Novum: Erstmals japanischer Twitter-Nutzer wegen Fehlinformation verurteilt

November 28th, 2016 | Tagged , , | Kommentare deaktiviert für Novum: Erstmals japanischer Twitter-Nutzer wegen Fehlinformation verurteilt | 646 mal gelesen

Es dauerte keine volle Stunde, als nach dem schweren Erdbeben von Kumamoto am 14. April 2016 plötzlich die Telefone im Zoo von Kumamoto zu klingeln begannen. Die besorgten Anrufer wollten alle das gleiche wissen: Ob es denn stimme, dass ein Löwe aus dem Gehege ausgebrochen sei und nun frei durch die Stadt spaziere. Die Zoowächter konnten das nicht bestätigen und waren berechtigterweise verdutzt: Woher kamen plötzlich all diese Anrufe?

Der Grund für die Panik der Anrufer war ein einziger Tweet. Dieser beinhaltete das Foto eines Löwen, der gemächlich durch eine Straße spaziert, und die kurze Mitteilung

Gerüchte-Tweet: Angeblich ausgebrochener Löwe in Kumamoto

Gerüchte-Tweet: Angeblich ausgebrochener Löwe in Kumamoto

Das kann doch nicht wahr sein – wegen des Erdbebens ist ein Löwe aus dem nahegelegenen Zoo ausgebrochen. — Kumamoto

In Windeseile verbreitete sich die Mitteilung über Twitter – in wenigen Stunden wurde die Nachricht von über 25’000 Nutzern geteilt und damit von hunderttausenden gelesen. Menschen, die wie im Falle eines schweren Erdbebens üblich sich draussen in Evakuierungszentren trafen (üblicherweise sind das Parks oder Schulhöfe, Sportstätten usw.) gingen aus Angst vor dem Löwen schnell wieder in ihre halb zerstörten Häuser zurück – verständlicherweise bekamen es nicht wenige mit der Angst zu tun.

Wenn man sich das Bild im nachhinein ansieht, erkennt man umgehend, dass dies nicht in Japan aufgenommen sein kann: Das Grün und die Form der Ampel links gibt es so nicht in Japan, auch die Strassenmarkierungen sehen anders aus, und dann steht da auch noch ein Straßenname auf Englisch am Bordstein rechts unten. Sicher werden das auch viele erkannt haben, aber wenn man das Photo auf einem winzigen Handy-Display sieht – bibbernd, draussen in der Kälte, nach einem schweren Erdbeben – achtet man natürlich weniger auf die Details.

Der Verursacher schien ganz aus dem Häuschen und postete noch Sachen wie „So viele Retweets – das macht Spass!“ und „Über 20’000 – vielen Dank!“. Am nächsten Tag wurde sein Twitter-Konto gesperrt, und die Polizei in Kumamoto nahm ihre Arbeit auf. Am 20. Juli schließlich wurde ein 20-jähriger Angestellter in der weit von Kumamoto entfernten Präfektur Kanagawa festgenommen. Der Mann hatte nicht das Geringste mit Kumamoto zu tun und gab an, den Tweet nur aus Jux geschrieben zu haben. Das Bild mit dem Löwen hatte er im Internet gefunden – es wurde im April 2016 in Südafrika aufgenommen und es handelte sich um einen zahmen Löwen, der für Filmaufnahmen durch die Strasse schlenderte.

Mit dem schalen Scherz beschäftigten sich nun die Gerichte und kamen zu dem Schluss, dass es sich um „Behinderung der Behördenarbeit durch falsche Informationen“ handelt – belegt mit gut 2 Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe von über 4’000 Euro. Dies ist somit der erste Fall von デマ dema (kurz für Demagogie), der in Japan ein juristisches Nachspiel hatte. Und das ist auch gut so. Denn Demagogie hat in Japan vor allem nach schweren Naturkatastrophen Tradition und kostete zahlreichen Koreaner nach dem Erdbeben von Tokyo im Jahr 1923 das Leben, da verbreitet wurde, dass die in der Hauptstadt lebenden Koreaner die Brunnen vergiften würden. Auch nach dem Erdbeben in Tohoku 2011 und in Kumamoto 2016 gab es antikoreanische Demagogie, zum Beispiel in Form der Behauptung, dass Koreaner plündernd durch die Straßen zögen.

Der juristische Tatbestand der absichtlichen Fehlinformation ist brisant, denn es gibt mit Sicherheit eine Grauzone, die zum Beispiel für Journalisten gefährlich werden könnte. Doch allgemein betrachtet ist die Festnahme und Verurteilung in diesem Fall nur begrüßenswert, denn im Falle einer Katastrophe – dazu noch aus sicherer Entfernung – gefährliche Gerüchte in die Welt zu setzen sollte nicht ungestraft bleiben.

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