und das Gas. Und Wasser. Nichts funktioniert, nicht einmal Geräte mit Batterien. Pflichtbewusst wie er ist, stürmt er trotzdem zur Arbeit, und die Kinder – mit Fahrrädern – zu den Schulen. Draussen: Kein Auto fährt, auch kein Zug. Nichts bewegt sich. Überall nur ratlose Menschen. Suzukis Kollegen kommen noch nicht einmal in ihr Bürogebäude, weshalb sie sich gewaltsam Zutritt beschaffen. Das nützt freilich nicht viel, denn weder Licht noch Computer funktionieren.

Nach und nach wird das Ausmaß der Misere klar: Es gibt in der ganzen Stadt keinen Strom, und keinerlei Informationen über das warum oder wie lange es noch dauert. Lebensmittel und vor allem Wasser werden knapp. Und so beschliesst die Familie, zu fliehen – ganz in den Süden, zu Verwandten in Kagoshima. Man macht sich auf den Weg zum Flughafen Haneda (einer der zahllosen „Bitte? Was?“-Momente im Film), aber natürlich ist auch der nicht in Betrieb. Mittlerweile kostet eine Flasche Wasser am Wegesrand schon 2,500 Yen, also 20 Euro. Und so fasst Herr Suzuki einen gewagten Plan: Es soll mit dem Fahrrad Richtung Süden gehen. Gerüchten zufolge soll es in Osaka bereits Strom geben. Natürlich wird es eine entbehrungsreiche Fahrt. Man trifft Diebe, aber auch sehr freundliche Menschen. Und es wird lebensgefährlich, versteht sich. Aber das Erlebnis schweißt die Familie – wer hätte das geahnt! – natürlich eng zusammen.

Irgendwann kommt die Familie dann doch – man darf es verraten, denn natürlich muss es bei einem populären japanischen Film immer so ablaufen – in der tiefsten Provinz in Kagoshima an und lässt sich dort nieder. Die Dorfszenen haben einen kleinen Beigeschmack. Ist das die versteckte Nachricht hinter dem Film? Die Rückkehr in die guten alten Zeiten, ohne Strom, nur unter sich? Japaner als Fischer, Jäger und Ackerbauern, die von der Welt in Ruhe gelassen werden sollen? Man kann es nur ahnen.
Was ist an diesem Film nun so besonders? Zum einen kommt er völlig ohne Computergrafiken aus, ist aber trotzdem an manchen Stellen bedrückend realitätsnah. Besonders interessant ist jedoch, dass der Film als „Überlebenskomödie“ angepriesen wird. Sicher, er hat seine komischen Momente, doch was der Film da beschreibt, ist eine blanke Horrorvorstellung (und die Ereignisse im Jahr 2011 gaben darauf einen winzig kleinen Vorgeschmack): Die Vorstellung, mitten in Tokyo zu sein, wenn plötzlich und länger das gesamte Licht ausgeht. Der Film reisst zwar ein paar der zu erwartenden Probleme an (Müll auf den Strassen, skrupellose Geschäftemacher usw.), doch, wahrscheinlich da als Komödie deklariert, bei weitem nicht in realistischem Ausmaß. Der Überlebenskampf wäre mit Sicherheit viel, viel härter.

Erwähnt werden sollte auch der Familienvater / Hauptdarsteller 小日向 文世 Fumiyo Kohinata, der bei mir vor allem als knallharter und korrupter Detektiv Kataoka in den Yakuza-Schinken „Outrage“ und „Outrage Beyond“ von Beat Takeshi (Kitano) einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Der Eindruck war so stark (sprich, er spielte seine Rolle so gut), dass ich eine Weile brauchte, mich an den neuen Charakter zu gewöhnen. Jenen mürrischen, altklugen Charakter erklärt seine Filmgattin ihren Kindern während eines Wutausbruchs selbiger ganz gut: „Euer Vater… ist nun mal so!“

Ich wage zu bezweifeln, dass dieser Film irgendwann mal in Deutschland gezeigt wird. Aber für Japanisch-Lernende oder anderweitig Japaninteressierte ist er trotzdem sehenswert – wenn man nicht allzu viel Logik erwartet. Popcorn nicht vergessen!

