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Die Moral des rechten Randes

März 6th, 2017 | Tagged | 21 Kommentare | 926 mal gelesen

Das ist eine Sache, die ich nie vollends begreifen werde. Weder in Deutschland, noch in Japan. Beide Länder haben bekannterweise Gruppierungen am äußersten rechten Rand, und diese Gruppierungen haben je nach Region mal mehr, mal weniger Einfluss auf die Politik. In Japan eher mehr. Was mich jedoch immer wundert, ist der Widerspruch zwischen den (vermeintlichen) Werten des rechten Randes, und dem, was der rechte Rand in Wirklichkeit tut. Aber vielleicht kann mich mal irgendjemand, vielleicht vom rechten Rand?, aufklären.

Was ich immer wieder von Ultranationalisten zu hören bekomme, ist die hohe Stellung sagen wir mal deutscher oder eben japanischer Tugenden. Wikipedia beschreibt das Wort Tugend wie folgt:

Das Wort Tugend (lateinisch virtus, altgriechisch ἀρετή aretḗ) ist abgeleitet von taugen; die ursprüngliche Grundbedeutung ist die Tauglichkeit (Tüchtigkeit, Vorzüglichkeit) einer Person. Allgemein versteht man unter Tugend eine hervorragende Eigenschaft oder vorbildliche Haltung.

Tüchtig also. Hervorragende Eigenschaft. Vorbildliche Haltung. Demgegenüber stehen die natürlichen Feinde des rechten Randes: Gesellschaftliche Randgruppen, Ausländer, „Zecken“ usw. – untugendhaftes Gesindel also. Doch dann so was: Spendenskandale bei der NPD. Der Schatzmeister brennt mit der Parteikasse durch. Filz in Trumps Regierung. Filz bei den Ultrarechten in Japan: Dort macht gerade ein Skandal Schlagzeilen, der den ganzen Filz herrlich verdeutlicht. Es geht um 学校法人「森友学園」 Moritomo Gakuen (anerkannte Schulträgerschaft), ein Verein, der in Japan einige ultranationalistische Kindergärten (!) und Schulen betreibt. Moritomo wolle jüngst in Osaka ein Grundstück für den Neubau einer Grundschule erwerben. Der Grundstückspreis wurde mit 956 Millionen Yen taxiert (rund 8 Millionen Euro), doch der Schulträger erhielt den Zuschlag für 134 Millionen Yen, also einer guten Million Euro. Ein saftiger Rabatt also. Pikantes Detail: Akie Abe, Ehefrau des Ministerpräsidenten Abe, war bis vor kurzem Ehrendirektorin der Schule (und redete sich damit heraus, dass man ihr diese Würde quasi derart auferzwungen hat, dass sie nicht nein sagen konnte). Auch Abe selbst werden Verbindungen zu Moritomo nachgesagt.

Den ordentlichen Preisnachlass begründet man nun mit Altlasten: So soll es auf dem Grundstück Altlasten geben, deren Beseitigung 7 Millionen Euro kostet. Aufgrund der Proteste, die es nun von verschiedenen Seiten gibt, hat der Gouverneur von Osaka nun eine Untersuchung angekündigt und bis zu deren Ende die Genehmigung verweigert. Immerhin.

Das ganze entpuppt sich jedoch mehr und mehr als Sumpf, und je mehr darin herumgestochert wird, desto trüber und tiefer wird er. Repräsentiert das etwa die Tugenden, auf die die Nationalisten so stolz sind? Die von Moritomo betriebene Grundschule mit dem klangvollen Namen 瑞穂の國 Mizuho-no-kuni hat sich schließlich folgendes auf die Fahnen geschrieben:

日本人としての誇り・貢献・達成力の確保 国家有為の人材育成

— „Die Erhaltung von Leistung, Dienst und Stolz als Japaner – Erziehung der Menschen als Begabung der Nation“ (der Spruch ist so krude, dass ich ernsthafte Mühe habe, ihn zu übersetzen). Schaffenskraft, Dienst, Stolz… durch krumme Grundstücksgeschäfte, mit geheimen Verwicklungen bis in die höchsten Ebenen hinein? Welche Tugenden werden denn hier präsentiert – wie passt das alles zusammen? Ich kann mir einfach keinen Reim daraus machen. Selbst mit allerbestem Willen fällt es mir schwer, dem rechten Rand auch nur eine Spur Glaubwürdigkeit abzugewinnen. Aber halt: Vielleicht ist das ja auch alles nur Lügenpresse, und eigentlich alles ganz, ganz anders!? Sicher, das muss es wohl sein. Anders würde der ganze Zirkus ja keinen Sinn ergeben. Oder?

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