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Kyoto-Starbucks im traditionellen japanischen Stil / Tokyo-Tirade in der „Zeit“

Juni 28th, 2017 | Tagged , , , | 6 Kommentare | 712 mal gelesen

Heute stellte Starbucks Japan seine neueste Niederlassung in der alten Kaiserstadt Kyoto vor¹. Die Filiale öffnet am 30. Juni 2017 ihre Pforten und befindet sich an der altehrwürdigen 二寧坂 Ninen-zaka-Gasse unweit des Kiyomizu-Tempels. Das zweigeschossige Gebäude ist mehr als 100 Jahre alt und komplett im traditionellen Stil aus Holz gebaut. Im Inneren gibt es die obligatorischen Tatami (Reisstrohmatten).

Ein geschickter Schachzug von Starbucks, das muss man den Marketingleuten lassen. スタバ sutaba, wie die Läden in Japan abgekürzt werden, hat hierzulande über 1’000 Filialen und mehr als 3’000 Angestellte. Die erste Niederlassung wurde 1996 an der Ginza eröffnet. Doch die neueste Filiale in Kyoto sollte auch etwas nachdenklich stimmen. Sicher, man kann es nicht vermeiden, dass sich globale Ketten in historischen Gassen breit machen – das geschieht überall. Auch McDonalds hat schon vor Jahrzehnten in Kyoto Filialen eröffnet und war sogar kompromissbereit: Man verzichtete auf die übliche, in der Tat sehr aufdringliche rot-gelbe Farbmischung und einigte sich mit der Stadt auf einen Braunton. Doch man kann sich jetzt schon ausmalen, dass nicht wenige Touristen (die meisten davon werden wohl nicht aus Europa sein) einen Besuch in der traditionell japanischen Starbucks-Filiale als ein Highlight ihres Kyoto-Besuches empfinden werden. Und das ist etwas traurig, verliert man doch dabei den ursprünglichen Sinn des Reisens komplett aus den Augen.

Kyoto-Starbucks-Filiale

Quelle: Fashion-press.net ( https://www.fashion-press.net/news/31621)

Das erinnerte mich ein bisschen an den Artikel Im Land der aufgehenden Langeweile erschienen bei Die Zeit und verfasst von Ulf Lippitz. Dort bedauert der Autor auch die Tatsache, dass die Globalisierung auch die japanische Hauptstadt fest im Griff hat. Mehr aber noch erinnert mich der Artikel daran, dass manche Menschen scheinbar nicht mehr die Essenz des Reisens erkennen. Vollgepumpt mit Erwartungen hat sich da der Autor auf die Reise nach Tokyo gemacht und war ganz überrascht, an den absoluten Touristenfallen nicht den Kick zu bekommen, den er erwartet hat. Wie man ein Reiseziel so absolut oberflächlich „durchrennen“ kann, ist mir ein Rätsel (genau so ist es mir ein Rätsel, wie er in ein Restaurant mit „Cover Charge“ gelangte – danach muss man eigentlich heute fast suchen). Sicher, Tokyo muss man nicht mögen – an den meisten Ecken ist es nicht schön. Aber bevor man als bezahlter Korrespondent Sätze wie „Ein Helene-Fischer-Konzert hätte es auch getan“ in einer Beschreibung über Shibuya in der Nacht von sich gibt, hätte man sich ja wenigstens ein kleines bisschen Mühe geben können…

¹ Siehe unter anderem hier (Starbucks-Pressemitteilung, Japanisch) und hier (Japan Times, Englisch).

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Japan wächst und wächst und wächst…

Juni 22nd, 2017 | Tagged , , | 1 Kommentar | 629 mal gelesen

Vorgestern gab das 国土地理院 – die Geospatial Information Authority of Japan bekannt, dass man zum ersten Mal seit rund 45 Jahren an einer Überarbeitung der topographischen Karte Japans arbeitet¹ – der Grund dafür ist eine zwar noch anhaltende, aber bereits jetzt schon bemerkenswerte Änderung: Die Insel 西之島 Nishinoshima (wörtlich: Insel des Westens) rund 1’000 Kilometer südlich von Tokyo (die Insel gehört allerdings wohlgemerkt zu Tokyo!) ist in den vergangenen vier Jahren um fast das zehnfache gewachsen. Bis vor vier Jahren handelte es sich um ein gerade Mal 0,3 Quadratkilometer großes Inselchen und einem 25 Meter hohen Hügel. Am Jahresende 2016 maß man bereits 2,7 Quadratkilometer, mit einem knapp 150 Meter hohen Berg in der Mitte.

