Karōshi oder: Die Scheinheiligkeit mancher grosser Unternehmen

November 4th, 2016 | Tagged | 4 Kommentare | 2035 mal gelesen

Es gibt sie noch immer in Japan – Fälle von Menschen, die aufgrund exzessiver Arbeit tot umfallen oder sich dafür entscheiden, ihrem Leben mit eigener Hand ein Ende zu bereiten. Das japanische Wort dafür, 過労死 karōshi, hat es sogar in den englischen und deutschen Wortschatz gebracht, obwohl Tod durch überarbeitung ganz sicher kein rein japanisches Phänomen ist (in China und Korea sieht die Lage weitaus ernster aus).

Doch wer bestimmt, was karōshi war und was nicht? Die Anerkennung von Überarbeitung als Todesursache spielt eine enorm wichtige Rolle für die Angehörigen, aber auch für die Gesellschaft sowie, theoretisch zumidnest, für die verbliebenen Kollegen der Firma. Wird nämlich Überarbeitung als Todesursache anerkannt, können die Angehörigen sehr leicht zivilrechtlich gegen die Firma vorgehen und Schadensersatz fordern. Und nicht nur das – die Firma wird von den Behörden abgemahnt und aufgefordert, Massnahmen gegen Überarbeitung zu treffen.

Doch die Einschätzung ist schwer, vor allem, wenn die Person bereits vorher krank – Depressionen eingeschlossen – war, zumal noch zahlreiche andere Faktoren eine Rolle spielen können. Das Hauptaugenmerk gilt dabei natürlich der geleisteten Anzahl von Überstunden vor dem Tod, doch selbst das ist nicht so einfach, da nicht viele Japaner ihre Arbeit mit nach Hause nehmen. Und die Latte ist hoch angesetzt: Erst bei 80 Überstunden und mehr pro Monat geht man davon aus, dass der Tod durch Überarbeitung wahrscheinlich ist.

Publik werden letztendlich nur wenige Fälle. Da muss es schon eine grosse, bekannte Firma betreffen – so geschehen im Oktober, als sich eine 26-jährige Angestellte von 電通 Dentsū das Leben nahm. Dentsū ist ein Gigant in der japanischen Werbebranche. Firmen, die es ernst meinen und viel Geld haben, gehen zu Dentsū. Dort zu arbeiten ist entsprechend eine Ehre, und offensichtlich kein Zuckerschlecken. Nachdem der Freitod der jungen Angestellten als karōshi anerkannt wurde, gab es seltsamerweise keinerlei Stellungnahme vom sonst eher sendungsfreudigen Unternehmen, doch der Druck der Medien wurde schliesslich so gross, dass man sich dann doch zu einer Reaktion bewegen liess. Und zwar liess man vernehmen, dass man die Anzahl der maximal erlaubten Überstunden pro Monat von 70 Stunden auf 65 Stunden reduzieren wird. Angestellte dürfen also nur noch maximal 3 Stunden pro Werktag länger arbeiten. Soweit, so gut. 65 ist besser als 70. Das ganze hat nur einen, kleinen Haken: Die Betroffene hat laut Untersuchung im Monat vor ihrem Tod 131 Überstunden im Monat gearbeitet – die Firma versuchte das zu vertuschen und meldete knapp 70 Stunden. Das bedeutet, dass die von Dentsū (und vielen anderen japanischen Unternehmen) gesetzte Überstundenobergrenze das Papier nicht wert ist, auf dem sie gedruckt steht. Ob die Zahl denn nun 70 oder 65 – beide Zahlen sind sowieso zu hoch – lautet, spielt also keine Rolle.

Zur Verteidigung muss man sagen, dass Massnahmen zur Vermeidung des Todes durch Überarbeitung durchaus zu greifen begonnen haben. Doch man ist noch weit davon entfernt, das Überstundenproblem gelöst zu haben – an die sonstigen Folgen wie geringe Hochzeits- und Geburtenraten, Verluste durch ineffektives Arbeiten und so weiter denkt man momentan scheinbar noch nicht.

