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Wenn Marketingleute Amok laufen

Mai 31st, 2012 | Tagged , | 17 Kommentare | 1198 mal gelesen

Markant: Asahi-Hauptquartier (Foto: Wikipedia, CC-Lizenz)

Ein Mal, nur ein Mal, möchte ich bei einer Sitzung der Marketingfuzzis von アサヒビール株式会社 Asahi Breweries Ltd. dabei sein. Die Leute müssen doch vor Lachen nicht in den Schlaf kommen! Das fängt schon beim Hauptquartier der Firma (bei Asakusa/Tokyo) an. Da hatte jemand den grandiosen Vorschlag, den Büroturm so zu gestalten, dass er wie ein Bierglas aussieht. Das ist durchaus sinnvoll. Jemand anderes hatte jedoch noch einen viel besseren Vorschlag: Warum baut man daneben nicht eine Halle, und bezahlt einen superteuren Stardesigner, nämlich den Franzosen Philippe Starck, um der Halle noch eins draufzusetzen? Ein goldenes Stück … Scheiße? Aber nicht doch, sieht man doch sofort, dass das eine goldene Flamme sein soll! Ist ja auch klar, Bier – goldene Flammme… hhmmm. Ein paar verwirrte Japaner (um nicht zu sagen fast alle) sagen aus irgendwelchen Gründen trotzdem うんこビル (unko biru – Kackhaufen-Gebäude) dazu. Kunstbanausen.

Mal was ganz neues: Frisches Dosenbier!

Aber das war nur der Prolog. Die Kampagnen sind es, die mich dort gern mal Mäuschen spielen lassen wollen. Seit geraumer Zeit läuft die 鮮度実感パック Sendo Jikkan Pakku – “Fühle die Frische”-Packung-Kampagne. Der Kern: Asahi verspricht, innerhalb von drei Tagen nach Abschluss des Brauprozesses die Dosen auszuliefern und in speziellen Packungen zu verkaufen. Spezielle Packung = die üblichen silbernen Aludosen im stinknormalen Sixpack. Dosenbier? Innerhalb von drei Tagen ausliefern? Alle Achtung, liebe Marketingherren! Ob die Plörre in Dosenform innerhalb von 12 Stunden oder zwei Wochen ausgeliefert wird, dürfte ziemlich Rille sein. Aber nein – man macht einen grossen Zirkus draus, mit unendlich vielen, nervenden Werbespots und einer Webseite, auf der grossartig mit Kalendar und allem pipapo bekanntgemacht wird, wann “die nächste frische Ware” erhältlich ist.
Was müssen sich die Marketingfuzzis dabei gedacht haben? “Mal sehen, ob uns die Leute den Mist abkaufen!” – “Na, aber hallo!”.

Für den ungeduldigen Alkoholgourmet: Dose mit extragrosser Öffnung

Heute sah ich im Zug Asahi’s jüngsten Streich. Schon der Kampagnenname ist göttlich: “Direct Shot”. Der Clou: Die Trinköffnung in der Dose ist grösser als üblich. Und zwar am grössten in der Welt! Joho! Soll ja nicht an der Dosenöffnung liegen, dass man nicht schnell genug betrunken wird! Und da der deutsche Volkssport Dosenstechen ja noch nicht Eingang in die japanische Alltagskultur gefunden hat, muss man es eben anders, und zwar kultivierter, angehen lassen! Und so kann man sich den nächsten Verkaufsknüller schon ausmalen: Asahi’s Zaubertrunk Strong Off (7%-iges, kalorienreduziertes Bier) mit extragrosser Dosenöffnung! Wie sonst soll Mann die permanent überfüllten Züge und die zahllosen Überstunden – und die Frauen ebenjene Männer – ohne bleibenden Schaden ertragen können? Asahi, übrigens der Marktführer in Sachen Bier in Japan, hilft gern!

