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Dramatisch: Letzter Häagen-Dazs-Laden verschwindet aus Japan

April 26th, 2013 | Tagged | 9 Kommentare | 1710 mal gelesen

Lange Schlangen vor Häagen-Dasz in Urayasu

Lange Schlangen vor Häagen-Dasz in Urayasu

Ist es ein Menetekel? Verlassen die Ratten das sinkende Schiff? Man weiß es nicht. Da bin ich also fast jedes Wochenende an der Eiscremebude von Häagen-Dazs bei uns im örtlichen Einkaufszentrum vorbeigelaufen – ohne zu wissen, dass dies die einzige Niederlassung in ganz Japan ist! Wie konnte ich das nur verschlafen. Und diese Niederlassung hat heute dicht gemacht, was seit Bekanntgabe vor einigen Tagen zu langen Schlangen vor dem Laden führte.

Wer es nicht kennt: Häagen-Dazs ist ein amerikanischer Eisproduzent. Und der alberne Umlaut im seltsamen Namen hat rein gar nichts zu bedeuten. Der ist nur da drin, weil man in den USA so sehr auf diakritische Zeichen steht, da man sie ja selbst im Alphabet vermisst. Soll man der Wikipedia glauben schenken, stammt „Häagen“ von „Kopenhagen“ ab und „Dazs“ wurde nur angeheftet, damit es besser klingt. Fertig ist die Marketingmasche.

Die Masche scheint zu ziehen, denn die Marke gibt es (fast) weltweit, und sie fehlt in keinem japanischen Supermarkt. Das Eis zeichnet sich durch zwei Sachen aus: Es ist schweinesüß und sauteuer. Ein Minibecher kostet um die 200 Yen – und das ist ordentlich, denn es gibt auch zahlreiche Eissorten für 80 Yen und weniger. Aber das ist natürlich das Kalkül der Marke, und es geht gut auf: In Japan mag man es gern etwas luxuriöser, und Luxus muss natürlich seinen Preis haben.

Der 4-Euro-Becher. Quelle: Herstellerseite

Der 4-Euro-Becher. Quelle: Herstellerseite

Dazu zählen geschickte Aktionen wie ein Tie-up mit 7-Eleven, der großen Convenience-Store-Kette: Ein Eisbecher, der nur in den Filialen von 7-Eleven verkauft wird, und nirgendwo anders. Stolzer Preis der Sorten „Opera“ und „Chocolat Rouge“: 420 Yen, also rund 4 Euro. Inklusive Goldstaub obendrauf. Wie’s schmeckt? Opera schmeckt nicht. Chocolat Rouge ist in Ordnung…

Aber es verschwindet ja auch nur die letzte Filiale. Natürlich bleibt das Eis erhalten, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Japan einer der wichtigsten Märkte der Inhaber General Mills und Nestlé ist. Mich dünkt, am Bahnhof Zoo in Berlin auch mal eine Niederlassung gesehen zu haben… aber im Supermarkt hatte ich sie früher zumindest nie bemerkt. Dazu sollte ich vielleicht auch erwähnen, dass ich Deutschland in Sachen Eis vermisse. Von Matcha-Eis (Grüner Tee) einmal abgesehen halte ich Japan eiscremetechnisch für ein Entwicklungsland.

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Buhmann Japan?

April 22nd, 2013 | Tagged | 3 Kommentare | 1121 mal gelesen

Laut Bericht der Tagesschau war auf der diesjährigen Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds ein neuer Buhmann gefunden worden: Japan. Japan löst damit das vor sich hin schwächelnde Europa ab, das so lange in der Kritik stand wegen seiner, sagen wir mal, interessanten Krisenpolitik in puncto Euro.
Warum nun also Japan? Der Artikel sagt dazu kurz und bündig:

Die Rolle des Buhmanns hat jetzt Japan übernommen. Um die schwächelnde Wirtschaft in Schwung zu bringen, setzt die japanische Regierung auf die Abwertung des Yen. Das macht japanische Produkte billiger, ist aber keine Lösung der grundsätzlichen Probleme des Landes, findet der Internationale Währungsfonds.

