…and bang your head against the wall? Hmm, ich weiss nicht warum, aber irgend etwas tief in mir drin rät mir, dieses Getränk nicht zu kaufen. Ich bin ja einiges gewohnt an Engrish (falsches Englisch in Japan), aber gelegentlich verschlägt es mir noch immer die Sprache. Wie kann Kirin, immerhin einer, wenn nicht der grösste Getränkehersteller Japans, so einen Mist mit so viel Selbstbewusstsein auf Packungen drucken? Break on the desk!? Und darüber steht der gleiche Schund auch noch in Katakana: ブレイク オン ザ デスク (bureiku on za desuku). Damit auch ja jeder denkt, dass sei richtig wichtiges Englisch.
Standardausrede vieler, in der Regel sehr detailversessener Japaner, wenn man mal dieses haarsträubende Englisch anspricht, ist übrigens meistens “Liest doch sowieso keiner, ist doch egal”. Alles klar! Ist ja auch nicht die eigene Sprache.
Freitag Nacht, genauer gesagt 23:30 bis 00:30, gibt es eine Sendung auf Tokyo MX, die ich immer wieder gerne sehe – so ich die Gelegenheit dazu habe: 未公開映画を観るTV - das Fernsehen der unveröffentlichten Filme (mehr dazu hier). Mit “unveröffentlicht” ist dabei allerdings lediglich “unveröffentlicht in Japan” gemeint. 松嶋尚美 Matsushima Naomi (sie ist recht bekannt… und rennt mir in der Nähe meines Büros manchmal über den Weg) und 町山智浩 Machiyama Tomohiro, ein Kolumnist und Filmkritiker, schauen sich in der Sendung zusammen einen Film, oftmals eine Art Dokumentarfilm, an und diskutieren darüber. Diskutieren ist vielleicht zuviel gesagt – Machiyama erklärt, und Matsushima hakt nach. Das erstaunliche an der Sendung (erstaunlich für japanisches Fernsehen zumindest) ist die Tatsache, dass Machiyama wirklich weiss, wovon er redet. Mit Matsushima klappt es auch recht gut, und so machen nicht nur die gut gewählten Filme Spass, sondern sogar die (relativ seltenen) Einblendungen mit den beiden Kommentatoren.
Heute wurde der zweite Teil eines Films gezeigt, der mir deutlich macht, wie sehr ich doch einiges hier verschlafe. Vom Film Religulous, 2008 in den USA veröffentlicht, hatte ich vorher noch nie, wirklich nie etwas gehört. Aber ich habe mich köstlich amüsiert – und gegruselt. Der Regisseur hat auch “Borat” gedreht – der Film sagt mir sogar was, da schau mal einer an. Beim Anschauen des Films erinnerte ich mich nach und nach an zahlreiche Begegnungen mit hochreligiösen Menschen, hauptsächlich mit Amerikanern, aber auch mit Juden und Arabern im Nahen Osten und Arabern und Palästinensern an meiner ehemaligen Uni, und schlagartig fiel mir auf, was ich hier nicht vermisse: Religiösen Wahnsinn und die ganzen Debatten darum. Keine Debatte, ob der Islam gut oder schlecht ist. Keine Debatte, wessen Religion besser oder schlechter ist. Die einzigen negativen Erscheinungen sind die “Wir-sagen-allen-Japanern-zu-Weihnachten,und-nur-zu-Weihnachten,-dass-sie-in-der-Hölle-schmoren-werden-Christen” und ganz gelegentlich mal Missionare aus Salt Lake City usw., obwohl mir diese schon lange nicht mehr begegnet sind.
Stattdessen haben wir hier eine Nation voller Ignoranten (im eher englischen Sinne): Für die meisten bedeutet Religion, am Neujahrstag zum Schrein zu gehen, gelegentlich mal eine Münze in eine Box zu werfen und den Ahnen ein Räucherstäbchen anzustecken. Nicht mehr, nicht weniger. Ich könnte jederman hier erzählen, ich sei Satanist – es würde niemanden wirklich stören.
Auf jeden Fall kann ich den Film nur empfehlen. Natürlich hat der Film seine Lücken und rennt teilweise sperrangelweit offenstehende Türen ein, aber er ist trotzdem lustig.
