Filmkritik: Helter Skelter

August 25th, 2013 | Tagged | 1 Kommentar | 13093 mal gelesen

Mein Gott, die letzte Filmkritik ist nun schon vier Jahre her! Da wird es doch langsam mal wieder Zeit für eine neue Filmkritik.

helterskelterHeute geht es um den Film ヘルタースケルター (Helter Skelter), herausgekommen im Juli 2012. Dieser basiert, welch Überraschung, auf einem Manga, und zwar von der ziemlich bekannten Manga-Autorin 岡崎京子 Kyōko Okazaki. Wie üblich habe ich das Manga selbst nicht gelesen, aber man muss nicht lange suchen, um festzustellen, dass Helter Skelter ein sehr beliebtes Manga war und einige Preise eingeheimst hat.

Gedreht wurde, und das ist interessant, der Film von 蜷川実花 Mika Ninagawa, einer mit 40 Jahren noch recht jungen und sehr erfolgreichen Photographin, die sich vor allem mit sehr oppulenten, teils schon kitschigen Photos einen Namen gemacht hat. Seit ein paar Jahren versucht sie sich als Filmemacherin, und das mit Erfolg: Sie war es zum Beispiel, die das Video für AKB48’s „Heavy Rotation“ gedreht hatte.

In Helter Skelter geht es um ein dickliches, unabstreitbar hässliches Mädchen, das nach Tokyo zieht und sich dort riskanten Schönheitsoperationen unterzieht. Dadurch wird sie zu Ririko, einem Model, das schnell alle Titelblätter ziert. Einem Model, dessen Herkunft niemand kennt. Gespielt wird Ririko von 沢尻 エリカ Erika Sawajiri, einer 27-jährigen Sängerin/Schauspielerin mit japanischem Vater und algerisch-französischer Mutter. Und – so viel sei vorweggenommen – sie macht ihre Sache gut, und das muss sie auch. Das Drehbuch verlangt alle Facetten menschlicher Regung von ihr ab. Vom Orgasmus (nun gut, fast) bis zum Nervenzusammenbruch, von totaler Selbstzerstörung bis zur Psychoterror versprühenden, knallharten Domina ist alles dabei. In dem Film spielen vor allem Personen wie Ririko’s Agenturchefin Tada, eine schrille Person, die von Ririko „Mama“ genannt wird, Ririko’s Managerin Hada nebst Freund sowie Ririko’s Geliebter Takao wichtige Rollen.

Ririko hat anfangs sichtlich Erfolg an ihrer Karriere, doch bald verstärken sich die Schattenseiten des Gewerbes. Die herbeioperierte Schönheit lässt hässliche Flecken erscheinen, das Erfolgsrezept der Schönheitschirurgin ist äußerst dunkel und illegal, weshalb nicht nur die Chirurgin selbst, sondern auch Ririko ins Kreuzvisier der Ermittler (durchaus charismatisch: Nao Ōmori als Inspektor Asada) gerät. Aufgrund der Operationsmethoden muss Ririko (aber auch ihre Agenturchefin) ständig Medikamente nehmen, und die haben beachtliche Nebenwirkungen. Ririko verkaufte quasi ihre Seele an die teuflische Chirurgin. Alles läuft jedoch ganz gut – bis Kiko Mizuhara als Kozue aufkreuzt: Das neue Licht am Modefirmament, und mit einem wesentlichen Unterschied zu Ririko: Die Konkurrentin ist nämlich von Natur aus schön. Und ab da geht es abwärts. Ririko lässt ihren ganzen Frust an der eher bodenständigen Managerin (und ihrem Freund) aus – mit perfiden Machtspielen, doch dass soll sich zum Ende bitter rächen. In einer anderen Szene trifft sie ihre jüngere Schwester, anhand derer man sich als Zuschauer vorstellen soll, wie Ririko früher einmal aussah. Ihr Freund heiratet bald eine andere, auch wenn er ihr versichert, dass er trotzdem nur sie liebe. Und dann ist da der Hass auf die Konkurrentin.