Langfristige Preisentwicklung

Langfristige Preisentwicklung in Japan – Quelle: Global-Rates.com

In Sachen Wirtschaftspolitik bin ich absoluter Laie, aber man muss kein Spezialist sein, um zu erkennen, das Japan damit nicht die Lösung grundsätzlicher Probleme wie zum Beispiel die enorme Staatsverschuldung oder die demographische Entwicklung gefunden hat. Allerdings ist die Kritik an der jetzigen Wirtschaftspolitik durchaus interessant. Schon seit Mitte der 80er Jahre, also bereits 30 Jahre lang, kämpft Japan weniger mit der Inflation als mit der Deflation, und die, so scheinen sich die Wirtschaftswissenschaftler einig zu sein, bekommt der Wirtschaft auf Dauer nicht. In den 90er Jahren begann die Wirtschaft zu stagnieren, und im nächsten Jahrzehnt wurde es nicht besser. Hinzu kamen nun zu allem Überfluß auch noch weltwirtschaftlich relevante Ereignisse wie der Lehman-Shock, die Euro-Krise, das schwere Erdbeben im Nordosten und sich in jüngster Zeit rapide verschlechternde Beziehungen zu China.

Wechselkurs Dollar-Yen – Quelle: Finanzen100

Die Deflation und die weltwirtschaftliche Lage führte dabei in den letzten Jahren zu Kursentwicklungen, die dem Land nur noch mehr schadeten. Der Dollar war rund um das Jahr 2000 zum Beispiel um die 130 Yen wert – 2012 hingegen weniger als 80 Yen. Bekam man für einen Euro vor dem Lehman-Schock 2008 noch 160 Yen, waren es 2012 teilweise unter 100 Yen. Will heissen, der Yen wurde um mehr als 50% teurer. Natürlich werden damit auch japanische Produkte teurer. Die Produktion wurde in Japan damit immer weniger lukrativ da zu kostspielig, so dass mehr und mehr Firmen ihre Produktionsstätten (und mittlerweile sogar ihre Administration) ins Ausland verlegen. Es gab halbherzige Versuche der japanischen Regierung, den hohen Yen etwas zu zügeln, und es gab Hilferufe an andere Wirtschaftsmächte, dabei zu helfen, die Währung zu zügeln. Ohne Erfolg.

Die jetzige Regierung unter Abe setzte nun also die Brechstange an: Man will auf Teufel komm raus aus der Deflation und entsprechend den Yen abwerten. Diese Politik wird seid Anfang an Abenomics genannt (im Tagesschau-Artikel wird dies fälschlicherweise mit

Die Wirtschaftspolitik von Premier Abe hat schon einen eigenen Namen.

beschrieben – denn dieser Name ist nicht neu, und die Idee schon gar nicht, denn dieses Wortspiel leitet sich von der ähnlichen Reaganomics ab).

Nachdem also begonnen wurde, die Notenpresse anzuwerfen, steht der Yen bei 120:1 zum Euro und 100:1 zum Dollar. Vor 5 Jahren hätte man das noch als 円高 endaka – „hoher Yen“ bezeichnet, doch nun schreit man bei der IWF-Tagung Zeter und Mordio. Etwas verfrüht, wie ich finde. Sicher, die Notenbankpressen anzuwerfen kann nicht die Lösung der Probleme sein. Die Frage ist nur – hat Japan noch eine andere Wahl? Noch sind die Effekte positiv: An der Börse herrscht seit dem – wohlgemerkt kontrollierten – Falls des Yens eine Hausse, wie man sie schon lange nicht mehr gesehen hat, und es herrscht sogar so etwas wie Aufbruchsstimmung. Das merkt man am Geschäftsklima – und an den Kaufhäusern, die plötzlich wieder voll sind. Viele hatten schon ihre Aktien abgeschrieben.
Wie lange die Party andauert, wird wohl keiner genau vorhersagen können. Für ein Japan bashing ist es jedoch, meiner Laienmeinung nach, etwas zu früh. Und von der EU und den USA muss Japan wirtschaftspolitisch momentan eher nicht jede Kritik für bare Münze nehmen.

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Deutsche Steuern im Ausland zahlen?

April 17th, 2013 | Tagged | 16 Kommentare | 1840 mal gelesen

Der Gedanke ging mir schon mehrmals durch den Kopf: Was, wenn die Politiker in Deutschland plötzlich auf die Idee kommen¹, es den USA gleichzutun und eine Art Citizenship-Based Taxation (CBT) einzuführen – also eine Besteuerung von Einkommen basierend auf Staatsbürgerschaft, nicht Wohnort. Will heißen, Deutsche, die im Ausland wohnen, müssen, so sie den deutschen Pass besitzen, alljährlich Steuererklärungen einreichen und je nach Fall nachzahlen. Es gibt bisher nur zwei Staaten auf der Erde, die so etwas von ihren Bürgern verlangen – die USA und… wir haben es gewiss erahnt, Eritrea².