Alte Karte und neue Karte von Nishinoshima (1:25000). Quelle: GSI

Alte Karte und neue Karte von Nishinoshima (1:25000). Quelle: GSI

Bei Nishinoshima handelte es sich um eine Caldera, die gerade so aus dem Meer schaute, aber aus selbiger strömen seit 2013 fast ununterbrochen gewaltige Lavamengen, und ein Ende ist Geologen zufolge noch nicht in Sicht. Anschauen kann man sich das Spektakel leider nicht so ohne weiteres – die nächstgelegene, bewohnte Insel Chichinoshima liegt gut 130 Kilometer entfernt, und die Gewässer um den Vulkan sind aufgrund der Gefahr, die von dem Vulkan ausgeht, gesperrt. Immerhin wird der unverhoffte Zuwachs zum Gebiet der Präfektur Tokyo dazu beitragen, die durchschnittliche Bevölkerungsdichte von Tokyo zu drücken…

Jüngere Luftbildaufnahme von Nishinoshima – By Unmanned Aerial Vehicle (UAV) – Geospatial Information Authority of Japan website (http://www.gsi.go.jp/gyoumu/gyoumu41000.html), CC 表示 4.0, Link

¹ Siehe hier

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Ungeliebte Einwanderer: Rote Feuerameisen tauchen in Japan auf

Juni 19th, 2017 | Tagged | Kommentare deaktiviert für Ungeliebte Einwanderer: Rote Feuerameisen tauchen in Japan auf | 751 mal gelesen

Rote Feuerameise

Rote Feuerameise – By The photographer and www.AntWeb.org, CC BY 4.0, Link

In der vergangenen Woche ist das eingetreten, wovor sich die japanischen Behörden schon lange gefürchtet haben: Erstmals wurden in Japan Vertreter der ヒアリ hiari Roten Feuerameise (Solenopsis invicta) in Japan gesichtet. Das „invicta“ im lateinischen Namen bedeutet nichts Gutes, denn übersetzt heißt das „unbesiegbar“: Gegen die Tiere ist einfach noch kein Kraut gewachsen. Ursprünglich aus Südamerika stammend, haben sie sich rasend schnell im Süden der USA ausgebreitet, und auch in Südchina, Taiwan und Australien haben sie sich bereits niedergelassen.

Entdeckt wurden die Tiere im Containerhafen auf Port Island in der Hafenstadt Kobe. Am Wochenende wurden weitere 100 Tiere gefunden, aber wenigstens, so wurde jedenfalls in den Medien berichtet¹, wurde keine Königin gefunden. Entweder, weil es keine gibt, was natürlich gut wäre, oder weil sie gut versteckt ist. Man geht auch davon aus, dass es die Ameisen noch nicht bis in besiedelte Gebiete – jene sind rund 2 km vn besagtem Terminal entfernt – geschafft haben. Das Quarantänepersonal arbeitet deshalb mit Hochdruck daran, andere Exemplare zu finde, denn so viel steht fest: Sollten sie es bis in die Innenstadt von Kobe schaffen, wird es wohl sehr schwer, wenn nicht unmöglich, sein, sie wieder loszuwerden.

In den Medien sind die Ameisen natürlich sofort zum Lieblingsobjekt avanciert. Genüsslich übersetzt man dort den englischen Beinamen „killer ants“ in „殺人アリ“ (Mörderameise) und zeigt Zeitraffervideos, in denen man sieht, wie Ameisen einen toten Frosch bis auf die Knochen abdecken. Man muss kein Ameisenexperte sein, um zu wissen, dass viele Ameisenarten genau das tun – sich von Kadavern ernähren. Nicht umsonst haben sie Beinamen wie „Polizei des Waldes“ und dergleichen.

Die Feuerameisen sind zwar nicht groß – die Arbeiter sind wohl nur 2,6 bis 6 mm lang, aber sie haben es in der Tat in sich: Da die Tierchen sehr aggressiv sind und auch noch omnivor – sie kommen bestens mit dem von Menschen hinterlassenen Müll aus – werden allein in den USA schätzungsweise 14 Millionen (!) Menschen pro Jahr gebissen², und während der Großteil der Opfer mit verbrennungsähnlichen Wunden davon kommt, entwickeln zwischen 0,6 und 6% eine allergische Reaktion bis hin zum Tod. In dem Sinne kann man nur hoffen, dass die Tiere sich hier nicht ausbreiten. Mit der globalen Erwärmung wird die weitere Verbreitung allerdings nur eine Frage der Zeit sein.

¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe Wikipedia

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Vergessen und dennoch da: Erhöhte Radioaktivität bei Tokyo

Juni 14th, 2017 | Tagged , | 2 Kommentare | 915 mal gelesen

Man hat in den letzten zwei, drei Jahren eigentlich kaum noch etwas darüber gehört oder gelesen, aber das bedeutet natürlich nicht, dass das Problem damit alleine verschwindet: Erhöhte Strahlenwerte, und zwar nicht nur in der unmittelbaren Umgebung des Reaktors in Fukushima, sondern auch in und um Tokyo. Nach dem Nuklearunfall gab es ja auch in Tokyo sehr unterschiedlich verteilte Strahlenwerte, wobei vor allem sogenannte „Hotspots“ in der Nachbarpräfektur Chiba auffielen, allen voran in den Städten Abiko, Kashiwa, aber auch in Urayasu.

Heute wurde bekanntgegeben, dass man an insgesamt 5 staatlichen Oberschulen im Stadtbereich von Kashiwa Strahlenwerte gemessen hat, die das gesetzlich erlaubte Limit von 0,23 Mikrosievert pro Stunde übersteigen. Und zwar teilweise deutlich – der höchste Wert lag bei über 0,7 μSv/h¹. Zwar wurde betont, dass die erhöhten Werte an Stellen gemessen wurden, wo normalerweise keiner hingeht (Abflußrinnen und dergleichen), aber gerade bei Schulen gibt es bekanntermaßen nur wenige Stellen, wo wirklich keiner hingeht.

Die Nachrichten kann man von einer positiven und einer negativen Seite sehen. Die negative Seite dürfte klar sein: Das Problem erhöhter Radioaktivität bleibt, allen Beteuerungen seitens der Politiker zum Trotz, bestehen. Und das wird noch sehr lange der Fall sein. Die positive Nachricht ist jedoch, dass das Monitoring zu funktionieren scheint – und das auf staatlicher und privater Seite. Die oben genannten Erkenntnisse stammen aus Messungen von staatlicher Seite. Aber in Kashiwa zum Beispiel gibt es auch Bürgermessungen, bei denen Freiwillige mit Geigerzählern vorgeschriebene Bereiche abgehen und dort – in einem Meter Höhe – mobile Messungen vornehmen. Diese werden dann auf einer Webseite veröffentlicht².

Dabei ist es interessant, zu sehen, wie sich die Lage verändert. Auf den folgenden Karten werden die Messergebnisse bei Begehungen der Bahnhofsgegend von Kashiwa dargestellt. Grüne Punkte bedeuten Werte von 0,1μSv/h und darunter; blau bedeutet 0,1 μSv/h bis 0,23 μSv/h (Quelle: Siehe ²):

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2013

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2014

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 204

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2015

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2015

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2016

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2016

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2017

Radioaktivität rund um den Bahnhof Kashiwa im Mai 2017

Der Trend ist deutlich erkennbar — aber man darf nicht vergessen, dass hier in einem Meter Höhe, entlang gut befahrener (und gereinigter) Straßen gemessen wird. In direkter Bodenhöhe oder an Orten, wo sich Abwasser sammelt, sieht die Lage wieder ganz anders aus.

¹ Siehe Nachrichten von gestern und heute hier (Japanisch) und hier (Englisch).
² Siehe zum Beispiel hier.

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46 Jahre versteckt – der japanische Untergrund

Juni 8th, 2017 | Tagged , | 1 Kommentar | 593 mal gelesen

Fahndungsplakat Masaaki Ōsaka

Fahndungsplakat Masaaki Ōsaka

Am 18. Mai 2017 machte die Polizei von Hiroshima Hausdurchsuchungen bei mutmaßlichen Mitgliedern der extremistischen Gruppe 中核派 chūkakuha („Kernzelle“). Der eigentliche Name der Gruppe lautet 革命的共産主義者同盟全国委員会 kakumeiteki kyōsanshugisha dōmei zenkoku iinkai (Nationales Komitee der revolutionären kommunistischen Liga) und wird aus verständlichen Gründen gern abgekürzt. Das Programm der Gruppierung findet sich sogar auf Englisch im WWW¹.

