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METI’s Patriotenporno

April 3rd, 2017 | Tagged , , | 7 Kommentare | 523 mal gelesen

Da bin ich doch neulich über ein zweisprachiges Pamphlet mit dem klangvollen Namen „Wonder NIPPON!“ gestolpert, das da bereits vor einem Jahr vom japanischen Wirtschaftsministerium (METI) herausgebracht wurde. Der japanische Titel ist viel besser: 世界が驚く ニッポン! – „Worüber die Welt staunt: Nippon!“.  Auf der folgenden Seite wird man umgehend mit der Schlagzeile „Did you realize that Japan is getting this much attention?“ – „Wussten Sie, dass Japan in der Welt so viel Aufmerksamkeit bekommt?“ konfrontiert. Was folgt, sind ein paar schöne Fotos, und ein paar Seiten weiter lustlos zusammengewürfelte Grafiken, anhand derer der staunende Leser erklärt bekommt, warum Japan so dermassen einzigartig ist, dass es ganz viel Aufmerksamkeit, gewiss zumindest mehr Aufmerksamkeit als andere Länder, verdient. Das ganze geschieht im Rahmen der Vorbereitungen für die Olympischen Spiele in Tokyo 2020.

Wundervolles Japan. Und die Menschen erst!

Wundervolles Japan. Und die Menschen erst!

Da erfährt man unter anderem, das  Japaner (und zwar alle!) die Natur ganz anders wahrnehmen, quasi mit anderen Sinnen fühlen – vorgeführt an „fünf japanischen Schlüsselwörtern, die die Welt beeindrucken könnten“ („Five Japanese keywords that may impress the world“). Man erfährt auch, dass Japaner Farben anders wahrnehmen. Und da darf auch mein Lieblingsthema nicht fehlen: Ganze vier Seiten der 64-seitigen Broschüre sind den 4 Jahreszeiten gewidmet, von denen viele Japaner immer noch glauben, dass diese etwas ganz Besonderes sind. Man glaubt es kaum: Diese vier Jahreszeiten sind: Frühling, Sommer, Herbst und Winter!

Was seltsamerweise fehlt, ist das in letzter Zeit so gerühmte „omotenashi“ – die japanische Gastfreundschaft. In einem interessanten Bogen schlägt diese Kolumne in der Japan Times  dabei einen Bogen zu einem wichtigen Aspekt von omotenashi – dem Begriff 忖度 sontaku. Die direkte Übersetzung ist nicht ganz einfach, aber es bedeutet im Prinzip, jemanden einen Wunsch abzulesen/zu erfüllen, bevor selbiger überhaupt geäußert wurde. Damit wurde jüngst im Skandal um die Verwicklung des Ministerpräsidenten Abe nebst Gemahlin bei der Vergabe eines Grundstückes weit unter Wert an den ultrarechten Schulbetreiber Moritomo Gakuen (siehe hier) auch erklärt, wieso das Finanzministerium den Deal um das Grundstück  überhaupt absegnen konnte: Der Moritomo-Chef nahm an, dass es sich um „sontaku“ handelte – die Verantwortlichen im Finanzministerium gingen davon aus, Abe einen Gefallen zu tun, ohne das der Ministerpräsident selbst davon wüsste. Anderswo nennt man das Filz oder Korruption, in Japan hingegen wird daraus eine Tugend. Sontaku eben. Oder vorauseilender Gehorsam.

Japan ist etwas Besonderes, keine Frage. Es ist eben eine Inselnation, die lange Zeit in freiwilliger Isolation verbrachte. Dass Japaner jedoch Farben und dergleichen anders wahrnehmen als andere Menschen, ist hanebüchener Blödsinn. Und ob das Überkippen ganzer Berge mit grauem Beton zum besonderen Naturverständnis der Japaner zählen soll, darf auch diskutiert werden. Das METI könnte deshalb auch gern mal eine andere, vielgerühmte Tugend anwenden: 謙虚 kenkyo. Bescheidenheit. Denn Japan hat auch ohne diese seltsamen Übertreibungen genug zu bieten. Da mache ich mir auch weniger Sorgen um die Ausländer, die dieses Pamphlet lesen – sondern mehr um die Japaner, die das lesen und womöglich alles glauben, was da drin steht. Denn merke: Es soll sogar Orte außerhalb Japans geben, in denen es vier Jahreszeiten gibt. Es soll Gerüchten zufolge auch andere Länder geben, in denen Gastfreundschaft wichtig ist. Und es soll sogar Länder geben, in denen das Essen schmeckt. Kaum zu glauben, aber wahr.

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