10 grossartige, aber schwer übersetzbare japanische Wörter: Teil II

Mai 21st, 2014 | Tagged | 14 Kommentare | 15472 mal gelesen

Nach Teil I der Liste grossartiger, aber schwer übersetzbarer Wörter hier also wie versprochen der zweite Teil. Bei genauerer Betrachtung der ersten 5 Wörter fiel mir auf, dass diese meist zwar wirklich „grossartige“ Wörter sind – jene jedoch kaum relevant in anderen Sprachen sein dürften. Schade eigentlich. Beim zweiten Teil liegt diese Betonung nun mehr auf Wörter, die in anderen Sprachen durchaus nützlich wären. Anders gesagt – man vermisst diese Wörter, wenn man zu lange Japanisch kennt.

お疲れ様 (otsukaresama) – Oh, sie Erschöpfter!

Dieses Wort taucht beim Japanisch lernen, so war es bei mir zumindest, erst recht spät auf – kein Wunder, es wird fast ausschliesslich in der Arbeitswelt gebraucht. Und es ist schwer übersetzbar. „tsukare“ bedeutet „erschöpft sein“, „o… sama“ ist eine höfliche Anredeform. Dieses Wort sagt man vor allem in zwei Situation:
1. Wenn ein Arbeitskollege eher den Arbeitsplatz / ein Projekt usw. verlässt
2. Wenn jemand einem, auch im entfernten Sinne, einen Dienst erwiesen hat.
Man sollte dabei mit dem Anderen entweder auf Augenhöhe oder höher gestellt sein. Zum Chef sollte man dies lieber nicht sagen, sonst erweckt man den Eindruck, höher gestellt zu sein. Das Wort wird so häufig genutzt, dass es nach etlichen Jahren in Japan schwer ist, sich eine normale Arbeitswelt ohne diese Floskel vorzustellen. Vielleicht ist das nächstbeste Wort „Danke für die Mühen“?

逆ギレ (gyakugire) – Auf zum Gegenangriff!

„Gyaku“ – verkehr rum, „gire“ – von „kireru“: Ausrasten. Das Wort gyakugire beschreibt eine Situation, bei der jemand verbal attackiert oder einfach nur kritisiert wird – und jeniger patzig reagiert. „Kontern“ trifft es nicht ganz, denn „Kontern“ bedeutet normalerweise, dass der Gegenangriff gerechtfertigt (und erfolgreich) ist. „Gyakugire“ ist eher ein Ablenkungsmanöver und nur allzu menschlich – das ist in Japan nicht anders.

ざあざあ (zaazaa) – beRAUSCHend!

In Japan regnet es oft und viel. Dementsprechend viele Wörter gibt es für Regen, je nachdem, wie stark er fällt. Das Wort zaazaa soll hier als Stellvertreter dienen für all die schönen Onomatopoetika (Lautmalerei – Stichwort: Klatschen, summen usw.), die es im Japanischen gibt – und davon gibt es tausende, meist nach dem Schema „Silbe 1-Silbe 2-Silbe 1-Silbe 2“. Beispiel Regen: Von schwach nach stark fällt der Regen in Japan erst shoboshobo, dann shitoshito, dann potsupotsu, parapara, barabara und letztendlich zaazaa. Die meisten Japanisch-Lernenden dürften mir zustimmen, dass diese Wörter das Salz in der japanischen Sprachsuppe sind.

以心伝心 (ishin denshin) – Kommunikation mal anders

„Durch das Herz das Herz vermitteln“ – eigentlich kommt der Begriff aus dem Zen-Buddhismus und bedeutet, die Weisheit Buddhas abseits von gesprochenen Wörtern und Schriften zu lehren, indem man sein „Herz vermittelt“. Das Prinzip gilt aber auch als Tugend, vor allem bei älteren Ehepaaren: Sich auch ohne Worte zu verstehen. Das Herz des Partners lesen zu können. Eine schöne Sache, wie ich finde, auch wenn ich das nicht unbedingt als ausschliesslich japanische Tugend betrachten würde. Und letztendlich ist es in Japan oftmals auch so wie anderswo: Sie redet, er schweigt.

親父 (oyaji) – Geliebter Vater (!?)

Wortwörtlich „geliebter Vater“, wird das Wort heuer mit unzähligen Bedeutungen benutzt. Es kann freundlich gemeint sein (Vorgesetzter, Laden- und Barbesitzer etc.), aber auch negativ, nach dem Motto „Alter Sack“. Und das ist das schöne an diesem Wort (und der Grund, warum es in seiner Gänze nur schwer übersetzbar ist): Es ist herrlich vielseitig, und das kleine Wörtchen hat es trotz seiner ursprünglichen Bedeutung faustdick hinter den Ohren.