Aber halt – haben die Marketingfuzzis nicht etwa doch gewonnen? Immerhin schreibe ich hier gerade einen längeren Blogeintrag über den Verein! Nun, nicht ganz. Ich muss hier mal anmerken, dass ich Asahi’s beliebtestes Produkt, genannt Asahi Super Dry, überhaupt nicht schätze. Ein absolut furchtbares Gebräu. Asahi weist immer wieder darauf hin, wie man das Bier geniessen soll: Richtig kalt, so bei 0 Grad, mit eisgekühlten Gläsern. Das wiederum ergibt durchaus einen Sinn, denn bei normaler Bier-Trinktemperatur dürfte Asahi erst richtig schlecht schmecken.

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Stärkeres Erdbeben mit Zentrum in Tokyo – wahrscheinlich ohne Schäden

Mai 29th, 2012 | Tagged , | 17 Kommentare | 1078 mal gelesen

Erdbeben um 1:39 morgens am 29. Mai 2012

Gerade hat die Erde kräftig gebebt – so kräftig wie schon seit vielen Wochen nicht mehr. Das Zentrum lag offensichtlich nur ein Kilometer von mir entfernt, in Tokyo oder Westchiba. Eine erste Übersicht der JMA zeigt Stärke 4 für Tokyo Zentrum, Yokohama, Kawasaki usw.

Das Beben war nicht stark genug, um nennenswerten Schaden anzurichten (solange die Informationen über das Epizentrum stimmen), aber es war sicher stark genug, um so ziemlich jeden wachzurütteln (eigentlich nicht als Kalauer gedacht). In diesem Sinne… gute Nacht!

 

 

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Tokyo Sky Tree eröffnet Pforten

Mai 24th, 2012 | Tagged , | 9 Kommentare | 890 mal gelesen

Tokyo Sky Tree im September 2011

Gestern, am 22. Mai 2012, wurde der 634 Meter hohe Tokyo Sky Tree offiziell eingeweiht – leider unter recht ungünstigen Bedingungen, denn es regnete den ganzen Tag in Strömen. Das bedeutet, dass die Glücklichen, die Monate im Voraus Eintrittskarten für die Besucherplattformen auf 350 m und 451 m ergattert hatten, so ziemlich gar nichts sahen. Nach der Eröffnung der Tokyo Gate Bridgewurde damit ein zweites neues Wahrzeichen von Tokyo innerhalb von gut drei Monaten eingeweiht. Die Feuertaufe hatten beide Wahrzeichen ja schon beim schweren Erdbeben am 11. März 2011 bestanden. Zwar waren beide Bauwerke noch nicht fertig, aber soweit bekannt, steckten die Konstruktionen das Erdbeben problemlos weg.

Tokyo Sky Tree – das ist nicht nur der Turm selbst, sondern auch ein grosser, angeschlossener Gebäudekomplex namens 東京スカイツリータウン Tokyo Sky Tree Town mit insgesamt 230,000m² Gebäudefläche. Dort untergebracht sind ein Einkaufszentrum, ein Planetarium und das すみだ水族館 Sumida-Aquarium. Letzteres bildet in einem Riesenaquarium die Unterwasserwelt der Ogasawara-(auch: Bonin genannt)Inseln nach und soll wohl recht eindrucksvoll sein – einen Vorgeschmack bietet der Nachrichtenausschnitt unten. Neben dem Komplex befindet sich auch gleich noch ein anderes, neues Einkaufszentrum, genannt 東京ソラマチ Tokyo Solamachi.

Vom Tokyo Sky Tree verspricht man sich einen belebenden Effekt auf die Wirtschaft der weiteren Umgebung, und das dürfte auch eintreffen, denn unzählige Japaner lieben den Turm bereits. Natürlich brachte der Turm auch ein paar Probleme mit sich, aber davon hört man – auch das ist typisch für Japan – wenig:

Die Turmbaustelle September 2009

- die Umgebung ist eine alte, traditionelle Wohngegend (eine typische 下町 – shitamachi – Unterstadt, und der Turm wird diese Gegend unsanft aus dem Schlaf reissen. Das stimmt. Sicher werden die Grundstückspreise in die Höhe schnellen (bzw. wird das bereits geschehen sein) und langzeitig viele Einwohner verdrängen.