Es ist mal wieder einer solcher Tage, an denen alles zusammenkommt. Nachrichten am Morgen durchgeschaut – und da fällt mir die folgende Nachricht ins Auge: Chance für ein schweres Hauptstadtbeben innerhalb der nächsten 4 Jahre steht bei 70 Prozent. Vor dem schweren Beben im letzten Jahr hiess es diesbezüglich: 70% innerhalb der nächsten 30 Jahre. Von diesen Berechnungen mag man halten, was man will, aber die Tatsache, dass die Plattengrenzen und Verwerfungen seit dem Beben am 11. März 2011 an Stabilität eingebüsst haben, ist nicht von der Hand zu weisen. In den vergangenen 10 Monaten gab es im Schnitt 1.5 Erdbeben der Stärke 3 bis 6 in der Hauptstadtregion – das sind 5 mal mehr als vor dem schweren Beben. Das allseits befürchtete 首都直下地震 shuto chokka jishin – Erdbeben direkt unter der Hauptstadt wird schon lange erwartet, denn auch in der Hauptstadt gibt es zahlreiche Verwerfungen – so zum Beispiel im Nordwesten von Chiba sowie bei Hachiōji. Bei einem Erdbeben rechnet man mit einer Stärke von 6.7 bis 7.2 und einer Opferzahl von ca. 11’000 Menschen – zum Teil verursacht durch Großbrände, die man mit Sicherheit erwarten kann in einem solchen Ballungsgebiet.
Nun gut. Abends kurz vor 9 – ich war gerade in einem Meeting – gab es auch gleich noch mal einen Denkzettel – das Büro fing etwas länger an, zu wackeln. Aber dieses Beben war nicht in Tokyo, sondern in Fukushima, und es war auch “nur” eine 5.1. Dafür ging es draussen jedoch allmählich zur Sache: Heftiger Schneefall, zum Teil begleitet von Blitz und Donner, setzte ein. Nein, langweilig wird es hier wirklich nicht.
Wird am 12. Februar 2012 eröffnet und ist hoffentlich erdbebensicher: Die 2'933 m lange Tokyo Gate Bridge
Da steht man also plötzlich in Japan da mit seinen sieben Sachen und weiss nicht so recht, wohin mit sich, und was man von nun an mit seinen zauberhaften Deutschkenntnissen anfangen soll. Da gibt es die einen, denen das überhaupt nichts ausmacht, und die auf den deutschen Sprachgebrauch nebst Muttersprachlern ganz gern verzichten können. Da gibt es die anderen, hauptsächlich jene, die nur begrenzt im Land sind und kein oder kaum Japanisch sprechen, die lieber gern Anschluss hätten zu ihren Landsleuten und sich von daher gern irgendwie zusammenraufen. Und dann gibt es noch die dazwischen, und dazu zähle ich mich auch, die zwar nicht aktiv nach Verbindungen zu Landsleuten suchen, aber sich durchaus gern mal mit Mitgefangenen treffen wollen. Deshalb an dieser Stelle mal eine kleine Auflistung von Gruppen und Möglichkeiten, die man hier so hat, um Anschluss zu finden:
DinJ steht für “Deutsche in Japan” und ist eine seit vielen Jahren betriebene Newsgroup auf Yahoo. Diskutiert wird dort so ziemlich alles, und natürlich ist vieles dort für die meisten irrelevant. Die Moderatoren sind auch nicht gerade zimperlich, aber in der Liste gibt es etliche Auskenner, die schon ewig im Land sind, und somit so ziemlich jede Frage beantworten können.
Persönlich halte ich mich dort lieber zurück, aber ich schaue durchaus regelmäßig in die Tageszusammenfassungen rein. Tipp: Anmelden, und bei den Einstellungen “Tägliche Zusammenfassung schicken” wählen. Alles andere artet sonst in Spam aus.
DoitsuNet ist eigentlich eine Ein-Mann-Veranstaltung – die Idee dahinter ist, regelmäßig Deutsche und Japaner, die an Deutschland (und Deutsche?) interessiert sind, in abwechselnden Etablissements zusammenzutrommeln, um miteinander Spaß zu haben. Der Verantwortliche organisiert auch andere, internationale Partys ziemlich erfolgreich. Hinter den Veranstaltungen steckt kommerzielles Interesse, aber die DoitsuNet-Partys sind in der Regel gut organisiert und können durchaus Spaß machen. Die Preise sind dabei auch recht zivil (wenn man sich über den Newsletter anmeldet).
