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Neu und sicherlich nur in Japan: Handy mit Geigerzähler

August 30th, 2012 | Tagged , | 6 Kommentare | 921 mal gelesen

Handy mit Geigerzähler von Sharp. Quelle: Softbank Webseite

Mit gut anderthalb Jahren Verspätung kommt es, aber trotzdem wird es nicht zu spät sein: Softbank, einer der drei Mobilfunkbetreiber in Japan, wirft ein neues Smartphone auf dem Markt – das PANTONE® 5 107SH von Sharp. Der Clou an dem Gerät: Es kann auch Geiger zählen. Ein Druck auf den Knopf, und schon geht es los. Es kann laut Hersteller γ-Strahlen messen und benutzt Cäsium 137 (137Cs) als Richtwert. Die Meßspanne liegt zwischen 0.05 und 9.99 Mikrosievert (siehe Produktbeschreibung bei Softbank). Da das Handy natürlich auch über GPS verfügt, kann man damit prima Feldmessungen durchführen. Es dauert allerdings rund 2 Minuten, bis man ein brauchbares Ergebnis erhält. Spritzwasserfest ist es auch, und unbestätigten Gerüchten zufolge soll man damit sogar telefonieren können.

Die Hauptereignisse um die Katastrophe im AKW Fukushima 1 liegen nun schon mehr als 17 Monate zurück. In der Gegend um Tokyo scheint die Radioaktivität in Bodennähe abgenommen zu haben, aber sie ist natürlich noch da und wird sich hauptsächlich entlang von Flüssen akkumulieren, um schliesslich in die Bucht von Tokyo zu gelangen. Für die Bewohner des Ostteils der Präfektur Fukushima ist dieses Handy jedoch nachwievor sinnvoll und wird sicherlich gut angenommen werden. Der Preis tut sein übriges – das Handy kostet gerade mal  23,520 Yen, also gute 200 Euro.

Mittlerweilen kann man sich übrigens sogar bei Tsutaya, der größten Videoverleihkette Japans, kostenlos (für einen Tag) Geigerzähler auswählen. Sicher nicht in jeder Filiale, aber immerhin.

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Grün. Wolken. Onsen. Hitze. Grün. Kyushu II

August 28th, 2012 | Tagged , | 7 Kommentare | 963 mal gelesen

Dies ist die Fortsetzung von Teil 1.

Wäre ich eine Kuh, würde ich hier übernachten wollen

Weiter ging es, immer weiter weg von Kumamoto, immer am Kraterrand entlang, der Milchstrasse folgend. Oder wie man die sogenannte Milk Road auch sonst übersetzen möchte. Die heisst so, weil es dort aufgrund der wahrhaft saftig aussehenden Wiesen auf der rund 1,000 m hoch gelegenen Hochebene viele Kühe gibt. Von den Bauern kann man teilweise direkt Milcherzeugnisse kaufen, aber die Preise haben sich gewaschen. Für einen Liter Milch zahlt man da schon mal locker knapp 10 Euro. Nicht, dass man das wirklich rausschmecken würde (alles schon mal probiert), aber was tut man nicht alles für glückliche Kühe. Es ging weiter bis 奥阿蘇 (Hinter-Aso), zu einem kleinen Dorf namens 産山 Ubuyama, und dort ist die Welt zu Ende. Eine Strasse führt hinein, und die gleiche Strasse wieder hinaus. Das wars. Zahlreiche Straßen in der Umgebung wurden bei den sintflutartigen Regenfällen im Juni diesen Jahres weggespült und sind noch immer nicht brauchbar. Unterwegs kamen wir dabei an ein paar prächtigen Schlamm- und Gerölllawinen vorbei, die breite Schneisen in die Wälder geschnitten hatten. Relativ junger Vulkan gleich hohe Hangneigung gleich instabile Hänge gleich Schwerkraft in Aktion: Für Geomorphologen ist der Aso ein Paradies.
In Ubuyama steht eine alte Herberge, und in der gibt es sprudelndes, heißes Wasser aus dem Untergrund. Das kann man gleich am Eingang testen, denn dort fließt ein bisschen heißes Wasser aus einem Bambusrohr. Die Herberge ist nahezu komplett aus Holz und sehr geschmackvoll eingerichtet. Überrascht war ich nur, zu lesen, daß das heiße Quellwasser erst vor ein paar Jahren dazu kam. Die Besitzer haben dafür tief bohren lassen – erst in fast 1,000 m Teufe wurden sie fündig. Aber das war offensichtlich eine gute Idee: Die Herberge gilt heute als 秘湯 hitō – als “Abgelegene heiße Quelle” (das hi bedeutet eigentlich “geheim”), und ist somit ein Schatz für Onsen-Fans. Zudem ist das Wasser ideal: Es ist genug, um kein Wasser hinzufügen zu müssen, und warm genug, so dass man es nicht weiter erhitzen oder herunterkühlen muss.