- Schneeklumpen, die vom Turm fallen (600 m sorgen da für eine ordentliche Geschwindigkeit) sind ein Problem für die Umgebung, zumal hier oft starke Winde herrschen

- der Turm stört die momentan noch vom alten Tokyo Tower ausgehenden Funkwellen, was sich in einigen Gebieten nördlich von Tokyo bereits bemerkbar macht

Anbei noch ein paar Trivia zum Thema Tokyo Sky Tree. Man beachte vor allem die Geschwindigkeit: Von der ersten Idee bis zur kompletten Fertigstellung brauchte man keine 10 Jahre, was für ein Bauvorhaben dieser Grösse mehr als beachtlich ist.

  1. Die Idee zum Turm entstand 2003
  2. Das Gelände wurde 10 Monate später auserkoren und weitere 5 Monate später beschlossen
  3. Im März 2008 stand der Bauplan fest, im Juni wurde die UVP (Umweltverträglichkeitsprüfung) abgeschlossen
  4. Die Bauarbeiten begannen im Dezember 2008
  5. Der Turm ist unten dreieckig und oben rund
  6. Die obere Besucherplattform auf 451.2 m Höhe ist die zweithöchste der Welt (noch) – nach dem Weltfinanzzentrum in Shanghai
  7. Japaner können sich die Höhe gut merken, denn 634 kann man Mu-sa-shi (武蔵) lesen (der alte Name des Gebietes rund um Tokyo)
  8. Der Eintritt zur unteren Plattform auf 350 m kostet 2,500 Yen (rund 20 Euro)
  9. Der Eintritt zur oberen Plattform auf 450 m kostet zusätzlich noch mal 1,000 Yen (8 Euro)
  10. Vorerst kommt man nur mit Vorbestellung rauf. Bis Ende Juli ist der Turm bereits ausgebucht
  11. Ein findiger Chinese hat den Namen “Tokyo Sky Tree” in China urheberrechtlich schützen lassen, was für den Gesellschafter zum Problem wurde: Man musste nachträglich den chinesischen Namen “東京天空樹” (etwa: Tokyo Himmelsturm) in “東京晴空塔” (etwa: Tokyo klarer Himmel-Turm) umändern – das gilt auch für den Bahnhofsnamen

Fertiggestellter Turm - aus exakt 10 km Entfernung

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Sonnenfinsternis

Mai 21st, 2012 | Tagged | 7 Kommentare | 549 mal gelesen

Wie bereits hier angekündigt, gab es heute morgen um 7:30 eine Sonnenfinsternis in Tokyo. Keine totale, sondern eine ringförmige. Soll heissen, so richtig dunkel wurde es nicht, aber das Licht wurde seltsam diffus. Das Wetter spielte zumindest ein bisschen mit. Es war, zumindest bei uns, zwar leicht bewölkt, aber manchmal kam die Sonne, bzw. das, was davon noch sichtbar war, leicht durch.

 

Ringförmige Sonnenfinsternis am 21. Mai 2012 in Tokyo

Man muss fast sagen “gut, dass es nicht heiter war” – vor einer Woche hatte ich ein einziges Mal Sonnenfinsternisbrillen gesehen, danach nie wieder: Überall waren sie ausverkauft. Wäre es völlig heiter gewesen, hätte ich mich richtig ärgern müssen, keine Brille früher gekauft bzw. online bestellt zu haben…

 

 

