Energiewende / Nordkorea / Taifun im April

April 5th, 2013 | Tagged , , | 16 Kommentare | 1108 mal gelesen

Am 2. April beschlossen die regierenden Liberaldemokraten in Japan etwas bahnbrechendes: Die 電力システム改革 (denryoku shisutemu kaikaku) – Elektrizitätssystemreform. Bahnbrechend für Japan, wohlgemerkt – in anderen Ländern geschah so etwas mitunter schon vor Jahrzehnten.

Denn so sieht es momentan in Japan aus: Das Land ist elektrizitätstechnisch in 10 Zonen aufgeteilt (Hokkaidō, Tōhoku, Kantō, Kansai, Hokuriku, Chūbu Chūgoku, Shikoku, Kyūshū und Okinawa – eine der gängigen Methoden, Japan in Regionen zu gliedern – siehe unter anderem hier). Jede Zone wird von 1 (in Worten: einer) Firma mit Strom beliefert. Im Falle Tokyos (Region Kantō) ist dies bekanntermaßen TEPCO. Hinzu kommt, dass die Netze nicht nur nicht miteinander verbunden sind, sondern auch noch unterschiedliche Frequenzen haben. Das führt dann bei Katastrophen zu dem, was nach dem großen Erdbeben am 11. März 2011 geschah: Tokyo stand plötzlich ohne Strom da, und keiner konnte helfen (siehe hier).

Diese für ein entwickeltes, eigentlich kapitalistisches Land zu absurden Problemen:

  1. Die Energieversorger haben ein Monopol in ihren Lehen und können schalten und walten, wie sie wollen (siehe Tepco und das abgegaute AKW in Fukushima). Da sie zu 100% systemrelevant sind, haben auch schwerste Unfälle keinerlei Folgen für die Verantwortlichen. Die Firmen sind unkaputtbar – anders gesagt, es herrscht Sozialismus.
  2. Stromerzeuger können Strompreise verlangen, die sie für richtig halten. Wenn ein AKW in die Luft geht, zahlen eben die Kunden (siehe 1)
  3. Stromerzeuger sind kaum daran interessiert, alternative Energiequellen zu erschließen
  4. Bei Katastrophen kann es schnell geschehen, dass in ganzen Regionen komplett das Licht ausgeht, während benachbarte Regionen vor sich hin strahlen

Und so weiter. Der Energienovelle zufolge soll jedoch in 3 Etappen das folgende geschehen:

  1. Die Stromnetze sollen miteinander verbunden werden (広域系統運用機関の創設). Damit soll Stromaustausch zwischen den einzelnen Regionen ermöglicht werden. Dies soll 2013 endgültig beschlossen und gegen 2015 abgeschlossen sein.
  2. Dezentralisierung des Strommarktes (電力の小売り全面自由化): Ab 2016 sollen Haushalte und kleine bis mittlere Firmen frei Strom verkaufen dürfen. Das können Haushalte sein, die überschüssige Solarenergie einspeisen, oder Firmen, die sich auf regenerierbare Energiequellen spezialisieren. Erste Pilotprojekte gibt es zuhauf, nur dürfen diese überschüssige Energie nicht verkaufen. Diese 2. Stufe soll 2014 im Parlament verabschiedet werden.
  3. Trennung von Netz und Stromproduzenten (発送電分離) – sprich, man darf seinen Stromanbieter in Zukunft selbst auswählen. Das soll 2015 beschlossen und irgendwann zwischen 2018 und 2020 verwirklicht werden.

Natürlich wird viel Widerstand seitens der Stromerzeuger erwartet. Doch diese Reform ist wirklich überfällig. Besonders interessant ist Stufe 2 – sollte die Reform geschickt geplant sein, wäre dies eine Chance für Japan, sein Stromnetz zu dezentralisieren und damit die Abhängigkeit von Erdöl und Kernenergie drastisch zu reduzieren.

——

Einige Anfragen gab es bereits bezüglich der Medienerstattung über Nordkorea in Japan. Nun, ich habe bald den Eindruck, es wird mehr darüber in Deutschland berichtet als in Japan. Sicher taucht das Land auch hier in den Nachrichten nunmehr alltäglich auf, aber ernsthafte Sorgen macht sich keiner, wie es scheint. Die Regierung schickt ihre Diplomaten los, um auf China und Rußland einzuwirken, damit diese den Gröfaz von Nordkorea beschwichtigen. Zudem werden Verteidigungsmaßnahmen ergriffen – sprich verstärkte Patrouillen zu See und zu Luft. Aber dies wird alles nur am Rande erwähnt und kaum aufgebauscht. Sprich, man denkt, dass Nordkorea sowieso nur blufft.

