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Multikulti in japanischen Convenience Stores

Oktober 26th, 2017 | Tagged , | 2 Kommentare | 902 mal gelesen

Wie jüngst bei einer Umfrage unter den drei größten Convenience Store-Ketten (convenience stores, kurz „konbini“, sind kleine Läden, die rund um die Uhr geöffnet haben und nahezu alles verkaufen – in erster Linie Essen und Getränke) ans Licht kam, arbeiten allein bei diesen drei Ketten rund 44’000 Ausländer – das sind rund 6% aller Konbini-Angestellten. Kunden im Großraum Tokyo dürfte diese Nummer nicht ins Staunen bringen, denn die Zahl der Ausländer hinter der Ladentheke hat in der Tat stark und spürbar zugenommen. Das ist insofern beachtlich, dass das eigentlich gar nicht so geplant war: Intern- und andere Visa, die zum Arbeiten berechtigen, schließen eigentlich den Niedriglohnsektor aus. Da bleiben eigentlich nur Studenten und Ehepartner übrig. Doch die Angestellten sind oft Eingesessene – und sicherlich nicht in jedem Fall verheiratet. Den Convenience-Store-Ketten kommt das gerade recht, und aus der Wirtschaft kommen nun auch Rufe Richtung Regierung, auch Positionen wie die eines Konbini-Manager in die Visaregelung einzuschliessen – soll heissen, wer eine Stelle als Manager angeboten bekommt, soll deshalb auch ein Visum bekommen dürfen.

Convenience Store in Japan

Convenience Store in Japan

Das ganze ist aus Sicht von 7-Eleven und Co. sinnvoll, wenn nicht sogar überlebensnotwendig, denn den Läden gehen schlicht die Arbeitskräfte aus. Die Arbeit in den Geschäften ist, vor allem für die Manager, definitiv kein Zuckerschlecken – man ist pausenlos auf Trab und muss sich mit vielen hundert verschiedenen Dingen gleichzeitig beschäftigen. Zudem ist das Gehalt nicht gerade üppig, weshalb die Stellen natürlich wenig attraktiv sind – erst recht in einer Zeit wie eben jetzt, in der es zumindest im Raum Tokyo wesentlich mehr Teilzeitstellen als Arbeitskräfte gibt.

Wird Japan damit internationaler? Bedingt, ja. Hervorragende Englischkenntnisse sollte man deshalb trotzdem nicht erwarten: Die meisten ausländischen Angestellten kommen aus dem südost- und südasiatischen Raum und sprechen deshalb nicht zwangsläufig gutes Englisch.

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Unterhauswahlen 2017 – kein reinigender Sturm

Oktober 24th, 2017 | Tagged , , | Kein Kommentar bisher | 428 mal gelesen

Die japanischen Fernsehsender hatten gestern allerhand zu tun: Einerseits fanden am 23. Oktober die vorgezogenen Unterhauswahlen statt, andererseits fegte ein – ungewöhnlich später und ungewöhnlich großer – Taifun über das Archipel. Leider hatte der Sturm im Bezug auf die Wahlen keinen reinigenden Effekt. Man wählte, welch‘ Überraschung, konservativ. 465 Sitze wurden im Unterhaus vergeben, und Abe’s Liberaldemokraten kamen auf 284 Sitze, also gut 61%. Der Juniorpartner, die Kōmeitō, kam auf 6,2%, und die neue „Partei der Hoffnung“ von Tokyos Gouverneurin Koike schaffte es auf 50 Sitze, also knapp 11%.

Die stärkste, wahre Oppositionspartei (die Partei der Hoffnung kann man einfach nicht als Opposition bezeichnen, dazu liegt sie viel zu sehr auf Regierungslinie) schaffte es gerade mal auf 55 Sitze, also 12%. Allerdings wurde diese Partei erst vor rund 2 Wochen gegründet: Die 立憲民主党 Konstitutionell-Demokratische Partei (kurz: 立憲 rikken, englische Abkürzung: CDP) unter dem Vorsitz des integren Edano entstand aus Mitgliedern der Minshintō, den Fortschrittlichen Demokraten, die vorher beschlossen hatten, nicht bei der Wahl anzutreten.

