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Zwei Jahre danach – und, was gelernt?

März 12th, 2013 | Tagged , , | 16 Kommentare | 1284 mal gelesen

Zwei Jahre ist es nun also her, seit ein schweres Erdbeben halb Japan durch- und ein anderes Land 10’000 km westlich in Sachen Kernenergie aufrüttelte. Über 15’000 Tote, mehr als 3’000 Vermißte, verwüstete Landstriche, mindestens 50’000 Menschen, die aufgrund der Atomkatastrophe in Fukushima auch in den nächsten 4 Jahren (von der Regierung optimistisch geschätzt) nicht zurück nach Hause können, Schlagzeilen wie „Häusliche Gewalt im Katastrophengebiet steigt an“ und so weiter und so fort – die Katastrophe zieht eine lange Spur des Schreckens hinterher und sie wird auf lange Zeit im Gewissen der Bevölkerung eine große Rolle spielen. Im positiven Sinne, da die Katastrophe eine große Menge positiver Energie freisetzte, vermittelt durch unzählige Menschen im In- und Ausland, die sich bereit erklärten, helfen zu wollen, egal wie. Im negativen Sinne ebenso, da das Beben und der Tsunami eine riesengroße Menge Dreck hervorspülte – aus den Eingeweiden der Politik und der Wirtschaft. Dieser Dreck ist noch immer für Schlagzeilen gut in Japan (so erst kürzlich, als bekannt wurde, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit bereits das Erdbeben und nicht erst der Tsunami war, der dem AKW den Garaus machte).

Hat man in Japan aus der Katastrophe gelernt? Jein. Es ist noch zu früh, dies beurteilen zu können. Und Japan hat bereits, leider, viele Chancen gehabt, aus vergangegenen Erdbebenkatastrophen zu lernen, und man hat auch vieles gelernt: Zumindest was Erdbeben anbelangt. Nicht aber, was Tsunami und eine ordnungsgemäße Risikoanalyse beim Bau von Kernkraftwerken angeht. In puncto Tsunami wiesen schon vor langer Zeit Geologen daraufhin, dass bis zur Katastrophe dicht besiedelte Gebiete aus gutem Grund früher nicht besiedelt wurden.
Bei der geologischen Risikoanalyse von AKW-Kraftwerken muss man vorsichtig sein, auf wen man mit dem Finger zeigt: Geologen und Ingenieure haben heute ganz andere Meßtechniken und Erfahrungswerte zur Verfügung als vor 40 Jahren. Immerhin ist man jetzt jedoch dabei, die AKW-Standorte aufs Neue genauer unter die Lupe zu nehmen, und – dies das eigentliche Novum – die Öffentlichkeit von den Resultaten zu unterrichten. Oder, anders gesagt, ist die Presse endlich daran interessiert, da die Leserschaft mehr zu wissen wollen scheint.

Diese Taktik birgt ihre Risiken – für die Bevölkerung: Letztendlich versuchen die Verantwortlichen damit, einzelne AKW zu legitimieren. Jedoch sind Presse und Öffentlichkeit mittlerweile genügend sensibilisiert, und da es in Japan kaum einen Winkel gibt, in dem es keine aktiven Verwerfungen gibt, fällt ein AKW nach dem anderen durch. So scheint es zumindest momentan. Mit etwas Glück sorgt die Wissenschaft damit vielleicht sogar zur Einsicht. Aber das ist sehr optimistisch ausgedrückt, denn es sieht nicht gerade so aus, als ob man ernsthaft nach Alternativen für eine nachhaltige Energieversorgung zu suchen scheint.

Zwei Jahre nach der Katastrophe leben noch cirka 310’0000 Menschen in Notunterkünften. Das ist nicht unbedingt damit zu erklären, dass es an Aufbaumitteln mangelt. Mancherorts liegt es schlichtweg daran, dass man sich nicht entscheiden kann, wo man die jeweilige Stadt wieder aufbaut. Die Überlebenden werden durchaus am Entscheidungsprozess beteiligt, und so kommt es in manchen Orten zu einem Stuttgart 21 im Kleinstadtformat: Die einen wollen genau dort wieder bauen, wo das Wasser wütete – nur hinter höheren Deichen. Die anderen, und mancherorts sind die in der Minderheit, wollen lieber ein paar Kilometer landeinwärts siedeln. Wieder andere, und das sind nicht wenige, haben genug und wollen einfach nur ganz weg. Man befürchtet eine beschleunigte Entvölkerung des Nordostens, und das zu recht – die Abwanderung hält sowieso schon seit Jahrzehnten an.

Heute hiess es um 14:46 also wieder 黙祷! (mokutō – „Schweigegebet“) und vielerorts heulten die Sirenen. Ich hätte nichts dagegen, wenn man eigenartige Feiertage wie den Tag des Grüns oder den Tag des Meeres abschafft, und stattdessen den 11. März zum Feiertag erklärt: Einem Feiertag zum Gedenken an die Erdbeben- und Tsunamiopfer sowie ein Tag der Mahnung daran, was passieren kann, wenn man leichtsinnig mit dem Feuer spielt.

Wer in letzter Zeit auf gute Reportagen zum Thema gestoßen ist – egal ob Print oder Fernsehen, Japanisch, Englisch oder Deutsch – nur her damit!

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