Ich schaffe es leider immer nur maximal ein Mal pro Jahr dorthin – es wird mal wieder Zeit, denn letztes und vorletztes Jahr habe ich es nicht geschafft. Selbstredend lohnen sich diese Veranstaltungen nur in Tokyo.
Edo-Rhenania: Mal wieder Lust, einen Salamander zu reiben? Ich hatte weiland während meiner Studienzeit in Japan nicht schlecht gestaunt, als mich der damalige Germanistikprofessor völlig mit seiner eigenen, kleinen Burschenschaft überrumpelte. In Deutschland habe ich jene mit dem Allerwertesten nicht angeschaut, aber einen Einblick in Japan war es mir wert. So kam ich dabei auch in den Genuss einer grossen Festveranstaltung der Edo-Rhenania. Diese nicht schlagende Verbindung gibt es seit 1963. Gerüchten zufolge sollen wohl sogar Mitglieder der kaiserlichen Familie dabei sein. Als ich 1998 bei der Veranstaltung war, hatte man eigens Burschenschaftler aus Deutschland einfliegen lassen. Ich kam mir dabei in etwa wie ein Ethnologe vor, der gerade einen völlig neuen Stamm entdeckt hatte. Es war faszinierend. Aber so recht ist das trotzdem nicht meine Welt.
Geigerzähler in der Wohnung: Nochmal Glück gehabt?
Bloggerkollege Coolio erwähnte neulich in diesem Beitrag, dass es momentan recht günstig ist, an Geigerzähler heranzukommen: Findige Unternehmer haben grosse Mengen der Geräte nach Japan importiert, waren damit aber offensichtlich etwas spät dran: Die Nachfrage ist nicht mehr da. Und so werden zum Beispiel hier bei Amazon handliche Geigerzähler aus Rußland vertickt – für 13,800 Yen statt den ursprünglichen 69,800 Yen. Gute 100 Euro für einen Geigerzähler? Da konnte ich schlecht nein sagen. Gesagt, getan – zwei Tage später hielt ich das kleine, leichte Gerät in den Händen.
Will ich wirklich wissen, wie hoch die Strahlung bei uns ist? Jetzt, wo scheinbar alle Messen schon gesungen sind? Aber sicher doch. Ich will letzten Endes nicht wissen, was irgendwer irgendwann in der Nähe gemessen hat, sondern wie es direkt bei uns aussieht – in der Wohnung zum Beispiel, oder vor dem Haus. Zumal unsere Stadt ja auch als Hotspot bezeichnet wird – wenn auch mit geringeren Werten als anderswo in der Gegend.
Die Messergebnisse überraschen nicht – das ist die gute Nachricht. Je nachdem, in welche Richtung das Gerät zeigt und wo ich es hinlege, messe ich zwischen 0.07 und 0.14 Mikrosievert pro Stunde. Das ist relativ normal. In den Parks unserer Stadt messe ich im Schnitt 0.2 Mikrosievert – in manchen ca. 0.12, in anderen bis über 0.3 Mikrosievert, je nachdem, wo ich messe. Die Werte im bzw. beim Kindergarten unserer Tochter liegen um die 0.15 Mikrosievert in Bodennähe und etwas niedriger in 1 Meter Höhe. Wo ich auch messe – die Anzeige ist im grünen Bereich, das Gerät sagt “Normal Radiation Background”.
Nicht mehr im grünen Bereich: Strahlung im Park
Eine weitere Messung dann heute: Es ging zum 若潮公園 – Wakashio-Park, dem beliebtesten Park bei uns im Stadtzentrum. Dort gibt es einen Verkehrsgarten (seit dem Beben wegen Baufälligkeit gesperrt) und ein zweistöckiges Haus, darin zahlreiche Einrichtungen, wo sich die lieben kleinen austoben können. Vor ein paar Wochen war der Park kurz im Gespräch, da dort an einem defekten Fallrohr sehr hohe Strahlung gemessen wurde. Angeblich wurde das Fallrohr ausgetauscht und die kontaminierte Erde rundherum abgetragen. Kurzer Test heute – Gerät an eine der Regenrinnen in Bodenhöhe gehalten, und siehe da: Anzeige wird gelb: “High radiation background”, 0.51 Mikrosievert. Ohne gross zu suchen, wohlgemerkt: Ich habe nur dort gemessen.
