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Zurück / 2011 – Ein Abgesang / Gesundes Neujahr!

Dezember 31st, 2011 | Tagged , | 18 Kommentare | 609 mal gelesen

Ich recycle einfach mal den Titel von vor 365 Tagen, da er wieder passt. Das Jahr hat hier noch gute 7 Stunden, und dann passiert… gar nichts, da wir ja in Japan sind. Aber erstmal zum ersten Teil des Titels. Seit gestern bin ich also wieder zurück von meiner kurzen Tour durch die Präfektur Iwate. Dort war es erwartungsgemäss gute 10 Grad kälter als in Tokyo und damit etwas winterlicher. Leider brachte das auch meine als verheilt geglaubte, lang andauernde Erkältung wieder auf den Plan – nach drei Tagen reichte es mir dann auch damit, und scherte mich zu einer Arztpraxis mitten in der tiefsten Provinz.

Die obligatorische Neujahrskarte! Alles Gute

Diagnose: Lungenentzündung. Na klasse. Da ich nun aber sowieso schon auf dem Weg zu meinem letzten Ziel, Hiraizumi, war, entschied ich mich, die Route beizubehalten und einfach lange in der Unterkunft zu schlafen. Soweit, so gut. Die Unterkunft war Vollpension und das Abendessen reichhaltig. Richtig grossen Appetit hatte ich nicht, aber zum vollständigen Verzehr hat’s gereicht. Darunter waren auch rohe Austern. Nun ja, wie es aussieht, hätte ich die lieber weglassen sollen, denn wie es aussieht, habe ich mir dank der Austern den Noro-Virus eingefangen. Nein, die Symptome beschreibe ich lieber nicht. Der Noro-Virus ist übrigens in Japan offensichtlich viel weiter verbreitet als in Deutschland – andauern gibt es Noro-Wellen, meistens von den Kindern mitgeschleppt.

Will heissen, Neujahrsfestivitäten sind für mich damit erledigt und ich lebe in selbsterzwungener Quarantäne. Das ist sehr ärgerlich, denn es gäbe viel zu tun mit der Familie. Aber so endet nun mal dieses verflixte Jahr 2011…

Was war also hier so los in 2011?

Politik
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Zwei übergrosse Themen prägten und prägen die vergangenen Monate: Zum einen wäre da natürlich die Erdbeben-Tsunami-AKW-Katastrophe, die am 11. März
2011 das Land heimzusuchen begann. Tsunami und Erdbeben sind dabei eine Sache – da konnte man nicht allzu viel machen und im grossen und Ganzen muss man sagen, dass die Regierung sich unter den gegebenenen Umständen redlich bemühte. Sicher kann man vieles an den Maßnahmen kritisieren, aber der allgemeine Eindruck tendiert eher Richtung positiv.
Der anschliessende Unfall im AKW Fukushima hingegen bedarf noch sehr, sehr viel Aufbereitung. Erst vor Tagen kam ein neuer, unabhängiger Bericht heraus, der mal wieder mehr Fragen aufwirft als beantwortet, aber alles in allem doch etwas Licht ins Dunkle zu bringen versucht. Ein paar Sachen, die man in den Medien aus dem Bericht hinausgelesen hat:

- die Politiker enthielten dem Volk scheinbar keine Fakten – sie waren wirklich ahnungslos
- starke Zweifel kommen an TEPCO’s Version auf, alles sei vom Tsunami verursacht. Mehr und
mehr spricht wohl dafür, dass das Beben selbst schon einen Reaktor katastrophal beschädigte.

Usw. usf. Interessant ist, das man aus der Opposition (unter der die Atomwirtschaft erst gedieh) nichts Konstruktives hört. Heute sind immerhin 90% aller AKW in Japan abgeschaltet, und trotzdem ist das Licht an.

Die Katastrophe wirft natürlich auch die Frage auf, wer das alles bezahlen soll. Japans Staatsverschuldung ist bereits riesig, und so langsam wird immer stärker an der Mehrwertsteuer gerüttelt. Ansonsten merke ich als Familienvater mit Kindern schon, woher der Wind weht: Der Kinderfreibetrag für Kinder unter 15 wurde gestrichen, und das Kindergeld reduziert. Hinzu kamen kleine Steuererhöherungen und ein monatlich steigender Energiepreis.