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Neulich, im Kühlschrank

Mai 17th, 2012 | Tagged , | 5 Kommentare | 811 mal gelesen

Dick wie ein Unterarm: Oktopustentakel

Dank familiärer Beziehungen kam neulich wieder eine Ladung Tiefgekühltes ins Haus. Fischiges. Und ich bin immer wieder fasziniert, wie gross die Unterschiede sind zwischen Meeresgetier im Supermarkt und Meeresgetier direkt vom Produzenten: Die meisten Sachen sind einfach mal wesentlich grösser. Nun habe ich schon etliches gesehen, aber als ich neulich den Kühlschrank aufmachte und mich eine ganze Batterie mehr als daumengrosser Saugnäpfe anschaute, war ich etwas überrascht: Dieser Oktopus hatte verdammt dicke und lange Tektakel! Alle Achtung!

Wo wir beim Thema Essen sind: Neulich bin ich mal auf eine interessante Liste gestossen: Durchschnittliche Kalorienaufnahme pro Tag und Land, erstellt von der FAO. Nicht überraschend liegen die USA auf Platz 1 mit 3’770 Kalorien, gefolgt von Österreich (schau an!) mit 3’760 Kalorien. Deutschland (3,530 Kalorien) liegt auf Platz 12 und die Schweiz mit 3,420 Kalorien auf Platz 21. So weit, so gut. Allerdings war ich von Japan etwas überrascht: So weit hinten, auf Platz 82 (2,810 Kalorien) hätte ich es nicht erwartet. Jamaika, Iran, Mauretanien – alle vor Japan.

Nun könnte man einfwerfen: Die sind doch alle so dünn, ist doch kein Wunder! Sicher, aber das gleiche gilt für Chinesen (Rang 65). Wer aber die Liebe der Japaner zum Essen kennt, ist doch – angenehm – überrascht. Gottseidank lässt sich noch immer behaupten: Japaner lieben Essen. Und die Betonung liegt auf Qualität, nicht Quantität. Natürlich gibt es auch Ausnahmen.

Die Liste kann kann man in Excel-Format von der FAO (hier klicken) herunterladen.

Das Wort des Tages: タコ tako. Mit Schriftzeichen (eher selten): 蛸. Der Oktopus. Bitte nicht mit Tintenfisch (イカ ika) verwechseln!

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Nicht vergessen: Ringförmige Sonnenfinsternis in Tokyo am 21. Mai!

Mai 11th, 2012 | Tagged | 7 Kommentare | 825 mal gelesen

Eigentlich wollte ich das schon eher schreiben, aber besser spät als zu spät: Am 21. Mai wird es in Tokyo eine komplette (genauer gesagt: ringförmige) Sonnenfinsternis geben. Der Kernschatten zieht dabei auch nicht nahe Tokyo vorbei, sondern wirklich genau darüber – siehe Karte unten.
Da der Schatten von Südosten kommt, überquert er fast ganz Japan – die Kernzeiten sind wie folgt:

Kagoshima: 7:22:10
Kōchi: 7:26:46
Ōsaka: 7:29:52
Nagoya: 7:31:35
Shizuoka: 7:32:13
Tōkyō: 7:34:33
Mito: 7:36:22

Alle Zeiten am Morgen, versteht sich. Die ringförmige Sonnenfinsternis dauert dabei so um die 5 Minuten an, wenn man sich im Zentrum befindet. Übrigens überquert diese Sonnenfinsternis vorher auch Hongkong und Kanton und wird somit von sehr, sehr vielen Leuten gesehen werden. Das gute daran: Selbst wenn es bewölkt sein sollte, ist eine totale Sonnenfinsternis deutlich bemerkbar. Also, am 21. Mai früh aufstehen nicht vergessen!

Weg der Sonnenfinsternis am 21. Mai 2012

Mehr Informationen:
NASA (Englisch)
Wikipedia (Deutsch)
Sonderseite zur Finsternis auf Japanisch

Das Wort des Tages: 日蝕 (auch: 日食) nisshoku – wörtlich “Tag – erodieren/fressen”. Sonnenfinsternis.

