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Narita, das Tor nach Japan

März 29th, 2017 | Tagged | 1 Kommentar | 1148 mal gelesen

Am vergangenen Wochenende habe ich es doch tatsächlich mal geschafft, nach Narita zu fahren. Also zur Stadt Narita, nicht zum Tokyo International Airport Narita, denn den kenne ich (und viele Japanbesucher sicherlich auch) zur Genüge. Seitdem der Flughafen Haneda vermehrt internationale Flüge anbietet, vermeide ich auch nach Möglichkeit Narita, denn während Haneda nur 20 km entfernt liegt, sind es von mir bis nach Narita fast 90 km. Da hilft auch der nagelneue und schnelle Keisei Skyliner nicht viel, denn der beginnt in Ueno bzw. in Nippori, und das ist einfach mal sehr unpraktisch, wenn man im südlichen Teil der Region zu Hause ist.

Blick von der Nakamichi-Strasse Richtung Naritasan

Blick von der Nakamichi-Strasse Richtung Naritasan

Nun wusste ich schon seit langem, dass Narita nicht nur einen riesigen Flughafen beherbergt, sondern auch einen altehrwürdigen und berühmten Tempel – den Naritasan. Trotzdem war ich von der Anlage überrascht: Zum einen liegt sie wunderschön in einem recht hügeligen Bereich der Stadt, zum anderen ist die Anlage riesig und beinhaltet auch einen größeren Park, komplett mit Waldwanderwegen, Wasserfällen und dergleichen. Sprich, man kann hier wunderbar spazieren gehen. Zumindest, wenn es nicht allzu voll ist, denn der Naritasan wird des öfteren völlig von Besuchermassen überrannt – zur Kirschblüte zum Beispiel, die gerade einsetzt, aber auch über Neujahr. Was ich allerdings nicht kannte, war die Nakamichidōri – eine alte Ladenstraße (und Fußgängerzone – eine Seltenheit in Japan), die in der Nähe des Bahnhofs beginnt und sich bis zum Naritasan hinzieht. Alles sehr gepflegt, alles sehr einladend, und, aber das ist nicht weiter verwunderlich, ziemlich international. Überhaupt ist die ganze Stadt auf ausländische Besucher aus – so gibt es vor den Toren von Narita riesige, neue Einkaufszentren, für Butterfahrtbesucher aus China etwa oder für Flugzeugbesatzungen, die nicht genug Zeit haben, sich bis Tokyo durchzuschlagen. Das Stadtzentrum selbst war jedenfalls eine große Überraschung, und ich kann jedem nur empfehlen, einen Abstecher nach Narita zu wagen – vor dem Heimflug oder kurz nach der Anreise. Zum Eingewöhnen ist die Stadt auch genau richtig – man findet hier so viel Englisch und Englischsprechende, dass der Kulturschock (Oh mein Gott! Hier versteht ja niemand Englisch!) nicht allzu heftig ausfällt.

Spezialität von Narita und eine sehr leckere Angelegenheit: Aal (Unagi)

Spezialität von Narita und eine sehr leckere Angelegenheit: Aal (Unagi)

Für Plane-Spotter lohnt sich zusätzlich ein Ausflug zum Sakura-no-yama-Park (Kirschbaumberg-Park). Hier gibt es, genau, japanische Kirschbäume, die Anfang April rosa vor sich hinblühen, sowie einen eindrucksvollen Blick auf das Rollfeld. Der Park befindet sich direkt am Flughafengelände und nur 100 oder 200 Meter von der Einflugschneise versetzt (je nach Windrichtung kann sich das aber auch ändern, dann sieht man die Flüge nur startenderweise über den Park fliegen, was weniger eindrucksvoll ist).

Am Rollfeld nahe des Sakura-no-yama-Parks

Am Rollfeld nahe des Sakura-no-yama-Parks

Der Flughafen Haneda in Tokyo macht Narita zwar immer mehr Konkurrenz, wie es scheint – aber an Besuchern dürfte es trotzdem nicht mangeln – Naritasan und die Nakamichi-Straße sind auch bei Japanern hinreichend beliebt, wie es scheint. Mehr zur Stadt gibt es wie immer hier.