Wirtschaft
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Erwartungsgemäß rutschte die Wirtschaft Japans nach dem Beben ins Minus, doch schon im dritten Quartal zeichnete sich wieder ein leichter Aufwärtstrend an. Der Yen ist nachwievor auf Rekordhöhe (heute bekam man zum ersten Mal seit ca. 12 Jahren weniger als 100 Yen für einen Euro), was einem starken Aufschwung eher abträglich ist. Immerhin hat sich die Regierung dieses Jahr zu einem “JA” zum Beitritt zur transpazifischen Freihandelszone hinreissen lassen – das verspricht ein bisschen Hoffnung.

Beruf
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Unverändert, auch wenn sich Firmenname und Titel geändert haben. Im Prinzip alles beim Alten.

Familie
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Am 7. Februar gab es Zuwachs, und der entwickelt sich prächtig. Lou steht halbwegs freihändig, ist schnell im Verfolgung aufnehmen, spielt gerne und brabbelt unverständliches Zeug vor sich hin. Das aber mit Hingabe. Töchterchen hingegen geht seit diesem Jahr in den Kindergarten, auch das mit Hingabe, und wird morgen 5 Jahre alt. Sie musste viel durchmachen und auf etliches verzichten nach dem 11. März, aber sie hat es mit Fassung getragen.

Reise
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Dieses Jahr war eher mau, aber immerhin ging es zum ersten Mal seit 2008 nach Deutschland. Alles andere war im Inland – darunter auch endlich die Besteigung des Fuji.

Blog
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Dieses Jahr gab es exakt 89 neue Einträge, 1’160 Kommentare und knapp eine Viertel Million Seitenabrufe. Besonders gut besucht war dieser Blog logischerweise kurz nach dem Beben, da es teilweise wirklich an authentischen Nachrichtenquellen mangelte.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein gesundes Neues – 2012 ist das Jahr des Drachen. Munter bleiben!

Bilder und Text zur Iwate-Tour kommen – versprochen!

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Notizen aus dem Norden: Miyako

Dezember 27th, 2011 | Tagged , | 5 Kommentare | 461 mal gelesen

20111227-210720.jpgHeute morgen bin ich mit dem Expresszug von Morioka nach Miyako gefahren – Miyako ist eine Kleinstadt an der Pazifikküste in der Präfektur Iwate und wurde wie viele andere Städte in der Region am 11. März vom Tsunami heimgesucht. Und nicht nur dass – das Beben selbst hatte schon die auf der japanischen Skala maximale 7.

Was ich hier will? Zum einen steht Iwate schon lange auf meiner Liste. Und die Landschaft bei Miyako ist berühmt. Die Trümmer sind auch weitgehend aufgeräumt. Und die Gegend lebt zum Teil vom Tourismus, also warum meiden.

Natürlich habe ich auch als Ex-Geograph mit Schwerpunkt Stadtplanung ein gewisses Interesse daran, zu sehen, was nun aus der Stadt wird. Das mache ich nicht zum ersten Mal – 1998 war ich mit meinem Professor in Kōbe, um das Gleiche zu machen.

20111227-215342.jpgNun, die Trümmer sind aufgeräumt, und in der Stadt ist zu einem gewissen Grade Normalität eingekehrt, auch wenn die Katastrophe noch immer Gesprächsthema Nummer Eins zu sein scheint. Die Hilfe aus dem Ausland scheint hier wirklich sehr willkommen zu sein – heute liefen hinter mir zwei alte Leute, die sich darüber unterhielten. Die Frau sagte zuerst “Ah, mein Sohn wurde auch weggespült, das war wirklich schlimm. Aber die ganze Hilfe aus dem Ausland ist wirklich beeindruckend. Erst gestern wurden alle Schüler in der Klasse meines Enkels mit aus China gespendeten Sportsachen eingekleidet”.

Gestern hatte ich in der Bar in meinem Ryokan eine lange Unterhaltung mit einem Angestellten. Irgendwann kamen wir auch auf Fukushima zu sprechen (welches in dieser Region hier wesentlich weniger Spuren hinterliess). Er merkte dazu an, dass er den Chef des Planungsteams des AKW Onagawa kennt. Zur Erinnerung: Onagawa steht ebenfalls am Meer, ist aber viel näher am Epizentrum dran. Onagawa wurde auch vom Tsunami und Beben getroffen, während es in Betrieb war – dort ist allerdings kaum etwas passiert. Angeblich wurde der Chefplaner jedoch nach Bau des AKW gefeuert, da die Kosten für die Sicherheit den Preis zu sehr in die Höhe getrieben hatten.