Action im Japanischen TV: Taifun-Nachrichten links und oben; Wahlen in der Mitte und unten

Action im Japanischen TV: Taifun-Nachrichten links und oben; Wahlen in der Mitte und unten

Die Rechnung von Abe ging damit auf. Die Umfragewerte der Regierung gingen im Sommer in den Keller, denn viele Leute hatten genug von Filz und Korruption. Doch Kim Jong-un, der nordkoreanische Führer, veranlasste mit seinem Säbelrasseln viele Japaner, das Altbewährte zu wählen – Abe und seine Liberaldemokraten, die ihrem Volk Schutz vor dem unberechenbaren Pyongyang versprechen. Wahlen waren ja eigentlich erst 2018 fällig, doch das Timing war gut für die Regierung, und die kurze Frist, die für die Neuwahl angesetzt wurde (rund 3 Wochen), ließ ganz offensichtlich der Opposition nicht genug Zeit, sich zu formieren.

Abe kann somit vier weitere Jahre so weitermachen wie bisher – schon jetzt ist er der mit Abstand am längsten amtierende Ministerpräsident im Nachkriegsjapan. Leider hat er nun auch eine bequeme Zweidrittelmehrheit, mit der er nach eigenem Gutdünken die Verfassung ändern kann. Und die schon vor langer Zeit beschlossene Mehrwertsteuererhöhung wird nun wohl auch kommen. In diesem Sinne – im Osten leider nicht viel Neues.

​Das Wahlergebnis als solches bestätigt Abes strategisches Geschick, und davor muss man den Hut ziehen. Aber wenn man all die Skandale und Skandälchen bedenkt (Begünstigung eines ultrarechten Bildungsträgers, Klüngelei beim Bau einer Veterinäruniversität, die keiner so recht braucht, ein Versuch, die Selbstverteidigungsstreitkräfte für Parteipolitik zu missbrauchen usw. usf.), fragt man sich ernsthaft, was noch geschehen muss, um die Leute umzustimmen. Diese Frage kann wahrscheinlich nur Edano, Parteivorsitzender der CDP beantworten – gewinnen er und seine Partei an Beliebtheit, könnte er — irgendwann — Abe gefährlich werden.

Interessant war das Abschneiden der Kommunistischen Partei Japans: Während die KPJ während der Governeurswahl von Tokyo vor ein paar Monaten erstaunlich viele Wähler anzog, konnte sie bei der Unterhauswahl nicht gerade punkten. Wenn es um Staatspolitik geht, war die Partei den Wählern dann wohl doch zu suspekt.

Tama-Fluss, an dieser Stelle sonst ein Rinnsal, nach dem Taifun

Tama-Fluss, an dieser Stelle sonst ein Rinnsal, nach dem Taifun

Wie eingangs erwähnt, zog zu allem Übel am Wahltag auch noch ein Taifun über das Land. Kurz vor Mitternacht erreichte „LAN“ Land – in der Präfektur Shizuoka – von wo er entlang der Berg gen Norden zog und dabei auch Kanagawa und Tokyo querte. Obwohl der Taifun noch relativ kräftig war, hielten sich die Schäden in der Hauptstadtregion in Grenzen, auch wenn es vereinzelt zu Stromausfällen und am Montag zu einem leichten Verkehrschaos kam. Schlimmer erwischte es vorher Fukuoka und die Kansai-Region (Gegend um Osaka): In einem Ort in der Präfektur Wakayama fielen in den 48 Stunden vor und während des Taifuns rund 880 mm Regen – in Berlin fallen im Vergleich nur rund 600 mm Niederschlag – pro Jahr, wohlgemerkt.

