Fundstücke: Tekitōismus oder: ein verlorenes Stück Holz

Dezember 8th, 2011 | Tagged , , | 2 Kommentare | 1080 mal gelesen

Jetzt, da ich endlich mit einer für das Internet halbwegs brauchbaren Kamera ausgestattet bin (mit der man sogar telefonieren kann), kann ich endlich mal spontan Aufnahmen von alltäglichen Nichtigkeiten machen und ein paar Zeilen dazu schreiben. Sonst geht mir ja nach fast 650 Artikeln der Stoff aus, oder ich muss wieder lange suchen, um sicher zu gehen, nicht schon einmal darüber geschrieben zu haben.

Das Photo rechts entstand heute auf meinem Weg zur Arbeit. Der Ort: Bahnhof 新木場 Shinkiba, Bahnsteig der リンかい線 Rinkai-sen (wörtlich in etwa: Ufer-Bahnlinie). Diese Linie ist eine der jüngsten Bahnlinien in Tokyo; der erste Abschnitt (von Shinkiba bis Tōkyō Teleport) wurde 1996 fertiggestellt, der Rest (bis 大崎 Ōsaki an der Yamanote-Linie) erst 2002. Die Linie verläuft größtenteils unterirdisch und hat Anschluss an die 埼京線 Saikyō-Linie (Saikyō steht für SAItama ↔ TōKYŌ – Saitama ist die Präfektur nördlich der Hauptstadt). Das bedeutet, man kann bequem und ziemlich schnell von Shinkiba im Osten nach Ebisu, Shinjuku, Ikebukuro usw. fahren. Einziger Nachteil: Die Linie ist im Vergleich zu anderen Linien fast doppelt so teuer. Vorteil dessen wiederum: Die Züge sind meistens ziemlich leer. Ich habe jedenfalls noch nie stehen müssen. Das ist gut, denn so kann ich unterwegs etwas arbeiten. Oder sinnlose Blogeinträge verfassen.

Zurück zum Photo: Da die Linie neu ist, ist die ganze Anlage inkl. aller Bahnhöfe natürlich auch neu. Eine Orgie aus Beton und Stahl, und wie man es in der Regel gewohnt ist in Japan, ist alles blitzsauber. Nur dieses kleine Brett am Zugende, mit dem aufgeschraubten 発車ベル (Zugabfahrtssignalknopf), passt irgendwie gar nicht so recht ins Bild. Was war da wohl passiert?

„Du, Cheffe, alles fertig! Sieht toll aus, oder?“ – „Ach ja? Und wo ist der Zugabfahrtssignalknopf bitteschön? Deinen Bonus kannste vergessen! Und bis morgen früh um 4 Uhr erwarte ich eine handschriftliche Erklärung von Dir, warum Du so versagt hast! In 20-facher Ausfertigung! Aber jetzt lass uns erstmal beim Karaoke-Schuppen einen antütern. Ich schau morgen dann mal zu Hause, habe da irgendwo noch ein altes Brett liegen..“

Ist es das? Oder steht auf Seite 1328 des 5. Anhanges zur 42. revidierten Ausgabe der Eisenbahnbauanleitung (gültig nur für Südosttokyo), daß der Zugabfahrtssignalknopf ganz unbedingt auf einem Brett zu montieren ist, da sonst durch die Vibrationen des einfahrenden Zuges eine Schraube herausfallen könnte? Man weiss es nicht.

In der Regel sind Japaner im Beruf und im Hobby Perfektionisten. Allerdings mit einer nur allzu menschlichen Neigung zum Tekitōismus*.

*tekitō (適当) – eigentlich „angemessen“ bzw. „passend“, wird dieses Wort auch oft für „irgendwie hinbiegen“ benutzt.

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