Der Trailer:

Multikulti in japanischen Convenience Stores

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Wie jüngst bei einer Umfrage unter den drei größten Convenience Store-Ketten (convenience stores, kurz „konbini“, sind kleine Läden, die rund um die Uhr geöffnet haben und nahezu alles verkaufen – in erster Linie Essen und Getränke) ans Licht kam, arbeiten allein bei diesen drei Ketten rund 44’000 Ausländer – das sind rund 6% aller Konbini-Angestellten. Kunden im Großraum Tokyo dürfte diese Nummer nicht ins Staunen bringen, denn die Zahl der Ausländer hinter der Ladentheke hat in der Tat stark und spürbar zugenommen. Das ist insofern beachtlich, dass das eigentlich gar nicht so geplant war: Intern- und andere Visa, die zum Arbeiten berechtigen, schließen eigentlich den Niedriglohnsektor aus. Da bleiben eigentlich nur Studenten und Ehepartner übrig. Doch die Angestellten sind oft Eingesessene – und sicherlich nicht in jedem Fall verheiratet. Den Convenience-Store-Ketten kommt das gerade recht, und aus der Wirtschaft kommen nun auch Rufe Richtung Regierung, auch Positionen wie die eines Konbini-Manager in die Visaregelung einzuschliessen – soll heissen, wer eine Stelle als Manager angeboten bekommt, soll deshalb auch ein Visum bekommen dürfen.

Convenience Store in Japan
Convenience Store in Japan

Das ganze ist aus Sicht von 7-Eleven und Co. sinnvoll, wenn nicht sogar überlebensnotwendig, denn den Läden gehen schlicht die Arbeitskräfte aus. Die Arbeit in den Geschäften ist, vor allem für die Manager, definitiv kein Zuckerschlecken – man ist pausenlos auf Trab und muss sich mit vielen hundert verschiedenen Dingen gleichzeitig beschäftigen. Zudem ist das Gehalt nicht gerade üppig, weshalb die Stellen natürlich wenig attraktiv sind – erst recht in einer Zeit wie eben jetzt, in der es zumindest im Raum Tokyo wesentlich mehr Teilzeitstellen als Arbeitskräfte gibt.

Wird Japan damit internationaler? Bedingt, ja. Hervorragende Englischkenntnisse sollte man deshalb trotzdem nicht erwarten: Die meisten ausländischen Angestellten kommen aus dem südost- und südasiatischen Raum und sprechen deshalb nicht zwangsläufig gutes Englisch.

Unterhauswahlen 2017 – kein reinigender Sturm

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Die japanischen Fernsehsender hatten gestern allerhand zu tun: Einerseits fanden am 23. Oktober die vorgezogenen Unterhauswahlen statt, andererseits fegte ein – ungewöhnlich später und ungewöhnlich großer – Taifun über das Archipel. Leider hatte der Sturm im Bezug auf die Wahlen keinen reinigenden Effekt. Man wählte, welch‘ Überraschung, konservativ. 465 Sitze wurden im Unterhaus vergeben, und Abe’s Liberaldemokraten kamen auf 284 Sitze, also gut 61%. Der Juniorpartner, die Kōmeitō, kam auf 6,2%, und die neue „Partei der Hoffnung“ von Tokyos Gouverneurin Koike schaffte es auf 50 Sitze, also knapp 11%.

Die stärkste, wahre Oppositionspartei (die Partei der Hoffnung kann man einfach nicht als Opposition bezeichnen, dazu liegt sie viel zu sehr auf Regierungslinie) schaffte es gerade mal auf 55 Sitze, also 12%. Allerdings wurde diese Partei erst vor rund 2 Wochen gegründet: Die 立憲民主党 Konstitutionell-Demokratische Partei (kurz: 立憲 rikken, englische Abkürzung: CDP) unter dem Vorsitz des integren Edano entstand aus Mitgliedern der Minshintō, den Fortschrittlichen Demokraten, die vorher beschlossen hatten, nicht bei der Wahl anzutreten.