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Die Arroganz der Filmübersetzer

März 22nd, 2017 | Tagged | 4 Kommentare | 834 mal gelesen

Als ich neulich in meiner kargen Freizeit Netflix anschaltete, landete ich plötzlich (ja ja, immer diese Ausreden) bei Star Trek, genauer gesagt bei Captain Archer. Der Name der Folge: The Hatchery. Der Brutraum. Auf Japanisch würde man das ohne großartige Rumdeuterei mit 孵化室 übersetzen. Und darum geht es in der Folge auch. Um eine Brutstation einer insektoiden Spezies. Da ich nun aber in Japan bin, bietet mir Netflix das ganze mit japanischen Titeln und Untertiteln an. Der japanische Titel besagter Folge lautet: トゥポルの反乱, „T’pols Meuterei“. Was ist geschehen? Wollte der Übersetzer damit angeben, dass er oder sie die Folge wirklich gesehen hat, ergo weiß, worum es da geht? Bei Filmen ist das noch in einigen Fällen nachvollziehbar. Ein Filmtitel ist immer auch gleichzeitig Werbung für den Film, und es gibt Titel, die aus linguistischen oder kulturellen Gründen einfach nicht ziehen, wenn man sie direkt übersetzt. Man wird dann kreativ und wählt mitunter einen völlig anderen Titel. Hier reden wir jedoch über eine von sehr vielen Folgen einer Fernsehserie, und ausser der Arroganz des Übersetzenden gibt es keinen triftigen Grund, den Titel dieser Folge nicht so zu übersetzen, wie er von den Machern der Serie vorgesehen ist. Ob der Titel nun Brutraum oder T’pols Meuterei lautet, dürfte da null Einfluss haben darauf, ob sich jemand die Folge ansieht oder nicht (wer aus Langeweile wissen will, wie die ganzen Star Trek-Folgen übersetzt werden, ist bei der USS Kyushu genau richtig).

Des einen Freud', des anderen Leid: Untertitel

Des einen Freud‘, des anderen Leid: Untertitel

Ach, Untertitel. Ein Kapitel für sich. Einerseits kann man sich glücklich schätzen, dass die meisten ausländischen Filme in Japan nicht synchronisiert (吹替 fukikae), sondern mit Untertiteln (字幕 jimaku) versehen werden. Denn so viel steht fest: Sigourney Weaver ist einfach nicht Sigourney Weaver auf Japanisch. In Sachen Synchronisation ist man in Deutschland weit fortgeschrittener, was das Bemühen angeht, den Charakter der Rolle zu wahren. Das Problem bei den Untertiteln ist jedoch, dass man automatisch mitliest (wohlgemerkt eine wunderbare Methode, seine Japanischkenntnisse zu vertiefen!), und sich jedes Mal grün und blau darüber ärgert, wie stark das im Original Gesagte verstümmelt wird. Nicht selten aus gutem Grund, aber oftmals auch unnötig. Ich habe schon mehrfach Filme gesehen, die vor herrlichen, feinsinnigen Pointen nur so strotzten – aber die Untertitel waren dermassen lustlos übersetzt worden, dass das Kunstwerk für den japanischen Cineasten zu einem sterbenslangweiligen Streifen mutierte. Auffällig ist auch, dass die meisten Übersetzer der gleichen Schule zu entspringen scheinen. Gewisse Regeln werden da eisern eingehalten – das gilt auch für die Synchronisation. Da kann Superemanze mit Raketenwerfer rauchend durch das Bild marschieren – ihr wird sowohl bei der Synchronisation als auch bei Untertiteln der sehr weibliche Partikel „wa“ angedichtet. Da heisst es dann nicht „I kill you“, sondern „korosu wa yo“. Alles klar. Immerhin: Da Untertitel oft zu schnell vorüberziehen, verlegt man sich schnell darauf, nur die chinesischen Schriftzeichen aus den Titel „querzulesen“, den Rest ignoriert man irgendwann automatisch. Genauso, wie man bei deutschen Untertiteln schnell Artikel und dergleichen überliest.

