Gas vs. Strom

Juni 29th, 2014 | Tagged | 4 Kommentare | 7721 mal gelesen

Eigenheimbesitzer in Japan (aber sicher auch anderswo) kommen oft in das Vergnügen unangemeldeter Besuche von Aussendienstvertrieblern, die einem alles mögliche ums Haus andrehen wollen. Interessant ist dabei der Energiesektor: Da wäre das Schema A, bei dem Hausbesitzer dazu überredet werden sollen, weniger oder gar kein Gas zu benutzen, sondern sich nur auf Elektrizität zu verlassen (das nennt sich dann オール電化 All Denka – Alles Strom). Man wirft also den Boiler raus und produziert heisses Wasser mit einem Inverter und auf Vorrat. Der Vorteil: Man bekommt so einen besonderen Stromtarif, bei dem man nachts weniger als ein Drittel des Tagespreises für Strom zahlt. Man produziert also den Tagesbedarf heissen Wassers nachts. Wer ganz auf Gas verzichten möchte, schmeisst dann auch noch den Gaskocher raus und kauft sich dafür einen Induktionsherd. Die höchste Stufe schliesslich ist das Anschaffen einer Solaranlage. Die Warmwasserzubereiter, das beliebtestes Model heisst エコキュート Eco Cute (ein Wortspiel: Kyūtō = Boiler und das englische „cute“ werden fast gleich ausgesprochen), wurden eine Zeit lang sogar vom Staat bezuschusst. Solaranlagen wurden ebenfalls vor vielen Jahren im Rahmen der 100’000-Dächer-Initiative bezuschusst, aber die Zeiten sind vorbei, und das einspeisen von Solarenergie ins Netz lohnt sich heutzutage nicht mehr.

Aber dann sind da noch die Gasleute, die nicht ohne weiteres aufgeben: Sie versuchen Hausbesitzern eine sogenannte エネファーム Ene-Farm zu verkaufen. Die extrahiert Wasserstoff aus dem Stadtgas und verbrennt diesen dann, womit a) warmes Wasser erzeugt und b) nebenher Strom erzeugt wird. Das klingt natürlich auch verlockend, auch wenn dieses System Nachteile hat. Ohne Strom funktioniert die Ene-farm nicht.

Von diesen Modellen kann man halten, was man will. Bei schweren Erdbeben ist eine Stromlösung sicherlich praktischer, denn Strom wird als erstes wiederhergestellt. Und Eco-Cute-Anlagen können im Notfall als Wasserspeicher herhalten. Da die Anschaffungskosten jedoch für alle Geräte recht hoch sind, muss man schon sorgfältig rechnen, um herauszufinden, ob sich so etwas lohnt. Hinzu kommt freilich eine gesunde Abneigung gegen TEPCO, dem einzigen Stromanbieter im Raum Tokyo und Hauptverantwortlicher für die Atomkatastrophe von Fukushima.

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4 Responses to “Gas vs. Strom”

  • Hans Zillermann sagt:

    Diese Enefarms sehen sehr interessant aus, in Deutschland gibts sowas afaik noch gar nicht. Hier steht momentan die Markteinführung von Brennstoffzellen-BHKWs kurz bevor, reguläre mit Erdgas betriebene Mini-BHKWs gibt’s schon länger (heißt in Japan Eco Will?). In Kombination mit Photovoltaik auf dem Dach kann das durchaus eine Alternative fürs Einfamilienhaus sein, kostet aber auch viel mehr als ein stinknormaler Gas-Brennwertkessel und bei der japanischen Abneigung zur Zentralheizung würde man da die Abwärme auch gar nicht wegbekommen…

    Fix recherchiert, eine kWh Strom kostet bei Tepco mit Eco Cute 12,16 Yen. Ein Kubikmeter Gas bei Ene-Farm und Verbrauch über 80 cbm/Monat bei Tokyo Gas 124 Yen, bei 12,5 kWh / m³ Brennwert. Panasonic gibt für seine Enefarms einen Wirkungsgrad von 95% an, das wären dann 10,5 Yen / kWh. Grundproblem bei solchen KWK-Systemen ist halt: Die maximale Ausnutzung hat man nur bei ständiger Laufzeit, d.h. man muss auch den selbst produzierten Strom sowie die Wärme nutzen können. Was passiert mit dem überschüssigen Strom? Muss man den Einspeisen? Wieviel Vergütung gibt’s dafür? Oder gibt’s in Japan schon bezahlbare Akkus? In Deutschland dauert das wohl noch eine Weile…

    Nur für die Warmwasserbereitung würde ich auch nie im Leben so hohe Investitionskosten bezahlen wollen. Selbst bei einer japanischen Großfamilie mit 500 l Warmwasserbedarf (jeder wäscht sich ordentlich und hüpft danach noch in das große Wannenbad) pro Tag kommen da mit einem stinknormalen Gas-Durchlauferhitzer gerade mal 300 Yen zusammen. Eine Enefarm kostet laut den Seiten diverser Gasversorgungsunternehmen über zwei Millionen Yen, dafür kann man ganz schön lang duschen.

    • tabibito sagt:

      Mit Deinen Recherchen liegst Du goldrichtig.

      Überschüssigen Strom kann man übrigens einspeisen, aber die Vergütung hängt vom System ab. Ist es ein 5 kWh-System, bekommt man wohl 24 Yen pro kWh zurück, bei einem 10 kWh-System (das natürlich mehr Geld kostet, sich aber wohl eher amortisiert, sollen es wohl 48 yen sein. Zum Vergleich: Otto Normalverbraucher bezahlt im Raum Tokyo momentan 30 Yen. Bezahlbare Akkus gibt es hier leider auch noch nicht, und da liegt meiner Meinung nach der Hund begraben.
      Dein Fazit zum Thema Enefarm deckt sich auch mit meinem Fazit, weshalb wir daran auch kein Interesse haben.

  • coolio sagt:

    Der gleiche Irrweg wie in den Siebzigern in Deutschland. Auch da wurden so manchem die „sparsamen“ Nachtspeicherheizungen mit den „günstigen“ Nachttarifen aufgeschwatzt. Diese wurden spätestens in den Neunzigern wieder entfernt und durch moderne Gasanlagen ersetzt. Totschlagargument in Japan ist ja immer, das die im Boden verlegten Gasleitungen bei einem schweren Erdbeben stärker in Mitleidenschaft gezogen werden als Stromleitungen und man deshalb mit einem elektrischen Warmwassersystem besser bedient ist. Dabei vergessen die Herren Berater nur all zu gern, das jenes Wasser das sie erwärmen wollen, auch aus Rohren kommt, die im Erdboden verlaufen…….

    • Hans Zillermann sagt:

      Es gibt immer noch genügend Wohnungen mit Nachtspeicheröfen, kA wo die immer alle herkommen… wahrscheinlich geizige Vermieter. Hatte erst letzten Monat wieder eine auf Gas umgerüstet. Man muss ja froh sein wenn das geht, es gibt auch Bauten aus den 70ern ohne Gas oder Zentralheizung, die kann man nur abreissen, nachträglich da noch was einzubauen ist furchtbar aufwändig.

      Als Alternative zur Erdgasversorgung gibts natürlich noch Flüssiggas, das ist allerdings teurer.