Fazit: Die Ergebnisse, wie sie in den Medien hier kursieren, kann ich vorerst nur bestätigen: Leicht erhöhte (aber nach allgemeiner Meinung unbedenkliche) Strahlenwerte ausserhalb, aber hier und da Punkte mit erhöhter bis stark erhöhter Strahlung. Erfahrungsgemäß sind dies dummerweise die Punkte, die von kleinen Kindern bevorzugt werden. Es ist sicherlich nicht verkehrt, zu wissen, wo diese Punkte sind.
Ich beeile mich, zur Haupstrasse zu gelangen – die verläuft parallel zum Fischereihafen und führt Richtung Zentrum. Plötzlich gibt es eine Lautsprecherdurchsage in der ganzen Stadt, eingeleitet von einem “ding dong dong ding!” Lautsprechersysteme gibt es in allen japanischen Städten und Nachbarschaften, und normalerweise werden sie nur zu festlichen oder traurigen Angelegenheiten genutzt. Während der kommenden Jahre werde ich diese Durchsagen jedenfalls mit Sicherheit mit der Zeit nach dem Beben assoziieren – “Ding dong dong ding – bitte gedulden Sie sich noch ein paar Tage, bis das Wasser wieder da ist”, oder “ding dong dong ding – in 30 Minuten wird der Strom abgestellt” waren da typische Durchsagen. In Miyako warnte die Durchsage hindes vor einer höheren Flut als üblich. Da, wie im vorigen Teil bereits erwähnt, weite Gebiete entlang der Küste um mehrere Meter nach unten absackten, bedarf es heuer keines Tsunami und keiner Springflut mehr, um Teile der Stadt unter Wasser zu setzen. Ende der Durchsage.
Tankstelle in Miyako
Langsam laufe ich Richtung Bahnhof zurück. Das Meer sehe ich dabei nicht, da es hinter einem grossen, schwarzen Betonwall versteckt liegt. Jenen hatte der Tsunami mühelos überwunden, aber nicht zerstören können. Bis ins Stadtzentrum hinein sind die Spuren der Katastrophe noch erkennbar – vereinzelte Häuser fehlen, bei anderen ist das Erdgeschoss zugenagelt, einige Tankstellen und andere Anlagen sind zwar freigeräumt, stehen aber nachwievor stark zerstört herum.
Nach einer kurzen Runde und einer Stärkung im überschaubaren Zentrum von Miyako laufe ich über eine Brücke Richtung Süden, denn dort steht mein Hotel. Zwei der drei Brücken, darunter die Eisenbahnbrücke, wurden zerstört. Die Strassenbrücke wird gerade wieder hergestellt, aber die Bahn wird wohl in den kommenden Jahren nicht fahren. Bis zum Hotel läuft man eine gute dreiviertel Stunde – auch hier das gleiche Bild: Hohe Schutzmauer zwischen Stadt und Hafen, und starke Zerstörungen hinter der Schutzmauer. Aber immerhin steht hier noch mehr als die Hälfte. Das Hotel hatte es damals auch erwischt – das gesamte Erdgeschoß war damals unter Wasser und kann immernoch nicht genutzt werden. Im Hotelzimmer entsprechende Anweisungen: Bei Tsunamiwarnungen mindestens bis in den 3. Stock laufen, alles darüber ist sicher. Nachts finde ich gottseidank eine kleine Rāmen-Bude in der Nähe – mehr gibt es nicht, auch keinen Konbini oder ähnliches. Das einzige, was es in der Nähe gibt, ist ein riesengrosser Pachinkoladen, und der sieht nagelneu aus. Die Rāmen heben meine Stimmung auch nicht gerade: So schlechte Rāmen habe ich seit langem nicht mehr gegessen.
