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3 mal einen fallen lassen

März 30th, 2012 | Tagged , | 4 Kommentare | 654 mal gelesen

Heute wurde innerhalb eines Tages an 3 Menschen die Todesstrafe vollstreckt – jeweils ein Gefangener wurde in Tōkyō, Hiroshima und Fukuoka erhängt. Ich hatte schon mehrfach über die Todesstrafe geschrieben (zum Beispiel hier), aber trotzdem einfach mal nur ein paar Zahlen:

0   - Anzahl der Hinrichtungen im Jahr 2011
1   - Anzahl der Insassen einer Zelle im Todestrakt
3   - Anzahl der Hinrichtungen heute
3   - Anzahl der Henker - es gibt drei Knöpfe. 
	Wer den richtigen Knopf gedrückt hat, um die Fallklappe 
	zu öffnen, weiß somit keiner der drei
4   - Anzahl der Justizminister vor dem jetzigen Justizminister,
	die keine Todesstrafe vollstrecken liessen
6   - Anzahl der Monate, die laut Gesetz eigentlich 
	zwischen Verurteilung und Vollstreckung liegen dürfen
7   - Anzahl der Gefängnisse mit Einrichtungen zur 
	Vollstreckung der Todesstrafe (diese befinden sich in Sapporo, 
	Sendai, Tokyo, Nagoya, Ōsaka, Hiroshima und Fukuoka)
15  - Anzahl der Straftaten, auf die die Todesstrafe verhängt werden kann
	(dabei: Hochverrat (内乱罪) und Landesverrat (外患罪), 
	doch bisher gab es keinen Fall einer Verurteilung 
	aufgrund dieser Straftaten
15  - Anzahl der Hinrichtungen im Jahr 2008
24  - Stunden: Zeit die zwischen Unterschreibung des Todesurteils 
	durch den Justizminister bis zur Vollstreckung liegen dürfen. 
	Mehr Zeit hat der Häftling auch nicht zwischen
	Bekanntgabe der Vollstreckung und der Vollstreckung selbst
74  - Jahre - Alter des ältesten bisher hingerichteten Insassen
90  - Anzahl der Monate im Schnitt, die zwischen Verurteilung 
	und Verhängung liegen
91  - Anzahl der Hingerichteten seit 1993, also innerhalb der letzten 20 Jahre
132 - Anzahl der Todestraktinsassen
141 - Anzahl der Länder, die die Todesstrafe abgeschafft haben
338 - Jahre, in denen Japan ohne Todesstrafe auskam (von 818 bis 1156 u.Z.)

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, gibt es in Japan einen breiten gesellschaftlichen Konsens für die Todesstrafe. Nur wenige Länder scheinen weiter von der Abschaffung entfernt zu sein als Japan. Bei besonders schweren Straftaten hört man deshalb nahezu immer von Angehörigen der Opfer, dass sie sich auf jeden Fall die Todesstrafe für den Täter wünschen.

Heute wurde unter anderem der Täter des 下関通り魔事件 (Shimonoseki-Massakers) hingerichtet. Jener raste 1999 mit einem Auto in den Bahnhof von Shimonoseki, überfuhr ein paar Menschen und stach danach mit dem Messer um sich. 5 Menschen starben damals. Der Begriff 通り魔 (tōrima) in dem obigen Wort verdient dabei etwas mehr Beachtung: Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort “vorbeiziehender Teufel” und wird für Personen benutzt, die willkürlich umstehenden (soll heissen, ihnen unbekannten) Menschen Schaden zufügen. Vorfälle dieser Art gibt es immer wieder in Japan – vor allem mit Messerstechern, da es kaum Schußwaffen gibt. Siehe auch Tōrima – Amoklauf in Akihabara.

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Vegetarier / Katzenjammer / Startrek

März 26th, 2012 | Tagged , , | 13 Kommentare | 1045 mal gelesen

Heute gibt es mal ein buntes Potpourri zur Abwechslung: Ein Stück Video, ein Stück Audio und ein Stück Photo. Nicht, dass wir hier noch zu textlastig werden. Fangen wir mal mit dem Photo an – mit versteckter Kamera aufgenommen und zu schön, um es nicht zu zeigen.