——

Am kommenden Sonnabend und Sonntag kommen wir wieder in den Genuß eines 爆弾低気圧 (bakudan teikiatsu) – Bombenzyklon – ein Tiefdruckgebiet, dass sich rasant schnell entwickelt und dann ensteht, wenn sehr kalte Luft auf sehr warme Luft trifft. Das geschah vor ziemlich genau einem Jahr ebenfalls, am 3. April (siehe japanische Wikipedia), und das Tief hatte die Stärke eines ausgewachsenen Taifuns, Es gab 5 Tote. In diesen zweifelhaften Genuß kommt das ganze Land also wieder am Wochenende. Ausgerechnet am Wochenende… Wer zu Hause bleiben kann, bleibt lieber zu Hause…

Teilen:  

16 Responses to “Energiewende / Nordkorea / Taifun im April”

  • Thuruk sagt:

    Mit Nordkorea wäre ich vorsichtig. Glaube zwar auch, dass es nur um innenpolitische Probleme geht und Gröfaz keinen Angriff plant, aber man weiß nie. Wenn er genügend in die Enge getrieben wird?

    Die Energiereform ist dagegen eine schöne Nachricht. Zeit wurde es ja. :-)

  • Terry sagt:

    Sozialismus? Eher Monopolkapitalismus! Und dazu wohl auch noch zwischen den einzelnen Regionalfürsten auch noch abgesprochen. Aber vielleicht verstehe ich die japanische Kultur in diesem Bereich nicht (Aufteilung eines Gebietes in verschiedene Zonen). Dass sich jedoch keine Konkurrenz in den jeweiligen Zonen zum Monopolkapitalisten entwickelt hat verwundert dann doch.

    Gröfaz – großartige Wortwahl! Wahrscheinlich muss der Jungspund sich gegenüber den alten Generälen Profilieren. Mich wundert nur, dass der große Bruder noch nicht ein Machtwort gesprochen hat.

    Ansonsten alles Gute zum Wochenende. Munter bleiben!

    • tabibito sagt:

      Schaut man sich die Verquickung von Politik und Wirtschaft, vor allem im Energiesektor, an, ist da schon eine gewisse Prise Sozialismus dabei. Genauer gesagt ist es eine regelrechte Planwirtschaft – bei der nebenher noch viel Geld für alle rausspringt.

  • Vamp898 sagt:

    Sind wir mal ehrlich, ein Krieg mit Nordkorea würde genau 1 Tag dauern, mit dem Ergebnis das es kurz eingenommen wird und dann (wahrscheinlich) zu Südkorea gehört…

    Wenn man den berichten glauben darf die unter der Hand auftauchen, dann wäre das den Leuten in Nordkorea sogar recht –> endlich raus aus der Hungersnot.

    • Thuruk sagt:

      Sicher, wenn man wollte. Aber was bringt Nordkorea dem Gewinner? Außer 25 Mio. zu ernährenden Menschen.

    • hawu sagt:

      „Sind wir mal ehrlich, ein Krieg mit Nordkorea würde genau 1 Tag dauern“

      Solch einen Blödsinn hat man auch im Pentagon gedacht, bevor es in den Irak ging.

      • proti sagt:

        denk eher nit dass das selbst im besten falle so schnell ginge den da würde sich erstmal china einmischen den die würden sich nit so einfach nen puffer zwischen sich, südkorea und japan (mit den dort stationierten US-Truppen) wegnehmen lassen

        • Vamp898 sagt:

          Welche Rolle China (und auch Russland) hier übernehmen würden ist denke ich wesentlich interessanter als das was Nordkorea macht. Aber China selbst hat ja schon massive Gedenken gegen Nordkoreas Aktionen ausgedrückt und auch schon selbst den Botschafter von Nordkorea einbestellt.

          China gefällt das genauso wenig wie uns.

          • HamuSumo sagt:

            Natürlich nicht. Weder braucht China einen Destabilisator im der Region noch noch mehr US-Truppen im Pazifik. Ich halte es für nicht abwegig, dass kurz vor knapp China selbst in Nordkorea einmarschiert und kurzen Prozess macht.

      • Vamp898 sagt:

        Nur das der Irak ein komplett anderes Land war und die USA dort komplett andere Ziele verfolgt hat.

        In Nord Korea wurde neben dem normalen Militär das es immer gibt noch niemand einberufen, es sind auch nirgendwo Vorkehrungen für einen Krieg zu erkennen.

        Nord Korea kann im Moment keinen Krieg führen, selbst wenn sie wollten.

        Nord Korea ist von den freiwilligen Nahrungsmittellieferungen aller möglicher Länder abhängig, bis Ihre Truppen es im Kriegsfall an die Grenzen geschafft hätten, wären die schon verhungert.

        Das kann man wirklich nur sehr schwer mit dem Irak vergleichen.

