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So ein bißchen Luxus…

Juni 30th, 2012 | Tagged , | 6 Kommentare | 581 mal gelesen

Preisliste im Mov Shibuya

Heute nachmittag ging es nach Shibuya zu einem Geschäftstreffen. Beziehungsweise zur Übergabe eines dicken Schecks an eine Hilfsorganisation, die Waisenhäuser unter anderem im Katastrophengebiet betreibt. Ich war nicht allein – der Scheck war Ergebnis der Zusammenarbeit einiger grosser Lehrbuchverlage. Die stehen normalerweise ordentlich in Konkurrenz miteinander, aber zu diesem Zweck haben sich alle schön zusammengerauft. Aber ich schweife ab. Ein Treffen (es gab zwei) fand im nigelnagelneuen Hikarie statt – ein interessantes Gebäude direkt am Bahnhof von Shibuya, das erst am 1. Juni eröffnet wurde und Kunst und Kommerz beherbergen soll. Wie es sich für Japan gehört, ist alles mehr oder weniger geschmackvoll eingerichtet, und von den elendig langsamen Aufzügen mal abgesehen ist das Gebäude sehr modern und gut durchdacht.
Im 8. Stockwerk beherbergt das Hikarie die Creative Lounge Mov – jenes ist laut eigener Angabe “a member system office/lounge designed to encourage those chance encounters between diverse minds” blabla. Mit anderen Worten: Man kann dort Geschäftstreffen veranstalten, so man kein eigenes Büro hat oder letzteres schlichtweg nicht vorzeigbar ist. Soll vorkommen – vor allem in Japan.
Ein Blick auf die Broschüre liess mich dann jedoch zusammenzucken: Offensichtlich gibt es dort auch Kämmerchen, die man monatsweise mieten kann – als Hotelersatz sozusagen. Das mittelgrosse Zimmer ist dabei stolze 3,83 m² (man beachte die zweite Stelle hinterm Komma!) gross – und kostet 115,500 Yen, also momentan rund 1,150 Euro. 1,150 Euro! Für weniger als 4 Quadratmeter! Na dann aber nichts wie hin!
Überlegt man sich das mal genauer, mag das für einige Leute jedoch in der Tat sinnvoll sein: Auf einen Monat gerechnet ist das wesentlich billiger als die meisten Hotels in der Umgebung, und zentraler kann man auch nicht nächtigen. Dazu kann man am gleichen Ort auch noch Geschäftspartner treffen.

Die Preise für die Besprechungszimmer sind dabei eigentlich noch beachtlicher: Für einen Raum, in den 12 Leute passen, bezahlt man 84 Euro – pro Stunde, wohlgemerkt! Das hat eventuell positive Effekte zur Folge: Man überlegt sich so schon eher, ob das nächste Meeting wirklich so wichtig ist und das gute Meetings nach einer Stunde beendet sein sollten – mit Ergebnissen.

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Der Ansch*** lauert überall

Juni 26th, 2012 | Tagged | 7 Kommentare | 678 mal gelesen

Nun gut, Marketing hatten wir neulich erst, aber einer muss doch noch sein.

In meinem Bahnhof stehen an allen Ecken und Enden Getränkeautomaten herum: große und kleine, alte und moderne und mittelalte. Die Startrek-Automaten hatten wir schon mal, aber heute geht es um die mittelalten. Die sind auch ziemlich klobig und laufen unter Windows XP. Woher ich das weiss? Einmal schien das System abgestürzt zu sein. Normalerweise zeigt der Bildschirm irgendwelche albernen, grinsenden Kaffeebecher, aber an jenem Tag war nur die Standard-Oberfläche von Windows XP zu sehen. Leider hatte ich kein Keyboard dabei…
Der Automat bietet alles, was man sich vorstellen kann: kalten und heissen Kaffee, Maissuppe, Zitrone-Ingwer-Brause, Cappuccino und was weiss ich alles. In grossen Bechern. In kleinen Bechern. Man kann einstellen, wie viel Zucker in den Kaffee soll und wie viel Kaffee. Ob ein Deckel auf den Becher soll oder nicht. Ob man es lieber lauwarm mag. Das alles wird auf dem Bildschirm bildreich illustriert. Bestellt man einen heissen Kaffee, dauert die Prozedur 45 Sekunden (wird auf einem separaten Display heruntergezählt). Währenddessen läuft ein Video, das zeigen soll, was gerade im Inneren passiert: Bohnen rein, mahlen, ein Pulver rein, noch ein Pulver rein, heisses Wasser drauf, quirlen – piep, piep, piep! Fertig! Für 150 Yen hält man ein heisses, frisch gemahlenes und trotzdem irgendwie nach Instantkaffee schmeckendes Getränk in den Händen.