"Veggie" auf Japanisch

Neulich war ich mal wieder bei Firma X zu einem Meeting. Im Erdgeschoss des Wolkenkratzers gibt es ein Café – ein “Tully’s” – das japanische Pendant zu Starbucks. Da ich noch etwas Zeit und bis dato keine Gelegenheit zum Mittag essen hatte, liess ich mich dort nieder und schaute, was es essbares gibt. Nun, es gab “Veggie Pizza”. Nun bedeutet ja “Veggie” eigentlich “vegetarisch” (gelegentlich auch “vegetable”). Da das Wort neu ist, steht es natürlich nirgendwo fest definiert, aber unter “Veggie” versteht man nunmal Vegetarisch. Nicht in Japan: Ich konnte bei der Veggie-Pizza wählen zwischen Tomate+Schinken oder Chicken Gratin. Nun bin ich kein Vegetarier, aber Vegetarier sollten gewarnt sein: Zwar gibt es sehr viele vegetarische Gerichte in Japan, aber für voll nimmt man hier Vegetarier ganz bestimmt nicht.

———————-

Ein Audio: Tja, da lebt man also in einer gewaltigen Metropole mit geschätzten 30 Millionen Einwohnern. Einer gewaltigen Großstadt. Aber das ist den Katzen egal. Diese Aufnahme habe ich vorgestern nachts um 3 Uhr gemacht. Hinweis: Ab ca. der Hälfte wird es richtig laut. Und wer gut hinhört, hört in der zweiten Hälfte auch einen fluchenden, genervten Anwohner. Ach ja: Gegenüber von uns wohnt ein Fischhändler. Kein Wunder, dass die Katzen sich da wohl fühlen.———————-

Zu guter letzt ein Video – aufgenommen heute morgen auf dem Shinkansenbahnsteig in Tokyo, bevor ich mich auf den Weg nach Sendai machte. Über diesen neuen Typ Getränkeautomat hatte ich hier schon einmal geschrieben, aber heute konnte ich zufällig zuschauen, wie der Automat bestückt wird. Sieht ein bisschen wie Raumschiff Enterprise aus. Original-Audio habe ich entfernt, da es schlicht zu laut war. Die Hintergrundmusik war ein Vorschlag von YouTube und entspricht nicht meinem Geschmack, also einfach ignorieren.

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Erdwärme aus Nationalparks?

März 23rd, 2012 | Tagged , , | 8 Kommentare | 587 mal gelesen

Bekanntermassen hat Japan ja seit der Dreifach-Katastrophe vom 11. März 2011 ein paar Energiesorgen mehr: Vor dem Ereignis deckte man ein gutes Drittel des Strombedarfs aus der Kernenergie und einen noch grösseren Anteil aus fossilen Brennstoffen. Doch nun stehen 51 der insgesamt 54 Reaktoren still, und der ursprüngliche Plan, den Anteil der Kernenergie noch weiter zu erhöhen, wird man nicht mehr ohne weiteres durchführen können (hoffen zumindest viele). Einen Ausgleich versuchte man nach Fukushima dadurch zu schaffen, alte Gas-, Öl- und Kohlekraftwerke zu reaktivieren bzw. alles, was in Reserve gehalten wurde, permanent zu betreiben. Thailand lieh Japan sogar ein komplettes Kraftwerk damals, um bei der Energieversorgung auszuhelfen.

Japan hat freilich das Problem, alle seine Energie vorerst selbst erzeugen zu müssen. Mal eben eine Leitung von Südkorea oder Taiwan zu legen geht natürlich nicht, und man kann ja noch nicht einmal Strom von Westjapan nach Ostjapan leiten. Das macht Japan natürlich momentan extrem abhängig von fossilen Energieträgern, und schaut man sich die Lage in und um Iran an, kann einem nur Böses schwanen, denn 10% des importierten Erdöls stammen von dort.

Geothermie in Japan: Bisher nur durch komplizierte Schrägbohrungen möglich (Quelle: Daily Yomiuri / Yahoo Japan)

Da hilft wohl nur der Ausbau erneuerbarer Energieformen – Greenpeace hatte ja bereits im September 2011 einen 43%igen Anteil bis 2020 vorgeschlagen. Seit jeher ist da vor allem Erdwärme ein im wahren Sinne des Wortes heisser Kandidat, denn davon hat man in Japan wahrhaftig genug, und Island macht vor vor, wie man davon leben kann (nun gut, die haben auch nur 1/400 der Einwohner Japans).