Action im Japanischen TV: Taifun-Nachrichten links und oben; Wahlen in der Mitte und unten
Action im Japanischen TV: Taifun-Nachrichten links und oben; Wahlen in der Mitte und unten

Die Rechnung von Abe ging damit auf. Die Umfragewerte der Regierung gingen im Sommer in den Keller, denn viele Leute hatten genug von Filz und Korruption. Doch Kim Jong-un, der nordkoreanische Führer, veranlasste mit seinem Säbelrasseln viele Japaner, das Altbewährte zu wählen – Abe und seine Liberaldemokraten, die ihrem Volk Schutz vor dem unberechenbaren Pyongyang versprechen. Wahlen waren ja eigentlich erst 2018 fällig, doch das Timing war gut für die Regierung, und die kurze Frist, die für die Neuwahl angesetzt wurde (rund 3 Wochen), ließ ganz offensichtlich der Opposition nicht genug Zeit, sich zu formieren.

Abe kann somit vier weitere Jahre so weitermachen wie bisher – schon jetzt ist er der mit Abstand am längsten amtierende Ministerpräsident im Nachkriegsjapan. Leider hat er nun auch eine bequeme Zweidrittelmehrheit, mit der er nach eigenem Gutdünken die Verfassung ändern kann. Und die schon vor langer Zeit beschlossene Mehrwertsteuererhöhung wird nun wohl auch kommen. In diesem Sinne – im Osten leider nicht viel Neues.

​Das Wahlergebnis als solches bestätigt Abes strategisches Geschick, und davor muss man den Hut ziehen. Aber wenn man all die Skandale und Skandälchen bedenkt (Begünstigung eines ultrarechten Bildungsträgers, Klüngelei beim Bau einer Veterinäruniversität, die keiner so recht braucht, ein Versuch, die Selbstverteidigungsstreitkräfte für Parteipolitik zu missbrauchen usw. usf.), fragt man sich ernsthaft, was noch geschehen muss, um die Leute umzustimmen. Diese Frage kann wahrscheinlich nur Edano, Parteivorsitzender der CDP beantworten – gewinnen er und seine Partei an Beliebtheit, könnte er — irgendwann — Abe gefährlich werden.

Interessant war das Abschneiden der Kommunistischen Partei Japans: Während die KPJ während der Governeurswahl von Tokyo vor ein paar Monaten erstaunlich viele Wähler anzog, konnte sie bei der Unterhauswahl nicht gerade punkten. Wenn es um Staatspolitik geht, war die Partei den Wählern dann wohl doch zu suspekt.

Tama-Fluss, an dieser Stelle sonst ein Rinnsal, nach dem Taifun
Tama-Fluss, an dieser Stelle sonst ein Rinnsal, nach dem Taifun

Wie eingangs erwähnt, zog zu allem Übel am Wahltag auch noch ein Taifun über das Land. Kurz vor Mitternacht erreichte „LAN“ Land – in der Präfektur Shizuoka – von wo er entlang der Berg gen Norden zog und dabei auch Kanagawa und Tokyo querte. Obwohl der Taifun noch relativ kräftig war, hielten sich die Schäden in der Hauptstadtregion in Grenzen, auch wenn es vereinzelt zu Stromausfällen und am Montag zu einem leichten Verkehrschaos kam. Schlimmer erwischte es vorher Fukuoka und die Kansai-Region (Gegend um Osaka): In einem Ort in der Präfektur Wakayama fielen in den 48 Stunden vor und während des Taifuns rund 880 mm Regen – in Berlin fallen im Vergleich nur rund 600 mm Niederschlag – pro Jahr, wohlgemerkt.

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