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Le Erdbeere

März 26th, 2013 | Tagged , | 9 Kommentare | 1248 mal gelesen

Einzeln verpackte Erdbeeren

Einzeln verpackte Erdbeeren

Mit den Verpackungen ist das so eine Sache in Japan. Alles muß schön verpackt sein, wenn möglich mehrfach, denn nur so taugt das ganze auch als Mitbringsel. Das war so, bevor das Wort Umweltschutz auftauchte, und das ist noch immer so. Einzig bei den Plastikeinkaufstüten hat es sich mittlerweilen eingeschlichen, dass man oft nicht mehr ungefragt mit den Tüten nach den Kunden wirft, sondern erst fragt, ob wirklich eine gebraucht wird. Wenn man auf eine Tüte verzichtet, bekommt man sogar vielerorts 2 Yen Rabatt auf seinen Einkauf – ob der eine Artikel nun 20 Yen kostet oder 2’000 Yen. Das ganze ist freilich, wie kann es anders sein, durchaus skurril: Damit man nicht mit dem gemeinen Volk, das da Registrierkasse bedient, kommunizieren muss, hängen kleine Karten an der Kasse, auf denen steht: „Ich brauche keine Tüte“. Die legt man dann in seinen Korb, und schon muss man nicht mit dem Kassenknecht kommunizieren. Natürlich läuft das Ganze dabei natürlich genau nach Kundenhandhabungshandhabe ab. Wer kein „Ich-brauch-echt-keine-Tüte“-Schild im Korb liegen hat, wird vorsichtshalber nochmal verhört: „Brauchen Sie eine Tüte?“ Da steht man dann also, der Korb randvoll, und rein gar nichts am Mann, was darauf hindeuten könnte, dass man die Sachen irgendwo verstauen könnte. „Wenn ich den Einkaufskorb mit nach Hause nehmen kann, nicht!“, möchte man da gerne antworten.

Aber es geht ja um Erdbeeren. Was ich da neulich im örtlichen Supermarkt (200 m von mir entfernt) sah, ließ selbst mich erstaunen. Besondere Melonen für 50 Euro und mehr oder bilderbuchmäßige Weintrauben für 20 Euro pro Rebe usw. kenne ich ja zur Genüge, aber einzeln in einer Plastikglocke verpackte Erdbeeren waren mir neu. Mit Rosatuch darunter. Und nochmal in weißem Krepp eingehüllt. Für 150 Yen pro Erdbeere – also rund 1,20 Euro. Aber schauen wir mal genauer hin: Grad Brix (salopp gesagt – der Zuckergehalt): 9°Brix. Rechts daneben ein Hinweis: 9°Brix = mäßiger Geschmack, 10°Brix = guter Geschmack, 11°Brix = sehr guter Geschmack. Klasse, da soll man also 1,20 Euro für eine dreifach verpackte Erdbeere ausgeben – die dann laut Auszeichnung nur mäßig schmeckt. Interessant ist zudem, was man zum Thema bei Wikipedia findet: Laut Beitrag sind Erdbeeren mit 12°Brix mäßig, mit 16°Brix gut und mit 18°Brix hervorragend. Ein Wert von 8 hingegen ist „Schlecht“.

Wer kauft denn bloß sowas? mag der eine oder andere fragen. Nicht wenige! Aber sicher kaum jemand für sich selbst. In Japan herrscht, mehr noch als in Europa, eine Kultur der Gefälligkeiten. Für alles revanchiert man sich auf die eine oder andere Weise. Und egal wie groß der Gefallen war: Die kleine Dankbarkeit muß auf die eine oder andere Weise etwas Besonderes sein. Und wenn es eine mäßig schmeckende, weil überdimensionierte Erdbeere ist.

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