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Tegel vs. Narita

Oktober 19th, 2017 | Tagged , | 6 Kommentare | 1124 mal gelesen

So sehr ich auch den Flughafen Tegel mag (er hat einfach Stil) — es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr das Ankommen nach einer Flugreise den ersten Eindruck prägt. Als ich letzte Woche in Tegel ankam (wie immer), standen wir (wie immer) auf dem Rollfeld, so dass es mit Bussen zum Terminal geht. Der Flieger war nahezu vollbesetzt, also schätzungsweise 300 Passagiere stiegen aus. Dem gegenüber gab es 4 Schalter bei der Grenzkontrolle und einen Empfangsbereich, der viel zu klein war: Die Schlangen bei der Einreise reichten bis nach draussen. Das dauert eine ganze Weile, aber das macht ja nichts: Es dauert ja sowieso eine gefühlte Ewigkeit, bis endlich das Gepäckband zu rollen beginnt. Und jenes ist schnell so voll, dass kein neues Gepäck raufgestellt werden kann, da ja die meisten noch bei der Einreise festhängen. Dass man seinen Koffer bereits vor dem Gebäude stehen sehen kann hilft da nicht – es kann trotzdem noch eine geschlagene Stunde dauern. Summa summarum dauert es mehr als eine Stunde, bis man endlich nach draussen gelangt. Es sei denn, der Zoll möchte auch noch ein Wörtchen mitreden.

Bald Geschichte? Air Berlin und der Flughafen Tegel

Bald Geschichte? Air Berlin und der Flughafen Tegel

Ankunft in Narita bei Tokyo (aber es könnte auch genauso gut Haneda sein): Das Flugzeug fährt nach der Landung erstmal solange herum, dass man meint, ins Stadtzentrum gefahren zu werden. Nach dem Verlassen des Flugzeuges läuft man dann erstmal rund einen halben Kilometer – es gibt natürlich Laufbänder – bis man zur Quarantäne gelangt, durch die man in der Regel nur durchläuft. Die Einreise hat man bei Ausländern nun aufgetrennt – in den biometrischen Teil und den eigentlichen Einreiseschalter. Es gibt viele Passagiere von vielen verschiedenen Flügen, aber auch sehr viele offene Schalter sowie Einweiser, die einem sagen, wie und wohin man gehen muss. Meistens dauert das Passieren deshalb nur 15 Minuten oder gar weniger. Dahinter liegt die grosse Halle mit den Gepäckbändern, und die sind oftmals schon mit Gepäckstücken belegt, wenn man dort ankommt. Wer Glück hat, hat nach weniger als 5 Minuten sein Gepäck – wenn nicht, dauert es eben bis zu 30 Minuten. Dann geht es noch vorbei am Zoll, der mal mehr und mal weniger neugierig ist (heute war er zum Beispiel erstaunlich desinteressiert – der Zöllner wollte lediglich den Startflughafen wissen). Und so ist man nicht selten nach 30 Minuten und ziemlich stressfrei draussen.

Aber der Flughafen Tegel ist sowieso ein Anachronismus – viel zu klein und viel zu alt, um mit den heutigen Standards im internationalen Flugverkehr mithalten zu können. Mich beschleicht allerdings die leise Ahnung, dass es am nagelneuen Flughafen BER, so er denn mal fertig wird – nicht wesentlich besser sein wird. Oder? Ich wäre ehrlich gesagt überrascht. Und einen Wermutstropfen gibt es ja beim Flughafen BER schon vor der Eröffnung: Einen Direktflug nach Japan wird es auch dort vorerst nicht geben.

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Karte der Bahnlinien von Tokyo und Umgebung Teil 1

Oktober 12th, 2017 | Tagged , , , | 22 Kommentare | 957 mal gelesen

Es gibt so viele schöne Karten der Bahnlinien von Tokyo und Umgebung – aufwendig erstellt und schematisiert, um das ganze Wirrwarr auf engstem Raum unterzubringen. Was mir allerdings irgendwie fehlte, war eine maßstabsgetreue Karte, und dem wollte ich immer schon mal Abhilfe schaffen. Das Ergebnis ist eine Karte der Innenstadt von Tokyo und Teilen der angrenzenden Präfekturen Kanagawa, Chiba und Saitama – im Maßstab 1:36’000 (sprich 3cm entsprechen ungefähr einem Kilometer. Natürlich ist das Ergebnis ein Monster – bestehend aus 97 verschiedenen Bahnlinien und 959 Bahnhöfen. Schaut man sich die ganze Karte an, sieht man natürlich nicht viel:

Karte aller Bahnhöfe und Bahnlinien im Raum Tokyo

Karte aller Bahnhöfe und Bahnlinien im Raum Tokyo

Im Detail betrachtet wird die Sache schon etwas klarer, aber naturgemäss sieht auch das etwas chaotisch aus – vor allem im Zentrum von Tokyo:

Streckenlinien-Ausschnitt

Streckenlinien-Ausschnitt

Mit dieser Karte habe ich noch einiges vor — sie ist im SVG-Format erstellt, und hinter der Karte steckt eine Datenbank, in der aufgelistet wird, wie viele Menschen zum Beispiel im jeweiligen Bahnhof ein- oder aussteigen, wann der Bahnhof erbaut wurde/wann die Bahnlinie entstand und so weiter und so fort. Dazu bald (hoffentlich) mehr auf diesem Sender. Ich hoffe, dass irgendjemand meinen Enthusiasmus für dieses Projekt teilt. Den Rest muss ich zu meiner Verteidigung daran erinnern, dass ich eigentlich, ja eigentlich, Geograph bin…

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Wenn das Volk den Ministerpräsidenten jagt

Oktober 10th, 2017 | Tagged , , , | 1 Kommentar | 493 mal gelesen

Plakat des geplanten Auftritts in Shinyurigaoka

Plakat des geplanten Auftritts in Shinyurigaoka

Das Land steckt mitten im Wahlkampf, und bei diesem Wahlkampf wird natürlich auch seine Majestät MP Abe aktiv und geht auf Tournee. Das erweist sich jedoch als gar nicht so einfach, wie sich spätestens am 5. Oktober erwies. An jenem Tag wollte er eigentlich eine Rede vor dem Bahnhof von 新百合ケ丘 Shin’yurigaoka, einer relativ wohlhabenden Gegend im Westen von Kawasaki, halten. Sin’yurigaoka und Umgebung kenne ich sehr gut — es liegt schließlich keine zwei Kilometer von mir entfernt. Doch dann geschah etwas unerwartetes: Der Auftritt wurde urplötzlich verlegt. Und zwar fünf Bahnhöfe weiter, nach 向ヶ丘遊園 Mukōgaoka-Yuen (das ich auch wie meine Westentasche kenne). Was war geschehen?

Schon vor ein paar Wochen gab es bei einem Auftritt von Abe in Akihabara/Tokyo unschöne Szenen: Anhänger der Anti-Abe-Bewegung riefen immer wieder Sachen wie „帰れ kaere“ – „Geh nach Hause“ oder „やめろ!“ yamero – „Hör auf“ dazwischen. Irgendwann wurde es Abe zu bunt: Er sagte zu seinen Anhängern, auf die Störenfriede zeigend:

こんな人たちに負けるわけにはいかない – konna hitotachi ni makeru wake ni wa ikanai (Es kann nicht angehen, dass wir gegen die da den Kürzeren ziehen)

Besonders das „konna hitotachi“, in etwa „die da“, erregte Anstoß, beschrieb es doch ganz gut, was Abe über all jene, Politiker oder nicht, denkt, die nicht mit ihm übereinstimmen. Diese auch in den Parlamenten beliebten Zwischenrufe werden ヤジ yaji genannt, und Abe ist seit langem für seine patzigen Antworten bekannt. Er hat quasi eine Zwischenrufallergie, und die äußert sich nicht selten in einer dreisten Arroganz.

Natürlich wussten Abes Gegner von seinem geplanten Auftritt in Shin’yurigaoka (zu deutsch übrigens „Neu-Lilienberg“) und bliesen zur Attacke – vor allem auf Twitter. Das ging soweit, dass seine Berater ihm abrieten dort aufzutreten, und stattdessen nach Mukōgaoka-Yūen auswichen, was für einige Verwirrung in Neu-Lilienberg sorgte. Und für Freude im Anti-Abe-Lager natürlich, hatte man doch so seinen Auftritt verhindert.