        – Anderes Land
        – Anderer Krieg
        – Andere Kriegsgründe
        – Andere Geographie

        Eigentlich hat nichts auch nur ansatzweise mit dem Irak zu tun, ein vergleich hinkt hier also wirklich. Da könnten wir jetzt auch vergleiche mim zweiten Weltkrieg anstellen oder Vergleiche mim Bauern Aufstand im Mittelalter. Alles gleich nutzlos.

        • tabibito sagt:

          Nordkorea kann man in der Tat nicht mit dem Irak vergleichen. Der Irak besteht aus zahllosen Volksgruppen und religiösen Gruppen, und alle verfolgen ihre eigene Agenda und werden dementsprechend von verschiedenen Ländern unterstützt.

          Sollte ein Krieg um Nordkorea ausbrechen, befürchte ich persönlich eher, dass

          1. China eingreift. Das halte ich allerdings für unwahrscheinlich
          2. Die nordkoreanische Führung auf einen „Endkampf“ wie 1945 in Deutschland beharrt – ohne Rücksicht auf die eigene Bevölkerung.

          Eher wahrscheinlich ist, dass das Land schlichtweg implodiert. Da es mit der Technik, inkl. Kommunikation, nicht weit her zu sein scheint, ist das ziemlich wahrscheinlich. Aber egal, wie es ausgehen würde – die Zeche würde Südkorea bezahlen.

  • proti sagt:

    o_O wenn ich das it dem Strom les da frag ich mich ob Japan wirklich ein High-Tech-Land ist wie man denken mag oder wohl doch nicht,
    wenn ich seh dass in fast ganz Europa der Strom über die Landesgrenzen hinaus gehandelt wird, und wenn in einem eck mal was passiert dass dann innem anderen die Kraftwerke anspringen und die nötige energie umleiten da glaub ich Japan ist ein 3. Weltland.

    Es muss doch schon sehr oft probs mit Kraftwerken/Netzen gegeben haben in den letzten 50 jahren, haben die Menschen es sich einfach gefallen lassen dass aufeinmal der Strom weg war?
    trifft dann ja nicht nur paar hundert leute sondern geht doch gleich in die hunderttausende/Millionen Menschen bei denen der Strom weg ist.

    bei Nordkorea kann man nur hoffen dass der junge Verrückte und seine Generäle nicht doch ausrasten und die falschen Knöpfe drücken.

    viel glück dass sowenig leute wie möglich vom zyklon in mitleidenschaft gezogen werden.

    grus proti

    • Harlev sagt:

      Naja soviel wie ich über die Mentalität der Japaner herausgefunden habe, wage ich sachte zu behaupten das ihre Art und weise schon immer etwas „gemütlich“ war und ist…
      Sie werden zwar wütend, trauen sich aber nicht vor die Tür zu treten und zu kritisieren^… sowas kommt bei den meisten Japaner erst wenn wirklich schon ganze Massen an ihrer Haustür vorbei wandern. Und das dann auch nur wenn sie überzeugt wurden :D… Ich denke einfach, das es vorher keine großen Ereignisse gab sich zu beschweren^^… Kla Fukushima wäre so etwas gewesen, da sind ja auch viele auf die Straße gegangen… aber wenns darum geht, wer ihnen Strom liefert, ist es ihnen vermutlich egal, solange nur regelmäßig was kommt :P.. Da wäre ich echt neugierig zu hören was Tabibito darüber zu sagen hat :)^^

      • tabibito sagt:

        Das Gros der Menschen ist in der Tat eher apolitisch. So lange die Rahmenbedingungen stimmen (Strom da, reichlich zu essen), regt sich nicht viel Protest – die meisten gehen ihrer Wege, und sollte doch mal was schiefgehen, wird es von vielen als shō-ga-nai („da kann man nichts machen“) abgetan.

        Natürlich gibt es aber auf lokaler Ebene durchaus Proteste, aber das geschieht eher leise. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sich tausende zusammenfinden, wenn irgendwo ein paar Bäume gefällt oder ein Bahnhof abgerissen wird. Was nun besser ist, wage ich allerdings nicht zu beurteilen. Stuttgart 21 kam mir zum Beispiel sehr eigenartig vor – aber dazu lebe ich vielleicht schon zu lange hier.

    • tabibito sagt:

      Japan hat das Talent, sich als High-Tech-Land darzustellen – in Wirklichkeit ist es ziemlich Low-Tech. Da braucht man nicht mal viel an der Oberfläche kratzen.

      Mit Stromausfällen ist es nun aber auch nicht so schlimm. Das Netz ist schon relativ sicher – wenn man bedenkt, mit was für Naturphänomenen das Land so zu kämpfen hat.

  • tembridis sagt:

    Ich saß letztes Jahr im Flieger nach Fukuoka, als der Sturm über Kyushu zog. Das war kein angenehmer Ritt. Als der Pilot dann auch noch von Land her zur Landung ansetzte, war meine Hose voll.