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Spektakuläres Forschungsergebnis: Englischlehrer in Japan können kein Englisch!

März 1st, 2017 | Tagged | 15 Kommentare | 1374 mal gelesen

Manche Sachen gehen einfach nach hinten los. Und man fragt sich hinterher, was man da eigentlich, unbewussterweise, angerichtet hat. Und wie man aus der Bredouille wieder rauskommt. Ähnliche Gedanken müssen den Mitgliedern des Bildungsausschusses der Präfektur Kyōto vor gut zwei Wochen durch den Kopf gegangen sein. Jemand hatte nämlich die geniale Idee, einfach mal zu testen, wie gut die Englischlehrer an den Mittelschulen in der Präfektur eigentlich Englisch können. Ausgenommen von der Studie waren zwar die Lehrer der Stadt Kyoto selbst, aber das spielt hier nur eine untergeordnete Rolle. Man entschloss sich, die Englischkenntnisse mit dem in Japan so heißgeliebten TOEIC-Test zu messen¹.

Zur Erinnerung: Der TOEIC-Test wurde einst von der japanischen Regierung in Auftrag gegeben, ist nunmehr weltbekannt und vor allem in Japan das Maß aller Dinge. Dieser Test konzentriert sich auf Wirtschaftsenglisch und hat ein gewaltiges Manko: Die Sprechfähigkeiten werden nicht getestet. Und: Die Struktur des Tests erlaubt es, mittels diverser Tricks den Test zu bewältigen, ohne wirklich brauchbare Englischkenntnisse vorweisen zu können. Damit ist der Test natürlich nur mäßig geeignet für das Messen der Sprachfähigkeiten von Mittelstufenlehrern.

Jedoch: Wer halbwegs Englisch beherrscht, kommt zwangsläufig zu einem besseren Ergebnis. Die volle Punktzahl beim TOEIC beträgt 990 Punkte, und da es bei den meisten Fragen 4 Antwortmöglichkeiten gibt, liegt die niedrigste Punktzahl bei circa 280 Punkten. Wer weniger Punkte erreichen möchte, muss schon absichtlich danebentippen.

Nun sollte man eigentlich von Englischlehrern, die 12 bis 14-jährige Kinder unterrichten, eine halbwegs gesunde Punktzahl (score) erwarten können. Dem war jedoch in Kyoto leider nicht so:

– Von 74 getesteten Lehrern erreichten nur 16 (also rund 20%) mehr als 730 Punkte
– 14 Lehrer hatten eine Punktzahl unter 500
– der Durchschnitt lag bei 578 Punkten

Dazu kommen auch noch diverse Fußnoten: So testete man nur Lehrer, die jünger als 50 Jahre alt sind. Und man testete nur die Hälfte der rund 150 Lehrer.

Wenn man bedenkt, dass die Lehrer eigentlich ihr Brot damit verdienen, Englisch zu unterrichten, dann mag man meinen, dass hier lauter Scharlatane am Werk sind. Doch das wäre zu einfach: Hier versagt nämlich – seit Jahrzehnten – das gesamte System. Es wird schlichtweg versäumt, die Lehrer angemessen auszubilden – teacher training ist ein Konzept, das vor allem an öffentlichen Schulen quasi fehlt.

Nicht, dass der Fund wirklich spektakulär wäre. In meiner Stammkaschemme geistert auch ein Mittelschul-Englischlehrer herum. Über 50, mit grauenhaften Englischkenntnissen – und jedes Mal sturzbetrunken. Was aber noch fast schlimmer ist: Ihm fehlen jegliche kulturelle Kenntnisse. Und eine Fremdsprache zu unterrichten, ohne auf die kulturellen Hintergründe einzugehen, ist beinahe noch schlimmer, als eine Fremdsprache zu unterrichten, ohne selbige selbst zu beherrschen. In diesem Punkt ist das japanische Bildungssystem, vor allem beim Englischunterricht, eine riesengroße Baustelle. Aber wie heißt es so schön: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

¹ Siehe Kyoto Shimbun (Online-Version)

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