Erdbeermilch mit Spurenelementen: Spuren von Erdbeeren!

Für die lieben Kleinen gibt es sogar “Ichigo au lait”. Was, es hapert mit dem Japanischen und/oder Französischen? Ichigo = Erdbeere. au lait – mit Milch. Erdbeermilch. Wirklich? Man schaut genauer hin. Aha, das Getränk wird mit Amaou®-Erdbeeren hergestellt! Amaou® ist eine Erfindung fleissiger Marketingexperten und steht für Akai (rot), MArui (rund), Ookii (groß) und Umai = lecker. Um auf Nummer sicher zu gehen, steht auch noch deutlich da: Amaou® ist ein geschütztes Warenzeichen, und wer das ® vergisst, wird auf ewig in der Hölle schmoren oder den gesamten Agrarverband Japans an den Hacken haben, jawohl! Amaou®-Erdbeeren (weia, beinahe das ® vergessen) kommen aus Fukuoka, sind rot, sehen wie normale Erdbeeren aus und schmecken nach, haltet Euch fest!, Erdbeeren! Im Supermarkt kosten sie genauso viel wie… genau, Erdbeeren!
Noch mal genauer auf das Schild am Automaten geschaut und fast den Kaffee fallengelassen: In der Erdbeermilch, so steht es da ganz deutlich, befinden sich 0.3% Fruchtsaft! NULL-KOMMA-DREI Prozent! Da hat man sich richtig ins Zeug gelegt!
Natürlich sehe ich sofort den Prozess vor meinem geistigen Auge: Der Lehrling mischt in einem Riesenzuber Wasser mit ein bisschen Milch (aus Fukushima vielleicht!?) zusammen und ruft dann den Chemiker aus seiner Raucherecke: “Zaubermeister, die letzte Ingredienz!”. Und da kommt er auch schon, mit der Pipette, und tropft Tropfen für Tropfen der Amaou®-Suppe in den Zuber. Schnell noch E120 (Karminrot, aus echten Kermes-Schildläusen™ versteht sich) dazu, und fertig ist die Erdbeermilch für die lieben Kleinen!
Mir wäre es lieber gewesen, wenn da “enthält keinen Fruchtsaft” gestanden hätte. 0.3%. Das sind ja sage und schreibe 3 Gramm auf einen Liter! Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Hersteller den Amaou®-Namen für lediglich 0.3% benutzen dürfen. Bestimmt ist da noch eine Extragebühr für das Benutzen des Warenzeichens geflossen. Aber was solls – wer ist schon so blöd und liest das Kleingedruckte!

Und die Moral von der Geschicht': Die Lebensmittelindustrie ist natürlich auch in Japan nicht ohne. Nur ist man hier noch viel weniger sensibilisiert als in Deutschland – den meisten Leuten ist egal, was da wirklich passiert. Und das ist wahrscheinlich auch besser so…

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Stadtfest / Taifun / Facebook

Juni 20th, 2012 | Tagged , | 8 Kommentare | 627 mal gelesen

In dem Alter wirft man wahrscheinlich leicht alle Bedenken ob der Kleidung über Bord....