Bei dem Gedanken kräuselten sich mir umgehend die Nackenhaare: Lebenshaltungskosten in Japan, gepaart mit deutschen Steuersätzen? Na dann, gute Nacht! Und googelt man so ein bisschen vor sich hin, stößt man zum Beispiel auf den – zugegebenermaßen plumpen Versuch einer Petition PRO Besteuerung aller Auslandsdeutschen. Die Begründung ist so oberflächlich und obstrus geschrieben, dass man gar nicht weiterlesen möchte. Aber es wird immer Leute geben, deren Vorstellungskraft nicht sehr weit reicht.

Verständlich ist die momentane Aufruhr bezüglich Steuersünder natürlich. Sein Vermögen außerhalb des Landes zu parken und mit allerlei Tricks und Finten versuchen, bloß keine oder möglichst wenige Steuern an sein eigenes Land zu bezahlen ist schlichtweg unmoralisch. Es ist eine – milde – Form des Verrats, begünstigt durch die allzu menschliche Gier nach Geld. Und immerhin lebt eine ganze Heerschar von Bankern und Anwälten von diesem System. Wo sollen die alle hin, wenn die Steueroasen austrocknen? Wovon sollen die Britischen Jungferninseln leben, wenn das alles nicht mehr geht? Von ihren paar Jungfern ganz bestimmt nicht!

Schaut man sich CBT-Regeln an, scheint jedoch alles nicht so heiß gegessen zu werden wie es gekocht wird: Der Freibetrag ist mit 95’000 USD pro Jahr relativ groß, und Steuern sowie zu einem gewissen Anteil auch Miete usw., die man im Gastland bezahlt, werden in die Berechnung einbezogen.

Sollte Deutschland diese Regel auch einführen, wüßte ich nicht, wovor es mich eher gruseln würde: Den Kosten? Den Papierkram, den man alljährlich zusätzlich durchgehen müsste. Eventuell noch mit Übersetzungen der Einkommensbescheide inklusive Apostille? Oder vor dem Wissen, dass ich in Japan arbeite und in Deutschland Steuern zahle, im Gegenzug aber rein gar nichts von meiner Auslandsvertretung erwarten kann, da diese im Krisenfall ihre Bürger schlichtweg im Stich läßt und sich einfach verkrümelt? Ich weiß es nicht.

Natürlich kann man Auslandsdeutschen vorhalten, dass sie ihrer Heimat etwas schulden – womöglich dadurch, dass sie zum Beispiel für lau zur Universität gingen. Das Argument hat etwas wahres, aber wenn man sich den Brain-Drain ansieht, der momentan von Südeuropa Richtung Deutschland (unter anderem) vonstatten geht, wäre diese Argumentation etwas fadenscheinig.

Ach ja: Entgegen anderslautender Gerüchte können Amerikaner ihre Staatsbürgerschaft „abgeben“ und sich somit der CBT entziehen. Interessanterweise werden diese Personen einmal im Quartal im Federal Register quasi an den Pranger gestellt – siehe hier: Quarterly Publication of Individuals, Who Have Chosen To Expatriate. Eine gelinde gesagt interessante Praxis.

¹ Siehe unter anderem hier: Steuerpflicht für alle! (Zeit Online)
² Siehe International Taxation by Citizenship (Wikipedia)

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Einschulung

April 12th, 2013 | Tagged , | 27 Kommentare | 2466 mal gelesen

Am Dienstag war es soweit. 6 Jahre Zuckerschlecken sind nun vorbei – was folgt, sind 12 Jahre Schule. Naja, theoretisch 9 Jahre, denn die letzten drei Jahre sind nicht Pflicht, aber in Japan absolvieren rund 97%¹ aller Jugendlichen auch die Oberstufe, die damit also nicht als Vorbereitung zum Unibesuch, sondern wirklich als quasi-sozialer Zwang fungiert. Ob die Schüler dann an der Oberstufe auch was lernen, steht auf einem anderen Blatt, aber ich schweife ab.

