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Stimmen der Unvernunft – Deutschland vs. Japan

August 28th, 2017 | Tagged , | 14 Kommentare | 952 mal gelesen

Im letzten Beitrag habe ich wohl eine etwas kühne These aufgestellt: Dass es im öffentlichen Raum, online wie offline, in Japan weniger unvernünftig zugeht als zum Beispiel in Deutschland. Kühn deshalb, weil das alles in allem eine subjektive Meinung ist, die man so nur schwer in Zahlen ausdrücken kann. Kühn auch deshalb, weil es sicherlich davon abhängt, wo genau man in Deutschland (in meinem Fall: zumeist Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt) ist – und wo genau man in Japan ist (meistens im Großraum Tokyo).

Was die reale Welt anbelangt, stehe ich zu meiner Behauptung. Wohin ich in meiner alten Heimat auch schaue – der Wahnsinn springt mich überall an. Auf Tattoos. Auf T-Shirts. Von den oftmals sinnlos vollgesprayten Häuserwänden. Von Ritzungen im Fensterglas der Züge. Und nicht zuletzt von den Unterhaltungen im Zug. All das erlebt man in Japan äußerst selten: Tattoos gibt es von vornherein viel weniger, und bedruckte T-Shirts bestechen in der Regel höchstens durch ihr radeberechendes Ausländisch. Graffiti? Muss man suchen. Unterhaltungen im Zug? Sind eher selten, vor allem im Berufsverkehr. Telefon klingelt im Zug? Peinlich. Zerkratzte Scheiben? Bisher noch nicht gesehen. Der Unterschied ist so stark, dass das meinen Kindern als allererstes in Deutschland auffiel: Graffiti. Und das laute Unterhalten in öffentlichen Räumen.

Online hingegen sind sich Japan und Deutschland jedoch näher. Vor allem die Rechte macht in den Foren Dampf, aber besorgniserregender ist in Japan der unbewußte Rassismus, der überall durchdringt. Aber auch hier gibt es einen feinen Unterschied, und als Beispiel fallen mir da zunächst die Benutzerkommentare auf Yahoo! Japan, das beliebteste Nachrichtenportal in Japan, und Benutzerkommentare bei der Tagesschau ein. Die Tagesschaukommentare werden dabei etwas stärker moderiert. Was zum Beispiel rechtes Gedankengut anbelangt, nehmen sich beide Portale nicht viel. Doch ein guter Teil der Kommentare auf der Tagesschau bestehen aus Medien-Bashing und grob gesagt ausgewiesener Klugscheißerei. Medienschelte ist dabei natürlich völlig in Ordnung, erst recht bei den Öffentlich-Rechten (die Tagesschau schafft es oftmals nicht einmal, wenigstens die Überschriften korrekturzulesen – das ist unterstes Niveau und muss einfach erwähnt werden) – schließlich werden sie von allen mitfinanziert. Nein, es ist das sinnlose Herumkloppen auf Artikel, die oftmals ganz offensichtlich noch nicht mal zu Ende gelesen wurden. Eine sinnfreie Herumdeuterei, hin und wieder abgeschlossen mit einem falsch platzierten „but what about“-Totschlagargument. Dieses Pseudo-Intellektuelle Rumgehacke sieht man in Japan weniger in den Medien – und darüber bin ich froh. Kommentare schreiben, einfach um Frust abzulassen – gefühlt zumindest ist das in Japan weniger der Fall.

Rassistisches Gedankengut findet man jedoch auch in Japan im Internet sehr schnell – und da die Exekutive in Sachen rechtsextremes Gedankengut (Stichwort Volksverhetzung), vorsichtig ausgedrückt untersensibilisiert ist, sind die Gedanken oftmals krasser formuliert.

Aber wie eingangs erwähnt, ist das alles sehr subjektiv – und sicherlich streitbar.

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