Die schönsten Onsen sehen oft recht unspektakulär aus: Das Wasser hier war auf jeden Fall sehr gut

Ach, Onsen! Das erste Mal hatte ich eine solche heiße Quelle 1997 besucht. Das war in einem kleinen Dorf in Nagano. In heißen Quellen wird meistens nach Männlein und Weiblein getrennt. Manchmal gibt es auch Familienräume (家族風呂 kazoku-buro). Im Onsen in Nagano damals gab es nur getrennte Räume, und ich war mit weiblicher Begleitung dort. Die Instruktionen waren denkbar knapp: Ausziehen, waschen, rein ins heiße Bad, und zwar nackt, versteht sich, und entspannen. Nochmal richtig gründlich waschen danach und fertig. Als ich meine Begleiterin fragte, wie lange man denn so im heißen Bad bleibe, wurde mir gesagt “na, so 30 Minuten”. Gesagt, getan. Ich war damals der einzige im Männerbereich. Und das Wasser war verdammt heiß. Nach ein oder zwei Minuten aber wieder aus dem Wasser zu steigen hielt ich für eigenartig: Wenn 30 Minuten gesagt wird, werde ich das wohl durchziehen müssen, um ein Onsen zu verstehen, dachte ich so. Nach noch nicht einmal 10 Minuten wurde mir allerdings irgendwie blümerant. Immerhin bemerkte ich es rechtzeitig und kroch aus dem Wasser. Es kostete mich einiges an Selbstbeherrschung, nicht umgehend zu kollabieren: Bäder im Onsen gehen kräftig auf den Kreislauf, und zwar erst recht dann, wenn man starrsinnig länger als nötig sitzen bleibt. Ach ja, damals war ich noch jung, und offensichtlich schön blöd… Diese erste Begegnung mit einem Onsen prägte erstmal. Kreislaufkollaps? Nein, danke. Aber natürlich ging es später wieder in Onsen, und wenn man sich nicht so dämlich anstellt und auf seinen Körper hört (Heiß! Ganz heiß! Raus hier!), machen Onsen großen Spaß. Allerdings sind die Onsen in der Tat sehr verschieden: Einige sind warm, andere heiß, wieder andere brühend heiß.

Süß-sauer eingelegtes Gemüse gefällig?