Meine Tochter wurde am 1. Januar 6 Jahre alt, und alle Kinder, die zwischen dem 1. April des vorangegenen Jahres und dem 31. März dieses Jahres 6 Jahre alt wurden, sind am 8. oder 9. April „einberufen“ worden. Ja, die Schule startet in Japan Anfang April – und so auch die Universität und so auch die Arbeit in den Firmen. Gegen 9 Uhr machten wir uns auf den Weg zur Schule. 20 Minuten Fußmarsch, und dann waren wir dort. Der Weg ist vertraut – der Kindergarten liegt direkt daneben. Nur, dass man Kindergartenkinder zum Kindergarten begleiten muss, Schulkinder hingegen nicht zur Schule begleiten darf. Ausser bei der Einschulung, versteht sich.

Klassenzimmer in der Grundschule

Klassenzimmer in der Grundschule

Die Schule ist mittelgross. 6 Jahrgänge werden dort unterrichtet, unterteilt in 5 Klassen pro Jahrgang, und im Durchschnitt 30 Schüler pro Klasse. Das geht sogar noch – Klassen können in Japan bis zu 40 Schüler haben. Die Schulhöfe sind im unter chronischen Platzmangel leidenden Japan übrigens großzügig angelegt. Das hat durchaus seine Gründe – Schulhöfe dienen oft auch als Evakuierungsplätze im Katastrophenfall. Am Eingang stehen 5 große Schilder, eins pro Klasse (組 – Kumi), darauf die Namen aller Schüler. Und zwar in Hiragana geschrieben, denn die Kinder können ja noch keine Schriftzeichen lesen (dafür aber meistens schon zwei, manchmal sogar drei Alphabete). Dieser Moment ist spannend, da fast alle Kinder des benachbarten Kindergartens auf diese Schule wechseln. Etliche Kinder kennen sich entsprechend, und erst jetzt erfahren die Kinder (und Eltern), mit wem die Kinder in eine Klasse kommen. Meine Tochter hat Glück: 2 ihrer 3 besten Freundinnen sind in der gleichen Klasse. Der Lehrer tut mir jetzt schon leid.

Es gibt eine kurze Registrierung, und schon wird unsere Tochter freudestrahlend von zwei 5-Klässlerinnen in Empfang genommen. Die beiden wohnen bei uns im Haus. Neben mir steht ein 11 oder 12-jähriger Junge – ein ハーフ – wörtlich Halber, also ein Kind zwischen einem Japaner und einem Ausländer. In seinem Fall ganz offensichtlich ein afrikanischer oder afro-amerikanischer Ausländer. Er sieht fröhlich aus, das beruhigt micht. Zusammen mit den anderen Eltern werden wir vom Frischfleisch getrennt und laufen in die Turnhalle. Dort soll die Einschulungszeremonie stattfinden. Und die geht recht flott voran, zumindest anfangs. Begrüßung. Alle aufstehen. Man brüllt 礼! (rei!) (in etwa: Gruß), und alle verbeugen sich. Kurze Reden, Aufstehen, Rei! Hinsetzen. Aufstehen. Rei! Fast wie ein Fahnenappell im Altersheim. Die Kinder marschieren in die Halle, in Klassen unterteilt und sichtlich verschüchtert. Selbst meine Tochter, kein großer Freund der Stille, kneift die Lippen zusammen. Ob sie was ahnt? Andere Schüler begrüßen die Neuankömmlinge mit einem einstudierten, unterhaltsamen Programm. Diverse Vertreter unterschiedlicher Organisationen begrüßen die Kleinen. Auch der Direktor hält eine Rede, und gar nicht mal schlecht, denn er redet die an, die am betroffensten sind: Die Kinder. Nicht die Eltern. Das ist mir sympathisch, denn viele andere Reden sind offensichtlich weniger an die Kinder gerichtet.
Nach 45 Minuten ist die Zeremonie auch schon wieder vorbei. Die Kinder verlassen die Halle. Was folgt, ist Elternaufklärung: Es möchten doch ja alle das Schulessen (knappe 40 Euro pro Monat) bezahlen. Die PTA rekrutiert neue Mitglieder. Und so weiter. Darauf folgen die offiziellen Klassenphotos.

Nach dem Phototermin gehen die Kleinen, noch immer etwas gedrückt, in ihre Klassenzimmer, Der Lehrer erklärt dies und das, die Eltern stehen im Raum oder drumherum. Nach rund 2 Stunden ist die Einschulung vorbei und alle dürfen gehen. Ab morgen ist Alltag. Schule von 8:00 bis 14:00 Uhr. Die ersten Schulbücher sind auch schon da, und sie sind voller Pokémon und Doraemon und wie sie alle heißen. Willkommen in Japan. Willkommen in der Schule, Tochterherz! Tapfer bleiben!

