Wenn das Volk den Ministerpräsidenten jagt

Oktober 10th, 2017 | Tagged , , , | 1 Kommentar | 490 mal gelesen

Plakat des geplanten Auftritts in Shinyurigaoka

Plakat des geplanten Auftritts in Shinyurigaoka

Das Land steckt mitten im Wahlkampf, und bei diesem Wahlkampf wird natürlich auch seine Majestät MP Abe aktiv und geht auf Tournee. Das erweist sich jedoch als gar nicht so einfach, wie sich spätestens am 5. Oktober erwies. An jenem Tag wollte er eigentlich eine Rede vor dem Bahnhof von 新百合ケ丘 Shin’yurigaoka, einer relativ wohlhabenden Gegend im Westen von Kawasaki, halten. Sin’yurigaoka und Umgebung kenne ich sehr gut — es liegt schließlich keine zwei Kilometer von mir entfernt. Doch dann geschah etwas unerwartetes: Der Auftritt wurde urplötzlich verlegt. Und zwar fünf Bahnhöfe weiter, nach 向ヶ丘遊園 Mukōgaoka-Yuen (das ich auch wie meine Westentasche kenne). Was war geschehen?

Schon vor ein paar Wochen gab es bei einem Auftritt von Abe in Akihabara/Tokyo unschöne Szenen: Anhänger der Anti-Abe-Bewegung riefen immer wieder Sachen wie „帰れ kaere“ – „Geh nach Hause“ oder „やめろ!“ yamero – „Hör auf“ dazwischen. Irgendwann wurde es Abe zu bunt: Er sagte zu seinen Anhängern, auf die Störenfriede zeigend:

こんな人たちに負けるわけにはいかない – konna hitotachi ni makeru wake ni wa ikanai (Es kann nicht angehen, dass wir gegen die da den Kürzeren ziehen)

Besonders das „konna hitotachi“, in etwa „die da“, erregte Anstoß, beschrieb es doch ganz gut, was Abe über all jene, Politiker oder nicht, denkt, die nicht mit ihm übereinstimmen. Diese auch in den Parlamenten beliebten Zwischenrufe werden ヤジ yaji genannt, und Abe ist seit langem für seine patzigen Antworten bekannt. Er hat quasi eine Zwischenrufallergie, und die äußert sich nicht selten in einer dreisten Arroganz.

Natürlich wussten Abes Gegner von seinem geplanten Auftritt in Shin’yurigaoka (zu deutsch übrigens „Neu-Lilienberg“) und bliesen zur Attacke – vor allem auf Twitter. Das ging soweit, dass seine Berater ihm abrieten dort aufzutreten, und stattdessen nach Mukōgaoka-Yūen auswichen, was für einige Verwirrung in Neu-Lilienberg sorgte. Und für Freude im Anti-Abe-Lager natürlich, hatte man doch so seinen Auftritt verhindert.

Heute wurde Abes weiteres Programm bekanntgegeben – geplant sind öffentliche Auftritte im Nordosten des Landes, doch bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass einige Auftritte gestrichen wurden. Begründet wurde dies mit der Nordkorea-Krise¹, doch das kann man getrost als Ausrede bewerten, denn in Nordkorea ändert sich momentan nichts. Nichts jedenfalls, was es wert wäre, den Wahlkampf zu unterbrechen.

Auf Twitter gab es für die Shin’yurigaoka-Situation natürlich viel Häme, zum Beispiel hier:

Aber auch sonst kursieren auf Twitter sehr viele relevante Hashtags – zum Beispiel:

#安倍アラート („Abe-Alarm“
#安倍総理を追え („Jagt Ministerpräsident Abe“)
#国難 („Landesübel“ – ein Wort, das Abe gern benutzt. Seine Gegner bezeichnen ihn deshalb gern als eigentliches Landesübel)
#阿部やめろ („Abe hör auf“).

¹ Siehe unter anderem hier

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One Response to “Wenn das Volk den Ministerpräsidenten jagt”

  • Julia sagt:

    Wenn ich das richtig mitbekommen habe, wurde und wird ja in Deutschland gerade von der Partei mit dem Kleinbuchstaben in der Mitte auch gegen Frau Merkel persönlich gehetzt – oft noch von Leuten, die selbst mehr Dreck am Stecken haben.

    Wobei ich auch finde, Abe könnte langsam mal abtreten.

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