Die Saat des Bösen

Juli 18th, 2017 | 15 Kommentare | 851 mal gelesen

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, als Satoshi Uematsu, ein heute 27-jähriger Angestellter einer Einrichtung für körperlich und geistig Behinderte in Sagamihara, nahe Tokyo, kurz vor Morgengrauen seine ehemalige Arbeitsstätte betrat. 5 Messer hatte er im Gepäck. Als erstes fesselte er die Nachtschicht, dann fragte er einen Angestellten, wer von den Bewohnern sprechen könne und wer nicht. Basierend auf der Antwort zog er dann von Zimmer zu Zimmer und erstach 19 Bewohner, zwischen 19 und 70 Jahre alt, und verletzte 26 weitere Bewohner teilweise schwer (später gab er zu Protokoll, dass er vor allem Behinderte, die sich nicht selbst deutlich artikulieren können, als nicht lebenswert erachtete). Nach der Tat begab er sich seelenruhig zur Polizei und gestand seine Tat.

Ein psychiatrischer Gutachter stellte ein paar Monate fest, dass Uematsu voll schuldfähig war. Jiji, eine der grössten Nachrichtenagenturen Japans, veröffentlichte nun die Zusammenfassung eines Briefwechsels zwischen einem Journalisten und dem Täter¹. Demzufolge fühlte sich der Täter wohl vor allem von Donald Trumps Bemerkung inspiriert, dass es zu viele unglückliche Menschen gebe – und Uematsu bezog dies auf die Pfleger und Angehörigen von schwer Behinderten. Seiner Meinung nach wären viele Menschen glücklicher, wenn das Leben von schwer Behinderten nicht künstlich verlängert werden würde. Garniert wurde der krude Gedankengang mit Bewunderung für den Islamischen Staat, seltsamerweise aber auch mit Abscheu gegenüber dem Euthanasieprogramm der Nazis, dass er für zu übertrieben hält.

Das Strafmaß für einen der schlimmsten Massenmorde in Japan steht noch nicht fest, aber allein die Tatsache, dass er sich auch ein Jahr später in keinster Weise reumütig zeigt, wird wohl den Richtern keine Wahl lassen, als auf Todesstrafe zu plädieren. Und wahrscheinlich wird es Uematsu kalt lassen, obwohl er sich bei seinem Briefwechsel über die jetzigen Haftbedingungen beschwert hat (für Todesstrafenanwärter werden die Bedingungen noch härter – vollkommene Isolation und absolutes Unwissen darüber, wann der Strick um den Hals gelegt wird, sind da nur zwei Dinge). Doch es ist und bleibt erschreckend, wes Geistes Kind dort das Leben von 19 Menschen und Familien zerstörte. Trump und Konsorten müssen nicht direkt von Euthanasie schwärmen, um solche Täter hervorzubringen. Schon ein Wortschatz von 500 Wörtern und Andeutungen wie „es gibt so viele unglückliche Menschen da draussen“ können ausreichen, um Menschen wie Uematsu in ihren zerstörerischen Wahnvorstellungen zu bekräftigen.

¹ Siehe hier

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15 Responses to “Die Saat des Bösen”

  • Umij sagt:

    Für mich Lust sich das so, als würde Herr uematsu heutzutage als Büroangestellter arbeiten. Ich habe mich die ganze Zeit nach der Pointe gefragt. Ein bisschen missverständlich vielleicht…

  • Michael sagt:

    Hallo,
    auch wenn ich ihn nicht mag, kann man hier wohl Herrn Trump nicht die Schuld zuschieben. Solche Menschen wie Herr Uematsu sind tickende Zeitbomben die irgendwann hochgehen, der Auslöser kann da alles mögliche sein, sei es das böse Computerspiel, der Horrorfilm oder eben eine Aussage von Herrn Trump. Ich denke Herr Uematsu währe früher oder später auf jeden Fall hochgegangen, einfach weil er ein, entschuldigung aber mir fällt keine bessere Beschreibung ein, psychopatischer Irrer ist.

    • tabibito sagt:

      Nein, natürlich ist Trump nicht daran schuld. Aber es ist trotzdem erschreckend, dass Menschen wie Uematsu sich von Trump bestätigt fühlen.