Schule ist schön! Erst recht, wenn sie vorbei ist... oder!?

Schule ist schön! Erst recht, wenn sie vorbei ist… oder!?

¹ Siehe offizielle Statistik des MEXT (Bildungsministerum)

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Energiewende / Nordkorea / Taifun im April

April 5th, 2013 | Tagged , , | 16 Kommentare | 1108 mal gelesen

Am 2. April beschlossen die regierenden Liberaldemokraten in Japan etwas bahnbrechendes: Die 電力システム改革 (denryoku shisutemu kaikaku) – Elektrizitätssystemreform. Bahnbrechend für Japan, wohlgemerkt – in anderen Ländern geschah so etwas mitunter schon vor Jahrzehnten.

Denn so sieht es momentan in Japan aus: Das Land ist elektrizitätstechnisch in 10 Zonen aufgeteilt (Hokkaidō, Tōhoku, Kantō, Kansai, Hokuriku, Chūbu Chūgoku, Shikoku, Kyūshū und Okinawa – eine der gängigen Methoden, Japan in Regionen zu gliedern – siehe unter anderem hier). Jede Zone wird von 1 (in Worten: einer) Firma mit Strom beliefert. Im Falle Tokyos (Region Kantō) ist dies bekanntermaßen TEPCO. Hinzu kommt, dass die Netze nicht nur nicht miteinander verbunden sind, sondern auch noch unterschiedliche Frequenzen haben. Das führt dann bei Katastrophen zu dem, was nach dem großen Erdbeben am 11. März 2011 geschah: Tokyo stand plötzlich ohne Strom da, und keiner konnte helfen (siehe hier).

Diese für ein entwickeltes, eigentlich kapitalistisches Land zu absurden Problemen:

  1. Die Energieversorger haben ein Monopol in ihren Lehen und können schalten und walten, wie sie wollen (siehe Tepco und das abgegaute AKW in Fukushima). Da sie zu 100% systemrelevant sind, haben auch schwerste Unfälle keinerlei Folgen für die Verantwortlichen. Die Firmen sind unkaputtbar – anders gesagt, es herrscht Sozialismus.
  2. Stromerzeuger können Strompreise verlangen, die sie für richtig halten. Wenn ein AKW in die Luft geht, zahlen eben die Kunden (siehe 1)
  3. Stromerzeuger sind kaum daran interessiert, alternative Energiequellen zu erschließen
  4. Bei Katastrophen kann es schnell geschehen, dass in ganzen Regionen komplett das Licht ausgeht, während benachbarte Regionen vor sich hin strahlen

Und so weiter. Der Energienovelle zufolge soll jedoch in 3 Etappen das folgende geschehen:

  1. Die Stromnetze sollen miteinander verbunden werden (広域系統運用機関の創設). Damit soll Stromaustausch zwischen den einzelnen Regionen ermöglicht werden. Dies soll 2013 endgültig beschlossen und gegen 2015 abgeschlossen sein.
  2. Dezentralisierung des Strommarktes (電力の小売り全面自由化): Ab 2016 sollen Haushalte und kleine bis mittlere Firmen frei Strom verkaufen dürfen. Das können Haushalte sein, die überschüssige Solarenergie einspeisen, oder Firmen, die sich auf regenerierbare Energiequellen spezialisieren. Erste Pilotprojekte gibt es zuhauf, nur dürfen diese überschüssige Energie nicht verkaufen. Diese 2. Stufe soll 2014 im Parlament verabschiedet werden.
  3. Trennung von Netz und Stromproduzenten (発送電分離) – sprich, man darf seinen Stromanbieter in Zukunft selbst auswählen. Das soll 2015 beschlossen und irgendwann zwischen 2018 und 2020 verwirklicht werden.

Natürlich wird viel Widerstand seitens der Stromerzeuger erwartet. Doch diese Reform ist wirklich überfällig. Besonders interessant ist Stufe 2 – sollte die Reform geschickt geplant sein, wäre dies eine Chance für Japan, sein Stromnetz zu dezentralisieren und damit die Abhängigkeit von Erdöl und Kernenergie drastisch zu reduzieren.