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Das andere Tokyo: Mitake

Mai 11th, 2012 | Tagged , , | 2 Kommentare | 746 mal gelesen

Besuch aus der alten Heimat ist immer eine gute Gelegenheit, Dinge in Japan zu sehen, die man noch nicht gesehen hat. Klar, man sollte erstmal Orte zeigen, die man selber schon gut kennt. Ist der Besuch allerdings bereits zum vierten Mal zu Besuch, kann man gern auch etwas Neues erschliessen. Zum Beispiel die Kneipe im eigenen Haus. Seit knapp zwei Jahren lebe ich nun in meiner jetzigen Wohnung. Zusammen mit 10 anderen Mietparteien (was für ein seltsames Wort) und einer Kneipe im Erdgeschoß. In die ich es bis dato tatsächlich noch nicht geschafft hatte. Aber das nur am Rande.

Für zwei Tage ging es auch nach Tokyo. Und damit meine ich nicht DAS Tokyo, sondern das andere. Ausserhalb Japans ist kaum bekannt, dass zu Tokyo auch subtropische Inseln und über 2’000 Meter hohe Berge gehören. Anders gesagt, assoziieren viele mit Tokyo entweder das Stadtzentrum selbst ODER das gesamte Ballungsgebiet Tokyo, inklusive Teilen der benachbarten Präfektur Saitama, Chiba, Kanagawa, Gunma, Tochigi und Yamanashi. Ersteres nennt man umgangssprachlich die 23区 (nijūsan-ku, die 23 -ku genannten Stadtteile) und offiziell 東京都区部 (Tōkyō-to Kubu), letzteres 首都圏 Shutoken (Hauptstadtregion).

Standseilbahn zum Mitake-san

Verwaltungstechnisch gesehen gibt es übrigens Tokyo nicht. Tokyo – das ist eigentlich 東京都 Tōkyō-to. Das -to liest man auch miyako und das bedeutet “Hauptstadt”. Tokyo ist eine der 47都道府県 (TOdōfuken) – 47 Präfekturen, und nur Tokyo darf das -to im Namen tragen, auch wenn sich Ōsaka momentan bemüht, seinen Suffix -FU in ein -TO umzuwandeln. Die Verwirrung um Tokyo und Tokyo-to kann man gut in der Wikipedia sehen: Die Seite über Tokyo auf Japanisch geht eigentlich nur auf den Namen ein und darauf, wann und wie Tokyo verwaltungstechnisch einzuordnen ist. Es gibt nur wenige Links zu Artikel über Tokyo in anderen Sprachen – darunter zur deutschen Hauptseite über Tokyo (Status: Exzellenter Artikel), aber es gibt keinen Link zum englischen Artikel. Schaut man jedoch auf den Wiki-Artikel über Tokyo-to auf Japanisch, findet man unzählige Sprachversionen – darunter auch den Link zur Präfektur Tokyo auf Deutsch und den Link über Tokyo auf Englisch. Von Amts wegen müsste da mal jemand aufräumen. Wenn ich mal viel Zeit habe…

Blick von der Standseilbahnstation zum Dorf und zum Schrein. Hier blüht die Kirsche sogar noch Anfang Mai