Mehr später. Morgen geht es mit dem Bus weiter nach Kamaishi und von dort wieder landeinwärts nach Tōno, Heimat des Kappa.

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Reiseplanung – Grausame Tatsachen

Dezember 20th, 2011 | Tagged , | 8 Kommentare | 518 mal gelesen

Eigentlich wollte ich zwischen Weihnachten und Neujahr mal zur Abwechslung das Land verlassen – schliesslich ist der japanische Yen momentan ziemlich stark und die Gelegenheit von daher recht günstig. Ganz eigentlich dürstet es mich jedoch vor allem, mal wieder in ein neues Land zu fahren. Nach einigem Suchen habe ich dann doch aufgegeben. Es lohnt sich irgendwie nicht, für 4 Nächte stundenlang irgendwohin zu fliegen (ich lebe also doch noch nicht zu lange hier!).

Ex-Herberge in Miyako: Google Maps ist up to date...

Stattdessen mache ich mal wieder etwas, was einfach unlogisch ist: Ich fahre von Tokyo, wo es zu der Zeit kalt und die Tage sehr kurz sind, gen Norden, wo es noch kälter ist – und die Tage noch kürzer sind. Egal. Es gibt drei Präfekturen, die noch nicht in den zweifelhaften Genuss meines Aufenthalts gekommen sind. Dazu zählt Iwate im Nordosten. Für einen Tag soll es dabei auch nach Miyako an die Küste gehen. Der Ort ist für zwei Sachen berühmt: Für seine wilde, zerklüftete Küste. Und dafür, dass der Tsunami im März den halben Ort mitgerissen hat. Als Ex-(?)Geograph treibt mich natürlich auch eine gewisse Neugier: Was geschah da wirklich, und wie sieht es jetzt dort aus?

Also – Unterkunft suchen. Sehr positiv erwähnt wird dort eine kleine, feine Herberge (ein Ryokan, um genau zu sein). Schnell nachgeschaut, wo die Herberge liegt. Und auf Google Street View umgeschaltet. Weia. Da steht nichts mehr. Nur noch das Fundament. Und die Markierung von Google Maps: 浄土ヶ浜旅館 (Jōdo-ga-hama Ryokan). Immerhin hat es wohl die Betreiberin der Herberge samt Familie geschafft, rechtzeitig zu fliehen. Mittlerweilen konnte ich eine andere Unterkunft auftreiben – ein kleines Hotel. Bei denen wurde nur der erste Stock verwüstet.

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Zeichen des Jahres 2011: 絆 (kizuna)

Dezember 13th, 2011 | Tagged , | 1 Kommentar | 448 mal gelesen

Kizuna = Bindung

And the winner is… ein Zeichen, dass nicht einmal zu den ca. 2,300 wichtigsten Schriftzeichen gehört. Gelesen wird es “han” oder “ban”, “kizuna” sowie “hoda-sareru”. Das linke Radikal bedeutet Faden, und damit hat es auch etwas zu tun: Das Zeichen stand einst für ein Band, mit dem man Pferdefüsse fesselte. Heute wird das Zeichen, wenn überhaupt, nur mit einer Lesung benutzt: kizuna. Das bedeutet Bindung, und gemeint ist damit die seit dem schweren Erdbeben und Tsunami im März oft heraufbeschworene Bindung zwischen den Menschen / in der Gesellschaft, um die Tragödie zusammen durchstehen zu können. Das Wort bzw. Schriftzeichen sieht man in der Tat recht oft in diesen Tagen.

Mit der zwischenmenschlichen Bindung hat es nicht immer so geklappt, wie es sollte – nach dem Beben gab es auch in Japan Plünderungen, und aus zuverlässiger Quelle weiss ich von zumindest einem Fall, in dem jemand wegen eines Kanisters voller Treibstoff erstochen wurde – aber im grossen und Ganzen ist die Solidarität untereinander sehr bemerkenswert und die Disziplin sowieso: Es wird gespendet, was das Zeug hält, und sehr, sehr viele Japaner sind mindestens ein Mal nach Norden gefahren, um zu helfen.