——

Einige Anfragen gab es bereits bezüglich der Medienerstattung über Nordkorea in Japan. Nun, ich habe bald den Eindruck, es wird mehr darüber in Deutschland berichtet als in Japan. Sicher taucht das Land auch hier in den Nachrichten nunmehr alltäglich auf, aber ernsthafte Sorgen macht sich keiner, wie es scheint. Die Regierung schickt ihre Diplomaten los, um auf China und Rußland einzuwirken, damit diese den Gröfaz von Nordkorea beschwichtigen. Zudem werden Verteidigungsmaßnahmen ergriffen – sprich verstärkte Patrouillen zu See und zu Luft. Aber dies wird alles nur am Rande erwähnt und kaum aufgebauscht. Sprich, man denkt, dass Nordkorea sowieso nur blufft.

——

Am kommenden Sonnabend und Sonntag kommen wir wieder in den Genuß eines 爆弾低気圧 (bakudan teikiatsu) – Bombenzyklon – ein Tiefdruckgebiet, dass sich rasant schnell entwickelt und dann ensteht, wenn sehr kalte Luft auf sehr warme Luft trifft. Das geschah vor ziemlich genau einem Jahr ebenfalls, am 3. April (siehe japanische Wikipedia), und das Tief hatte die Stärke eines ausgewachsenen Taifuns, Es gab 5 Tote. In diesen zweifelhaften Genuß kommt das ganze Land also wieder am Wochenende. Ausgerechnet am Wochenende… Wer zu Hause bleiben kann, bleibt lieber zu Hause…

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Japanischer Yen bald auch auf Zypern?

April 1st, 2013 | 3 Kommentare | 1998 mal gelesen

Vom Zypern-Pfund...

Vom Zypern-Pfund…

Die Querelen um die finanzpolitische Lage auf Zypern schlagen immer höhere Wellen und halten Europa in Atem. Das ist beachtlich, da doch die Republik Zypern weniger Einwohner als Köln hat, und die paar Milliarden, die zur Rettung nötig wären, eher Peanuts sind im Vergleich zu den Löchern, die in Spanien, Italien und anderswo zu stopfen sind. Doch das ganze Heckmeck macht den Zyprioten zu schaffen, und viele Bewohner werden der EU und des Euro allmählich müde. Stimmen, den Euro wieder abzuschaffen, werden lauter. Doch womit soll in Zukunft bezahlt werden? In Rubel? Das wäre ob der gewaltigen Finanzeinlagen russischer Politiker und Oligarchen naheliegend. Und die Hälfte der Buchstaben auf den Geldscheinen kann man ja schon lesen. Aber das ist den Zyprioten nicht geheuer. Das englische Pfund vielleicht? Schließlich war die Währung bis 1960 gut genug, und britische Militärbasen gibt es ja immernoch zuhauf – so in Dekelia oder Akrotiri. Aber das Pfund ist auch nicht mehr das, was es mal war.

...zum Euro...

…zum Euro…

Interessanter ist da der Vorschlag des Präsidenten der Central Bank of Cyprus, Prof. Panicos: Wieso sollte man es nicht Montenegro oder Kosovo gleich tun, die – ohne jedwede Verträge – beschlossen haben, den Euro als Währung einzuführen, und dies schon seit etlichen Jahren erfolgreich praktizieren. Doch welche Währung soll man in Zypern einführen? Prof. Panicos brachte nun den Japanischen Yen ins Gespräch. Schließlich ist die Währung sehr stabil und weltweit gern gesehen. Und wenn eine knappe Millionen Menschen mehr den Yen benutzen, fällt das nicht weiter auf.

...zum japanischen Yen?

…zum japanischen Yen?

Der japanische Ministerpräsident Abe bemerkte dazu in einer kurzen Stellungnahme sinngemäß: „Zypern? Klar, warum nicht! Wir haben viel gemeinsam! Wir sind beides Inselstaaten, und wir lieben es gleichermaßen, uns mit unseren Nachbarn anzulegen! Und wenn sich Europa wegen ein bisschen Staatsüberschuldung so lullig hat – da können die Zyprioten von uns noch so einiges lernen!“. Professor Panicos begründete die Wahl wie folgt: „Die Japaner bezahlen Taxifahrern und in Restaurants immer freundlich lächelnd viel zu viel Geld. Wenn sie das in Yen tun können, ist das doch praktisch. Und vielleicht wissen dann auch ein paar Japaner mehr, wo Zypern überhaupt liegt“.

Ein genauer Zeitplan steht momentan noch nicht fest, aber man darf gespannt sein, wie es weitergeht in dieser Frage.

Anmerkung: Wer den Namen des Präsidenten der Zentralbank von Zypern, Panicos, für einen Aprilscherz hält: Hier sein Profil auf Wikipedia.

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