Die Küste von Iwate 9 Monate danach – eine Momentaufnahme: Teil 1

Januar 6th, 2012 | Tagged , , | 5 Kommentare | 2092 mal gelesen

Ein etwas ausführlicherer, zweiter Teil (Teil 1 von unterwegs hier) meiner kurzen Tour durch die Präfektur Iwate:

Karte der Tour durch Iwate

Erstmal zur Route, um die Lage der Orte etwas zu veranschaulichen. Es ging zuerst mit dem Shinkansen nach Morioka, der Präfekturhauptstadt von Iwate. Das dauert nicht mal drei Stunden. Nach einer Nacht in Morioka ging es weiter mit einem Schnellzug an die Küste, nach Miyako (gute 2 Stunden). Nach einer Übernachtung dort sollte es weiter nach Tōno gehen. Tōno ist von der Küste aus von Kamaishi her ziemlich gut erreichbar. Da die Bahnlinie von Miyako nach Kamaishi jedoch auf unvorhersehbare Zeit unbenutzbar bleibt, ging ich davon aus, wieder nach Morioka zurück und von dort ziemlich umständlich nach Tōno fahren zu müssen. Es sei denn… in Miyako erfuhr ich, dass es mittlerweilen eine reguläre Busverbindung nach Kamaishi geben soll. Daher wurde die Route spontan in die kürzere umgeändert – also nach Kamaishi, und von dort mit dem Zug nach Tōno. Das sollte mir ein paar Stunden Zeit und einige Tausend Yen sparen, aber das bedeutete auch, dass ich mit dem Bus quer durch das 被災地 (hisaichi) Katastrophengebiet fahren würde. Das sollte gute 9 Monate nach dem Tsunami eigentlich in Ordnung sein. Allerdings: Würde ich das Gleiche machen, wenn ich diesen Blog nicht schreiben würde? Wahrscheinlich nicht. Spätestens seit dem Beben hat mich dieser Blog bzw. seine Leser insofern verändert, dass ich das Gefühl habe, vernünftig informieren zu müssen (oder es ganz sein zu lassen). Aber ich schweife schon wieder ab. Nach einer Nacht in Miyako ging es also mit dem Bus nach 陸中山田 Rikuchū-Yamada (1 Stunde) und von dort mit einem anderen Bus nach 釜石 Kamaishi (45 Minuten). Nach ein paar Stunden Aufenthalt ging es von dort mit der Bahn nach 遠野 Tōno (1 Stunde). Am nächsten Tag ging es von Tōno mit frisch diagnostizierter Lungenentzündung nach 平泉 Hiraizumi, wo ich mir dort in der Herberge dann mit frischen Austern den Magen verdorben habe. Ja, diese Tour wird in Erinnerung bleiben. Am folgenden Tag (noch nichts ahnend von der verhängnisvollen Wirkung schlechter Austern) ging es zurück nach Tokyo.

Aber zuerst einmal nach Miyako: Miyako war eine der ersten vom Tsunami getroffenen Städte, da es relativ nah am Epizentrum lag. Allerdings: Obwohl es so nah (gute 100 km) am Epizentrum lag, hatte das Beben hier „nur“ eine starke 5 auf der japanischen Skala (Maximum: 7) – eine starke 5 hatten wir auch dort, wo ich wohne, und das ist gute 400 km entfernt. Das Hauptbeben fand 14:46 statt – die grösste Welle erreichte Miyako nach 35 Minuten, und späteren Berechnungen zufolge war die Welle stellenweise knapp 38 Meter hoch.