Das Bad in der Herberge in Ubuyama passte. Es gab auch zwei kleine 露天風呂 rotenburo (Bäder im Freien), und hätten mich dort nicht umgehend zwei Bremsen gestochen, wäre ich wohl eine ganze Weile dringeblieben.
Das Abendessen in der Herberge war ebenfalls nicht zu verachten. Die Gegend ist bekannt für 漬け物 tsukemono – auf Neudeutsch “pickles”. Und zwar all-you-can-eat. Natürlich gab es noch viel, viel mehr, und vor allem reichhaltig. Unser Sohn hatte später irgendwie seinen Essnapf aus dem Eßraum geschmuggelt und stand plötzlich mit selbigem vor uns – darin: Gemahlenes Eis. “Nanu, wo hat der denn plötzlich gemahlenes Eis her?” dachten wir noch so. Und dann: Wieso ist das Eis nicht kalt?! Des Rätsels Lösung: Im Raum stand ein großer Behälter mit Geleekugeln, die dazu dienen sollten, der Luft Feuchtigkeit zu entziehen. Das hatte man arg nötig, da es vorher, wie eingangs erwähnte, wochenlang ohne Unterlaß geregnet hatte. Die Geleebrocken waren nun überall. In seinen Haaren, im Bett, auf seinen Sachen, und eins… wo sonst, im Mund. Leicht angesäuert riefen wir die Herbergsmutter. Die fand jedoch den richtigen Ton, machte alles schnell sauber und rief auch noch einen Arzt an, um zu hören, was der zum Thema “Kleinkind vs. feuchtigkeitsentziehende Geleebrocken” zu sagen hatte. Nun – nichts Neues. Kind beobachten. Kind nicht zu sehr erhitzen (onsen!). Falls Schaum aus dem Mund kommt (was normalerweise auch so schon der Fall ist), anfangen, Sorgen zu machen. Das Ende vom Lied: Entwarnung. Sohn quietschmunter (nach um 10 Uhr abends sogar munterer als sonst um diese Zeit – mein Gott, was war im Gelee drin?) und alles im grünen Bereich. Und er sollte uns am nächsten Tag auch wieder viel Freude machen.
Dann ging es nämlich zu einer berühmten Quelle in der Nähe (池山水源 Ikeyama Suigen), mit glasklarem, trinkbaren Wasser. Das richtig gut schmeckte. Daneben gab es einen kleinen Teich. Für ein paar hundert Yen kann man dort kleine Fische (Saiblinge) fangen, denen man dann gleich vor Ort ein langes Stäbchen in den Anus rammt, sie dann in Salz rollt, um sie anschliessend über Kohle zu grillen. Nein, Fisch möchte ich in diesem Land nicht sein. In dem kleinen Tümpel tummelten sich dutzende, wenn nicht gar hunderte dieser Fische. Los ging es: Angelroute für 100 Yen geliehen. Dazu gab es einen großen Klumpen Futter. Tochter mit Angel vertraut gemacht. Jemand rief “(Schwieger)mutter, pass mal kurz auf den Kleinen auf!”. Der Kleine liess sich nicht lumpen und schaffte es in den zwei Sekunden Aufseherwechsel, den grossen Futterklumpen zu krallen und mit Schwung in den Tümpel zu werfen. Und schon verwandelte sich der kleine Teich in einen Whirlpool! Welch ein Spaß!

Kaltes, klares Wasser in der Ikeyama-Quelle

Wir sprachen kurz mit jemandem von der Quelle. Die spuckt pro Sekunde angeblich 30 Tonnen allerfeinstes Trinkwasser aus, und das ist beachtlich. Dieses Wasser wird auch verkauft – und nach der Erdbebenkatastrophe machte man den großen Reibach. Auch wir bezogen nach dem Beben unser Wasser von hier, da ja das Trinkwasser in Tokyo zeitweise (?) radioaktiv belastet war. Eine eiserne Notreserve Ikeyama-Quellwasser steht noch immer bei uns im Schuhschrank. O-Ton: “Wir hoffen natürlich nicht, dass sich so etwas wiederholt, aber…”

Forsetzung folgt.

P.S. Ihr kennt ein schönes Onsen? Dann mal her damit! Nach 47 Präfekturen bin ich auf der Suche nach neuen Reisezielen!

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Kōshien

August 24th, 2012 | Tagged , | 7 Kommentare | 660 mal gelesen

Die Kyūshū-Fortsetzung folgt später. Heute mal ein paar Zeilen zu einer neuzeitlichen, aber in Japan sehr wichtigen Tradition. Aus aktuellem Anlaß. Denn heute fand das Finale der Baseball-Highschool-Meisterschaften Japans statt. Ich schreibe bewusst Highschool, da sich die japanische Oberstufe nur sehr bedingt mit Gymnasium oder ähnlichen, im Deutschen gebräuchlichen Begriffen übersetzen lässt.