Bei Filmtiteln geht es natürlich auch mitunter wild zu, aber das ist ja in Deutschland nicht anders:

Original Japanisch Übersetzung Deutscher Titel Kommentar
IL BUONO, IL BRUTTO, IL CATTIVO (The Good, the Bad and the Ugly) 続・夕陽のガンマン Fortsetzung: Der Pistolenheld der Abendsonne Zwei glorreiche Halunken Der Klassiker. Warum man wohl entschieden hat, dass das eine Fortsetzung ist!?
Napoleon Dynamite バス男 Der Bus-Mann Napoleon Dynamite Da dachte man wohl an den in Japan beliebten 電車男, den „Zug-Mann“…
The Return of the Living Dead バタリアン Battalion Verdammt, die Zombies kommen Immerhin besser als der deutsche Titel…
Gravity (Film) ゼロ・グラビティ Schwerelosigkeit (=Zero Gravity) Gravity „Schwerkraft“ war wohl nicht packend genug…
Gravity (Star Trek-Folge) ブラックホールと共に消えた恋 Die Liebe, die mit dem Schwarzen Loch verschwand Schwere Wie poetisch!
The Martian – Bring him home オデッセイ Odyssey Der Marsianer – Rettet Mark Watney Da wollte man wohl Science Fiction-Hasser nicht vergrausen…
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Rassismus, notariell beglaubigt

März 16th, 2017 | 2 Kommentare | 877 mal gelesen

Flur des Obersten Gerichtshofes von Tokyo

Flur des Obersten Gerichtshofes von Tokyo

Da brauchte ich also neulich notariell beglaubigte Kopien von zwei Reisepässen – die Bedingung war, dass diese Kopien in Farbe sind sowie auf Englisch ausgestellt werden. Eine Apostille war nicht notwendig. Flugs fragte ich unsere Buchhalterin, ob sie einen Notar kennt, der das ganze auf Englisch ausstellen kann. Nun, sie kannte einen. Und er befand sich quasi gleich um die Ecke. Trotzdem: Erstmal kurz angerufen, was zu tun sei, wie lange es dauert und wie viel es kostet. Die Antwort: Wir sollen die Personalienseite der Pässe scannen, als PDF schicken und 10’800 Yen, also rund 80 Euro überweisen – zwei oder drei Tage später würde er uns die Beglaubigungen schicken.

Wie schön. So einfach! Aber moment mal: Muss der ganze Zinnober nicht gemacht werden, damit die dokumentenanfordernde Seite, eine Bank zum Beispiel, absolut sicher sein kann, dass alles seine Richtigkeit hat – zum Beispiel, indem sie die Original und Kopie miteinander vergleicht? Schließlich braucht man keine allzu weitreichenden Photoshop-Kenntnisse, um ein Scan etwas zu „frisieren“. Und wie kann es sein, dass der Notar, obwohl er diesen essentiellen Schritt mal eben ausläßt, sage und schreibe 80 Euro (=eine goldene Nase) dafür verlangt?

Ich wurde neugierig und fragte Freund Google, wo man sonst noch Reisepässe notariell beglaubigen lassen kann. Ich wurde auch schnell fündig. Hoch oben im Norden Japans sass ein Notar, der eben diesen Service versprach. Für weniger Geld. Mein Anruf blieb leider unbeantwortet, also schickte ich eine Anfrage über seine Webseite. Auf Japansich natürlich, und mit meinem vollständigen, deutschen Namen. Einen Tag später, ich hatte als Kontaktform „Email“ gewählt, kam auch prompt ein Anruf. Und das Gespräch lief letztendlich so ab:

T: „Guten Tag. Danke für den Rückruf. Haben Sie meine Anfrage gelesen?“
N: „Ja! Kein Problem, das können wir machen!“
T: „Schön. Was brauchen Sie von uns?“
N: „Also eigentlich müssten Sie die Pässe im Original zu uns schicken, aber…“
T: „Aber?“
N: „Ein Scan per Email ist auch okay. Sonst wird das alles zu umständlich, und Sie haben sicher auch nicht unbegrenzt Zeit“
T: „Das ist richtig. Aber liegt der Sinn nicht darin, die Originale…“
N: „Ja, schon! Rechtlich sind wir eigentlich auch dazu verpflichtet. Aber die meisten Kunden haben es immer eilig… Und das ganze war früher ja auch kein großes Problem – da haben sowas nur Japaner beantragt, und Japaner sind immer ehrlich. Aber jetzt fragen auch Chinesen an, und die haben manchmal gefälschte Pässe…“
T: „Ach, so ist das. Was verlangen Sie denn für die Beglaubigung?“
N: „Also wenn Sie pro Beglaubigung 3’000 Yen zahlen würden, wäre das schön!“

Ich war etwas zu perplex, um auf seine schräge Logik einzugehen. Ein japanischer Anwalt ist also, ohne mich zu kennen, bereit, das Recht zu brechen (und dafür Geld zu kassieren), erklärt mir aber im gleichen Atemzug, dass Japaner immer ehrlich sind, im Gegensatz zu Chinesen zum Beispiel. Für diese verquere Logik hätte er eigentlich sofort vom Blitz getroffen werden müssen. Auch die Preisgestaltung machte mich baff – auf seiner Seite standen nämlich Preise um die 5’000 yen herum – sein Angebot von 3’000 yen klang dabei auch nicht wie die Preisbenennung sondern eher wie eine Verhandlungsbasis. Aber was soll’s – das ist einfach der ganz normale Wahnsinn.

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Airbnb bekommt grünes Licht in Japan

März 13th, 2017 | Tagged , , , | 2 Kommentare | 1086 mal gelesen

Jetzt völlig legal: Airbnb in Japan

Jetzt völlig legal: Airbnb in Japan

Heute hat das japanische Parlament eine interessante Entscheidung getroffen: Airbnb ist demnach ganz offiziell legal in Japan. Allerdings nicht ganz ohne Einschränkungen. Einerseits dürfen Airbnb Anbieter ihre Wohnungen oder Häuser maximal an 180 Tagen im Jahr vermieten. Und: Man spricht den Kommunen das Recht zu, eigene Beschränkungen zu erlassen. Ob die Kommunen davon Gebrauch machen werden, bleibt abzuwarten.

Neuesten Zahlen zufolge besuchten im Jahr 2016 sage und schreibe 24 Millionen Ausländer Japan (ein Rekord – und in Tokyo ist es deutlich spürbar: es wimmelt nur so von ausländischen Besuchern!), und 3,7 Millionen dieser Besucher, also 15%, nutzten Airbnb. Analysten schätzen, dass diese Zahl im Jahr 2020 auf bis zu 35 Millionen steigen könnte. Leider ist nicht klar, ob damit die Zahl der Airbnb-Nutzer oder die Zahl der Airbnb-Übernachtungen gemeint ist (ich vermute, eher letzteres).

Bisher war Airbnb ein etwas riskantes Geschäft in Japan – nicht für die Kunden, sondern für die Anbieter – denn es war nicht klar, ob dieses auch für Japan neue Geschäftsmodell geduldet werden würde. Die Beschränkungen dürften allerdings einigen Anbietern die Freude vergällen. Andererseits kommt die offizielle Genehmigung zur rechten Zeit: Einerseits steigen die Besucherzahlen seit einigen Jahren kontinuierlich. Andererseits stehen in den kommenden Jahren grosse Ereignisse an, so zum Beispiel die Rugby-WM 2019 und die Olympischen Spiele in Tokyo im Jahr 2020.