Am einfachsten sind Wärmekraftwerke in der Nähe aktiver Vulkane zu errichten – schliesslich liegen dort die Magmakammern näher an der Erdoberfläche als anderswo. Dumm ist nur, dass die meisten Vulkane in Japan von Nationalparks umgeben sind. Und dort darf bekanntlich kein Kraftwerk errichtet werden. Bisher jedenfalls nicht. Das Umweltministerium gab gestern bekannt, dass es diese Regelung kippen möchte – und den Bau von Erdwärmekraftwerken in Nationalparks und Quasi-Nationalparks fortan genehmigt. Natürlich nur nach einer Umweltverträglichkeitsprüfung mit positivem Bescheid.

Man darf gespannt sein, ob das Auswirkungen haben wird. Momentan werden nur zur 540 Megawatt in Japan durch Erdwärme produziert. Die meisten Kraftwerke befinden sich dabei auf Kyūshū und in Tōhoku (Nordost-Honshū). Stefansson schätzte in seinem Bericht 2005 (World Geothermal Assessment – leider scheint Stanford Univ. das PDF vom Server genommen zu haben, aber ich hatte den Bericht damals schon einmal gelesen), dass man in Japan dauerhaft rund 20 Gigawatt produzieren könnte. In Japan ist man etwas vorsichtiger und schätzt, dass rund 5’200 Megawatt wirtschaftlich sinnvoll sind (Schätzung laut Bericht des Umweltministeriums zu regenerativen Energien 2011, siehe hier). Ein Vergleich ist allerdings ernüchternd: Die Gesamtleistung der sieben Reaktoren im AKW Kashiwazaki (柏崎, Präfektur Niigata) liegt bei 8’200 Megawatt. Geothermalenergie ist in Japan von daher auf Dauer kein Ersatz – sehr wohl aber eine ausbaufähige Energieform in bestimmten Gebieten des Landes: Etliche Kommunen könnten damit ihren eigenen Strom produzieren, ohne über weite Entfernungen Strom übertragen zu müssen.

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Antiatomkraftbewegung in Japan – Demonstration auf Japanisch

März 19th, 2012 | Tagged , | 11 Kommentare | 711 mal gelesen

Am 21. März 2011 – die Lage in Fukushima wurde im sprichwörtlichen Sinne immer explosiver, habe ich folgenden Gedanken in diesem Artikel niedergeschrieben:

Wer denkt, dass sich in Japan jetzt Antiatomkraftgegner finden und sammeln werden, dem sei hier schon vorweg gesagt: Nein. So tickt das Land nicht.

Und doch wurde seitdem vor allem in deutschen Medien von Antikernkraftgegnern in Japan berichtet und Bilder von Demonstrationen selbiger gezeigt. Nun – heute wurde ich zufällig selber Zeuge einer solchen Demonstration, und zwar in meinem Wohnort. Meine Stadt hat über 160,000 Einwohner, und ich lebe hier seit nunmehr 7 Jahren. Eigentlich bin ich recht gut informiert über das, was in dieser Stadt passiert – doch von einer politisch motivierten Demonstration habe ich bis heute noch nie etwas gehört geschweige denn gesehen.

Und so sah die Demonstration aus:

Teilgenommen haben ca. 30 Leute und mindestens genauso viele Polizisten begleiteten die Aktion (falls sich jemand wundert, warum mir die Leute im Video zuwinken – sie winken nicht mir zu, sondern meiner Tochter, die hinter mir auf dem Fahrrad saß). Aber der mitgereiste MC sorgte für genug Lärm. Er war ziemlich gut, tat mir aber etwas leid, da keiner so richtig Stimmung machen wollte. An dieser Stelle hätte ich einiges dafür gegeben, zu erfahren, wie viele der Teilnehmer wirklich aus meiner Stadt kommen. Aber es spielt eigentlich keine grosse Rolle.

Zumindest der MC stammt sicherlich von der Shōnan-Fraktion. Das ist kein offizieller Begriff, sondern eine Bezeichnung, die sich irgendwann in meinem Kopf gebildet hat. Shōnan ist die Gegend westlich von Kamakura und geprägt von langen Stränden, sehr vielen Strandhütten nach amerikanischem Vorbild, Surfern – coolen Leute (nicht abwertend gemeint), die hier im eingeengten Japan versuchen, ihren eigenen Lebensstil zu finden und zu leben. Dazu gehört natürlich auch die passende Musik. Und wie es scheint seit kurzem auch eine politische Meinung.

