Schmälern Sportfeste die Lebenserwartung?

Oktober 2nd, 2015 | Tagged , | 4 Kommentare | 731 mal gelesen

Minipyramiden an eiiner Grundschule

Minipyramiden an eiiner Grundschule

Schulsportfeste, genannt 運動会 undōkai, an japanischen Kindergärten und Schulen sind ein fester Bestandteil der Kindheit aller Japaner: Die lange Vorbereitung, der Stolz, die Tränen… es ist ein Großereignis, zumal meistens auch die Verwandten zur Leistungsschau antreten um zu sehen, wie tapfer sich der Nachwuchs schlägt. Die Krönung der Sportfeste ist überall der Staffellauf, denn nur die besten dürfen dort mitlaufen. Die Auserwählten. Weitere Highlights sind das 綱引き tsunahikiTauziehen (mit weit mehr als 100 Schülern pro Mannschaft), der 騎馬戦 kibasen – bei dem ich mir gar nicht sicher bin, wie das auf Deutsch heisst, auf Englisch heisst es jedenfalls chicken fight (vielleicht Pferd-und-Reiter-Kampf!?) sowie 組体操 kumi taisō – das Gruppenturnen, beziehungsweise, um genau zu sein, die menschliche Pyramide. Jedes Jahr kommt es dabei zu mehr oder weniger folgenschweren Unfällen. So auch vor 3 Tagen: Bei einer 10-stöckigen menschlichen Pyramide an einer Mittelschule in Osaka sackte das Gebilde plötzlich ein: 157 14 bis 16-jährige Schüler fielen da plötzlich übereinander, es gab 6 Verletzte, darunter auch mindestens ein Knochenbruch¹. Interessant daran: Ein Lehrerkollege meinte danach, dass die Pyramide mit den 10 Stockwerken bei den Proben nicht ein einziges Mal geklappt hat. Da war dann wohl jemand etwas fahrlässig, äh, ich meine natürlich ehrgeizig.

Ob der Bilder flammte natürlich sofort eine alte Diskussion auf. Sollte man die menschlichen Pyramiden nicht untersagen? Sind die nicht zu gefährlich? Und gab es beim Massentauziehen nicht sogar schon tödliche Unfälle? Nun ja, das japanische Sportkomitee hat dazu ein paar nette Statistiken erstellt² und die sprechen eigentlich eine deutliche Sprache: Zwar sehen die Unfälle bei den Pyramiden am spektakulärsten aus, doch sind die anderen Sportarten genauso gefährlich. Auch beim Staffellauf kommt es immer wieder zu Verletzungen. Wer also nach der Abschaffung dieser Sparte kräht, muss eigentlich ganz gegen Sportfeste sein. Eine 10-stufige Pyramide mit ungeübten Halbwüchsigen ist und bleibt allerdings ziemlich gewagt…

Neulich wurde ich gefragt, ob es auch in Deutschland Sportfeste an den Schulen gibt. Ich konnte da nur mit den Schultern zucken. In meiner Zeit gab es Sportfeste – das war dann aber mit allen Schulen der Stadt gleichzeitig. Ich erinnere mich da noch gut an meine Silbermedaille im Freistil-Ringen. Zweiter! Der ganzen Stadt! Und das beim ersten Ringkampf meines Lebens! Wie viele Schüler in dieser Sportart in der gleichen Gewichtsklasse antraten bleibt mein Geheimnis.

¹ Nachrichten, inklusive Video, gibt es hier.
² Siehe hier.

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4 Responses to “Schmälern Sportfeste die Lebenserwartung?”

  • Markus sagt:

    Lass mich raten: Wenn noch jemand daran teilgenommen hätte, wärest Du Dritter? Liebe Grüße aus Halle und Sport Frei!

  • Zeno sagt:

    Das wichtigste beim Undokai ist doch das Obento. Oder habe ich was übersehen;-)

  • HamuSumo sagt:

    Na ja, es gibt die ominösen Bundesjugendspiele, von denen irgendwie nie die Rede ist, irgendwann auf einmal stattfinden und man den Sinn dahinter nicht versteht.

    Was sportliche Wettkämpfe angeht, könnte man sich in Japan sicherlich ein paar Dinge abschauen.