Rassismus, notariell beglaubigt

März 16th, 2017 | 2 Kommentare | 887 mal gelesen

Flur des Obersten Gerichtshofes von Tokyo

Flur des Obersten Gerichtshofes von Tokyo

Da brauchte ich also neulich notariell beglaubigte Kopien von zwei Reisepässen – die Bedingung war, dass diese Kopien in Farbe sind sowie auf Englisch ausgestellt werden. Eine Apostille war nicht notwendig. Flugs fragte ich unsere Buchhalterin, ob sie einen Notar kennt, der das ganze auf Englisch ausstellen kann. Nun, sie kannte einen. Und er befand sich quasi gleich um die Ecke. Trotzdem: Erstmal kurz angerufen, was zu tun sei, wie lange es dauert und wie viel es kostet. Die Antwort: Wir sollen die Personalienseite der Pässe scannen, als PDF schicken und 10’800 Yen, also rund 80 Euro überweisen – zwei oder drei Tage später würde er uns die Beglaubigungen schicken.

Wie schön. So einfach! Aber moment mal: Muss der ganze Zinnober nicht gemacht werden, damit die dokumentenanfordernde Seite, eine Bank zum Beispiel, absolut sicher sein kann, dass alles seine Richtigkeit hat – zum Beispiel, indem sie die Original und Kopie miteinander vergleicht? Schließlich braucht man keine allzu weitreichenden Photoshop-Kenntnisse, um ein Scan etwas zu „frisieren“. Und wie kann es sein, dass der Notar, obwohl er diesen essentiellen Schritt mal eben ausläßt, sage und schreibe 80 Euro (=eine goldene Nase) dafür verlangt?

Ich wurde neugierig und fragte Freund Google, wo man sonst noch Reisepässe notariell beglaubigen lassen kann. Ich wurde auch schnell fündig. Hoch oben im Norden Japans sass ein Notar, der eben diesen Service versprach. Für weniger Geld. Mein Anruf blieb leider unbeantwortet, also schickte ich eine Anfrage über seine Webseite. Auf Japansich natürlich, und mit meinem vollständigen, deutschen Namen. Einen Tag später, ich hatte als Kontaktform „Email“ gewählt, kam auch prompt ein Anruf. Und das Gespräch lief letztendlich so ab:

T: „Guten Tag. Danke für den Rückruf. Haben Sie meine Anfrage gelesen?“
N: „Ja! Kein Problem, das können wir machen!“
T: „Schön. Was brauchen Sie von uns?“
N: „Also eigentlich müssten Sie die Pässe im Original zu uns schicken, aber…“
T: „Aber?“
N: „Ein Scan per Email ist auch okay. Sonst wird das alles zu umständlich, und Sie haben sicher auch nicht unbegrenzt Zeit“
T: „Das ist richtig. Aber liegt der Sinn nicht darin, die Originale…“
N: „Ja, schon! Rechtlich sind wir eigentlich auch dazu verpflichtet. Aber die meisten Kunden haben es immer eilig… Und das ganze war früher ja auch kein großes Problem – da haben sowas nur Japaner beantragt, und Japaner sind immer ehrlich. Aber jetzt fragen auch Chinesen an, und die haben manchmal gefälschte Pässe…“
T: „Ach, so ist das. Was verlangen Sie denn für die Beglaubigung?“
N: „Also wenn Sie pro Beglaubigung 3’000 Yen zahlen würden, wäre das schön!“

Ich war etwas zu perplex, um auf seine schräge Logik einzugehen. Ein japanischer Anwalt ist also, ohne mich zu kennen, bereit, das Recht zu brechen (und dafür Geld zu kassieren), erklärt mir aber im gleichen Atemzug, dass Japaner immer ehrlich sind, im Gegensatz zu Chinesen zum Beispiel. Für diese verquere Logik hätte er eigentlich sofort vom Blitz getroffen werden müssen. Auch die Preisgestaltung machte mich baff – auf seiner Seite standen nämlich Preise um die 5’000 yen herum – sein Angebot von 3’000 yen klang dabei auch nicht wie die Preisbenennung sondern eher wie eine Verhandlungsbasis. Aber was soll’s – das ist einfach der ganz normale Wahnsinn.

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2 Responses to “Rassismus, notariell beglaubigt”

  • LennStar sagt:

    Es sind immer die anderen.

    90% der Deutschen sind überdurchschnittliche Autofahrer. (Ist das eigentlich auch in Japan so?)

    Wobei ich mir das bei Chinesen sogar vorstellen kann. Illegale Arbeiter und so. Wobei da eher die unehrlich sind, die die Chinesen schuften lassen.

  • Julia sagt:

    Ich glaube, was du meinst, ist keine Apostille. Apostillen bekommt man nur im Erstellungsland und sie sind keine Übersetzungen.

    Ansonsten stimme ich dir natürlich vollkommen zu.