Die meisten Besucher sehen von Tokyo nur die oben genannten 23 -ku und Takao im Südwesten – jenes gehört zur Stadt 八王子 Hachiōji. Aber es gibt noch viel mehr zu sehen, und nach und nach will ich selbst auch dieses andere Tokyo bereisen und beschreiben. So zum Beispiel 御岳山 Mitake-san im Nordwesten von Tokyo-to in der Stadt 青梅市 Ōme-shi (Wörtlich: “Grüne Pflaume”). Die Anreise ist bereits interessant: Vom Wolkenkratzermeer in Shinjuku fährt man mit einem normalen Schnellzug der Chūō-Linie eine gute Stunde bis Ōme. Von dort geht es mit der Ōme-Linie knapp 20 Minuten weiter bis zum Bahnhof 御嶽 Mitake. Die Berge beginnen bereits bei Ōme, und Mitake liegt bereits mitten in den Bergen an einem steilen Flusstal. Von dort geht es gute 10 Minuten weiter mit dem Bus bis zur Standseilbahnstation. Jene ist knapp 1 Kilometer lang und legt über 400 Höhenmeter zurück. Et voilà – und so schnell gelangt man vom Moloch Tokyo ins bergige, abgeschiedene Tokyo auf über 800 Meter Höhe. Hier ist es gleich mal im Schnitt 7 Grad kälter als “unten”.

Was soll man nun da oben? Oben gibt es ein kleines Dorf mit sehr, sehr engen Strassen, zahlreichen Herbergen (erfreulicherweise sind dies alles sehr kleine, meist traditionell japanische Herbergen und keine Bettenburgen). Die Strassen und die einzige Zufahrtsstrasse zum Ort sind so eng, dass nur Kei-Cars (Leichtautomobile) mit besonderer Zulassung hinauffahren dürfen. Rundumleuchten auf dem Dach scheinen dabei Pflicht zu sein. Das ist natürlich besonders selten in Japan: Ein Ort, durch den man relativ gelassen spazieren kann, ganz ohne Ampeln und ohne ständiger Sorge, mangels Bürgersteigen und Verkehrssicherheitsbewusstsein an der nächsten Strassenecke über den Haufen gefahren zu werden.

Ehrlich, das ist in Tokyo! Und kein Museum, nur ein Haus!

Mitake ist bedeutend aufgrund seiner Schreine. “Mitake” heisst wörtlich “verehrter Berg” und der Name deutet darauf hin, dass dies ein (meist shintōistisch) bedeutsamer religiöser Ort ist. In diesem Fall ist dies der 武蔵御嶽神社 (Musashi-Mitake-Schrein)auf dem Gipfel des 929 Meter hohen Mitake. Der Grundstein wurde der Legende zufolge bereits 91 vor Christus gelegt, aber diese Angaben sind mit Vorsicht zu geniessen. Der Aufgang zum Schrein ist recht bombastisch, mit massiven Granittreppen, aber der Schrein selbst ist erstaunlich klein – und fein. Majestätische 檜 (hinoki – eine Scheinzypressenart) umsäumen den Schrein und sind auch sonst recht verbreitet.

Im Musashi-Mitake-Schrein. Ganz mit ohne Leute!

Vom Mitake-san selbst gehen zahlreiche Wanderwege ab – diese führen durch dichte Wälder an steilen Hängen entlang, mit Wasserfällen hier und da. Es ist auch für alle was dabei – Wanderwege für Waldspaziergänge bis hin zu langen, anspruchsvollen Routen, die teilweise zu ein paar Tausendern in der Gegend führen. Bei gutem Wetter hat man von der Gegend sogar einen richtig guten Blick auf Tokyo. Das ist tagsüber natürlich schön – aber nachts noch viel eindrucksvoller. Allerdings muss man sich schon im Winter nach Miyake-san bewegen, ansonsten stehen die Chancen für klare Sicht relativ schlecht.

Wasserfall am Mitake-san

Fazit: Takao ist quasi ein Pflichtabstecher von Tokyo aus, aber wer noch einen Tag übrig hat oder in Japan wohnt, dem sei ein Abstecher nach Miyake-san wärmstens empfohlen. Übernachtet haben wir übrigens in einer japanischen Herberge namens 能保利 Nobori. Kaum hatten wir unser Gepäck im Zimmer abgestellt, kamen die beiden kleinen Kinder (5 Jahre und 6? 7? Jahre). Durch die Reservierung wussten die Kinder scheinbar, dass ich eine 5-jährige Tochter dabei hatte. Die ging nur allzu gerne mit – und tobte fortan mit den beiden Kindern der Betreiber durch das ganze Haus. Das Essen dort war auch ganz vorzüglich. Bei traditionellen Herbergen bei Schreinen und Tempeln gibt es meistens vegetarisches Essen – hier gab es jedoch auch Fisch (Bachsaibling – eher eine Seltenheit in Japan, da kein Meeresfisch) und Muscheln. Die meisten der geschätzten 15 bis 20 Leckerbissen waren jedoch vegetarisch, und ausnahmslos köstlich.