Der gesamte Film ist wirklich helter skelter – ein grosses Chaos mit relativ viel Sex, etwas Gewalt (weniger hart Gesottene sollten sich überlegen, ob sie sich die Pressekonferenz zum Ende des Filmes ansehen wollen), Drogen und – Klamotten. Alles ist durchgestylt und mitunter so bunt und modisch, dass man meint, gleich Kopfschmerzen zu bekommen. Es sind viele Sprünge in der Geschichte, und wie bei japanischen Filmen oft üblich, ist es etwas schwer, sich mit dem angebotenen Ende zu versöhnen. Man erkennt ein paar Anleihen, zum Beispiel aus Fear and Loathing Las Vegas (Abteilung Drogenrausch), oder Takeshi Kitanos jüngeren Filmen mit sehr eindringlichen Bildern (rote Federn, Blitzlichtgewitter usw.). Man glaubt nur zu gern, dass eine professionelle Fotografin für die Regie verantwortlich zeichnet – es wurde sehr viel Wert auf die Fotografie gelegt. Einige Kameraeinstellungen sind dabei durchaus kreativ, wenn auch manchmal etwas übertrieben wird.

Vergänglichkeit der Schönheit. Lug und Trug in der Modebranche. Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen. Alles schön und gut – und eigentlich nicht so recht mein Ding. Was mich jedoch dazu bewegt hat diesem Film einen Beitrag zu widmen, ist die Filmmusik. Die ersten Minuten Film weckten mein Interesse – man wählte Nina Hagens‘ „Naturträne“ (kann man hier hören) als Begleitmusik zu einer Szene, in der man japanische Schülerinnen in Modezeitschriften blättern sowie die Hektik in Tokyo sehen kann. Ob man Nina Hagen nun mag oder nicht – die Wahl ist aussergewöhnlich und durchaus passend. Und das zieht sich durch den ganzen Film. Man hat die Musik scheinbar mit viel Bedacht gewählt, und letztendlich war es die Musik, die mich den Film hat verstehen lassen. Nicht im Sinne von „alles schöne Lieder, ich muss mir den Soundtrack kaufen“ – nein, Musik und Film gehören zusammen. Ohne die Musik hätte ich den Film vielleicht nicht bis zum Ende sehen wollen.

Ich bin kein Mode-Aficionado, und deshalb verstehe ich den Film durchaus als Anklage gegen Model-Rummel und Mode-Fimmel. Die Produzenten und Modefirmen sehen das scheinbar anders: Im Abspann erscheinen hunderte Logos und Namen von Modefirmen, die in irgendeiner Art und Weise am Film beteiligt waren. So grausam die Geschichte auch ist – ging es hier nur um das Tragen schöner und teurer Klamotten? Wer weiss. Aber was bleibt ist die Musik.

Mehr siehe Trailer:

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One Response to “Filmkritik: Helter Skelter”

  • Stefan Koch sagt:

    Mir gehts mit der Bedeutung des Films ähnlich wie dir. Vor allem musste ich daran denken, als beim von mir eigentlich erwarteten Ende mit dem Polizisten auf der Straße (Shibuya?) ein Stück von ich glaube Ayumi Hamasaki lief. (Kann mich da aber auch täuschen, hab die J-Pop-Zuordnungen nie so gut im Kopf.)
    Von der hab ich nämlich auch schon gelesen, dass sie so viele Auftritte und Veranstaltungen hat, dass es körperlich nicht mehr gut ist.

    Das tatsächliche Ende hat sich mir dann aber nicht ganz erschlossen. Ähnlich wie bei American History X hätte ich ein Ende mit irgendeiner schlauen Aussage erwartet, d.h. bei mir hätte der Polizist das Schlusswort gehabt mit seiner Aussage über die Ungleichheit von Schönheit und Jugend. Warum kommen dann aber nochmal Ausschnitte von Kozue und man sieht am Ende nochmal Lilico mit Augenklappe? Dass sie untergetaucht ist, wissen wir ja auch schon von den zwei Polizisten („9 Selbstmorde und 1 Vermisst“ – „Lilico“).