Küste bei Jōdo-ga-hama

Miyako bzw. nahezu die gesamte Küste der Präfektur Iwate ist für seine besondere Form bekannt – diesen Typ Küste nennt man Ria-Küste. Will heissen, die Küste ist sehr stark zergliedert, mit unzähligen, langen und verzweigten Buchte und sehr vielen Inseln und Inselchen. So etwas gibt es auch anderswo – in Irland oder der Bretagne zum Beispiel. Die Küste ist gerade bei Miyako sehr schön. Besonders bekannt ist dort ein Abschnitt namens 浄土ヶ浜 Jōdo-ga-hama. Vom Bahnhof Miyako fährt man mit dem Bus keine 15 Minuten bis dorthin. Von der Bushaltestelle läuft man dann noch knappe 10 Minuten, und schon steht man am Pazifik – an einem weissen Strand, der vom Horizont durch eine kleine Kette winzigster Inselchen getrennt wird. Auf den schroffen Felsen trotzt eine Kiefer dem Wind. Zwischen den Inseln schwallt das Wasser über die Felsen. Am Strand steht ein kleines Denkmal vom örtlichen Rotary-Club, welches an den Tsunami vom 24. Mai 1960 erinnern soll: Damals schickte ein schweres Erdbeben in Chile eine 10 Meter hohe Wasserwand nach Miyako. Dank des vorher errichteten Schutzdeiches blieb die Welle damals ohne Folgen.

Küste bei Miyako

Anders am 11. März 2011: Infolge des Bebens der Stärke 9.0 vor der Küste sank ein breiter Streifen entlang der Küste von Iwate ein paar Meter ab. Am Strand gibt es einen schönen Uferweg, der teilweise durch Tunnel führt. Dieser Weg steht heute grösstenteils unter Wasser und kann nicht mehr betreten werden. Ich laufe in das kleine Tal hinter der Bucht. Dort steht ein grosses Haus, in dem man früher essen und Souvenirs kaufen konnte. Das Gebäude ist mit Brettern verrammelt, das Toilettenhäuschen und die Trafomasten sind weggespült. Ich laufe zum Ende des schmalen Tals. Dort beginnt ein kleiner, unbeleuchteter Tunnel. „Wegen des Bebens Betreten Verboten“ steht dort, aber der Eingang ist nicht versperrt, und weit hinten sieht man das andere Ende. Der Tunnel scheint frei zu sein, also laufe ich hinein, etwas gebückt, da der Tunnel keine 2 Meter hoch ist. Nach ca. 250 Metern stehe ich wieder am Freien – nicht ganz ungefährlich, da ein Teil des Weges unterhalb des Ausgangs weggebrochen ist. Ich muss auch gleich springen, denn mir springt gleich die Gischt entgegen. Auch hier hat sich das Ufer deutlich abgesenkt. Überall liegen Trümmer herum; der Weg am Ufer ist halb überspült und voller Risse. Den gleichen Weg möchte ich nicht zurückgehen, also gehe ich schnell Richtung Ende der kleinen Bucht. Dort gibt es zwei Brücken – eine grosse Autobrücke und darunter eine kleine, zerbrochene Brücke – offensichtlich vom Tsunami zerbrochen. Überall liegen Holz und Trümmer herum.

Stadtviertel von Miyako nach Tsunami

Ich laufe die Treppen hoch von der Bucht, vorbei an einem Friedhof. Nach einigen Metern aufwärts geht es wieder abwärts, vorbei an ein paar Wohnhäusern, doch dann verschwinden die Häuser. Plötzlich sind nur noch Fundamente da: Das hier ist 蛸の浜町 – „Oktopusstrand-Viertel“, und alles von hier bis zum Hafen wurde weggespült. Nun, die Trümmer sind alle aufgeräumt – was heute noch steht in diesem engen Tal sind die Fundamente, versehen mit Markierungen wie „Kann abgerissen werden“ usw. Die Strassen sind alle frei und werden auch befahren, was etwas merkwürdig anmutet – ein Geflecht kleiner Strassen, ohne Häuser. Auch der Bus fährt hier durch und hält an den alten Haltestellen, auch wenn im weiten Umkreis nichts steht. Am Talrand stehen völlig unversehrte Häuser – der Tsunami interessiert sich logischerweise nicht dafür, was woneben steht, sondern nur dafür, wie hoch die Dinge liegen.

Teil 2 folgt…

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