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Sommerzeit – Getierzeit

Juli 25th, 2012 | Tagged | 8 Kommentare | 920 mal gelesen

Vor einigen Jahren hatte ich schon ein Mal einen kleinen Artikel dazu geschrieben, was man so im Hausflur in Japan im Sommer / Herbst finden kann. Aus Materialmangel habe ich bisher jedoch noch keinen Artikel dazu, was man innerhalb der Wohnung so finden kann, geschrieben. Gott sei Dank, muss man sagen. Meine vorherige Wohnung (6 Jahre) war kakerlakenfrei, bis zum allerletzten Sommer in der Wohnung, denn der war extrem heiß, und so hatten wir plötzlich zwei Begegnungen der… nicht unbedingt angenehmsten Art. Das einzige, was wir ansonsten in der Wohnung hatten, waren kleine schwarzweiße Spinnen, die es bevorzugten, sich springend durch die Gegend zu bewegen.

Als wir vor zwei Jahren umzogen, war meine Frau anfangs sehr skeptisch, denn in dem Dreigeschosser gibt es eine Kneipe im Erdgeschoß, in der man Essen zubereitet. Und das bedeutet in der Regel, dass es Kakerlaken gibt. Die gibt es wohl oder übel in den meisten Restaurants und Kneipen in Japan, erst recht in Tokyo. Ich kann Lieder davon singen. Nein, als Gast sieht man die natürlich in der Regel nicht, das wäre ja noch schöner.
Nun gut, wir wohnen im Dachgeschoß, also müssten die Tierchen schon etwas Sport treiben, aber das können sie ja bekanntlich. Von ein, zwei Exemplaren im Hausflur haben wir bisher auch keine gesehen. Doch in der letzten Woche saß da doch tatsächlich ein dickes, fettes, Kerlchen, schön tiefbraun, an der Wand über unserem Kühlschrank. Mein lieber Herr Gesangverein, so groß, wie die war, hätte die doch gar nicht in unsere Wohnung gekonnt, ohne vorher zu klingeln! Wo kam die bloß her? Nun, es gibt da einen Verdacht: Am Tag davor kam eine Freundin zu uns, mit einer großen Tasche voller Mitbringsel aus Okinawa. Möglicherweise waren da mehr Mitbringsel drin, als sie dachte. Wir wissen es nicht, aber es ist ja auch egal. Aber von der Größe her hätte es schon stimmen können, denn die Kakerlaken sind meistens (nicht immer) etwas kleiner in Tokyo.

Mit der Zeitung erschlagen wollte ich sie nicht. Einerseits, weil der Kühlschrank fast so groß ist wie ich selbst und man schlecht rankommt. Ausserdem hatte ich mal vor vielen Jahren ein ähnlich großes Exemplar erschlagen, und das war nicht schön. Eigentlich war es auch kein Erschlagen, denn die Viecher sind zäh. Es war vielmehr ein regelrechtes Verprügeln, bis sie in den Wassertank der Toilette fiel. Und nach Wochen zufällig rausgespült wurde. Nein, schön war das nicht. Also nahm ich einen grossen Kartondeckel. Das schien der Sportsfreund aber aus einigen Metern Entfernung gemerkt zu haben, denn er verkrümelte sich umgehend hinter dem Kühlschrank.

Aber! Man ist ja erfindungsreich in Japan. Eine der größten Erfindungen seit Karaoke und Sushi ist “gokiburi hoihoi”. Das ist ein putziges kleines Papierhaus mit klebrigem Fußboden. In die Mitte klebt man ein poröses Päckchen mit einem Granulat drin, dass Kakerlaken offensichtlich recht anziehend finden. Es riecht nach alten Zwiebeln, Shrimps und was weiss ich noch alles. Schnell also das Häuschen unter den Kühlschrank geschoben – und siehe da, das Tierchen ging uns zwei Tage später regelrecht auf den Leim (so gesehen ist die Idee an sich freilich schon etwas älter und wahrscheinlich nicht Japanisch – schliesslich fing man früher mit Leim auf Ästen Vögel). Genial, zumal kein Gift im Spiel ist (ich kenne meine Kinder…).  Wie das ganze dann aussieht, kann man hier bewundern (nebst Mignon-Batterie zum Vergleich).

Gegen die Okinawa-Theorie spricht allerdings, dass ich eine gute Woche vorher etwas ganz anderes fand. An erster Stelle fand ich meine Frau, die im Badevorzimmer kurz aufkreischte. Es war kein Freudenschrei, sondern hatte mit einem anderen, ungebetenen Gast zu tun: Einem ゲジ Geji (Spinnenläufer). Zuerst hielt ich das flinke Biest unwissenderweise für einen ムカデ Mukade (Hundertfüßer), aber dem war zum Glück nicht so. Mukaden sind furchtbar schnell, ziemlich aggressiv und äußerst giftig: Ein Biss kann bei kleinen Kindern und kranken und/oder älteren Menschen ernsthafte Probleme verursachen. Ansonsten ist ein Biss wohl sehr, sehr schmerzhaft. Gott sei Dank weiß ich das allerdings nicht aus eigener Erfahrung zu berichten. Noch nicht. Geji , also Spinnenläufer, sind zwar auch giftig, aber nicht so stark. Zudem sind sie weniger aggressiv. Auch jene verirrte Geji liess sich recht schnell einfangen – und aus dem Fenster werfen. Warum eine Geji gegen die Okinawa-Theorie spricht? Weil Geji und Mukade eins gemeinsam haben: Sie haben Kakerlaken zum Fressen gern.

Nun ist jedoch Ruhe. Keine Spuren von Kakerlaken mehr und auch keine Geji, aber irgend jemand wird schon wieder mal was vom Park oder Spielplatz mit nach Hause bringen. In der Zwischenzeit müssen wir uns halt mit schnöden Mücken, auf Japanisch kurz und knapp 蚊 ka, begnügen. Mein 1½-jähriger Sohn hat sich da bereits zu einem ganz vorzüglichen Kammerjägerassistenten entwickelt. Wenn er eine Mücke an der Decke oder an der Wand sieht, zerrt er umgehend den nächststehenden Erziehungsberechtigten heran und verlangt Action. Nach vollbrachter Tat rennt er umgehend zum Erziehungsberechtigten Nummer 2 und erklärt minutenlang mit Händen und interessanten Lauten, was gerade mit der Mücke geschah. Weiter so.

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