Fukushima – Stümperei Teil 4721

Februar 25th, 2014 | Tagged , | 13 Kommentare | 3754 mal gelesen

Man sollte meinen, dass die Menschen aus Schaden klug werden. Und Firmen mit ihren zahlreichen Stakeholdern sowieso. Dem ist leider nicht so, wie TEPCO beinahe täglich aufs Neue beweist. Heute ist bekannt geworden, dass am 19. Februar rund 100 Tonnen hoch radioaktiv verseuchtes Wasser in die Umwelt ausgetreten ist. Das ist, so traurig es ist, allein keine Nachricht mehr wert, denn das notdürftig zusammengezimmerte Gebilde vor Ort leckt an allen Ecken und Enden. Der Unfallhergang jedoch zeigt aufs Neue, was dort vor Ort passiert – beziehungsweise nicht passiert.

TEPCO hat am explodierten Kraftwerk ja hunderte große Wassertanks aufgestellt, die das zum Kühlen der teils freiliegenden Brennstäben benutzte Wasser speichern sollen, bis… ja bis wann eigentlich. Die Behälter haben immerhin Melder installiert, die anspringen, wenn das Fass voll ist. So auch am 19. Februar: Der Sensor meldete sich geräuschvoll, und der TEPCO-Mitarbeiter des Vertrauens lief zum Tank und schaute nach, ob etwas ausläuft. Lief aber nicht, denn der Tank war zu dem Zeitpunkt „nur“ zu 98,9% voll¹. Also ging der Mitarbeiter von einem Fehlalarm aus und trollte sich. Kurze Zeit später begann der Tank überzulaufen, und das merkte man erst viele Stunden später. Dem Unfall ging ein weiterer voraus: Normalerweise befüllen drei Leitungen einen Tank, wobei ein Ventil geschlossen sein soll. Durch menschliches Versagen waren in diesem Fall jedoch alle drei Ventile geöffnet.

Das ganze wirft mal wieder die üblichen Fragen auf, die man nun schon seit fast drei Jahren täglich stellen möchte:

  1. Wer arbeitet da eigentlich? Offensichtlich jedenfalls keine qualifizierten Mitarbeiter.
  2. Wer überwacht, was dort vonstatten geht? Offensichtlich fehlt es an Krisenmanagement.
  3. Begreifen die Verantwortlichen eigentlich den Ernst der Lage?
  4. Fühlt sich überhaupt jemand verantwortlich?
  5. Wieso denkt man, dass es eine gute Idee sein, Sensoren zu benutzen, die sich erst melden, wenn es zu spät ist?
  6. Was wäre passiert, wenn es geregnet hätte? Wie hätte man überprüft, ob der Tank überläuft?

und so weiter. Alles Fragen, die dem menschlichen Verstand eigentlich widersprechen. Es ist noch immer schwer begreifbar, was dort eigentlich geschieht. Das ist kein Grund, in Panik zu verfallen – aber es ist ein Grund, sich noch immer Sorgen zu machen. Fast drei Jahre – und man ist weit, sehr weit davon entfernt, dass Problem halbwegs im Griff zu haben.

¹Siehe unter anderem hier

Teilen:  

13 Responses to “Fukushima – Stümperei Teil 4721”

  • Thuruk sagt:

    7. Wann begreift das Volk, dass Kernkraftwerke einfach eine schlechte Idee sind?

  • mindfsck sagt:

    8. Wann begreift das Volk, dass es
    a) vll doch nicht immer wieder die gleichen Industrie-Stuemper in die Regierung waehlt und
    b) in einer Demokratie durchaus noch andere Mittel als Shouganai und Abwarten gibt?

  • EhPaMi sagt:

    Man, da bin ich richtig froh, dass die Stuemper bei uns nur Flughaefen bauen…

    hoffe ich jedenfalls…

  • Bene sagt:

    Hallo Tabibito!
    Wird in Japan eigentlich über die Bergung der x-tausend Brenstäbe aus dem einen Abklingbecken berichtet? Läuft das ohne Probleme?
    Diese Bergung ist ja letztes Jahr angelaufen, und es wurde hier in Deutschland immer wieder betont, wie risikoreich das ist. Aber seitdem hat man nix mehr darüber gehört…
    Wäre interessant, wenn Du ein Update dazu hättest.
    Viele Grüsse und mach weiter so!
    Ich lese hier immer mit grossem Interesse.

    • tabibito sagt:

      Nun, als das ganze begann, wurde das auch mit grossem Trara in den Medien berichtet. Und man wies auch darauf hin, dass die Bergung durchaus gefährlich ist (allerdings wurde das eher sachlich-nüchtern, man kann auch sagen beschwichtigend abgehandelt). Seitdem hört man nicht viel – nur dann, wenn es eben zu Zwischenfällen kommt. Neulich zum Beispiel, als man einen enormen Anstieg der Radioaktivität am Beckenrand feststellte.
      Der Prozess wird sich ja über lange Zeit hinziehen, und Medien haben nur wenig Geduld, wenn nichts Aufregendes passiert. Von daher hoffe ich mal, dass im Laufe der Bergung nicht allzu viel Aufregendes passiert…

  • Gojira sagt:

    Nanu, greift denn das neue Geheimhaltungsgesetz noch nicht? Mit so einer Information könnten doch Terroristen, Ausländer und andere gemeingefährliche Subjekte anreisen und Regentänze aufführen.

  • TDK sagt:

    Das Problem wird auch in 10 Jahren noch aktuell sein.
    Noch weiß ja keiner so genau wo sich die geschmolzenen Brennstäbe überhaupt befinden…

    • Thuruk sagt:

      Wenn’s überhaupt irgendwann gelöst wird… Eher versinkt es dank Klimawandel im nahen Meer.^^

  • haru sagt:

    war gerade im ZDF, unbedingt sehenswert:
    http://www.zdf.de/ZDFzoom/ZDFzoom-T%C3%A4uschen-tricksen-drohen-32073914.html
    zB Katsutaka Idogawa, der Bürgermeister von Futaba