Am Wochenende fand also mal wieder das Sanja-Matsuri (三社祭) statt: Das hiesige Fest der Stadt Urayasu, welches aufgrund des hohen Aufwandes nur ein Mal in vier Jahren stattfindet (den Bericht vom letzten Mal gibt es hier). Der Sonnabend war völlig verregnet, aber am Sonntag spielte das Wetter mit. Schnell also Töchterchen in entsprechende Festivalkleidung verpackt, damit sie auch mal den schweren 神輿 Mikoshi ziehen kann. Die Tradition als solche finde ich schön, aber beim Hinschauen wird mir (da kommt wohl der Manager in mir durch) jedes Mal anders: Vorne ziehen dutzende Kinder an Seilen mit Mühen den Schrein, und hinten stemmt sich ein alter Greis (meistens) gegen die Fahrtrichtung. Klar, damit es nicht zu schnell geht. Aber es sieht jedes mal seltsam aus: Die sich abrackernden Kinder, und hinten der Bremser.

Wie jedes Mal wurden cirka 100 Schreine gleichzeitig durch verschiedene Orte der Stadt getragen. Will heissen, überall ist irgendwas los, und das ist das schöne an diesem Festival: Es hat etwas Nachbarschaftliches, und die Kinder haben auch ihren Spass. Dieses Festival ist kein Touristenspektakel, es ist einfach nur eine Tradition. Ein Bekannter meinerseits, ein Engländer, machte auf Einladung bei der (Tor)tour mit. Drei Tage lang, von morgens bis abends, Schrein durch die Gegend tragen, hochwerfen, drehen – in den Pausen: Ungehemmter Alkoholfluss. Er sah am Tag 3 sehr, sehr kaputt aus. Ich hatte auch einmal das Vergnügen, das ist allerdings einige Jahre her, und es war kein Zuckerschlecken: Wer grösser als der Durchschnitt ist, hat beim Schreintragen ein kleines Problem: Entweder man steht aufrecht und trägt den tonnenschweren Schrein quasi allein (die Leute um einen herum sieht man dabei aufatmen), oder man läuft den ganzen Tag mit angewinkelten Knien. Man kann es sich aussuchen.

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Zum ersten Mal seit 2004 suchte bereits im Juni, mitten in der Regenzeit, ein Taifun Japan heim. Und er hatte es in sich, denn er überquert quasi die ganze Insel (Honshū) von Süden nach Norden. In Tokyo und anderortens legte der Taifun Nummer 4 den Verkehr zu grossen Teilen lahm. Immerhin: Tokyo traf er pünktlich kurz nach Feierabend. Die Heimfahrt war entsprechend wieder spannend: Fährt meine Bahnlinie noch!?. Sie fuhr. 30 Minuten nach Ankunft war dann Schluss. Regenschirm auf der Fahrt vom Bahnhof nach Hause? Absolut zwecklos. Aber wenigstens war der Regen warm.

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Soso, da klaubt man sich also irgendwie insgesamt rund 250 Facebook-Likes zusammen (für den Blog an sich, siehe rechts oben) – und plötzlich sind sie alle wieder weg! Nanu!? Wo sind die denn jetzt hin? Hat das was mit dem verkorksten Börsengang zu tun? Werde ich bestraft, weil ich keine Aktien gekauft habe? Wer weiss, wer weiss. Als Privatperson ist das halb so tragisch, aber bei einer Firmenwebseite sähe die Lage schon dramatischer aus, denn Facebook-Likes sind dieser Tage, ob man es mag oder nicht, sehr wichtig geworden.

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Wertvoll

Juni 15th, 2012 | Tagged , | 11 Kommentare | 783 mal gelesen

20120615-204652.jpgJeden Morgen fahre ich mit dem Fahrrad zum Bahnhof, und jeden Morgen fällt es mir ins Auge – gleich hinter der ersten Kreuzung, am Straßenrand einer kerzengeraden, über einen Kilometer langen Straße: Ein kleiner Korb vor einem Baum, direkt am Bordstein. Im Korb: Ein Strauß frischer Blumen. Ein Hund aus Keramik. Und eine Ultraman-Figur, vom Wetter gegerbt. Vor dem Korb liegt ein Stein, und auf dem Stein steht eine leere Flasche eines beliebten Kindergetränks.

Seit 2005 wohne ich in der Gegend, und seit 2005 kenne ich den kleinen Altar. Meine Frau lebt schon wesentlich länger da, und meint, das steht da schon immer. Man braucht nicht viel Phantasie, um den Zweck zu erahnen. Hier wurde ein kleines Kind, offensichtlich ein Junge um die sechs Jahre alt, totgefahren.