Autowracks im Hafen von Miyako
Morgens geht es gegen 8 Uhr raus. Erstmal wage ich aber einen Blick aus dem Fenster – von dort kann man schön die Bucht und Teile des Hafens überblicken. Sowie einen grossen Autofriedhof, auf dem die nach dem Tsunami eingesammelten Autowracks zusammengeschoben wurden. Ich packe meine Sachen und begebe mich zur Bushaltestelle. Der Bus kommt auch fast pünktlich und fährt immer die Küste entlang bis nach 陸中山田 Rikuchū-Yamada. Der Bus fährt Berge hoch und Berge runter, zur Küste und wieder von der Küste weg. Kaum sind wir in Wassernähe, ist alles zerstört. Kaum fahren wir weg, sieht alles ganz normal aus. Vom Stadtzentrum der Gemeinde Yamada steht nur noch ein Betondeich und vier modernere Wohnblöcke, die scheinbar bis zum 2. Stock überschwemmt worden waren. Alles andere ist weg – nur noch Fundamente stehen. Der Bus fährt quer durch den ehemaligen Ort, hier und da steigen eins, zwei Leute ein und bald wieder aus. Hinter dem Ort geht es eine Anhöhe hinauf, und der Bus hält an einem 道の駅 Michi-no-eki – einer Art grösserer Raststätte an Fernverkehrsstraßen. Solche Raststätten gibt es überall.
Die Gegend sieht fantastisch aus – das Meer, die Bucht, die Berge – eine traumhafte Landschaft. In der Raststätte hängen Photos von Yamada nach dem Tsunami: Offensichtlich rollte der Tsunami erst über die Stadt hinweg, und anschliessend brannte der Rest der Stadt nieder. Ein grauenhafter Anblick auf den Photos – schwelende Trümmer in trübem, brackigen Wasser.
Bucht von Rikuchū-Yamada
In der Raststätte warte ich auf den nächsten Bus, der mich dann nach Kamaishi bringen soll. Der Ort ist nur gute 45 Minuten entfernt. Während ich da so warte, nähern sich mir zwei Japanerinnen: Eine sehr junge Frau und eine ältere Frau. An irgendetwas erinnert mich diese Kombination, aber ich komme nicht rechtzeitig drauf, denn schon spricht mich die junge Frau an – auf Englisch, ob ich Japanisch könne. Ja ja. Ob ich durch das Katastrophengebiet toure. Nein, eigentlich nicht. Bin nur auf der Durchreise. Ja, sie seien auch auf Tour durch das Katastrophengebiet – um Trost zu spenden. Eine böse Ahnung bewahrheitet sich: Sie sind Zeugen Jehovas, auf Seelenfang. Ich bleibe freundlich, aber schmallippig. Ob ich nicht… “Nein, ich bin Atheist” (stimmt zwar nicht ganz). Ich will die beiden nur noch los werden. Die Menschen hier können die Zeugen Jehovas bestimmt genauso gut gebrauchen wie ein drittes Bein.
Endlich kommt der Bus und ich bin die beiden los. Neben mir sitzen zwei Fahrgäste im Bus, irgendwo vor mir. Nach etlichen Kilometern kommen wir an einem provisorischen Krankenhaus in den Bergen vorbei. Dann geht es steil abwärts zu einer weiteren Bucht. Der Name auf dem Strassenschild kommt mir sehr bekannt vor: 大槌 Ōtsuchi. Das war doch die Stadt, in der nach dem Tsunami fast alle Einwohner vermisst waren! An einem zerstörten Krankenhaus vorbei geht es in die Stadt beziehungsweise dahin, was davon übrig blieb. Und das ist nicht viel. Es sieht genau so aus, wie auf den Photos von Nagasaki und Hiroshima nach dem Atombombenabwurf: Hier und da steht der Rest eines robusteren, höheren Gebäudes – alles andere ist einfach weg. Ein absoluter Albtraum. Diese Stadt wurde wirklich völlig ausradiert, doch der Bus fährt seine ganz normale Route ab. Dann biegt der Bus nach rechts ab, Richtung Inland. Ein Schwenk des Blickfeldes, doch auch hier: Alles weg. Da hinter mir niemand sitzt, filme ich einen Stück der Fahrt mit meiner Kamera:
Karte des Zentrums von Ōtsuchi: Fast das ganze Zentrum lag unterhalb des Meeresspiegels
Schaut man sich allein Ōtsuchi an, grenzt es fast an ein Wunder, dass die Opferzahl die ist, die sie ist. Allein in dieser Stadt würde die Zahl nicht weiter verwundern. Der Bus hält derweilen auf Fahrgastwunsch an, und zwar an der Bushaltestelle 中央公民館 (Zentrales Gemeindehaus). Nur – da steht nichts mehr. Eine der beiden Fahrgäste steigt trotzdem aus. Mein Gott, was müssen die Bewohner dieser Stadt hier durchgemacht haben. Und was wird hier in Zukunft geschehen? In Miyako hatte ich bereits beobachtet, was ich beinahe befürchtet hatte: Viele Leute bauten einfach ihre Häuser an der gleichen Stelle wieder auf. In Ōtsuchi herrscht jedoch, soweit ich weiss, Baustopp. Die Frage ist nicht, wann, sondern ob und wenn ja wo man wieder bauen wird. Wird die Stadt womöglich aufgegeben? Das besonders prekäre in der Stadt war übrigens die Tatsache, dass der Bürgermeister und alle Abteilungsleiter im Rathaus vom Tsunami mitgerissen wurden: Die Bewohner der Stadt waren deshalb nach dem Tsunami für mehrere Tage komplett auf sich allein gestellt, es gab keine Verbindung zur Aussenwelt.