Rund 500,000 Menschen beteiligten sich bei der Umfrage nach dem Zeichen des Jahres 2011. Gute 60,000 wählten “kizuna” (nicht schlecht, bei ca. 10,000 Schriftzeichen insgesamt). Platz 2 belegte “災 – sai” (Unglück, Zeichen des Jahres 2004) und 3 “震 – shin” (Beben, Zeichen des Jahres 1995, siehe unten). So langsam gehen uns hier die Schriftzeichen für Katastrophen aus, und so hoffe ich mal auf ein positiveres Zeichen (pun intended) im nächsten Jahr.

Triviales zum Zeichen des Jahres: Nach dem Krieg wurden viele hundert Schriftzeichen vereinfacht. Darunter auch das Zeichen 半 – die beiden Schrägstriche oben verlaufen ursprünglich horizontal spiegelverkehrt (sie zeigen also nach oben-Mitte und nicht nach oben aussen). Auch Zeichen, die dieses Zeichen enthalten, wurden entsprechend geändert. Nicht aber 絆 – da dies nicht zu den wichtigsten Zeichen gehört.

Hier mal eine Übersicht der Zeichen des Jahres seit 1995:

1995 震 (Shin = Beben: Kōbe-Erdbeben)
1996 食 (Shoku = Essen: O-157 Lebensmittelvergiftungen, BSE usw.)
1997 倒 (Tō = Umfallen, pleitegehen: Zahlreiche Bankrotte grosser Kapitalfirmen)
1998 毒 (Doku = Gift: Dioxin- und Hormonskandale, Giftanschlag mit giftigem Curry usw)
1999 末 (Sue = Ende: Ende des Jahrtausends, Weltuntergangsszenarien, Nuklearunfall in Tokaimura etc.)
2000 金 (Kin = Gold, Geld: Medaillen in Sydney, Kim Song-Il, neue Geldstücke und -scheine usw.)
2001 戦 (Sen = Kampf: Terroranschlag auf World Trade Center usw.)
2002 帰 (Ki = Heimkehr: Wirtschaft zeigt Anzeichen der Erholung, Arbeiter reduzieren Überstunden usw.)
2003 虎 (Ko/tora = Tiger: Wirtschaft erstarkt, Hoffnung)
2004 災 (Sai/wazawai = Unglück: Extrem heisser Sommer, viele Taifune, schweres Erdbeben bei Niigata)
2005 愛 (Ai = Liebe: Motto der Expo, Wiederaufbau nach Katastrophen, prominente Hochzeiten)
2006 命 (Inochi = Leben: Prinzessin geboren, Selbstmord von Schulkindern, Unsicherheit im Leben)
2007 偽 (nise = fälschen: Zahlreiche Lebensmitteletikettenschwindel, Politikerskandale usw.)
2008 変 (kawaru = ändern: Große Veränderungen in Politik – Obama, Klimawechsel, Wirtschaftsprobleme)
2009 新 (Shin = neu: Neue Machtverhältnisse im Parlament, neue Gesetze usw.)
2010 暑 (Sho = Hitze: Rekordsommer, Bergleute in Chile überleben in heissem Stollen usw.)

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Fundstücke: Tekitōismus oder: ein verlorenes Stück Holz

Dezember 8th, 2011 | Tagged , , | 2 Kommentare | 604 mal gelesen

Jetzt, da ich endlich mit einer für das Internet halbwegs brauchbaren Kamera ausgestattet bin (mit der man sogar telefonieren kann), kann ich endlich mal spontan Aufnahmen von alltäglichen Nichtigkeiten machen und ein paar Zeilen dazu schreiben. Sonst geht mir ja nach fast 650 Artikeln der Stoff aus, oder ich muss wieder lange suchen, um sicher zu gehen, nicht schon einmal darüber geschrieben zu haben.

