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Einfach ins Wasser gefallen

Juli 30th, 2013 | Tagged , | 5 Kommentare | 13611 mal gelesen

Am vergangenen Sonnabend fanden, wie jedes Jahr am letzten Sonnabend im Juli, zwei der größten Feuerwerke im Raum Tokyo statt: Das 隅田川花火大会 Sumidagawa-Feuerwerksfestival in Tokyo und das 浦安花火大会 Urayasu-Feuerwerksfestival. Ersteres fand dieses Jahr zum 36. Mal statt und zieht im Schnitt eine dreiviertel Million Besucher an; das Feuerwerk in Urayasu (ja, ich bastele gerade an dieser neuen Webseite) fand zum 35. Mal statt und hat im Schnitt eine halbe Millionen Besucher (die Stadt hat gerade mal 160’000 Einwohner).

Beide Veranstaltungen dauern eine geschlagene Stunde, während der mehr als 6’000 Feuerwerkskörper hochgehen. Und gemeint sind Feuerwerkskörper: Von Hand hergestellte, ordentliche Kawenzmänner. Ein Spektakel. Da wir in Urayasu wohnen und ein Feuerwerk gar beschaulich ist, wenn man sich mit Essen und Bier draussen irgendwo hinsetzt, sind wir auch dieses Jahr wieder hingetrabt. Zu einem etwas weiter entfernten Ort direkt am Ufer (das Feuerwerk wurde von einem Podest im Meer gestartet). Zu den Menschenmassen wollten wir nicht, denn da würden wir ganz schnell unsern Jüngsten aus den Augen verlieren.

Zum Start um 19:30 (ja, da ist in Japan im Sommer schon das Licht aus) sah alles noch ganz in Ordnung aus. Doch das änderte sich binnen weniger Minuten. Erst kamen ein paar Tropfen, dann bedrohlich aussehende Wolken, und schließlich Fremdblitze, die eindeutig nicht zum Feuerwerk gehörten. Der Wind frischte merklich auf – und nach ein paar Minuten war Feierabend: Kurz vor 20 Uhr goß es in Strömen und es blitzte und krachte überall. Zum Glück (bzw. in weiser Voraussicht) waren wir direkt an einer Unterführung, so dass wir uns dort verkriechen konnten. Das war auch besser so, denn Regenschirme hätten nicht geholfen, und die Temperatur sank schlagartig von 30 auf 22 Grad. Obwohl die Unterführung sehr breit ist, kam auch dort das Wasser fast überall hin.

Bedrohliche Wolkenkulisse beim Feuerwerk

Bedrohliche Wolkenkulisse beim Feuerwerk

Auch das Sumida-Feuerwerk musste abgebrochen werden – zum ersten Mal in der 36-jährigen Geschichte. Hätte man die Situation nicht vorher einschätzen können? – Der Hobbymeteorologe sollte hier hellhörig werden. Da ich ein bisschen Hintergrundwissen dazu habe: Die Chancen standen meiner Einschätzung nach 50:50. Man ist das Risiko eingegangen, da die Feuerwerke extrem viel Vorbereitungszeit und -kosten mit sich bringen. Die Gewitterfront schlummerte bereits nördlich von Tokyo. Aber die Geschwindigkeit, mit der die Front dann Richtung Meer rollte und immer größer wurde, war wirklich beachtlich und nur schwer vorhersehbar. Und man kann mal wieder nur seinen Hut ziehen vor den Organisatoren und den Teilnehmern: Vielerorts würde es bei einem Wolkenbruch mit Blitz und Donner bei fast einer Millinen Menschen auf engem Raum zu Tumulten oder Panik kommen – alles schon geschehen (in Fußballstadien zum Beispiel). Aber letztendlich kamen alle zwar naß, aber unversehrt nach Hause.

Das Wetter spielt dieses Jahr sowieso einige Kapriolen in Japan: Erst begann die Regenzeit viel zu früh. Dann regnete es lange nicht. Dann hörte die Regenzeit auch viel zu früh auf. Schließlich gab es Anfang Juli eine ordentliche Hitzewelle. Und seit Wochen wird der Nordosten und der Westen Japans von rekordverdächtigen Regenfällen nebst Überschwemmungen heimgesucht. In Tokyo hingegen sind schwere und plötzliche Gewitter zum Alltag geworden.

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