Die 1957 gegründete Gruppe vertritt Marxismus in seiner Reinform und brandmarkte somit auch den Stalinismus oder das nordkoreanische Modell als eine Regierungsform, die ebenfalls nicht im Interesse der Arbeiterklasse handelt. Man organisierte Streiks und verlegte sich später auf Anschläge, einige davon tödlich. Der letzte Anschlag fand 2001 statt – weshalb die Meldung der Hausdurchsuchung recht überraschend kam.

Während der Durchsuchung versuchte ein älterer Mann zu fliehen, doch er kam nicht weit: Die Beamten nahmen ihn wegen des Verdachts der Behinderung der Staatsgewalt fest. Später erhärtete sich ein Verdacht: Der Festgenommene könnte womöglich der seit 46 (!) Jahren gesuchte 大坂正明 Masaaki Ōsaka sein. Jener wurde seit 1971 wegen der 渋谷暴動事件 Shibuya Bōdō Jiken – Shibuya-Unruhen gesucht. Damals demonstrierten vornehmlich Studente und Mitglieder der Kernzelle gegen das Abkommen über die Rückgabe von Okinawa mit der USA. Eine Polizeiwache wurde angegriffen, mehrere Polizisten schwer verletzt – und ein Polizist wurde erst mit Stahlstangen niedergeschlagen und danach angezündet. Er verstarb am nächsten Tag an seinen Verletzungen. Ōsaka galt als Haupttäter, konnte aber im Gegensatz zu 6 Mitangeklagten fliehen. Bis jetzt.

Da der Angeklagte sich nicht äußerte, wurde letztendlich eine DNA-Untersuchung veranlaßt, und so wurde in dieser Woche bekannt, dass es sich tatsächlich um den gesuchten Ōsaka handelt.

Der Fall erinnert etwas an den Lindsay-Fall vor 8 Jahren: Damals schaffte es der Mörder der britischen Englischlehrerin Lindsay auch, sich knapp 3 Jahre lang im Land zu verstecken – und er reiste sogar durch die Gegend. Beide zählen zum 蒸発 jōhatsu – „Verdunsten“-Phänomen, bei der Japaner, in vielen Fällen sind es hochverschuldete Ehepartner, einfach so verschwinden. Im Untergrund.

Zwei französische Autorinnen haben zu diesem Thema etwas recherchiert (und fotografiert) und dazu ein Buch verfasst – The Vanished: The „Evaporated People“ of Japan in Stories and Photographs – erhältlich auf Französisch und Englisch, wie es scheint. Ihren Recherchen zufolge entscheiden sich alljährlich rund 100’000 Japaner, „abzutauchen“. Sie sind einfach nicht mehr auffindbar, schlagen sich mit Gelegenheitsarbeiten herum und wohnen in Absteigen, in denen man sich nicht registrieren braucht. Sie leben quasi außerhalb der Matrix, und die Familienangehörigen wissen davon nichts.

Ob das Buch gut ist oder nicht, weiss ich (noch) nicht, aber ich werde es mir sicher demnächst mal durchlesen, denn dieser Aspekt der japanischen Gesellschaft ist sehr interessant – und kaum durchleuchtet.

¹ Siehe hier

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Und die 10 beliebtesten Reiseziele in Japan sind…

Juni 5th, 2017 | Tagged , , | 4 Kommentare | 1063 mal gelesen

Vor einem guten Monat erfolgte auf diesem Blog eine Leserumfrage über die beliebtesten Reiseziele in Japan (die Umfrage und der Artikel befinden sich hier). Die Frage lautete:

WAS SOLLTE MAN IN JAPAN UNBEDINGT GESEHEN HABEN?

Rund 400 Stimmen wurden abgegeben. Natürlich muss man die Umfrage mit Vorsicht genießen – schließlich habe ich die Auswahl getroffen, und über die lässt sich natürlich streiten (zum Beispiel indem man Ise in der Präfektur Mie mit Shibuya in Tokyo austauscht). Interessant ist das Ergebnis trotzdem, wenn auch nicht unbedingt überraschend: Der schwimmende Torii von Miyajima bei Hiroshima landete mit großem Abstand auf Platz 1, vor Shinjuku in Tokyo. Die Antworten würden sicher auch anders aussehen, wenn man zum Beispiel nur Städte nennt (Tokyo, Kyoto, Kobe…).

