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Rauer Ton im Krankenhaus

Januar 30th, 2015 | Tagged , , | 6 Kommentare | 2221 mal gelesen

In dieser Woche tauchte ein – anfangs zumindest heimlich aufgenommenes – Video bei YouTube auf, das momentan ziemlich hohe Wellen schlägt. Der Hintergrund: Ein brasilianischer Vater brachte sein krankes Kleinkind in die Notaufnahme eines Krankenhauses der Stadt Iwata in der Präfektur Shizuoka (dort leben sehr viele japanischstämmige Brasilianer). Die Ärzte schauten sich das Kind an und meinten hernach, das sei nichts Schlimmes, und der Vater solle am nächsten Tag noch mal bei einem regulären Arzt vorbeischauen. Daraufhin verlangte der Vater ein 診断書 shindansho – Attest, doch der Arzt weigerte sich, das Dokument auszustellen – mit der Begründung, so etwas gibt es in der Notaufnahme nicht.

Damit gab sich der besorgte Vater jedoch nicht zufrieden. Verständlicherweise. Wie sich später herausstellte, hatte er 5 Kinder, und eines der Kinder war bereits sehr jung verstorben. Und so redete er in brüchigem, aber höflichen Japanisch weiter auf den Arzt ein: „Was passiert nun, wenn es doch etwas Schlimmes ist?“ fragte er den Arzt, worauf jener lapidar „Dann verklag uns doch“ antwortete. Als der Arzt einen Anruf auf sein Handy empfing, gab er den Vater mit einem gemurmelten くそ野郎 kusoyarō (wörtlich: Scheißkerl) an seinen Kollegen weiter. Dabei fiel wohl auch das Wort 死ね (Verrecke!). Der Vater hatte dummerweise schon vorher die Kamera seines Handys angeschaltet, und so existiert alles schön auf Video.

Nach einer Weile kam eine Krankenschwester, die portugiesisch kann, hinzu und begann zu vermitteln. Der Vater offenbarte schliesslich, dass er filmte, und das ist dem Arzt sichtbar peinlich. Das ganze ist für den Arzt freilich ganz dumm gelaufen: Man kann davon ausgehen, dass er sich sicher war, dass der Zugewanderte die Schimpfwörter nicht versteht. Verstand er aber.

Ist das nun Fremdenfeindlichkeit? Schwer zu sagen. Aber eins ist es auf jeden Fall: Ein akuter Fall von flatus cerebri auf Seiten des Arztes. So redet man nicht. Nicht mit Patienten, egal ob sie die gleiche Sprache sprechen oder nicht. Und schon gar nicht mit dem besorgten Vater eines kleinen Kindes.

iwata-krankenhaus

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