Persönlich habe ich Airbnb bisher noch nie benutzt. Mein Schwiegervater zum Beispiel schon – bei seiner letzten Tour nach Okinawa. Wenn man sich die Qualität der japanischen Hotels in der unteren Preisklasse jedenfalls so anschaut, ist die Verbreitung von Airbnb jedenfalls begrüßenswert. Und notwendig: Es fehlt, vor allem bei grossen Veranstaltungen, oftmals schlichtweg an Unterkünften. Selbst in der Nähe des Flughafens Haneda, der ja immer mehr internationale Flüge aufweist, fehlt es an Unterkünften, was jedes Mal ein Ärgernis ist, da etliche Flüge so früh starten oder so spät landen, dass man auf eine Übernachtung angewiesen ist.

Airbnb’s Japan-Seite befindet sich übrigens hier.

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Mit Essen spielt man nicht. Es sei denn, es ist Hina-Matsuri

März 9th, 2017 | Tagged , | Kommentare deaktiviert für Mit Essen spielt man nicht. Es sei denn, es ist Hina-Matsuri | 504 mal gelesen

Wie die Zeit vergeht. Gerade eben Neujahr gefeiert (obwohl es dieses Jahr aufgrund einer in der Familie grassierenden Augengrippe geradezu ausfiel), und schon ist es schon wieder Zeit für das ひな祭り (hina matsuri) – das Puppenfest, zelebriert am 3. März jeden Jahres. Und da ich heute mal nicht über nordkoreanische Raketen, die gen Japan fliegen, berichten möchte, hier also ein Foto vom diesjährigen Hina-Matsuri. Dass man glanzvolle Puppen dabei ausstellt, ist ja bereits vielen bekannt, doch immer wieder amüsant finde ich, was man den Kindern an besagtem Tag zum Essen hinstellt. Beziehungsweise, was die Kinder, so sie gross genug sind, an jenem Tag aus Essen basteln. Denn das Basteln mit Essen hat nicht nur beim Bento Tradition, sondern auch hier:

Drappierter Reis mit Wachtelei

Drappierter Reis mit Wachtelei

Je nach Region und Familie scheint die Gestaltung dabei zu variieren. Und je größer die Kinder werden, desto interessanter werden die kleinen Kunstwerke. Die männliche Hälfte des obigen Paares hat zum Beispiel nicht deshalb eine Glatze, weil das Ei heruntergerutscht ist. Nein, die polierte Platte, auf japanisch von Kindern gern つるつるぴっか tsurutsuru pikka genannt, ist mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit eine Anspielung auf die Haupthaarpracht des Vaters, vom dreikäsehohen Sohn gern auch mal so vor fremdem Publikum, zum Beispiel in einer vollbesetzten Bahn, angepriesen. Doch auch wenn die Figuren dieses Jahr irgendwie auch ein bisschen an Kermit den Frosch erinnern – Spaß macht es immer wieder, dabei zuzusehen.

Über das Hina-Matsuri werde ich mich nun aber doch nicht weiter auslassen, denn das haben andere Blogger bereits wesentlich ausführlicher getan:

Weltentdeckerfrosch Hina-Matsuri (Mädchenfest)
Ginkgo Leafs 雛祭り – Hinamatsuri, das Puppenfest bzw. Mädchenfest
8900 km Hinamatsuri, das Mädchenfest.
Nippon Insider Hinamatsuri – Das Puppenfest für die Mädchen
Tabibito (2008) Hoch die Tassen: Hina-Matsuri
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Die Moral des rechten Randes

März 6th, 2017 | Tagged | 21 Kommentare | 1000 mal gelesen

Das ist eine Sache, die ich nie vollends begreifen werde. Weder in Deutschland, noch in Japan. Beide Länder haben bekannterweise Gruppierungen am äußersten rechten Rand, und diese Gruppierungen haben je nach Region mal mehr, mal weniger Einfluss auf die Politik. In Japan eher mehr. Was mich jedoch immer wundert, ist der Widerspruch zwischen den (vermeintlichen) Werten des rechten Randes, und dem, was der rechte Rand in Wirklichkeit tut. Aber vielleicht kann mich mal irgendjemand, vielleicht vom rechten Rand?, aufklären.