Ein etwas ausführlicherer, zweiter Teil (Teil 1 von unterwegs hier) meiner kurzen Tour durch die Präfektur Iwate:
Karte der Tour durch Iwate
Erstmal zur Route, um die Lage der Orte etwas zu veranschaulichen. Es ging zuerst mit dem Shinkansen nach Morioka, der Präfekturhauptstadt von Iwate. Das dauert nicht mal drei Stunden. Nach einer Nacht in Morioka ging es weiter mit einem Schnellzug an die Küste, nach Miyako (gute 2 Stunden). Nach einer Übernachtung dort sollte es weiter nach Tōno gehen. Tōno ist von der Küste aus von Kamaishi her ziemlich gut erreichbar. Da die Bahnlinie von Miyako nach Kamaishi jedoch auf unvorhersehbare Zeit unbenutzbar bleibt, ging ich davon aus, wieder nach Morioka zurück und von dort ziemlich umständlich nach Tōno fahren zu müssen. Es sei denn… in Miyako erfuhr ich, dass es mittlerweilen eine reguläre Busverbindung nach Kamaishi geben soll. Daher wurde die Route spontan in die kürzere umgeändert – also nach Kamaishi, und von dort mit dem Zug nach Tōno. Das sollte mir ein paar Stunden Zeit und einige Tausend Yen sparen, aber das bedeutete auch, dass ich mit dem Bus quer durch das 被災地 (hisaichi) Katastrophengebiet fahren würde. Das sollte gute 9 Monate nach dem Tsunami eigentlich in Ordnung sein. Allerdings: Würde ich das Gleiche machen, wenn ich diesen Blog nicht schreiben würde? Wahrscheinlich nicht. Spätestens seit dem Beben hat mich dieser Blog bzw. seine Leser insofern verändert, dass ich das Gefühl habe, vernünftig informieren zu müssen (oder es ganz sein zu lassen). Aber ich schweife schon wieder ab. Nach einer Nacht in Miyako ging es also mit dem Bus nach 陸中山田 Rikuchū-Yamada (1 Stunde) und von dort mit einem anderen Bus nach 釜石 Kamaishi (45 Minuten). Nach ein paar Stunden Aufenthalt ging es von dort mit der Bahn nach 遠野 Tōno (1 Stunde). Am nächsten Tag ging es von Tōno mit frisch diagnostizierter Lungenentzündung nach 平泉 Hiraizumi, wo ich mir dort in der Herberge dann mit frischen Austern den Magen verdorben habe. Ja, diese Tour wird in Erinnerung bleiben. Am folgenden Tag (noch nichts ahnend von der verhängnisvollen Wirkung schlechter Austern) ging es zurück nach Tokyo.
Aber zuerst einmal nach Miyako: Miyako war eine der ersten vom Tsunami getroffenen Städte, da es relativ nah am Epizentrum lag. Allerdings: Obwohl es so nah (gute 100 km) am Epizentrum lag, hatte das Beben hier “nur” eine starke 5 auf der japanischen Skala (Maximum: 7) – eine starke 5 hatten wir auch dort, wo ich wohne, und das ist gute 400 km entfernt. Das Hauptbeben fand 14:46 statt – die grösste Welle erreichte Miyako nach 35 Minuten, und späteren Berechnungen zufolge war die Welle stellenweise knapp 38 Meter hoch.
