Lose Gedanken zur japanischen Arbeitswelt

April 8th, 2016 | Tagged , | 7 Kommentare | 1189 mal gelesen

April – das ist nicht nur der Beginn des neuen Schuljahres in Japan, sondern – logischerweise – auch der Monat, an dem die frischgebackenen Schul- und Universitätsabsolventen ihre neue Arbeit antreten.
So auch bei meinem Kunden, bei dem ich einen Tag in der Woche vor Ort arbeite. Dieser Kunde ist eine mittelgrosse, rein japanische Softwareschmiede, die sich auf Oracle und Salesforce-Entwicklung spezialisiert hat. Und zwar ziemlich erfolgreich – man residiert quasi direkt neben der Ginza. Heute war dabei der erste Tag für 5 Neuankömmlinge: 4 Uni-Absolventen und 1 Quereinsteiger. Die Absolventen haben übrigens – und das ist typisch in Japan – noch nie ernsthaft programmiert und noch nie von Salesforce gehört. Sie sind jedoch die Überlebenden eines interessanten Rekrutierungsprozesses, bei dem Fragen wie „Wie viele Toilettenrollen verbraucht man in Japan pro Jahr?“ gestellt werden. An der Frage scheitern schon mal sehr viele, denn diese Frage setzt voraus, dass man ungefähr weiss, wie viele Einwohner das Land hat. Die meisten wissen es nicht.

Und in der Nacht geht es im kuscheligen Nahverkehr nach Hause

Und in der Nacht geht es im kuscheligen Nahverkehr nach Hause

Es gibt da die Mär der Sushiköche, die angeblich jahrelang Teller spülen müssen, bevor sie ihren ersten Fisch aufschlitzen dürfen. Das kommt nicht von ungefähr. Altehrwürdige Sushiläden funktionieren in der Tat nach dem Prinzip: Ein paar Jahre Teller waschen, dann ein paar Jahre Reis zubereiten, dann darf man irgendwann an weissfleischigen Fisch, später an roten (wie Thunfisch und so weiter). Bis man endlich selbst an der Theke steht, können so schnell fast 10 Jahre vergehen. So in etwa läuft das auch bei meinem Kunden. In den ersten zwei Jahren dürfen die Neuankömmlinge quasi nur eines: Testen. Hunderttausende Datensätze erstellen, in allen nur erdenklichen Kombinationen, dann hochladen und testen, bis der CPU schlapp macht. Irgendwann beginnen sie dann, das Programmieren zu lernen – damit sie dann sogenannte Testklassen schreiben dürfen, mit der die richtigen Klassen getestet werden (bei Salesforce ist das Pflicht). Dann wird für eine Prüfung nach der anderen gelernt. Und nach ein paar Jahren darf man, wenn man sich gut geführt hat, zum Kunden – und Spezifikationen für Kunden schreiben. Und Programmieren, so sich herausstellt, dass man das Zeug dafür hat. Das ist eine harte Schule – zwei Jahre nur testen ist nicht Jedermanns Sache, und so verlassen eins, zwei Leute pro Jahr die Firma wieder.

Wer es geschafft hat, darf dann weitermachen wie bisher: Arbeiten bis der letzte Zug fährt, mit hohem Termindruck – aber tagsüber eher döselig und am Handy herumspielend. Gelegentlich mit Kommentaren von oben nach dem Motto „na zum Mittagessen gehen ist diese Woche leider nichts“. Soll heissen, man soll sich das Essen gefälligst während der 13, 14 Stunden vor dem Rechner in den Rachen stopfen. Das ist freilich furchtbar effektiv: Sicher, das Prinzip des jahrelangen Trainings an der „Basis“ hat ungemeine Vorteile. Das dröge Überarbeiten am Computer nicht. Gerade beim Programmieren nicht. Es gibt Ausnahmen, aber in der Regel kann man ein Problem, für das man nach 10 Stunden Arbeit eine Stunde braucht , um es zu lösen, am nächsten Morgen in 10 Minuten lösen.

Kein Themenwechsel, aber eine andere Geschichte: Gestern traf ich im morgendlichen Berufsverkehr jemanden, den ich ein paar Wochen zuvor in meiner Stammkneipe (etwas übertrieben vielleicht, bei rund einer Sitzung pro Monat) kennengelernt hatte. Er ist jetzt im dritten Jahr an der gleichen Universität, bei der ich vor 18 Jahren ein Jahr lang studiert hatte. Zu Beginn des dritten Jahres beginnen japanische Studenten normalerweise ihre Stellensuche. Entschieden wird dann meist noch vor dem Sommer – also fast ein Jahr vor den eigentlichen Abschlussprüfungen, aber die sind ja in Japan nur eine Formsache. Er war frisch gebügelt auf dem Weg zur Informationsveranstaltung einer Firma. Ich fragte ihn, ob er denn plane, vor Arbeitsantritt noch eine grössere Reise zu planen – das machen viele Japaner so. Aus guten Gründen: Er antwortete, dass das wohl angebracht sei – schliesslich könne man ja danach „für die nächsten 40 Jahre nicht mehr verreisen“. Das ist keine sensationelle Feststellung, aber mich überraschte die Selbstverständlichkeit, mit der er das sagte. Da klang kein bisschen Bedauern mit, sondern einfach nur der Tenor, dass das eben der unabänderbare Lauf der Dinge sei, mit dem man sich abgefunden hat. Uni. Fertig. 40 Jahre ohne wesentlichen Urlaub arbeiten. Fertig. Und wenn dann noch genügend Lebensenergie bleibt und nicht der Krebs oder eine andere Krankheit gegen Ende des Arbeitslebens zugeschlagen hat, vielleicht noch ein bisschen Urlaub.