Wovon wurde ich da am Strassenrand Zeuge? Vom Beginn einer neuen Art des Bürgerbewusstseins in Japan? Vom Beginn einer Graswurzelbewegung mit breiter werdendem Konsens in der Gesellschaft, die es bald schafft, die Kernenergie aus Japan zu verdrängen (gute Argumente gibt es ja nun mehr als je zuvor)? Wird man sich auch bald mit der Polizei prügeln, wenn irgendwo ein neuer Bahnhof gebaut wird?

Ich mag es noch immer nicht glauben. Protest gegen die Kernkraft gibt es im steigenden Masse, aber der findet eher woanders statt (zum Beispiel in Rathäusern). Demonstrationen dieser Art mögen zunehmen, aber sie passen nachwievor nicht in das japanische Schema. Aber das sich eine Organisation bis in unsere Stadt verirrt und sich dort die Mühe macht, eine Demonstration anzumelden und genehmigt zu bekommen, ist schon bemerkenswert. Ich hätte nichts dagegen, wenn ich mich mit der obigen Prophezeiung geirrt habe. Aber ich werde mich hüten, japanischen Freunden und Bekannten hier etwas aufzuschwatzen.

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Neue Seiten / Sonstiges und dies und das

März 16th, 2012 | Tagged , | 7 Kommentare | 769 mal gelesen

So richtig will es nicht Frühling werden hier – die Pflaumenblüte kam einen Monat später als sonst, und man darf gespannt sein, wann die Kirschblüte einsetzt. Aber das macht nichts. Man(n) weiss sich schon, zu beschäftigen.

Aber eins nach dem anderen. Eigentlich hatte ich noch den dritten Teil über meine letzte Tour nach Nordjapan versprochen – nach Teil 1 und Teil 2. Da diese Berichte jedoch schon eine Weile zurückliegen und ich sowieso jeweils Seiten zu den besuchten Orten mache, werde ich wohl Teil 3 schuldig bleiben. Das macht wahrscheinlich nichts – interessanterweise zählen Reiseberichte auf diesem Blog zu den weniger populären Artikeln. Hier der Vollständigkeit aber die neuen Seiten zu der Tour:

Morioka – 盛岡
Miyako – 宮古
Kamaishi – 釜石
Tōno – 遠野
Hiraizumi – 平泉

Bei neuen Seiten stelle ich jeweils zwei Varianten der Photos auf die Seite: eine kleine und eine grosse Version (die man sieht, wenn man auf das kleine Photo klickt). Dieses “Anklicken, um zu vergrössern” ist ja mittlerweilen so geläufig, dass ich mich manchmal schon selbst ertappt habe, ganz enttäuscht zu sein, wenn ich ein Bild auf einer meiner Japan-Seiten anklicke und nichts geschieht. Will heissen, ich werde nicht drum herumkommen, alte Seiten nachzurüsten (und dazu erstmal die Originalphotos zu suchen).

Vorschau auf die japanische Seite

Nebenher bin ich seit einer Weile auch dabei, meine japanischen Seiten zu überarbeiten. Aber das wird noch eine ganze Weile dauern, denn das sind über 140 Seiten, die alle auch noch irgendwie überarbeitet werden wollen. Deshalb gibt es hier nur eine Vorschau (siehe rechts).
Ach ja, und da sind ja auch noch all die alten Blogartikel, die ich endlich mal mit Tags versehen möchte. Über 300, also rund die Hälfte, habe ich schon geschafft, aber es gibt noch etliches zu tun.

Bei jüngeren Artikeln wurde mehrere Male in Kommentaren eine Arte-Dokumentation zum ersten Jahrestag des Erdbebens/Tsunamis/Super-Gaus erwähnt. Auf diese Dokumentation möchte ich nicht weiter eingehen. AndreasK hat in seinem ausführlichen Kommentar hier schon etwas darüber gesagt, und ich habe meinen Senf auch schon in einem Kommentar hier darüber zugegeben. Die Doku ist es nicht weiter wert, diskutiert zu werden.