Das Photo rechts entstand heute auf meinem Weg zur Arbeit. Der Ort: Bahnhof 新木場 Shinkiba, Bahnsteig der リンかい線 Rinkai-sen (wörtlich in etwa: Ufer-Bahnlinie). Diese Linie ist eine der jüngsten Bahnlinien in Tokyo; der erste Abschnitt (von Shinkiba bis Tōkyō Teleport) wurde 1996 fertiggestellt, der Rest (bis 大崎 Ōsaki an der Yamanote-Linie) erst 2002. Die Linie verläuft größtenteils unterirdisch und hat Anschluss an die 埼京線 Saikyō-Linie (Saikyō steht für SAItama ↔ TōKYŌ – Saitama ist die Präfektur nördlich der Hauptstadt). Das bedeutet, man kann bequem und ziemlich schnell von Shinkiba im Osten nach Ebisu, Shinjuku, Ikebukuro usw. fahren. Einziger Nachteil: Die Linie ist im Vergleich zu anderen Linien fast doppelt so teuer. Vorteil dessen wiederum: Die Züge sind meistens ziemlich leer. Ich habe jedenfalls noch nie stehen müssen. Das ist gut, denn so kann ich unterwegs etwas arbeiten. Oder sinnlose Blogeinträge verfassen.

Zurück zum Photo: Da die Linie neu ist, ist die ganze Anlage inkl. aller Bahnhöfe natürlich auch neu. Eine Orgie aus Beton und Stahl, und wie man es in der Regel gewohnt ist in Japan, ist alles blitzsauber. Nur dieses kleine Brett am Zugende, mit dem aufgeschraubten 発車ベル (Zugabfahrtssignalknopf), passt irgendwie gar nicht so recht ins Bild. Was war da wohl passiert?

“Du, Cheffe, alles fertig! Sieht toll aus, oder?” – “Ach ja? Und wo ist der Zugabfahrtssignalknopf bitteschön? Deinen Bonus kannste vergessen! Und bis morgen früh um 4 Uhr erwarte ich eine handschriftliche Erklärung von Dir, warum Du so versagt hast! In 20-facher Ausfertigung! Aber jetzt lass uns erstmal beim Karaoke-Schuppen einen antütern. Ich schau morgen dann mal zu Hause, habe da irgendwo noch ein altes Brett liegen..”

Ist es das? Oder steht auf Seite 1328 des 5. Anhanges zur 42. revidierten Ausgabe der Eisenbahnbauanleitung (gültig nur für Südosttokyo), daß der Zugabfahrtssignalknopf ganz unbedingt auf einem Brett zu montieren ist, da sonst durch die Vibrationen des einfahrenden Zuges eine Schraube herausfallen könnte? Man weiss es nicht.

In der Regel sind Japaner im Beruf und im Hobby Perfektionisten. Allerdings mit einer nur allzu menschlichen Neigung zum Tekitōismus*.

*tekitō (適当) – eigentlich “angemessen” bzw. “passend”, wird dieses Wort auch oft für “irgendwie hinbiegen” benutzt.

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2 x Telefonanbieter wechseln = 1 x heiraten

Dezember 2nd, 2011 | Tagged | 8 Kommentare | 804 mal gelesen

Habe ich schon mal die BHA-Skala vorgestellt? Das ist die Behörden-Haare-Ausrauf-Skala. Nein, sie ist nicht nach oben offen, 10 ist der Höchstwert und steht für mindestens 5,000 ausgerissene Haare. Kopfhaare, wohlgemerkt. Leute, die mich kennen, wissen, dass ich nicht mehr viele 8+ BHA-Vorgänge brauche bis zur Vollglatze. Hier ein paar Richtwerte, die ich in Japan soweit festmachen konnte:

9 Internationale Hochzeit
9 Permanente Aufenthaltsgenehmigung ohne Anwaltshilfe
7 Permanente Aufenthaltsgenehmigung mit Anwaltshilfe
5 Telefonanbieter wechseln
5 Umziehen
5 Visaverlängerung
4 Bankkonto / Telefonvertrag
3 Internetbanking anmelden
2 Neues Kind anmelden
2 Steuererklärung
2 Überweisung aus dem Ausland auf japanisches Konto

Ich lasse die 10 mal offen. Bestimmt gibt es Vorgänge, die alles bisher dagewesene noch übertreffen. Als Kandidat käme mir da zum Beispiel die Annahme der japanischen Staatsbürgerschaft in den Sinn.