Ja, ich lebe gern in Japan. Ja, ich passe mich natürlich an meine Umwelt an. Nein, an diese Arbeitsweise, und an diese Denkweise werde ich mich nie anpassen. Ich werde sie aber auch nicht bewerten. Mich versöhnte letztendlich, dass der Kollege mit seinem ihn erwartenden Schicksal versöhnt schien.

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7 Responses to “Lose Gedanken zur japanischen Arbeitswelt”

  • Vamp898 sagt:

    Die Japanische Arbeitswelt ist allgemein sehr interessant. Versuche seit Wochen einen Job zu bekommen und bewerbe mich inzwischen auf vollkommen unterbezahlte Jobs am Rande Japans für die ich überqualifiziert bin für viel zu wenig Geld.

    Aber, zu wenig darf ich nicht verdienen, 200’000yen ist Minimum für das Arbeitsvisum.

    Gnädigerweise hat mir einer endlich verraten warum ich nirgends was bekomme, ich habe nicht Studiert. Das ist für den Arbeitgeber nichtmal ein Problem, man hat ja Referenzen und Arbeitszeugnisse, aber das Visum sehr zäh.

    Kann locker 5 Monate dauern und wenn man einen Anwalt nutzt wird’s auch noch sehr teuer…, das lohnt sich für keinen Arbeitsgeber der für die nächsten 1-2 Monate einen neuen Mitarber sucht…

    Bin soweit ernsthaft darüber nachzudenken studieren zu gehen, sind wieder 3 Jahre die ins Land gehen, man wird ja nicht jünger… nervig. Vor allem als letzte Hürde, hatte eine Job Zusage die daran gescheitert ist dass er davon ausging ich hätte verwandte in Japan über die ich ein Visum organisiert könnte…

    • gorden sagt:

      das kenne ich nur zu gut, ich habe fuer meinen ersten job 3 jahre gebraucht und fuer meinen neuen wieder neun monate… trotz aller qualifikationen und anwalt, gab es aber immer noch probleme (wie schwerwiegend die aber wirklich waren, weiss ich nicht)…

      mit dem studium, da waere vorher erkundigen wohl schlauer gewesen, grundregel ist: abgeschlossenes studium, oder 10 jahre (und mehr) berufserfahrung, ansonsten sieht es wohl schlecht aus)…

      zum thema: mit urlaub nehmen sind aber viele selbst schuld, 10 tage am stueck stehen mir in meiner jetzigen firma zu und die stehen auch allen anderen zu… meine kollegin beschwert sich oefters mal das sie ja ie urlaub haette, sie nimmt aber halt auch regelmaessig einen, oder zwei tage, aber nie laenger am stueck, was sie durchaus koennte… ist wohl ein aehnliches prinzip wie tagsueber nichts machen, dafuer dann abends aber ne runde laenger bleiben…

  • Oliver sagt:

    An die Arbeitsweise werde ich mich auch nie gewoehnen. Noch viel trauriger finde ich aber, das man mit seiner nicht-japanischen Denkweise (und unzaehlbaren Rants gegen diese Ineffizienz mancher „Manager“) immer nur auf taube Ohren stoesst / nicht ernst genommen wird. Kann natuerlich auch nur in meiner Firma so sein, dafuer fehlt mir der Vergleich.

  • Rene sagt:

    Oliver, ich kann dir versichern, das ist nicht nur bei dir so.

  • Daniela sagt:

    Toller Artikel. Lose Gedanken finde ich prinzipiell gut, wenn sie mir dann aus der Seele sprechen, bin ich begeistert.

    Mit meinem japanischen Ehemann (ich Deutsche) haben wir vor einigen Jahren Japan verlassen, um auch mal in Deutschland zu leben. Nun ja, es gibt vieles, was wir vermissen, vor allem das Essen. Aber mein Mann ist einfach nur froh, der trostlosen japanischen Arbeitswelt entkommen zu sein. Seine Arbeit hier in Deutschland ist zwar nicht spannend, aber er hat noch Zeit zu leben und Urlaub zu machen. Das ist ihm so wichtig geworden, dass er nicht zurück will.

    Dein Kollege kann sich mit seinem Schicksal anfreunden und es annehmen. Anderes bleibt ihm wohl auch nicht übrig. Ich bewundere die Japaner für diese Gabe des „Aushaltens und Durchhaltens“. Aber ich weiß nicht, ob ich das auch können möchte.

  • Jakob sagt:

    Ich hatte den Eindruck, dass sich die Situation in der Arbeitswelt etwas verbessert. Zumindest war es früher mal so, dass die jungen Japanerinnen einen Mann der hart und lang arbeit gewünscht haben. In letzter Zeit habe ich das Gefühl ist das eher andersrum.
    Also eine Hoffnung auf Verbesserung?

    Als Ausländer hat man von mir glücklicherweise bisher nicht erwartet ähnlich lange im Büro zu bleiben.

  • Michael sagt:

    Ich hatte zwar nur 2 Monate das Vergnügen in Japan zu arbeiten, aber selbst da erkannte man relativ schnell wie dämlich und ineffektiv dieses übertrieben lange Überstunden-Anhäufen war.

    Viele Kollegen sind vor allem am Abend mehr oder weniger vor dem Rechner eingeschlafen im Sitzen und so halb-lebend davor rumgedöst…das macht einfach keinen Sinn, aber Hauptsache anwesend ;-) …man versteht es nicht…