Arte kann sich bei den Kollegen von 3sat eine ordentliche Scheibe abschneiden – deren Dokumentation verdient schon eher den Namen Dokumentation: Unaufgeregt, ohne halbseidene Experten und offensichtlich gut recherchiert. Und: Sehr gut übersetzt.

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1 Jahr 3/11: Retrospektive

März 12th, 2012 | Tagged | 10 Kommentare | 1506 mal gelesen

Vor genau einem Jahr, gegen 15:30 und nach zwei schweren Erdbeben innerhalb einer halben Stunde, schrieb ich folgenden Satz in den diesen Blog:

Übersicht über Schäden liegen noch nicht vor, aber dies wird ein schwarzer Tag für Japan werden.

Leider sollte ich mit diesem Satz mehr Recht haben, als mir lieb ist. Zu dem Zeitpunkt traf die erste Tsunami-Welle auf das Festland, aber das sollte ich bis abends an jenem Tag nicht erfahren. Dass wenig später auch noch mehrere Blöcke eines AKW abrauchen, hatte ich auch noch nicht geahnt. Nein, dieser Tag wird sich ins Gedächtnis einbrennen, denn es änderte das Leben vieler Millionen Menschen hier, und es änderte auch mein Leben.

Heute um 14:46, genau 1 Jahr nach der Katastrophe, versank Japan in eine Schweigeminute. Die wurde auf Bahnhöfen, in Einkaufszentren, über die städtischen Lautsprecheranlagen usw. ausgerufen: 黙祷! (mokutō) – ein stilles Gebet! Alle hielten inne. Nun ja, bis auf die Kinder natürlich.

Natürlich gibt es zum Jahrestag unendlich viele neue Artikel in den Medien, und unzählige neue Dokumentationen. Ich werde neue Dokus, so es meine Zeit erlaubt, sichten – und empfehlen, wenn ich etwas für empfehlenswert halte.

Demnächst werde ich auch wieder einen Beitrag der “Save Minamisōma”-Initiative widmen, denn es gibt ein paar Leute, denen ich hier ganz offiziell danken möchte.

Ich danke an dieser Stelle nochmals allen Lesern, die mir in dem vergangenen Jahr die Treue gehalten und diesen Blog als hoffentlich halbwegs brauchbare, wenn auch subjektive Informationsquelle angesehen haben.

Am Freitag wurde ich von einem Radiosender interviewt – dem gleichen Sender hatte ich vor gut einem Jahr bereits ein Interview gegeben. Eine Frage überraschte mich: “Verging das Jahr eigentlich schnell, oder langsam?”. Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich eher langsam. Eins weiss ich jedenfalls: Zum ersten Mal in meinem Leben war ich zu Neujahr froh, dass das alte Jahr endlich vorbei war.

Anbei noch eine Zusammenfassung der Artikel zum Thema – für alle, die noch nicht so lange dabei sind, und für diejenigen, die noch einmal nachvollziehen wollen, was geschah.

Chronologie der Ereignisse:
—————————
Eilmeldung: Mittelschweres Erdbeben in Tokyo (11. März 2011, 14:52)
Eilmeldung: Sehr schweres Erdbeben im Norden Japans (11. März 2011, 15:30)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update (12. März 2011, 01:00)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update II: Kernschmelze im AKW – oder? (13. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update III: Planmässige Stromausfälle usw. (14. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update IV: Kurzzeitige Evakuierung (14. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update V: Langzeitige Evakuierung (15. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update VI: Nachbeben/Medien (15. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update VII: Augen zu und durch (16. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update VIII (17. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update IX (19. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update X (21. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update XI (23. März 2011)
Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update XII (25. März 2011)
Wenn der Untergrund flüssig wird (27. März 2011)
Tōhoku-Pazifik-Erdbeben: Update XIII (29. März 2011)
Tōhoku-Pazifik-Erdbeben: Update XIV (1. April 2011)
Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XV (4. April 2011)
Eilmeldung: Schweres Nachbeben bei Sendai (7. April 2011)
Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVI (12. April 2011)
Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVII (19. April 2011)
Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVIII (19. Mai 2011)
Schleichende Angst (4. Juni 2011)