Ich fand die vielen Holzkreuze am Wegesrand brandenburgischer Alleen schon immer sehr bedrückend. Dieser kleine Altar ist noch bedrückender, und die Tatsache, dass auch nach Jahrzehnten dort immer frische Blumen stehen, macht den Anblick nicht leichter. Mit einem Blick weiß man, womit der Junge am liebsten spielte, was er gern trank und dass die Familie einen Hund hatte. Dieses Leben wurde offensichtlich abrupt beendet. Und das kleine Mahnmal sagt mir jeden Tag, was wirklich wichtig ist. Das Leben.

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Endlich amtlich bestätigt: Ich bin toll!

Juni 10th, 2012 | Tagged , | 13 Kommentare | 796 mal gelesen

Ich wusste es schon immer. Aber endlich habe ich die amtliche Bestätigung dafür bekommen. Und das ging so: Heute trieb es mich mal wieder zum Rathaus, da ich ein paar Dokumente für das Kindergeld abgeben musste. Wie immer war der Service einfach umwerfend. Kaum betrat ich das Großraumbüro, sprang eine junge Angestellte auf und rannte zu mir. Ich erklärte mein Anliegen, aber sie war nicht völlig sicher, was zu tun ist. Da sprang eine ältere Angestellte auf und erklärte, mir zu helfen. Plötzlich sagte sie: “Sie sind doch ******’s Mann, stimmt’s?”. Es stimmte. Gerüchteweise hatte ich schon gehört, dass eine ehemalige Nachbarin (das ist schon mehr als zehn Jahre her) manchmal im Rathaus aushilft. Sie erklärte mir kurz, welche Dokumente ich wo ausfüllen muss und was ich brauche und was nicht. Dann schrieb sie schnell ein paar Zeilen auf einen leeren Zettel und bat mich, das ihrer Frau zu geben. Auf dem Zettel stand: “Liebe ******, Ich bin Frau XYZ und  habe heute Ihren Antrag beantwortet. Da haben sie aber einen tollen Ehemann!” Na bitte, wusste ich’s doch! Der Zettel wird aufgehoben, und jedes Mal, wenn meine Frau das Gegenteil zu behaupten wagt, werde ich den Zettel hervorholen. Ausgestellt vom hiesigen Rathaus! Jaha, wer hat das schon!

So recht wohl war mir bei der Konversation nicht. “Ich sehe ganz gelegentlich ihre Frau in dem Supermarkt soundso, und sie sagte, dass sie ganz, ganz nett sind!” – “Hmmpfff…”. Oder: “Ihre Großeltern sagen, dass sie zwei ganz süsse Kinder haben” … “Tja, also…” So langsam glaube ich, diese Stadt (150,000 Einwohner) wird zu klein für mich. Fast alle Angestellten des nächsten Convenience Store kennen mich – persönlich oder über zwei, drei Ecken. Im Steakhaus kennt man mich (bzw. uns). In zwei, drei Bars kennt man mich (obwohl ich dort nur sehr, sehr selten bin – ehrlich!). Selbst im Zug bin ich nicht unbeobachtet. Gelegentlich bekommt meine Frau von Ehemännern ihrer Freundinnen brühwarm erzählt, was ich während der Zugfahrt gemacht habe. Die Welt ist klein. Und sie wird immer kleiner. Man gut, dass ich nicht paranoid bin!

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Zombieüberfall

Juni 5th, 2012 | Tagged , | 10 Kommentare | 931 mal gelesen

Zombies auf Balkonien

Eigentlich war es ein schöner Sonntag. Die Sonne strahlte, es war warm. Bis plötzlich etwas auf dem Balkon rumorte. Irgendwas klapperte, und machte dann seltsame, stöhnende Geräusche. Ein flüchtiger Blick Richtung Fenster: Zombies! Auch noch zwei davon! Meine Frau schaffte es geistesgegenwärtig, die Kamera zu holen und abzudrücken. Was wir auch taten – die Zombies liessen sich nicht verscheuchen. Erst kryogen behandelte Fruchtsäfte konnten uns schliesslich vor dem schlimmsten bewahren.

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