So, das war meine Top 10. Und ich bin mir 100%ig sicher, dass mir nach dem Veröffentlichen dieses Artikels sofort viel geeignetere Wörter für diese Liste einfallen werden. Andererseits würde mich mal interessieren, welche Wörter die des Japanisch mächtigen/ Japanisch lernenden Leser in die Liste aufnehmen würden!

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14 Responses to “10 grossartige, aber schwer übersetzbare japanische Wörter: Teil II”

  • Vamp898 sagt:

    Ich denke die Klassiker sind immernoch

    私・あたし・俺・僕, erinnert mich an die Sache mit dem Schnee der Eskimos ;)

    • ディーン sagt:

      Schnee der Eskimo? Schlag mal das japanische Wort für „Reis“ nach ;-)
      Das mit den Eskimo und den zahlreichen Wörtern für Schnee ist übrigens eine Fehlauslegung.

  • Thuruk sagt:

    Onomatopoetika finde ich persönlich eher lächerlich und vermeide sie.

    • tabibito sagt:

      Naja, lächerlich sind sie nicht. Sie sind halt ein wichtiger Bestandteil der gesprochenen japanischen Sprache. Vom übermäßigen Gebrauch kann man nur abraten, aber im Gespräch stärkt es schon die Aussagekraft, wenn man „この靴はぼろぼろ“ sagt anstelle von „この靴はかなり壊れている“.

      • Thuruk sagt:

        Es wirkt auf mich nur ein wenig infantil, als würde ich im Deutschen wuiiiwuii oder so sagen. Ich bin auch kein wirklicher Japanischsprecher, das kommt sicher noch. :-)

  • Royko sagt:

    Macht Spaß zu lesen, Dein (Sprach-)Blog! – Der andere natürlich auch ;-)

    Gibt es eigentlich eine japanische Entsprechung für Chuzpe?

    • tabibito sagt:

      Oh, Du hier :)

      Chuzpe… also das Wort 大胆さ (daitan-sa) kommt da schon ganz gut ran, das kann man auch mit Bewunderung sagen.

  • Gfischt sagt:

    Habe mich über beide Blogs sehr gefreut! Von mir aus darfst du auch gerne eine Top 20 o.ä. daraus machen. :)

    お疲れ様 habe ich selbst an den verschiedensten Orten immer wieder gehört. Teilweise so oft, dass ich mich frage ob da nicht noch ein unterschwelliger Sarkasmus in der Anwendung mitschwingt.

    Die meisten Anwendungen/Minute hatte ich jedoch beim Wandern auf Yakushima. Beim Abstieg gab es kräftig Gegenverkehr und nach 6 Stunden hatte ich diese Floskel sicher schon einige 100 mal empfangen und erwiederd – in allen möglichen Variationen. Na lehrreich war’s auf jeden Fall.

    • tabibito sagt:

      Ironie, Sarkasmus & Co. sind ja im Allgemeinen nicht so des Japaner’s Ding… ich habe お疲れ様 jedenfalls noch nicht mit ironischem Untertun gehört. Die andere Variante, ご苦労様 / ご苦労さん wird gelegentlich jedoch etwas herablassend benutzt.
      Beim Wandern in Japan sind die beiden Grußformel „後少し!“ und „お疲れ様“ natürlich ein Muss :P

    • ディーン sagt:

      Wem bekannt ist, was die vielen Träger auf Yakushima da in ihren Riesenrucksäcken den Berg runtertragen, kann sich bei einem お疲れさま bestimmt ein Grinsen nicht verkneifen X-)

  • Julia sagt:

    Hattest du よろしく?
    Was ich mag, ist 微妙. Alles ist bimyou. Der neue Freund der Freundin ist bimyou. Das Essen ist bimyou. 微妙にむかつく.
    Außerdem 適当. Ich mach das so tekitou. Der arbeitet mir zu tekitou. Boah, mein Arzt stellt immer so tekitou Diagnosen.

    • Julia sagt:

      Ach ja, und 元気. Gut drauf oder fit allein treffen es nicht immer, finde ich.

    • tabibito sagt:

      微妙 hatte ich auch anfangs auf der Liste meiner Kandidaten. Wäre bei einer Top 20 auf jeden Fall dabei. 適当 und よろしく würden in der Tat auch ganz gut reinpassen.

      • ディーン sagt:

        微妙 ist zu 微妙 für die Liste, und Tabibito macht schliesslich keine 適当 Sachen. 世話 (sewa) käme bei mir noch dazu, das meist im Ausdruck お世話になります gipfelt. Eine leere Floskel die bei jedem geschäftlichen Telefon oder Email unabdingbar ist und noch vor den Gesprächsinhalt zu stehen kommt – ausserhalb der Geschäftswelt aber alles andere als leer ist und verstärkt Dank ausdrücken kann.