      • Karl Eduard sagt:

        Werter @tabibito,

        „…Seiner Meinung nach wären viele Menschen glücklicher, wenn das Leben von schwer Behinderten nicht künstlich verlängert werden würde. …“

        Da hat Satoshi Uematsu nicht unrecht. Es ist schwer für einen Angehörigen, zuzusehen, wie ein geliebter Mensch nur noch dahinvegetiert, selbst äußert, daß er gern sterben würde, ihm der Tod vom System aber verweigert wird. Das Problem ist, daß es die Großfamilie, die sich früher um solche Angehörigen kümmern konnte, nicht mehr gibt (jedenfalls nicht unter den Weißen) und daß die Familie vom System letztendlich zerschlagen wird. Jeder kann sich schon mal mit dem Gedanken anfreunden, selbst in einem Pflegeheim zu landen, die Kinder, falls überhaupt vorhanden, gehen weit entfernt einer Arbeit nach, man liegt apathisch im Bett, hört dem TV zu und wartet auf den nächsten betreuten Stuhlgang. Keine schöne Zukunft.

        • Julia sagt:

          Moment. Du wirfst hier Schwerbehinderte und alte, pflegebedürftige Menschen sowie lebensverlängernde Maßnahmen in einen Topf.

          Und selbst wenn einige dieser alten oder behinderten Menschen gerne sterben würden, dann war das SICHER nicht die Entscheidung dieses Kerls. Und selbst wenn sie sterben wollten, dann sicherlich nicht, indem sie nachts erstochen werden.

        • tabibito sagt:

          Nein, da hat Julia recht. Das ist eine völlig andere Geschichte. Hier geht es nicht dahinvegetierende Menschen in einem Pflegeheim, sondern um… Menschen. Mit Gebrechen, sicherlich, aber viele von ihnen sind trotzdem – den Umständen entsprechend – glücklich. Und niemand, aber auch niemand, hat das Recht, den Zeitpunkt zu bestimmen wann ein Mensch geht. Ausser derjenige selbst vielleicht.

  • Julia sagt:

    Ich habe zufällig letztens ein japanisches Gefängnis besuchen können und fand es zwar sehr eng, aber auch sehr sauber. Ich denke, im Lande Trumps hätte der Mann durchaus mehr Beschwerden über das Gefängnis.

    Allerdings bin ich immer noch gegen die Todesstrafe.

    • tabibito sagt:

      Interessant. Lust, darüber mal etwas in einem Gastbeitrag zu schreiben?

      • Julia sagt:

        Ich müsste erst den Professor, der das organisiert hat, fragen, ob ich das überhaupt darf. Ist es okay, wenn ich mich danach wieder melde?
        (Entschuldige die späte Antwort, das Mail-Abo hat wohl doch nicht funktioniert…)

        • tabibito sagt:

          Sicher, kein Problem. Eilt nicht. Und war nur so’ne Idee, aber würde mich freuen, wenn Du mal nachfragst.

          Das mit dem Mail-Abo muss ich mir mal anschauen, danke für den Hinweis jedenfalls.

          • Julia sagt:

            Ich habe gefragt und ich darf nicht nur den Artikel schreiben, sie würden sich sogar freuen, wenn ich das in Deutschland verbreite.

            Momentan bin ich mitten in der Prüfungsphase, aber ich denke, Mitte August sollte ich es schaffe. Wäre das in Ordnung?

          • tabibito sagt:

            Das sind ja sehr gute Nachrichten — das dachte ich mir ehrlich gesagt schon fast.

            Das ganze hat keine so grosse Eile, also erstmal viel Erfolg bei den Prüfungen und melde Dich doch einfach mal, sobald Du etwas Zeit hast!

  • Stefie sagt:

    Generell würde es mich interessieren wie die Haltung der meisten Japaner gegenüber Menschen mit Behinderung ist. Könntest du dazu etwas schreiben?

    • tabibito sagt:

      Schon lange darüber nachgedacht, aber mir fehlen da leider die Erfahrungen – es wären sehr viele Mutmassungen dabei, und das will ich den Lesern nicht antun. Aber falls sich ein Anlass bietet, werde ich das vielleicht noch nachholen.

      • Jörg sagt:

        Wäre interessant, stelle ich mir aber auch schwierig vor. Fände ich selbst für Deutschland schwierig.