Der Tisch ist gut gedeckt – und das ist noch nicht mal die Hälfte

So, das war es zum Thema. In Bälde wird es dann eine Extra-Seite in meiner Tokyo-Sektion geben. Wer mehr Ausflugstipps im westlichen Teil der Präfektur Tokyo hat – immer her damit!

Unterhaltungsshow beim Abendessen: Fernseher braucht man nicht

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Wirbelstürme verwüsten Ortschaften bei Tokyo

Mai 6th, 2012 | Tagged , | 3 Kommentare | 656 mal gelesen

Sieht irgendwie bedrohlich aus: Sturmfront über Tokyo

Ja, es müssen nicht immer Erdbeben sein. Man kann auch anders: Heute verwüsteten mehrere ausgewachsene Tornado bewohnte Gebiete in den Präfekturen Ibaraki und Tochigi. Mindestens drei Tornados wurden gezählt – darunter in 真岡市 Mōka-shi (-shi = Stadt) rund 100 km nördlich von Tokyo und in つくば市 Tsukuba-shirund 50 km nördlich von Tokyo. Besonders in Tsukuba waren die Schäden verheerend, da der Tornado direkt durch ein Wohngebiet fegte. Über 50 Menschen wurden teils schwer verletzt, ein 14-jähriger kam ums Leben, als der Sturm sein Haus samt Betonfundament (!) aus der Verankerung riss und ein paar Meter daneben verkehrt herum fallen liess. Des weiteren gab es in anderen Präfekturen Hagelschäden und auf Hokkaido weitflächige Stromausfälle. Eine Bewohnerin filmte den Wirbelsturm aus der Nähe, und man kann ihr nur Respekt zollen für ihren Mut. Nun ja, eigentlich handelte es sich dabei eher um Naivität, denn an ihrer Stelle wäre ich mit Sicherheit geflüchtet:

Wirbelstürme kamen in Japan schon immer vor (auch in Deutschland – wenn auch in beiden Ländern eher selten), aber die heutige Wetterlage war schon aussergewöhnlich. Eine lange, aber schmale Regenfront fegte heute über das Land und schob bereits Stunden vor dem Erscheinen einen kräftigen Sturm vor sich her. Das sah von uns aus gesehen so aus wie auf dem Bild oben rechts. Die Wand und die Blitze am Horizont sahen so beeindruckend aus, dass ich sofort Töchterchen vom Roller riss, sie auf mein Fahrrad setzte (zwischen Lenker und Sattel, auf der Querstange – sowas sieht man in Japan interessanterweise überhaupt nicht) und nach Hause radelte. Wenig später flogen bei uns die Fahrräder nur so durch die Gegend.

Wie so oft ist natürlich die Ruhe und die klare Luft nach dem Sturm erfrischend – so zeigte sich heute abend der nagelneue Tokyo Sky Tree in beachtlicher Klarheit (der Turm ist genau 10 km von uns entfernt).

Tokyo Sky Tree in der Abenddämmerung

Hier mal wieder zum ersten Mal seit langem das Wort des Tages: 竜巻 tatsumaki – der Wirbelsturm. Setzt sich aus 竜 tatsu = “Drachen” (das alte Zeichen dafür wird auch noch häufig benutzt: 龍) und 巻く maku = “drehen, wirbeln” zusammen.

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