Next stop Essäkuhssä

Mai 19th, 2015 | Tagged | 10 Kommentare | 1894 mal gelesen

Japanischer Fahrplan: Sonst noch irgendwelche Fragen?

Japanischer Fahrplan: Sonst noch irgendwelche Fragen?

Wenn man lange in Japan lebt, und dazu auch noch Japanisch lesen und verstehen kann, verliert man schnell den Touristenblick auf das Land. Dabei hatte ich den doch auch mal, doch das ist nun schon fast 20 Jahre her. Erst nicht-japanischer Besuch ruft mitein paar einfachen Fragen die Erinnerungen wieder wach. „Wann fährt der Zug?“ zum Beispiel. Der (Rand)berliner in mir würde natürlich instinktiv „Bin ick Schaffner oder wat?“ entgegnen, aber man ist ja nett – und antwortet dann „17:34“ – und möchte aufgrund der soziogenetischen Verantwortung gleich noch „steht doch dran!“ sagen. Aber halt: Sicher steht das an der Anzeige oder am Fahrplan, aber der Ortsname steht dann doch nur in Schriftzeichen da.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass sich diesbezüglich schon einiges getan hat in den letzten 20 Jahren. Das ist zu einem guten Teil der Technik zu verdank
en, denn neuartige Displays, die es nun ja fast überall gibt, erlaubt es den Betreibern zum Beispiel nunmehr auch, in Bussen und vielen Bahnen anderssprachige Anzeige zu schalten. Erst, wenn es analog wird – sprich Fahrpläne an Bushaltestellen oder Bahnhöfen, hört der Service meistens auf. Ach, sie können kein Japanisch lesen? Na das ist ja dann aber mal ganz dumm gelaufen!

Was ich von englischsprachigen Ansagen in Bussen und Zügen halten soll, weiss ich aber bis heute nicht:

The next stop is Essäkuussä

säuselt die Ansage im breiten amerikanischen Akzent vom Band, und man muss, zumindest als jemand, der mit einer Sprache aufgewachsen ist, in der man weiss, dass das „a“ auch „a“ und nicht anders ausgesprochen wird, schon mal kurz überlegen und umrechnen, bis man weiss, dass man gleich in „Asakusa“ (sprich: „Asáksa“) hält. Ist das richtig? Muss man wirklich japanische Namen so aussprechen? Denken dann ahnungslose Besucher nicht, dass dies die richtige Aussprache sei und von allen Eingeborenen entsprechend verstanden werden muss? Das Gegenbeispiel habe ich vor vielen Jahren in China erleben dürfen. Dort sagte im Bus eine chinesische Ansagerin: „Next stop Yíhéyuán!“ Das half auch nicht richtig weiter, denn man muss schon ein trainiertes Ohr haben, um den Namen wiederholen zu können.

Mein englischer Arbeitskollege spricht ebenfalls, selbst nach gut 10 Jahren in Japan und noch immer völlig unbelastet von jeglichen Japanischkenntnissen, japanische Ortsnamen geradezu penetrant im englischen Akzent aus. Als ich ihn damit einmal aufzog, antwortete er: „Selber schuld, dann sollen sie es anders schreiben!“. So kann man es natürlich auch sehen.

Teilen:  

10 Responses to “Next stop Essäkuhssä”

  • Guido sagt:

    Deinem englischen Arbeitskollegen rollt es dafür möglicherweise die Zehennägel auf, wenn er täglich hört wie englische Worte japanisiert ausgesprochen werden. Vielleicht ist das seine kleine Revanche? :-D

    • Thuruk sagt:

      Naja, nach 10 Jahren sollte man schon soweit sein, wenigstens die Aussprache hinzubekommen. Bei uns verlangt man das auch von Migranten (und die die es nicht schaffen geben den Rechten hervorragendes Wahlkampfmaterial).

  • umij sagt:

    Interessant. Ich kenn das gar nicht so mit der amerikanischen Aussprache, und habe mal gerade recherchiert:

    http://bit.ly/1FxxFZi

    und zitiere aus dem Interview:
    ——————————–
    Who is making announcements in English?

    In Tokyo, whichever train you take–namely, JR East, Tokyo Metro, Toei Subway, Tobu Railway, Seibu Railway, Odakyu Electric Railway, and Keisei Electric Railway–you will hear English announcements in a similar voice.Actually, they are all announced by the same voice actor, Christelle Ciari. (http://www3.plala.or.jp/christelle/)

    In a Japanese interview she said, „Most railway companies I worked for did not give me any instruction on how to pronounce the station names in English. So I decided to read them in the original Japanese accent because I personally thought it was more natural and easier to comprehend for non-native speakers of English. The only exception was JR East, which instructed me to announce the station names in an American accent.“

    Therefore, you will hear „Shibuya“ on Tokyo Metro while you will hear „Sheebooyah“ on JR trains.
    ——————————–

    Also erinnere ich mich korrekt: In der Tokioter U-Bahn und bei JR West und JR Kyushu habe ich nämlich noch nie japanische Ortsnamen mit amerikanischenm Akzent gehört.

    • tabibito sagt:

      Gut möglich. Wie gesagt, das ist nicht generell der Fall, aber zumindest bei den Bussen, die ich gelegentlich benutze, fällt es auf. Hier wird das sicherlich aber auch von Betreiber zu Betreiber anders sein.

  • Steph H. sagt:

    vielleicht sollte dein Freund sich mal diese Ansage in der Bayrischen Oberlandbahn, die bei mir in der gegend fährt mal anhören:

    https://www.youtube.com/watch?v=JcmrziSInZo

    DA rollt es einem die Fußnägel hoch :D

    • tabibito sagt:

      Schick! Klingt in der Regionalbahn zwischen Berlin und FFO aber auch ziemlich ähnlich. Wahrscheinlich der gleiche Crash-Kurs in Englisch…

      • Julia sagt:

        Sänk ju foa treweling und so?
        In der Schweiz gibt es jetzt Starbucks-Waggons und wie die Dame das ausspricht, klingt auch total seltsam.

        Aber ja, dieses Sheebooyah hat mich auch schon immer genervt.

  • auswandern sagt:

    Hey Matthias,

    erst einmal vielen Dank für die tollen Berichte/Artikel.
    Ich selber war 2 Jahre in Japan und habe diese Offenherzigkeit der Menschen noch nirgendwo erlebt.

    Wie erlebst du die Menschen in Japan im Vergleich zu Deutschland?

    Ich halte Japan für Menschen die auswandern wollen für ein schönes Ziel.

    Schönen Gruß,
    Phillip

  • anonymous sagt:

    Hey, als ich zuerst den Titel las, dachte ich du machst einen Ausflug nach Island :D