Heute befasse ich mich jedoch mal mit einer Prozedur mit einer 5 auf der BHA-Skala: Dem wechseln des Telefonanbieters. Zugegebenermassen unter erschwerten Bedingungen. Denn erstens wollte nicht nur ich, sondern auch meine Frau wechseln. Und zweitens fing der Spass schon beim ursprünglichen Vertrag an. Denn: Das Telefon meiner Frau war auf den Namen ihres Vaters angemeldet. Damit kann sie in der Familie kostenlos telefonieren. Mein Telefon wiederum war unter dem Namen meiner Frau angemeldet – damit ich auch zur Familie gehöre. Klingt kompliziert? Ist es auch. Bei jeder kleinen Änderung war demzufolge die Einwilligung meines Schwiegervaters erforderlich. Wenigstens konnte man es aber so einrichten, dass das Geld von unsen Konten bezahlt werden konnte.

Nun könnte man freilich einfach den Vertrag kündigen und einen neuen aufsetzen, aber man macht natürlich lieber von der erst seit wenigen Jahren möglichen MNP (mobile number portability) Gebrauch. Will heissen, man kann den Anbieter wechseln und seine Nummer behalten. Geht ja in anderen Ländern bestimmt auch, nehme ich mal an. Lange Rede kurzer Sinn – für den Fall, dass jemand mal etwas ähnliches machen muss oder ich selbst nach ein paar Jahren wieder den Anbieter wechseln möchte, hier eine kleine Zusammenfassung der Schritte und Dokumente. Vorheriger Telefonanbieter: A. Neuer Telefonanbieter: B.

1. Zu B gehen und vorläufigen Vertrag abschliessen. Benötigt werden eine Bank- oder Kreditkarte und irgendein Ausweis (Führerschein, Alien Registration Card zum Beispiel)
Bei B wird man über die Prozedur aufgeklärt und bekommt Dokumente. Darunter sollten auch die 委任状 (Vollmachtsformulare) sein, so das Gerät nicht auf dem eigenen Namen läuft.

2. So man die Person, unter der das Gerät angemeldet ist, nicht selbst zum Laden schleifen möchte, Kopie des Führerscheins oder ähnliches anfertigen lassen.

3. So das Gerät nicht unter eigenem Namen läuft, 戸籍謄本 (Auszug aus dem Stammbuch – Ausländer haben so etwas allerdings nicht) des Ehepartners beantragen. Damit wird das Verwandschaftsverhältnis bestätigt. Den Auszug muss man in der Regel dort beantragen, wo man registriert wurde. Das Familienbuch zieht nicht mit. Da das Ratshaus meiner Frau rund 1,000 km entfernt liegt, kamen folgende Schritte hinzu:

3 a Antrag auf Ausstellung eines Auszuges aus dem Stammbuch aus dem Internet laden, ausdrucken und ausfüllen
3 b Zur Postbank laufen und Verrechnungsschecks kaufen (meist 300 Yen Gebühr für einen Auszug, plus 150 Yen Gebühr für Ausstellung des Verrechnungsschecks)
3 c Verrechnungsschecks nebst Antrag und frankiertem Rückumschlag an zuständiges Rathaus schicken

4. Servicenummer des eigenen Anbieters (A) anrufen. Dies muss jedoch die Person machen, auf die das Gerät registriert wurde. Dort MNP beantragen. Daraufhin bekommt man eine Nummer angesagt. Meistens bezahlt man wohl 2,100 Yen für den Vorgang – wird mit der nächsten Telefonrechnung abgerechnet. Ein paar Tage später bekommt man die Nummer und Bestätigung per Post geschickt.

5.
Vollmachtsschreiben von denen ausfüllen lassen, auf deren Namen die Geräte laufen

6. Zu B gehen mit:


– MNP-Papieren
– Vollmachtsschreiben
– bisherigen Handys (zum Telefonbuch-Abgleich)
– Kopie eines Ausweises des bisherigen Vertragsinhabers
– Ausweis des Ehepartners (Führerschein oder ähnliches)
– Eigener Ausweis
– Geld- oder Kreditkarte
– Viel Geduld, vor allem, wenn man nur in der Mittagspause gehen kann

Danach sollte eigentlich alles kein Problem sein. Theoretisch. Hat sogar beim ersten Anlauf und nach knapp zwei Wochen geklappt. Allzu oft möchte man das aber nicht machen – egal ob in Japan oder anderswo. Eigentlich ist der ganze Prozess auch durchaus nachvollziehbar – wäre da nicht nicht das elende Stammbuch, dessen Beschaffung bzw. die damit verbundene umständliche Art der Gebührenzahlung mich jedes Mal auf die Palme treibt.

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