Dieses Finale findet seit jeher (genauer gesagt seit 1915) in einem Baseballstadion in 甲子園 Kōshien statt. Jenes ist wiederum ein Stadtteil von 西宮 Nishinomiya, zwischen Kōbe und Ōsaka gelegen. Und der Name steht in Japan für den noch immer beliebtesten Sport des Landes (obwohl Fußball in den letzten Jahren stark aufzuschließen scheint) und – für Träume. Baseball ist sehr beliebt als Schulsport, und wer es nach Kōshien schafft, ist bereits in Held. Wer dort mit seinem Team gewinnt, ist der Oberheld – und für einige Spieler öffnet das Finale dort auch die Tür zum Profibaseball. Kein Wunder, denn an dem Wettbewerb nehmen über 4’000 Schulen landesweit teil. Und eines muß man dazu sagen: Die Stimmung im Stadion ist riesengroß – es wird getrommelt, gesungen, gemacht, getan. Kennt man alles vom Fußball, nur noch lauter und noch organisierter.

Nun ist es schon interessant, die Stimmung zu sehen  bzw. zu hören (ich bin einmal am Stadion vorbeigefahren, als dort ein Halbfinalspiel stattfand). Es ist auch halbwegs interessant, die Zusammenfassung des Spiels im Fernsehen zu sehen. Jedoch: Selbst nach all den Jahren in der Baseballnation Japan komme ich persönlich nicht ran an den Sport. Und ich glaube noch immer fest, die Fans machen nur deshalb soviel Stimmung, weil es nichts anderes zu tun gibt während des Spiels. Das Regelwerk im Baseball ist, nun ja, anfangs schwer verdaulich. Im Mittelpunkt: Ein Werfer, ein Typ mit Baseballschläger und ein Fänger. Wurf. Nicht getroffen. Gefangen. Wurf. Nicht getroffen, gefangen… Gääääähn. OUT! Nächster Pfriemel. Wurf. Oh, getroffen! Ball fliegt. Plötzlich sieht es auf dem Spielfeld aus wie im Bienenkorb. Und so weiter. Es gibt keine Zeitbegrenzung – das kann ewig so weitergehen.

Aber gut – als Baseballfan kann man sicher auch Fußball auf diese Art und Weise beschreiben. Und beim Baseball gibt es – normalerweise – einen Gewinner, beim Fußball jedoch häufig keinen. Und so wird mir Baseball und Kōshien ein Rätsel bleiben. Die Finalisten dieses Jahr waren eine Highschool in Ōsaka (also Lokalmatadoren) und eine Highschool aus Aomori im Norden. Ōsaka gewann 3:0. Maximale Ballgeschwindigkeit des besten Werfers: 153 km/h. Mit der Hand geworfen, wohlgemerkt!

Anbei noch ein Videozusammenschnitt vom Kōshien 2011, das die Bedeutung und die Gefühle recht gut zusammenfasst:

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Grün. Wolken. Onsen. Hitze. Grün. Kyushu I

August 21st, 2012 | Tagged , , | 5 Kommentare | 698 mal gelesen

So, da bin ich wieder, zurück im Moloch, nach einer kompletten Woche auf der Insel Kyūshū. Es war die fünfte Tour auf die Insel, und so viel steht fest: Immer wieder gern. Die Landschaft, die Menschen, das Essen -  es stimmt nahezu alles dort. Die Temperaturen unterscheiden sich kaum von denen in Tokyo – im Gegenteil, wenn man ins bergige Innere fährt, kann es sogar ganz angenehm sein.

