Der Einsiedler

Januar 7th, 2014 | Tagged , | 7 Kommentare | 3319 mal gelesen

Lage der Insel (rot)

Lage der Insel (rot)

Japan besteht aus furchtbar vielen Inseln. Insgesamt sind es 6’852 – und diese Zahl musste erst im vergangenen Jahr korrigiert werden, als eine neue Insel durch einen Vulkanausbruch geboren wurde. 97% der Fläche entfallen auf die 4 Hauptinseln, und nur gut 430 Inseln sind auch bewohnt. Das bedeutet also, dass es in Japan insgesamt gut 6’420 無人島 mujintō – „menschenleere Inseln“ gibt. Wirklich? Nicht ganz.

Bei Recherchen vor und nach meiner Reise zu den Yaeyama-Inseln bin ich auf eine Insel namens 外離島 Sotobanari-jima (wörtlich: Äußere Entfernte Insel) gestoßen. Die halbmondförmige Insel ist einen knappen Kilometer lang, gut einen Quadratkilometer gross, und wenn man schnell zu Fuß ist, kann man die Insel binnen einer Stunde umrunden. Die Insel liegt nur ein paar Minuten mit dem Boot entfernt von der Westküste der wesentlich größeren Insel Iriomote. Und westlich von Iriomote gibt es … quasi nichts mehr. Dort ist vorläufig die Welt zu Ende.

Die Insel ist teilweise bewaldet, hat aber keine Süßwasserquellen. Offiziell ist sie unbewohnt, doch das stimmt nicht ganz: Seit rund 20 Jahren lebt dort ein Mann namens 長崎真砂弓 Masafumi Nagasaki, nunmehr 78 Jahre alt, in selbstgewählter Isolation. Die verlässt er höchstens ein Mal im Monat, um für die rund 70 Euro, die ihm seine Schwester schickt, das notwendigste einzukaufen. Ansonsten lebt er – in der Regel nackt – allein vor sich hin und ernährt sich von dem, was die Natur, vor allem das Meer, so bietet, und davon gibt es reichlich. Bekannt ist der Mann mittlerweilen als 裸のおじさん – der nackte Opa. Und über ihn hat VICE eine schöne Doku gedreht, und die hat, schau mal einer an, sogar englische Untertitel.

Photo der Umgebung: Links Uchibanari, rechter Rand: Sotobanari

Photo der Umgebung: Links Uchibanari, rechter Rand: Sotobanari

Interessant ist, dass der Mann für einen Einsiedler ziemlich gesprächig ist und viel Humor besitzt. Und – er scheint sehr mit sich im Reinen zu sein. Einige seiner Ansichten sind verblüffend. So antwortet er auf die Frage, was er denn macht, wenn er so allein mal krank wird, einfach: „Ich versuche ganz einfach, nicht krank zu werden“. Auch der Grund, warum er auf die Insel zog, ist recht interessant.

Obwohl das Leben im Video recht verlockend aussieht, so dürfte es doch recht hart sein: Wir waren im Dezember dort, und als wir in der Ecke waren, in der die Insel liegt, war es nur 12 Grad warm, sehr stürmisch und sehr regnerisch. Auch die Taifune im Sommer dürften es in sich haben: Vor 7 Jahren gab es einen besonders schweren Taifun mit Windgeschwindigkeiten über 250 Stundenkilometern. Wahrscheinlich sogar mehr, denn bei der Windgeschwindigkeit gingen wohl die Meßgeräte entzwei.

Hier nun also das Video. Photos und Text (in diesem Fall leider nur auf Japanisch) gibt es bei VICE.

So, dass tut mir jetzt wirklich leid. Im letzten Beitrag des vergangenen Jahres habe ich angedeutet, vielleicht mal über nackte Frauen zu schreiben. Stattdessen ist der erste Beitrag des neuen Jahres der über einen nackten Mann. Und dann auch noch ein alter Mann …

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7 Responses to “Der Einsiedler”

  • Vanion sagt:

    Für die nackten Frauen natürlich dann auch einen Videobeleg :-)
    oder droht deinem Blog dann der virtuelle moralische Zeigefinger?

  • Thuruk sagt:

    Oh, den Kollegen kenn ich doch irgendwoher. Die Doku allerdings nicht.

    Bitte mehr nackte Frauen! Jetzt erst recht.

  • Myo sagt:

    Ich hatte nach dem letzten Beitrag gleich mal nach „nackte Männer“ gesucht. Und schon finde ich noch mehr zu diesem Thema, haha. ;-)

    Interessant! Und toll dass es noch Orte auf der Erde gibt, an denen soetwas möglich ist.

    Nur eines will mir nicht ganz aufgehen (oder ich verstehe den Witz nicht?): Wieso ist WESTLICH von dort das Ende der Welt? Dass selbige östlich von Minami-Torishima „endet“ will mir ja noch eingehen, aber westlich von Sotobanari? Da kommt dann doch relativ nah noch so einiges…?
    Dass die Japaner sich als ganz besonderen Mittelpunkt der Erde sehen hab ich inzwischen begriffen, aber so selbstorientiert dass sie alle anderen Landmassen abseits ihrer Inseln ignorieren sind sie dann ja doch wieder nicht – oder? ;)

    • tabibito sagt:

      Naja, bis zur nächsten Insel sind es „nur“ 100 Kilometer. Jedoch liegt die Insel Verkehrstechnisch am A**** der Welt: Wer dort hin will, muss erst irgendwie nach Ishigaki, dann mit dem Boot nach Iriomote, dann um die halbe Insel herum, und von dort, wo die Strasse aufhört, irgendwie zur Insel. Das kann man getrost am Rande der Welt nennen.

  • Myo sagt:

    So, jetzt hab ich die Doku gesehen und will nun doch noch etwas dazu schreiben.
    Ich kann zutiefst nachempfinden was dieser Mann erzählt. Ich habe (leider fast schon zu häufig) dieselben Gedanken. Und das kann einen ziemlich tief runter ziehen… dauerhaft.

    Daher erstaunt es mich, dass dieser Mann seinen Frieden finden konnte, in dem er quasi „davon läuft“.
    Ich meine, wenn man diese Erkenntnisse erst einmal gewonnen hat, diese Tatsachen eben erkannt hat, dann macht das zumindest mich irgendwie tieftraurig und wütend und enttäuscht und gleichzeitig fühle ich mich schrecklich hilflos.
    Es schätze das empfinden mehr Menschen so, als man gemeinhin denkt. Die häufigste Variante damit umzugehen wird sein, dass einfach zu verdrängen und sein Leben zu leben.
    Im Grunde macht dieser Mann auch nichts anderes. Bis auf die Tatsache dass er von sich behaupten kann, nicht mehr Teil dieses Ganzen zu sein (mehr oder weniger). Vielleicht macht diese Gewissheit allein so zufrieden/glücklich…