Unschlagbar die Nummer 1 in der Beliebtheitsskala: Der schwimmende Torii von Miyajima

Unschlagbar die Nummer 1 in der Beliebtheitsskala: Der schwimmende Torii von Miyajima

Hat man Japan nicht richtig gesehen, wenn man diese 10 Sehenswürdigkeiten nicht abgeklappert hat? Klare Antwort: Nein, das kann man so nicht sagen. Ich habe es auch erst beim vierten oder fünften Japanaufenthalt nach Miyajima geschafft, war dafür aber zu der Zeit schon in Gegenden, die das Gegenteil von Touristenattraktionen darstellen (Yokkaichi zum Beispiel), unterwegs.

Da es die Möglichkeit gab, die Liste zu ergänzen, gab es auch über 25 andere Vorschläge, wie zum Beispiel Akihabara in Tokyo (ausgelassen wegen Shinjuku) oder Yakushima in der Präfektur Kagoshima (ausgelassen wegen zu weit weg).

Die gesamte Liste von 1 bis 10 findet man ab sofort auf dieser Seite.

Ich danke noch mal Allen für’s Mitmachen – und die zwei Bücher sind auch schon verlost (und auf dem Weg).

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Personen, um die man in Japan einfach nicht herumkommt – heute: Matsuko DeLuxe

Juni 2nd, 2017 | Tagged , | 4 Kommentare | 664 mal gelesen

In einer losen Folge möchte ich an dieser Stelle einmal Personen vorstellen, um die man in Japan einfach nicht drumherum kommt. Weil sie allgegenwärtig sind, etwas Besonderes geleistet haben und/oder meinungsbildend sind.

Heute geht es um マツコ・デラックス Matsuko Deluxe, einem Schriftsteller und Fernsehunterhalter, der seit vielen Jahren als seine eigene Kunstfigur durch die Landschaft tobt. Der 44-jährige Mann taucht nur in weiten Frauenkleidern auf und hat eigenen Angaben zufolge die perfekten Körpermasse: 180/180/180. Begonnen hat Matsuko Deluxe, Baujahr 1972, seine Karriere als Schriftsteller, mit Beiträgen für ein Schwulenmagazin.

An Matsuko muss man sich erstmal gewöhnen. Seine Stimme, seine Erscheinung, seine Körperfülle, sein Lachen, dass durch Mark und Bein dringt. Matsuko sprengt – vollkommen bewusst – alle Geschlechtergrenzen. Er ist nicht Mann, er ist nicht Frau – er ist Matsuko (ein Frauenname). Das ist in Japan, wo gleichgeschlechtliche Liebe zwar bekannt und nicht verboten ist, wohl aber totgeschwiegen wird, eine besondere Leistung, auch wenn Matsuko bei weitem nicht der Erste ist (andere bekannte Personen aus dem Genre sind Haruna und Ikko, um nur zwei zu nennen). Das „der“ ist dabei gewußt gewählt – er bevorzugt die Anrede mit männlichen Personalpronomen.

Bemerkenswert ist seine Allgegenwar im japanischen Fernsehen. Lediglich am Sonntag hat Matsuko sendefrei, an den anderen Tagen hat er eins, an manchen Tagen auch zwei Programme, die alle am Abend oder in der Nacht laufen. Dafür braucht man sehr, sehr viel Energie, zumal er in allen Programmen mehr oder weniger die Hauptrolle spielt.

Matsuko kann man mögen oder nicht. Manchmal kann ich ihn mir antun, aber jeden Tag wäre zu viel. Persönlich ganz interessant finde ich 夜の巷を徘徊する yoru no chimata o haikai suru („durch die nächtlichen Gassen ziehen“) – läuft jeden Freitag in der Nacht auf TV Asahi und zeigt Matsuko, wie er mit dem Kamerateam (das auch in die Sendung einbezogen wird) durch diverse Gassen streift und wahllos in Geschäfte reinspaziert. Das kann er gut – er ist äußerst direkt, nicht selten unverschämt, aber meistens auf seine Art erfrischend. Er scheut sich auch nicht vor Konflikten – bleibt aber in seinen Ansichten meistens recht neutral. In Berlin jedenfalls würde man ihn einfach „ein Orijinal“ nennen.

Matsuko Deluxe ist dabei gleichzeitig der lebende Beweis, dass es vollkommen okay ist in Japan, schwul zu sein: Solange man nur schrecklich schrill und extravagant ist.

Hier zur bildlichen Veranschaulichung drei ziemlich amüsante Werbespots mit Matsuko Deluxe:

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