Ein Muß wenn man in Kumamoto is(s)t: Tonkotsu-Rāmen

Am Sonntag ging es mit der Familie los: Frau, zwei aufgeregte Kinder und die Schwiegereltern waren mit von der Partie. Keine 2 Stunden dauert der Flug, und sofort begann erstmal die Kür: Erst zur Oma in Kumamoto, dann gemeinsam auf den Friedhof, um das Grab des vor vielen Jahren verstorbenen Opas zu pflegen. Nach den ununterbrochenen Regenschauern im Juni und Juli sah es recht wüst aus. Dann ging es zum ebenfalls obligatorischen Tonkotsu-Rāmen-Essen in die Innenstadt. Kumamoto ist bekannt für einige Leckerbissen – darunter rohes Pferdefleisch, mit Senfpaste gefüllte Lotuswurzeln, und besagten “Schweineknochen-Rāmen”. Ein Gedicht, und mit 700 Yen pro dampfender Schüssel mit dicken Schweinefleischscheiben auch erschwinglich.
Das Hotel war eine Überraschung der anderen Art. Wir wollten im Zentrum übernachten und hatten nach etwas familienfreundlichem gesucht. Das hatten wir auch gefunden: Ein Hotel mit Familienraum, geräumig und mit Doppelstockbett für die Kinder. Was wir jedoch nicht wussten: Als uns der Concierge das Zimmer zeigte, bestiegen wir mit ihm den Fahrstuhl, und er drückte nicht etwa eine Zahl zwischen 1 und 10, sondern den Knopf unter der 1. B1. Du meine Güte, sie bringen uns in den Keller! Da hatte der Hotelmanager offensichtlich eine clever Idee: Auf einem alten Fluchtplan sahen wir, dass dies einst der Pausenraum der Angestellten war. Das war also das Familienzimmer. Zugegebenermassen war die Einrichtung in Ordnung, und da wir die einzigen Gäste dort unten waren, konnten sich die Kinder nach Herzenslust austoben, aber normalerweise bevorzugen wir schon Zimmer mit Fenster….
Am Nachmittag ging es in großer Hitze zu den ehemaligen “Wirkungsstätten” meiner Frau, darunter auch zu ihrer Grundschule. Da Ferien waren, war das Tor natürlich zu, aber das sollte meine Frau nicht hindern: “Ach, passt schon” sagte sie, während sie das Tor aufriss und die Kinder in den grossen Schulhof entliess. Gleich am Eingang gibt es ein großes Fußbad, denn: An vielen Schulen in Kumamoto wird noch barfuß auf dem Schulhof gespielt.

Kumazemi (Zikadenart) in Kumamoto

Interessant war die Zikadendichte: Der Boden in den Parks sah aus wie ein schweizer Käse, und die Äste hingen voller leerer Zikadenhüllen. Die vormaligen Bewohner der braunen Hüllen brüllten sich die Seele aus dem Leib oder lagen halb angefressen auf dem Boden. In Tokyo findet man fast nur die bereits eindrucksvollen Aburazemi, aber in Kumamoto findet man mittlerweilen (es werden immer mehr) Kumazemi, und die sind noch etwas größer. Und höllisch laut. Meine Tochter fing auch flugs eine ein und rannte mit dem zeternden, schwarzen Biest freudestrahlend durch die Gegend. Gut, daß sie keine Angst vor Insekten hat.

Am nächsten Tag sollte es mit dem Leihwagen zum 阿蘇 Aso gehen. Aso – das ist der Vulkan mit dem größten Krater in der Welt. In den Krater passen ein paar Städte und mehrere Quadratkilometer Felder sowie ein paar neue Vulkane, die sich da in der Mitte des alten Kraters gebildet haben. Die Kraterwände sind viele hundert Meter hoch und sehr deutlich erkennbar – es gibt nur einen Durchbruch, und der befindet sich praktischerweise in der Richtung von Kumamoto Stadt. Vor 10 Jahren war ich schon einmal mit guten Freunden oben am Krater des einzigen momentan aktiven Nebenvulkans, und damals sah ich so gut wie gar nichts. Dieses Mal sah es auch wieder so aus, als ob ich Pech hätte. Aber die Wolken verzogen sich manchmal für ein paar Minuten und gaben den Blick zum Schlund des Kraters frei.

Blick in den Krater des aktiven Vulkans Naka-dake

Der 1’506 m hohe 中岳 Naka-Dake (Mittlerer Gipfel) ist noch ziemlich aktiv und spuckt manchmal etwas mehr aus – davon zeugen die Betonbunker sowie durchaus häufige Gaswarnungen: Bläht der Wind plötzlich den Schwefeldampf nach oben, muss jedermann schnellstmöglich den Gipfel verlassen.

Was mich dieses Mal jedoch am meisten faszinierte, war das Grün: Im Juni und Juli hatte es nahezu ununterbrochen in Strömen gegossen, und nun war nahezu alles Grün. Soviel Grün habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, und es tat den Augen gut.