Vor Ort-Berichte
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Rettet Minami-Sōma
Minami-Sōma – im Katastrophengebiet Teil 1
Minami-Sōma – im Katastrophengebiet Teil 2
Notizen aus dem Norden: Miyako
Die Küste von Iwate 9 Monate danach – eine Momentaufnahme: Teil 1
Iwate 9 Monate nach dem Tsunami: Teil II

Andere, mit dem Thema verwandte Einträge:
—————————
Town Hall Meeting der deutschen Botschaft: Denn man tau! (28. April 2011)
Von Illuminati und der grossen Tsunamilüge (15. Juni 2011)
Kühe mit zwei Köppen / Urlaubssorgen / Dies und das (15. Juli 2011)
Ist Japan sicher? (20. Juli 2011)
Anschauen, essen, fühlen! Katastrophentourismus 2011 (2. September 2011)
Gut gemachte Doku: 155 Tage nach dem Erdbeben (8. September 2011)
Ist Tokyo nun verstrahlt? Oder nicht? Eine Bestandsanalyse (17. Oktober 2011)
Geigergezähltes: Strahlungswerte selbst gemessen (10. Januar 2012)
70%-Chance für ein Hauptstadtbeben in den nächsten vier Jahren? (24. Januar 2012)
Warum trifft Journalismus über Japan nachwievor nicht den Punkt? (23. Februar 2012)

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Die Qual mit den Namen

März 7th, 2012 | Tagged , | 37 Kommentare | 1738 mal gelesen

Neulich hatten wir auf unserer Webseite eine kleine Leserumfrage, bei denen wir unsere japanischen Leser fragten, welche Reihenfolge sie bevorzugen, wenn sie sich auf Englisch vorstellen. Logischerweise gab es zwei Möglichkeiten:

1) Vorname Nachname, also “I am Akiko Yamada”

oder

2) Nachname Vorname, also “I am Yamada Akiko”

Bei gut 1,700 Antworten siegte schliesslich Variante 1 mit 50%, gefolgt von Variante 2 mit 12% (den restlichen Lesern war es egal… oder sie haben die Frage nicht verstanden).

Die Sache hat natürlich einen ernsten Hintergrund. Das Bildungsministerium hatte nämlich vor einer Weile beschlossen, in englischen Lehrbüchern Variante 2 zu benutzen. Das sorgte für Diskussionen hier und dort, und so auch unter unseren Lesern. Beide Seiten haben gute Argumente:

“Auf Englisch klingt es natürlicher, sich mit dem Vornamen zuerst vorzustellen” oder “nur mit dem Vornamen zuerst kann man Verwirrung und Mißverständnissen vorbeugen” meinten da die Befürworter der ersten Variante. Verfechter der Variante 2 spürten zum Teil gleich wieder ihr Heimatland in Gefahr: “In Korea nennt man auch den Nachnamen zuerst, und in China auch. Nur Japan muss mal wieder nach der westlichen Pfeife tanzen!”. Da ist was dran: Sowohl im Englischen als auch im Deutschen hat jeder schon von Kim Jong-Il, Mao Zedong und Chiang Kai-shek gehört, wohl aber weniger von “Zedong Mao, Jong-Il Kim oder Kai-shek Chiang”.

Da steht Japan also wieder da mit seiner Extrasuppe: Die meisten benutzen entgegen ihrer Muttersprache den Vornamen zuerst und dann den Nachnamen, und andere – darunter die Schuloberen – bevorzugen die japanische Reihenfolge.

Das lässt einen Ausländer natürlich auch ins Schwitzen kommen. Wie stelle ich mich vor? Vornamen zuerst? Oder nicht? Zumindest im Schriftverkehr hat sich da das folgende mehr oder weniger eingebürgert:

Japanischer Name: 田中明子 oder 田中明子 Tanaka Akiko (Nachname, evtl. ein Leerzeichen, Vorname)
Ausländischer Name: ライヒ マティアス oder マティアス・ライヒ (Nachname – Leerzeichen – Vorname ODER Vorname – Hochpunkt (japanisch: nakaguro) – Nachname.

Mit deutschen bzw. nicht englisch klingenden Namen hat man freilich ganz verloren: In dem Fall wissen viele (nicht nur Japaner) gar nicht so recht, was nun Vor- und was Nachname ist. Und so erhalte ich recht häufig Emails, in denen ich mit “Dear Reich” oder “Dear Mr Matthias” angesprochen werde. Man gewöhnt sich daran.

