Beginn der Liberalisierung des japanischen Strommarktes

April 5th, 2016 | Tagged , | 2 Kommentare | 697 mal gelesen

Alles neu macht der… April. Am 1. April beginnt das neue Schuljahr, am 1. April beginnen die „Neuen“ in den Firmen zu arbeiten, am 1. April beginnt für viele Firmen das Fiskaljahr. Dementsprechend treten am 1. April auch oftmals neue Gesetze in Kraft. Eine der größten Änderungen am 1. April des Jahres 2016 dürfte die schon seit langem angekündigte Liberalisierung des Strommarktes sein. Bisher nämlich gab es pro Region nur einen einzigen Versorger (ganz Japan wurde so unter exakt 10 Stromlieferanten aufgeteilt); im Falle Tokyos und Umgebung war dies die berühmt-berüchtigte Firma TEPCO. Ob man wollte oder nicht – man kam nicht um Tepco herum. Das ist nun also seit dem 1. April anders, und es ist amüsant zu sehen, wer da alles plötzlich auf den Markt drängt. Am lautesten sind unter anderem die großen Mobilfunkanbieter, aber auch Tokyo Gas zum Beispiel. Man lockt mit allerlei Tarifen und Ideen: Ein Betreiber zum Beispiel verspricht Preisnachlässe, je mehr der Stromabnehmer am Tag läuft. Dazu bekommt man einen Schrittzähler aufgebrummt, der die Schritte (und den damit verbundenen, obgleich sehr geringen) Preisnachlass in Echtzeit anzeigt.

Doch die Japaner sind vorsichtig, und das ist verständlich. Bis zum 23. März haben gerade mal 0,4% der Japaner beschlossen, den Anbieter zu wechseln¹. Die Strompreise kann man dabei schon seit Monaten vergleichen, doch wenn man genau hinschaut, wird der Strom als solcher nicht gerade billiger. Es sind maximal die zahlreichen kleinen Zugaben, Coupons zum Beispiel, mit denen man etwas hinzugewinnen kann, doch lohnt sich der Aufwand wirklich? Und – welcher der Anbieter wird überleben? Für wen soll man sich entscheiden – und wer garantiert, das man bei all dem Kleingedruckten letztendlich nicht übers Ohr gehauen wird? Und vor allem: Woher kommt plötzlich der ganze Strom her? Die Liberalisierung des Strommarktes bedeutet ja, dass quasi jeder Strom produzieren, kaufen, weiterleiten und verkaufen kann. Bei Anbietern wie au (einer der 3 Mobilfunkgiganten) zum Beispiel kann man davon ausgehen, dass es hier weniger um die Stromerzeugung als um den geschickten Handel mit der Elektrizität geht – verbunden mit der geschickten Förderung des eigentlichen Geschäftsfeldes, denn wer bei au telefoniert und Strom bezieht, bekommt natürlich einen Rabatt. Bei Tokyo Gas ist die Sache natürlich anders, denn die können natürlich sehr wohl ihren eigenen Strom produzieren (und mit der sogenannten „Enefarm“ produzieren lassen) – und Rabatte anbieten, so die Kunden auch ihr Gas von dort beziehen.

Liberalisierung des Strommarktes: Sonnige Zeiten für Solarenergie?

Liberalisierung des Strommarktes: Sonnige Zeiten für Solarenergie?

Ist die Liberalisierung des Strommarktes also eine gute Nachricht? Auf jeden Fall. Man hat in Fukushima gesehen, was geschehen kann, wenn eine Firma ein absolutes Monopol innehält. Denn, man kann es gar nicht oft genug wiederholen, die Reaktorkatastrophe war nur bedingt Folge des Tsunamis und Erdbebens – der Hauptschuldige war Tepco. Nun beginnt jedoch der Wettbewerb, und das kann natürlich im Endeffekt zu höherem Kostendruck und daraufhin zu Einsparungen in der Anlagensicherheit führen. Doch mit der Liberalisierung hat man endlich eine Wahl: Bisher musste man seinen Strom von Tepco und Co beziehen – oftmals widerwillig wohlgemerkt, denn bei der Idee, dass diese Giganten wider besseren Wissens die Atomkraftwerke wieder hochzufahren versuchen, behagt natürlich nicht. So jedoch kann man mit einem Wechsel des Anbieters ein Zeichen setzen und bewusst auf diverse Erzeugungsarten verzichten.

Momentan spielen dabei fossile Brennstoffe die eindeutige Hauptrolle: Gute 40% der Energie werden mit Erdgas produziert, 30% mit Kohle und knapp 15% mit Erdöl. Knapp 8% werden in Wasserkraftwerken produziert, und gerade mal knappe 3% mit anderen, regenerativen Energiequellen (allen voran Solarenergie)². Deshalb gibt es heute auch nur ganze 3 Anbieter, die ausschliesslich regenerative Energie anbieten – zu mehr reicht die Produktion noch nicht.

Es wäre freilich schön, wenn vor allem regenerative Energiegewinnungsformen von der Liberalisierung profitieren. Vielleicht findet sogar eine echte Dezentralisierung statt – das wäre im erdbebengeplagten Japan mit Sicherheit keine schlechte Sache. Ob sich der Markt wirklich in diese Richtung entwickelt, wird man allerdings erst in ein, zwei Jahren einschätzen können – wenn hoffentlich mehr Japaner Interesse an alternativen Anbietern entwickeln.

¹ Siehe unter anderem hier
² Siehe Weissbuch der Energie in Japan 2015

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