Im inneren Vulkanmassiv des Aso: Alles Grün. Könnte genauso gut irgendwo in der Mongolei sein

Nach dem Naka-Dake ging es zurück zum Tal nördlich der Vulkangruppe. Der Boden der alten Caldera liegt auf rund 470 m Höhe und ist vielerorts topfeben. Das Tal wird im Norden, Süden und Osten von der rund 500 m hohen alten Kraterwand begrenzt, und das ist schlichtweg eindrucksvoll. Und alles ist einfach nur grün.

Blick von der äußeren Kraterwand (外輪山 - Gairinzan) in das Tal und die neue Vulkangruppe

Fortsetzung folgt…

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Ab in den Süden / Sommerloch

August 11th, 2012 | Tagged , | 10 Kommentare | 602 mal gelesen

Kyushu-Reiseroute 2012

Ja, es ist etwas ruhiger geworden hier in den letzten Tagen. Das liegt mal wieder an exzessiver Arbeit und dem allgemeinen Sommerloch. Aber jetzt beginnt der Sommer ja erst auch richtig: Eine Woche Urlaub. Endlich. 5 Jahre alt müßte man sein: Meine Tochter hat schon seit drei Wochen Urlaub (vom Spielen im Kindergarten…) und den kostet sie dank ihrer Mutter auch richtig aus. Für uns geht es dieses Jahr wieder in den (noch heißeren) Süden: Es ist O-Bon, und Zeit zur Grabstätte der Ahnen zu pilgern. Da die gesamte Verwandschaft zu einen Hälfte aus Kumamoto und zur anderen Hälfte aus Shikoku kommt, haben wir da natürlich etwas Glück: Ich würde nur ungern O-Bon in Tokyo verbringen wollen.

Die kommende Tour ist dieses Mal auch etwas Besonderes – zumindest für mich, denn endlich geht es zur 47. und letzten Präfektur, die noch nicht in den Genuß meiner Anwesenheit kam. Das ist – Trommelwirbel – Miyazaki, seinerseits bekannt für subtropisches Klima, schmackhafte Hühnchen und Zitrusfrüchte sowie dafür, dass dort absolut gar nichts los sein soll. Aber das werden wir schon sehen. Erholsam sollte diese Tour allemal werden, denn: Wir fahren auch zu einem 秘湯 hitō (wörtlich: geheime Quelle) in Ubuyama (nebenan des berühmt-aktiven Aso-Vulkans), bekannt für seine heißen Quellen. Auch in Takachiho übernachten wir quasi direkt neben einer heißen Quelle. Auch Yufuin und Beppu sind weithin bekannt für heiße Quellen. Das sind also… hmm, mindestens 5 Tage in heißen Quellen!

In diesem Sinne wird entsprechend in den nächsten Tagen nicht allzu viel auf diesem Blog passieren – es sei denn, mich packt die Langeweile wenn der Rest schon schläft. Ich hoffe, meine Leser haben auch die eine oder andere Form von Sommerurlaub und geniessen jenen auch gebührend. Zum Abschluß noch ein Tokyo-Sommerhimmelphoto: Plötzlich war das ganze Büro in orangefarbenes Licht getaucht, und ein Gang auf den Balkon erklärte, warum. Ja, es ist Sommer. Und der Sommerhimmel in Japan ist – zumindest an vielen Tagen – sehr, sehr schön (in Deutschland natürlich auch, aber aufgrund der Hitze sieht es hier oft ein bisschen wilder aus).