Die Tatsache, dass auch Japaner immer häufiger zu ausgefallenen Namen greifen, macht die Sache für Ausländer auch nicht unbedingt einfacher. Vor gut 10 Jahren endeten 90% aller Frauennamen noch auf -ko oder -mi – heute ist die Vielfalt schon grösser. Wobei dazu gesagt werden sollte, dass man, so lange man halbwegs Japanisch beherrscht, nachwievor eigentlich keine Probleme damit hat, Vor- und Nachnamen auseinanderzuhalten.

Welche Variante ich bevorzuge? Ich tendiere zu 1), denn diese Reihenfolge wurde bisher gelehrt, und die meisten Japaner sind damit vertraut. Warum soll man das nun ändern? Nationalistische Gründe kann man da wohl kaum gelten lassen.

Wenn ich das so schreibe, frage ich mich zwangsläufig, welche Japaner eigentlich im deutschen Sprachraum mit Vor- und Zunamen bekannt sind. Sicher, bekannt sind einige Japaner – aber mit beiden Namen? Wie heisst Pikachū eigentlich mit Nachnamen?

Mehr Lesestoff:
• Artikel + Diskussion zum Thema auf Japan Probe
Mehr über kuriose Namen in Japan auf diesen Seiten

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Kugelfisch vs. demographischer Übergang

März 3rd, 2012 | Tagged , , | 6 Kommentare | 1171 mal gelesen

Bekannterweise leidet Japan seit geraumer Zeit an Bevölkerungsschwund mit einhergehender Überalterung der Bevölkerung. Steht ja quasi in Verbindung miteinander. Die Stadtobersten der Verwaltungseinheit Tokyo haben sich jetzt dabei zumindest eine Maßnahme gegen die Überalterung der Bevölkerung ausgedacht: Die Stadtversammlung möchte eine Anordnung aus dem Jahre 1949 kippen, die da heisst ふぐ取扱業等取締条例 – zu deutsch: Anordnung zur Regulierung kugelfischverarbeitender Wirtschaftszweige. Schöner Name, oder. In Tokyo, aber auch in vielen anderen Präfekturen, benötigen Köche, die Kugelfisch zubereiten wollen, eine Sondergenehmigung. Dazu müssen sie Kurse belegen und Prüfungen ablegen. Das kostet ziemlich viel Geld, und so gibt es Fugu (Kugelfisch) nur in Spezialitätenrestaurants. Fugu ist entsprechend teuer in der Hauptstadt.

Doch dem 東京ふぐ料理連盟 (Tokyo-Verband für Fugu-Zubereitung) droht Unheil. Die Stadtversammlung ist dabei, die Prüfungspflicht ab Oktober aufzuheben. Oh je, was wird wohl geschehen? Werden tagtäglich dutzende betrunkene Salaryman Opfer ihrer Kugefischsucht, weil sie in irgendwelchen billigen Kaschemmen ihrem Gourmetwahn fröhnen? Kann man so der Überalterung vorbeugen?

Frittierter Kugelfisch – hier in Ise, Präfektur Mie

Naja, letztendlich eher nicht. Unausgebildete Köche dürfen zwar dann Kugelfisch anbieten, aber sie dürfen nur mit ausgeweidetem Kugelfisch arbeiten. Ungiftigem also. Ausgenommenen Kugelfisch kann bereits jetzt jedermann im Internet bestellen, und vor allem in Shikoku und Kyushu sind die Regeln schon lange nicht so streng – dort ist Fugu gang und gäbe und weit günstiger zu haben als in Tokyo. Von daher wirkt das Gesetz in der Tat überholt.

Das Gesetz wurde übrigens erlassen, weil es nach dem Krieg an Essen mangelte und dementsprechend gegessen wurde, was vorhanden war. War es Kugelfisch, wurde jener eben verzehrt – natürlich von Laien zerlegt. Das kann ins Auge gehen.

Ach ja: Der ursprüngliche Reiz beim Kugelfischverzehr lag früher übrigens darin, eine wohldosierte Menge des Gifts im Fisch zu lassen. Das soll ein besonderes Kribbeln im Rachen erzeugt haben. Russisch Roulette für Feinschmecker eben.

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