Was ich immer wieder von Ultranationalisten zu hören bekomme, ist die hohe Stellung sagen wir mal deutscher oder eben japanischer Tugenden. Wikipedia beschreibt das Wort Tugend wie folgt:

Das Wort Tugend (lateinisch virtus, altgriechisch ἀρετή aretḗ) ist abgeleitet von taugen; die ursprüngliche Grundbedeutung ist die Tauglichkeit (Tüchtigkeit, Vorzüglichkeit) einer Person. Allgemein versteht man unter Tugend eine hervorragende Eigenschaft oder vorbildliche Haltung.

Tüchtig also. Hervorragende Eigenschaft. Vorbildliche Haltung. Demgegenüber stehen die natürlichen Feinde des rechten Randes: Gesellschaftliche Randgruppen, Ausländer, „Zecken“ usw. – untugendhaftes Gesindel also. Doch dann so was: Spendenskandale bei der NPD. Der Schatzmeister brennt mit der Parteikasse durch. Filz in Trumps Regierung. Filz bei den Ultrarechten in Japan: Dort macht gerade ein Skandal Schlagzeilen, der den ganzen Filz herrlich verdeutlicht. Es geht um 学校法人「森友学園」 Moritomo Gakuen (anerkannte Schulträgerschaft), ein Verein, der in Japan einige ultranationalistische Kindergärten (!) und Schulen betreibt. Moritomo wolle jüngst in Osaka ein Grundstück für den Neubau einer Grundschule erwerben. Der Grundstückspreis wurde mit 956 Millionen Yen taxiert (rund 8 Millionen Euro), doch der Schulträger erhielt den Zuschlag für 134 Millionen Yen, also einer guten Million Euro. Ein saftiger Rabatt also. Pikantes Detail: Akie Abe, Ehefrau des Ministerpräsidenten Abe, war bis vor kurzem Ehrendirektorin der Schule (und redete sich damit heraus, dass man ihr diese Würde quasi derart auferzwungen hat, dass sie nicht nein sagen konnte). Auch Abe selbst werden Verbindungen zu Moritomo nachgesagt.

Den ordentlichen Preisnachlass begründet man nun mit Altlasten: So soll es auf dem Grundstück Altlasten geben, deren Beseitigung 7 Millionen Euro kostet. Aufgrund der Proteste, die es nun von verschiedenen Seiten gibt, hat der Gouverneur von Osaka nun eine Untersuchung angekündigt und bis zu deren Ende die Genehmigung verweigert. Immerhin.

Das ganze entpuppt sich jedoch mehr und mehr als Sumpf, und je mehr darin herumgestochert wird, desto trüber und tiefer wird er. Repräsentiert das etwa die Tugenden, auf die die Nationalisten so stolz sind? Die von Moritomo betriebene Grundschule mit dem klangvollen Namen 瑞穂の國 Mizuho-no-kuni hat sich schließlich folgendes auf die Fahnen geschrieben:

日本人としての誇り・貢献・達成力の確保 国家有為の人材育成

— „Die Erhaltung von Leistung, Dienst und Stolz als Japaner – Erziehung der Menschen als Begabung der Nation“ (der Spruch ist so krude, dass ich ernsthafte Mühe habe, ihn zu übersetzen). Schaffenskraft, Dienst, Stolz… durch krumme Grundstücksgeschäfte, mit geheimen Verwicklungen bis in die höchsten Ebenen hinein? Welche Tugenden werden denn hier präsentiert – wie passt das alles zusammen? Ich kann mir einfach keinen Reim daraus machen. Selbst mit allerbestem Willen fällt es mir schwer, dem rechten Rand auch nur eine Spur Glaubwürdigkeit abzugewinnen. Aber halt: Vielleicht ist das ja auch alles nur Lügenpresse, und eigentlich alles ganz, ganz anders!? Sicher, das muss es wohl sein. Anders würde der ganze Zirkus ja keinen Sinn ergeben. Oder?