Küste bei Jōdo-ga-hama
Miyako bzw. nahezu die gesamte Küste der Präfektur Iwate ist für seine besondere Form bekannt – diesen Typ Küste nennt man Ria-Küste. Will heissen, die Küste ist sehr stark zergliedert, mit unzähligen, langen und verzweigten Buchte und sehr vielen Inseln und Inselchen. So etwas gibt es auch anderswo – in Irland oder der Bretagne zum Beispiel. Die Küste ist gerade bei Miyako sehr schön. Besonders bekannt ist dort ein Abschnitt namens 浄土ヶ浜 Jōdo-ga-hama. Vom Bahnhof Miyako fährt man mit dem Bus keine 15 Minuten bis dorthin. Von der Bushaltestelle läuft man dann noch knappe 10 Minuten, und schon steht man am Pazifik – an einem weissen Strand, der vom Horizont durch eine kleine Kette winzigster Inselchen getrennt wird. Auf den schroffen Felsen trotzt eine Kiefer dem Wind. Zwischen den Inseln schwallt das Wasser über die Felsen. Am Strand steht ein kleines Denkmal vom örtlichen Rotary-Club, welches an den Tsunami vom 24. Mai 1960 erinnern soll: Damals schickte ein schweres Erdbeben in Chile eine 10 Meter hohe Wasserwand nach Miyako. Dank des vorher errichteten Schutzdeiches blieb die Welle damals ohne Folgen.
Küste bei Miyako
Anders am 11. März 2011: Infolge des Bebens der Stärke 9.0 vor der Küste sank ein breiter Streifen entlang der Küste von Iwate ein paar Meter ab. Am Strand gibt es einen schönen Uferweg, der teilweise durch Tunnel führt. Dieser Weg steht heute grösstenteils unter Wasser und kann nicht mehr betreten werden. Ich laufe in das kleine Tal hinter der Bucht. Dort steht ein grosses Haus, in dem man früher essen und Souvenirs kaufen konnte. Das Gebäude ist mit Brettern verrammelt, das Toilettenhäuschen und die Trafomasten sind weggespült. Ich laufe zum Ende des schmalen Tals. Dort beginnt ein kleiner, unbeleuchteter Tunnel. “Wegen des Bebens Betreten Verboten” steht dort, aber der Eingang ist nicht versperrt, und weit hinten sieht man das andere Ende. Der Tunnel scheint frei zu sein, also laufe ich hinein, etwas gebückt, da der Tunnel keine 2 Meter hoch ist. Nach ca. 250 Metern stehe ich wieder am Freien – nicht ganz ungefährlich, da ein Teil des Weges unterhalb des Ausgangs weggebrochen ist. Ich muss auch gleich springen, denn mir springt gleich die Gischt entgegen. Auch hier hat sich das Ufer deutlich abgesenkt. Überall liegen Trümmer herum; der Weg am Ufer ist halb überspült und voller Risse. Den gleichen Weg möchte ich nicht zurückgehen, also gehe ich schnell Richtung Ende der kleinen Bucht. Dort gibt es zwei Brücken – eine grosse Autobrücke und darunter eine kleine, zerbrochene Brücke – offensichtlich vom Tsunami zerbrochen. Überall liegen Holz und Trümmer herum.
Stadtviertel von Miyako nach Tsunami
Ich laufe die Treppen hoch von der Bucht, vorbei an einem Friedhof. Nach einigen Metern aufwärts geht es wieder abwärts, vorbei an ein paar Wohnhäusern, doch dann verschwinden die Häuser. Plötzlich sind nur noch Fundamente da: Das hier ist 蛸の浜町 – “Oktopusstrand-Viertel”, und alles von hier bis zum Hafen wurde weggespült. Nun, die Trümmer sind alle aufgeräumt – was heute noch steht in diesem engen Tal sind die Fundamente, versehen mit Markierungen wie “Kann abgerissen werden” usw. Die Strassen sind alle frei und werden auch befahren, was etwas merkwürdig anmutet – ein Geflecht kleiner Strassen, ohne Häuser. Auch der Bus fährt hier durch und hält an den alten Haltestellen, auch wenn im weiten Umkreis nichts steht. Am Talrand stehen völlig unversehrte Häuser – der Tsunami interessiert sich logischerweise nicht dafür, was woneben steht, sondern nur dafür, wie hoch die Dinge liegen.