Mit dem Begriff „Tod durch Überarbeitung“, das ist nichts weiter als die wortgetreue Übersetzung des Begriffes karōshi (過 = zu viel, 労 = Arbeit, 死 = Tod), muss man übrigens vorsichtig sein. Der Begriff versetzt nämlich den Betrachter in den Glauben, das hier jemand zu viel gearbeitet hat und deswegen gestorben ist/sich das Leben genommen hat. Wäre dies der Fall, müssten Bauern oder Barbesitzer (oder wenn wir weiterdenken, Mütter) der Reihe nach tot umfallen. Nein, karōshi beruht in der Regel auf Schikane in der Firma, beziehungsweise auf eine untragbare Arbeitsatmosphäre, inklusive exzessiver, aber oft unnötig erweiterter Arbeitszeiten. An der Zahl der Überstunden herumzuschrauben ist deshalb nur bedingt effektiv – wichtiger ist, Managern zu erklären, dass eine Arbeitsatmosphäre, die zu karōshi und Depressionen führt, schlecht für die Arbeiter und schlecht für die Firma ist. Und da gibt es in Japan noch viel zu tun.

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4 Responses to “Karōshi oder: Die Scheinheiligkeit mancher grosser Unternehmen”

  • Michael sagt:

    …interessant ist wohl auch, dass sich eine Art Gegenstück gebildet hat in der Gesellschaft. Das hatte ich vor kurzem im Radio gehört…vielleicht kannst du mal dazu was schreiben, wenn nicht bereits getan. Es gibt anscheinend ca. 1 Mio sogenannte NEET’s in Japan, die sich dem oben genannten quasi komplett widersetzen…=> https://de.wikipedia.org/wiki/NEET

  • Daniela sagt:

    Hm, genaueres habe ich zu dem jetzigen Fall zwar noch nicht lesen doch kann ich dazu sagen, dass Dentsu generell kein ungeschriebenes Blatt für Juristen in diesem Zusammenhang ist…
    Im Gegenteil, diese Firma lieferte sogar den Präzedenzfall zur Jahrtausendwende, in dem Karōjisatsu das erste Mal vom JOGH als Berufskrankheit anerkannt wurde(bei näherem Interesse: siehe 電通事件 最二小判平12.3.24 民集54-3-1155、労判779-13 oder http://www.jil.go.jp/hanrei/conts/063.html). Der betreffende Arbeitnehmer, der damals auch relativ junge Mr.Oshima, hatte damals ein Überstundenpensum von 4000 Stunden pro Jahr.

    Aber wen wunderts… Dass vielerorts „Service Zangyo“ an der Tagesordnung stehen ist generell ein offenes Geheimnis von dem die Regierung nichts wissen will. Und dass es per Gesetz einen Überstundenzuschlag von 50% (statt 25%) erst ab einer monatlichen Überstundenanzahl von 60 Stunden gibt (§ 37 ASG) tut sicher sein Übriges… Logisch, dass man derartige Stunden nicht mehr deklarieren will um Kosten zu sparen. Und da ist Dentsu bestimmt keine Ausnahme.

  • Julia sagt:

    Na super, wer also durch die Firma Depressionen bekommt und sich deshalb umbringt, zählt also nicht? Tolle Logik…
    Ineffektives Arbeiten kenne ich aus meiner japanischen Arbeitsstelle auch – wobei ich Gott sei Dank selten Überstunden machen muss. Aber da jammern alle, wie beschäftigt sie wären, nur um dann nebenbei fernzusehen oder lange Kaffeepausen zu machen. Und wer sich zu doof anstellt, muss nichts mehr tun und die Arbeit wird auf Andere verteilt, ohne dass die dafür mehr Geld bekämen. Dazu noch allgemeine Unfähigkeit der Manager und ich habe beschlossen, dass meine nächste Stelle bei einem nichtjapanischen Arbeitgeber sein soll.