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Spektakuläres Forschungsergebnis: Englischlehrer in Japan können kein Englisch!

März 1st, 2017 | Tagged | 15 Kommentare | 1285 mal gelesen

Manche Sachen gehen einfach nach hinten los. Und man fragt sich hinterher, was man da eigentlich, unbewussterweise, angerichtet hat. Und wie man aus der Bredouille wieder rauskommt. Ähnliche Gedanken müssen den Mitgliedern des Bildungsausschusses der Präfektur Kyōto vor gut zwei Wochen durch den Kopf gegangen sein. Jemand hatte nämlich die geniale Idee, einfach mal zu testen, wie gut die Englischlehrer an den Mittelschulen in der Präfektur eigentlich Englisch können. Ausgenommen von der Studie waren zwar die Lehrer der Stadt Kyoto selbst, aber das spielt hier nur eine untergeordnete Rolle. Man entschloss sich, die Englischkenntnisse mit dem in Japan so heißgeliebten TOEIC-Test zu messen¹.

Zur Erinnerung: Der TOEIC-Test wurde einst von der japanischen Regierung in Auftrag gegeben, ist nunmehr weltbekannt und vor allem in Japan das Maß aller Dinge. Dieser Test konzentriert sich auf Wirtschaftsenglisch und hat ein gewaltiges Manko: Die Sprechfähigkeiten werden nicht getestet. Und: Die Struktur des Tests erlaubt es, mittels diverser Tricks den Test zu bewältigen, ohne wirklich brauchbare Englischkenntnisse vorweisen zu können. Damit ist der Test natürlich nur mäßig geeignet für das Messen der Sprachfähigkeiten von Mittelstufenlehrern.

Jedoch: Wer halbwegs Englisch beherrscht, kommt zwangsläufig zu einem besseren Ergebnis. Die volle Punktzahl beim TOEIC beträgt 990 Punkte, und da es bei den meisten Fragen 4 Antwortmöglichkeiten gibt, liegt die niedrigste Punktzahl bei circa 280 Punkten. Wer weniger Punkte erreichen möchte, muss schon absichtlich danebentippen.

Nun sollte man eigentlich von Englischlehrern, die 12 bis 14-jährige Kinder unterrichten, eine halbwegs gesunde Punktzahl (score) erwarten können. Dem war jedoch in Kyoto leider nicht so:

– Von 74 getesteten Lehrern erreichten nur 16 (also rund 20%) mehr als 730 Punkte
– 14 Lehrer hatten eine Punktzahl unter 500
– der Durchschnitt lag bei 578 Punkten

Dazu kommen auch noch diverse Fußnoten: So testete man nur Lehrer, die jünger als 50 Jahre alt sind. Und man testete nur die Hälfte der rund 150 Lehrer.

Wenn man bedenkt, dass die Lehrer eigentlich ihr Brot damit verdienen, Englisch zu unterrichten, dann mag man meinen, dass hier lauter Scharlatane am Werk sind. Doch das wäre zu einfach: Hier versagt nämlich – seit Jahrzehnten – das gesamte System. Es wird schlichtweg versäumt, die Lehrer angemessen auszubilden – teacher training ist ein Konzept, das vor allem an öffentlichen Schulen quasi fehlt.

Nicht, dass der Fund wirklich spektakulär wäre. In meiner Stammkaschemme geistert auch ein Mittelschul-Englischlehrer herum. Über 50, mit grauenhaften Englischkenntnissen – und jedes Mal sturzbetrunken. Was aber noch fast schlimmer ist: Ihm fehlen jegliche kulturelle Kenntnisse. Und eine Fremdsprache zu unterrichten, ohne auf die kulturellen Hintergründe einzugehen, ist beinahe noch schlimmer, als eine Fremdsprache zu unterrichten, ohne selbige selbst zu beherrschen. In diesem Punkt ist das japanische Bildungssystem, vor allem beim Englischunterricht, eine riesengroße Baustelle. Aber wie heißt es so schön: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

¹ Siehe Kyoto Shimbun (Online-Version)

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