Sommerabendhimmel über Tokyo

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Oh, oh, Olympia…

August 3rd, 2012 | Tagged , | 7 Kommentare | 622 mal gelesen

So ganz kann und will ich mich den Olympischen Spielen nicht verschließen. Zumindest einige Sportarten sehe ich recht gern, so es die Zeit erlaubt. Aber das japanische Fernsehen kann da den nicht-japanischen Betrachter gelegentlich auf harte Geduldsproben stellen. In meinem Fall ist das vor allem bei zwei völlig unterschiedlichen Wörtern der Fall.
Das erste lautet しかし shikashi und bedeutet “aber, jedoch”. Das geht meist so: Die Sportberichtserstattung plätschert vor sich hin, alles sieht schmuck aus, doch genau in dem Moment, in dem man denkt “Na bitte, geht doch!” fällt das Zauberwort: shikashi. Drei Silben, und danach läuft alles nur noch schief. Na toll. Nicht, dass es nun besonders dramatische Auswirkungen auf meinen  Fortbestand und den der restlichen Menschheit hätte, wenn die japanische Ringerin in der 150+ kg-Gewichtsklasse den Kampf um einen Platz auf dem Treppchen verliert oder nicht, aber schlechte Nachrichten sind nunmal schlechte Nachrichten. Und japanische Sportreporter haben, so empfinde ich es jedenfalls immer, ein wunderbares Gespür dafür, diese drei Silben wie eine Bombe zu platzieren. Sprich, sie benutzen immer die gleiche Dramatik bei Berichten über vorangegangene Ereignisse: Erst die positiven Elemente, dann die drei Silben, und was folgt ist eine Anreihung kleiner Katastrophen, wobei die Hauptperson (auf Neudeutsch: Loser) auf keinen Fall Schuld war. Schuld war wahlweise das Wetter, falsches Essen im Flugzeug, der fiese ausländische Gegner oder was auch immer. Ihr glaubt mir nicht? Einfach mal Zusammenfassungen von Volleyball-Turnieren im japanischen Fernsehen schauen, denn da verliert man besonders gern.
Das zweite Wort ist schon etwas komplizierter: 徹底分析 tettei bunseki, auf deutsch “gründliche Analyse”. Dieses Wort wird von Sportreportern gebraucht, falls das erste Wort dummerweise nicht benutzt werden kann, weil das Objekt der Berichterstattung gewonnen hat. Sowas soll vorkommen, und es kommt bei der jetzigen Olympiade sogar relativ häufig vor: Japan legt sich in jüngster Zeit nicht nur beim Fußball, sondern auch bei anderen Sportarten richtig ins Zeug. Falls dann eine Medaille gewonnen wird (so zum Beispiel beim Turnen durch Uchimura gestern), wird das im Fernsehen elendig lange zelebriert. Das ist natürlich voll in Ordnung – klar kann man auf diese Leistung solz sein. Aber die Nachrichten beginnen dann mit “Im Sportteil werden wir natürlich gründlich analysieren, warum XYZ gewonnen hat. Öhm, warum wohl? Weil er besser war als die anderen? Zu Wort kommen dann die damaligen Grundschullehrer, die Ehefrau nebst Kindern, so vorhanden, die bettlägerige Urgroßtante, irgendwelche Zufallsgestalten aus dem gleichen Weiler und so weiter und so fort. Natürlich haben das alle irgendwie gewusst und erwartet. Am besten ist dann der Teil, bei dem die japanischen Fernsehfritzen wahllos Ausländer (in diesem Fall in London) anhalten und fragen, ob sie auch so beeindruckt von dem japanischen Sportler XYZ waren. Ein Reporter berichtete dabei heute stolz, dass er extra dazu ein Schild gemalt hat, um es dann den armen Opfern zeigen zu können. Darauf stand in krakeliger Handschrift: “Thanks you”! Ja, gerner geschehen! Der Typ bekommt jedenfalls keine Goldmedaille für Fremdsprachen.

Ich hoffe, dass Japan auch in Zukunft viele Medaillen gewinnt. So viele, dass man sich daran gewöhnt. Aber das wird nie der Fall sein. Man braucht sich nur populäre Filme und Serien im japanischen Fernsehen ansehen, um zu wissen, dass die meisten Japaner ganz offensichtlich auf diese Art der Dramaturgie stehen. Würde ja lieber den Livestream auf ARD sehen, aber ich habe keine Lust, mich allein deshalb wieder mit diversen Proxy auseinandersetzen zu müssen. Denn: Olympia hin oder her, im Ausland darf der Live-Stream nicht gezeigt werden. In diesem Sinne: Sport frei!

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