Heute wurde Abes weiteres Programm bekanntgegeben – geplant sind öffentliche Auftritte im Nordosten des Landes, doch bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass einige Auftritte gestrichen wurden. Begründet wurde dies mit der Nordkorea-Krise¹, doch das kann man getrost als Ausrede bewerten, denn in Nordkorea ändert sich momentan nichts. Nichts jedenfalls, was es wert wäre, den Wahlkampf zu unterbrechen.

Auf Twitter gab es für die Shin’yurigaoka-Situation natürlich viel Häme, zum Beispiel hier:

Aber auch sonst kursieren auf Twitter sehr viele relevante Hashtags – zum Beispiel:

#安倍アラート („Abe-Alarm“
#安倍総理を追え („Jagt Ministerpräsident Abe“)
#国難 („Landesübel“ – ein Wort, das Abe gern benutzt. Seine Gegner bezeichnen ihn deshalb gern als eigentliches Landesübel)
#阿部やめろ („Abe hör auf“).

¹ Siehe unter anderem hier

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Hoffnungslos: Partei der Hoffnung

Oktober 5th, 2017 | Tagged | 3 Kommentare | 844 mal gelesen

Wie schon seit mehreren Wochen regelrecht befürchtet, hat Ministerpräsident Abe das Unterhaus aufgelöst und Neuwahlen angesetzt: Und zwar sehr bald, am 22. Oktober. Und er scheint sich da seiner Sache sicher zu sein. Aufgrund mehrerer Korruptions- und anderer Skandale sind zwar die Umfragewerte im Keller, aber die Opposition ist den Namen nicht wert und wie immer viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Es wird wieder ein Trauerspiel werden.

Hinzu kommt auch noch das in Japan so beliebte „Abtrünnige gründen neue Partei und alles wird gut“-Spiel – ein politisches Ringelpiez mit Anfassen. Der neue Stern am Firmament hat den so nichtssagenden wie blödsinnigen Namen 希望の党 kibō no tō – Partei der Hoffnung, gegründet am 25. September 2017 unter Führung der Tokyo-Gouverneurin 小池 百合子 Yuriko Koike. Sie hat, und das ist üblich bei diesem Spielchen, reichlich Erfahrung: Sie war bereits in sechs verschiedenen Parteien. Zuletzt war sie Vorsitzende der Tokyoter 都民ファースト tomin faasto – „Hauptstadtbewohner Zuerst“-Partei, doch das reichte ihr nicht, denn schon allein der Name dieser Partei verbietet die landesweite Ausbreitung der politischen Aktivitäten.

Die Geburt dieser neuen Partei war schon einmal interessant und spricht für (bzw. gegen) Koike: Eigentlich wollten einige Abgeordnete eine „日本ファーストの会 Nippon First no kai“ (Japan-Zuerst-Bewegung, man schliesst sich auch hier dem globalen Trend an) gründen, zu der auch Koike gehören sollte, doch urplötzlich hielt sie eine Pressekonferenz ab und erklärte, dass sie ihre eigene Partei gründen werde. Interessant ist es auch deshalb, weil Abe nur rund eine Stunde später die Auflösung des Unterhauses bekannt gab. An Zufall mag man da nicht glauben.

Von vornherein erklärten sich einige Abgeordnete der 民進党 – „Demokratische Fortschrittspartei“, eine Partei, die sich auf ähnliche Art und Weise wie die Hoffnungspartei erst im vergangenen Jahr gründete, interessiert an der neuen Partei, und schließlich gab man sogar bekannt, zugunsten der Hoffnungspartei nicht an der Wahl teilzunehmen. Das ist Koike allerdings egal: Heute machte sie deutlich, dass nicht jeder von der Demokratischen Fortschrittspartei automatisch willkommen sei.

Die politische Richtung der neuen Hoffnungspartei ist mal ganz was anderes: Konservativ, mit einem Hauch von Nationalismus. Also so etwas ist ja in Japan ganz, ganz selten! Nur in wenigen Punkten gibt es geradezu sensationelle Standpunkte – so ist man zum Beispiel für den Atomausstieg. Ansonsten steckt da nicht viel Hoffnung, aber zumindest eines wird immer deutlicher: Koike mausert sich mehr und mehr zu einer wahren Despotin, an der man bestimmt noch viel Freude haben wird.

Über den Wahlausgang zu spekulieren ist vor allem dieses Jahr besonders schwer: Die regierenden Liberaldemokraten werden sehr wahrscheinlich stark Federn lassen, aber die Opposition ist viel zu zersplittert, und in ihren Wahlverspechen oft auch noch viel zu nah dran an der Regierung, um wirklich einen Unterschied machen zu können. Das wird – mal wieder – für eine sensationell geringe Wahlbeteiligung sorgen.

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Sayonara 2channel. Oissu, 5channel!

Oktober 2nd, 2017 | Tagged , | Kein Kommentar bisher | 511 mal gelesen

Da staunten Millionen Japaner gestern und heute nicht schlecht, als sie ihr allseits beliebtes 2channel im Browser aufriefen – und plötzlich zu 5channel umgeleitet wurden! Erklärt wird das ganze mit einer wie üblich putzigen Animation, bei der die 2 durch ein possierliches Tierchen weggekickt wird und eine 5 auftaucht. 2ちゃんねる 2channel hatte ich früher schon einmal vorgestellt, aber dieses japanische Internetphänomen ist trotzdem eine weitere Meldung wert.

Aus 2 mach 5: 2channel benennt sich um

Aus 2 mach 5: 2channel benennt sich um (auf das Bild klicken um Animation zu sehen)

Gegründet wurde 2channel im Jahr 1999 – als sehr, sehr einfaches BBS (bulletin board system) mit null Layout, gewährleisteter Anonymität und Schmuddelimage, welches unter anderem auch durch das Geschäftsmodell unterstrichen wurde: Das Portal finanzierte sich dadurch, nicht jugendfreie Banner einzublenden, wenn man einen Link nach aussen klickte – erst danach wurde und wird man weitergeleitet. Bis 1998 existierten andere, beliebte Boards, zum Beispiel tennou.com, aber die verschwanden nach und nach. 2channel profilierte sich schnell als „Speaker’s corner“ im Internet. Im Jahr 2002 zählte man bis zu 3 Millionen Nutzer pro Tag – im weltweiten Internetseitenranking lag 2ch, wie die Seite gern abgekürzt wird, auf Rang 4. Die Spielregeln waren und sind relativ einfach:

• Jedes Thema (thread) kann maximal 1’000 Beiträge haben oder bis zu 500kb groß sein. Danach fällt das Beil – egal wo die Diskussion steckt.
• Man muss keinen Namen eingeben, und auch keine Email-Adresse: Deshalb gibt es extrem viele Beiträge von „名無しさん nanashi-san“ — „Herr/Frau Namenlos“
• Es gibt bzw. gab rund 1’000 freiwillige Wächter – die allerdings fast alles durchgehen ließen und lassen.

2ch bzw. jetzt eben 5ch ist aus besagten Gründen ein beliebtes Ventil, um im Internet Luft abzulassen, und entsprechend rauh ist der Umgangston – zumal man in Japan in Sachen politischer Korrektheit weniger empfindlich ist. Hin und wieder tauchen auch brauchbare Informationen auf, aber letztendlich ist das meiste Klatsch, Tratsch und sinnloses Aufeinanderrumhacken.

Der Namenswechsel wurde von Loki Technology, Inc, einer kleinen amerikanischen Firma, beschlossen – diese übernahm gestern, am 1. Oktober 2017, 2channel. Was die Firma damit will, ist nicht ganz klar, aber so viel steht fest: 2ch ist auf einem absteigenden Ast. Junge Leute benutzen lieber Twitter, Facebook, Instagram und Co. Die Benutzer von 5ch werden immer älter — aber deshalb nicht unbedingt freundlicher. So gesehen wird es schon interessant zu sehen, was Loki damit machen will. Momentan braucht die Webseite geschlagene 60 Server, und die müssen natürlich irgendwie bezahlt werden.

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