Kolumne: Abenteuer Wohnen

November 16th, 2011 | Tagged | 10 Kommentare | 2199 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Sommer-Ausgabe (2011/03) der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

Japanische Wohnungen – mal sehen, was uns da so einfällt. Enge, kleine Wohnungen. Sehr dünne Wände. Alles zugestopft mit irgendwelchen Sachen. Niedrige Decken. Gedränge. Alte Häuser aus dunklem, wettergegerbtem Holz mit schönen, verzierten Giebeln auf dem Land. Mit Papier bespannte Schiebetüren. Was man eben so in Filmen und Dokumentationen zu sehen bekommt.
Nach etlichen Jahren in Japan und unzähligen Reisen durch das Land sollte man um einiges schlauer sein – normalerweise. Doch mich beschleicht allmählich das Gefühl, das die Ungereimtheiten in punkto Wohnen in Japan eher zunehmen als abnehmen. Warum baut man zum Beispiel in Japan so gut wie nie Keller? Warum lässt man zwischen den Häusern häufig nicht mal einen halben Meter Platz – und das teilweise sogar auf dem Land? Warum ist Wärmedämmung in Japan ein absolutes Fremdwort – trotz der grossen Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter? Warum setzt man selbst bei mehrgeschossigen Wohnhäusern in Japan noch immer so viel auf Holz – trotz der zahlreichen Erdbeben? Warum müllen in Japan viele ihre Wohnung und ihre Büros bis zur Decke voll? Um es vorwegzunehmen – bei einigen Fragen muss ich leider eine Antwort schuldig bleiben, denn oftmals gibt es keine schlüssige Erklärung.

Eine eigene Wohnung in Japan zu haben kann mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden sein. Da wäre meine winzige Wohnung zu Studentenzeiten – mit umgerechnet 500 Euro für 14 Quadratmeter ein wahres Schnäppchen. Mit winzigem Balkon, für die Waschmaschine. Das Nachbarhaus war 50 cm entfernt, und der Aussenkorridor (die Regel in Japan) jenes Hauses lief direkt auf meinen Balkon und das „Wohnzimmer“ dahinter zu. Will heissen, die Bewohner der letzten Wohnung des Nachbarhauses liefen direkt auf mein Wohnzimmer zu, um knapp einen Meter davor in ihre Wohnung einzutreten. Da wäre eine andere Wohnung, in der ich gut 4 Jahre lebte – mit einer riesengrossen, klobigen Lampe in der Küche, die direkt vor dem Herd hing, und die man nicht entfernen konnte. Jene Lampe war massiv – sie hatte einen grossen, kegelförmigen Schmuckstein am unteren Ende. So oft wie ich mir an dieser Lampe den Kopf eingerannt habe, grenzt es an ein Wunder, dass ich noch in ganzen Sätzen sprechen kann. Von den Türzargen jener Wohnung ganz zu schweigen – jene waren 1.80 m hoch und damit ein paar Zentimeter niedriger als der Author. Leider. Schlaftrunken durch die Wohnung zu laufen erwies sich mehrfach als äusserst schlechte Idee.

Schöner Wohnen in Japan: Altes Haus im Zentrum von Tokyo (Ebisu)

Interessant zu beobachten ist der Wandel in Sachen Wohnen in Japan: Noch bis vor gar nicht allzu entfernter Zeit hatte eine Wohnung in Japan einen ganz anderen Stellenwert als zum Beispiel in Europa. Eine Wohnung hatte ihren Zweck zu erfüllen und mehr nicht. Die eigene Wohnung galt weniger als eigenes Refugium, dass es als so angenehm und individuell auszugestalten galt wie irgend möglich, sondern nur als Raum, in dem man schläft, isst und Fernsehen schaut. Diese Lektion musste zum Beispiel IKEA lernen. 1974 betrat der schwedische Möbelbauer den japanischen Markt und musste 1986 entnervt aufgeben. 20 Jahre später schien den Schweden die Zeit reif genug für einen erneuten Anlauf, und siehe da: Das Geschäft brummt, die mittlerweilen 5 Niederlassungen sind äusserst beliebt und gut besucht. Das mag man teilweise mit der Preispolitik und dem Exotenstatus erklären, aber der Erfolg fusst eher auf der Wandlung der Wertvorstellungen in Sachen Wohnraum: Man legt heutzutage wesentlich mehr wert auf eine angenehme, individuell ausgestattete Wohnung. Oder um es im Neusprech der Werbebranche auf den Punkt zu bringen: Man beginnt in Japan, Spass am Wohnen zu haben. Schaut man sich allerdings einige japanische Wohnungen so an, fragt man sich ernsthaft, woher die Bewohner den Platz nehmen, um alle Einzelteile von Knud oder Olaf auszulegen und zusammenzubauen. Denn japanische Wohnungen sind nachwievor häufig sehr eng und, vorsichtig ausgedrückt, „optimal genutzt“ – man könnte den Zustand auch „zugemüllt“ nennen. Das gilt auch für Büros, meist in Form von Grossraumbüros, in denen oftmals ein Dauerwettbewerb in Sachen „Wie viele Blätter, Briefe und Bücher kann man wohl lose übereinanderlegen?“ stattzufinden scheint.

Na, jemand zu Hause? Teure Eigentumswohnungen in Tokyo

Verständlicherweise sehen sporadische Japanbesucher diesen Aspekt japanischen Lebens kaum. Wer viel Geld erübrigt, kann heuer auch sehr schöne, grosse und gut eingerichtete Wohnungen mieten. Oder kaufen. Wer im Grossraum Tokyo eine 100 Quadratmeter grosse Wohnung sucht, ist im Schnitt mit einem Preis ab 300’000 Euro dabei. Eine schöne Wertanlage, könnte man da denken, doch halt: In Japan wird mit anderen Regeln gespielt. Häuser werden in Japan schon seit eh und je so gebaut, dass man sie nach ca. 30 bis 40 Jahren abreisst und ersetzt. Das nennt sich „scrap and build“, also „abreißen und neubauen“. Otto Normalverbraucher im Raum Tokyo, so im Besitz einer besseren Arbeitsstelle, kauft sich Mitte oder Ende 20, meistens kurz nach der Hochzeit, eine Wohnung. Manchmal auch ein Haus. Da nicht jeder oben genannten Betrag im Sparstrumpf hat, nimmt man dazu einen Wohnungskredit bei der Bank auf – Laufzeit in der Regel 35 Jahre. Man bezahlt also für die nächsten 35 Jahre keine Miete, sondern tilgt seinen Kredit. Das ist schön und gut, doch taugt die Wohnung später kaum als Wertanlage, da es unwahrscheinlich ist, dass das Haus länger als 50 Jahre stehen wird. Eher als Wertanlage taugen Grundstücke, doch als Ausländer kann man leider keine Grundstücke erwerben. Wer Grund und Boden in Japan besitzen möchte, muss vorerst zum Japaner werden (das geht übrigens, aber die Prozedur ist schwer und langwierig).

Manchmal steht das Haus auch viel kürzer als gedacht. Zum Beispiel nach einem Erdbeben. Zwar gibt es Erdbebenversicherungen in Japan, aber die sind verständlicherweise sehr teuer. Fraglich ist zudem, ob der Besitzer des Hauses, in dem sich die Eigentumswohnung befindet, eine solche Versicherung hat: Falls nicht, bleibt man auf seinem Schaden sitzen. Wohnung weg, Kredit noch da und kein Anspruch auf eine neue Ersatzwohnung. Dabei hat man in Sachen Erdbebensicherheit bereits enorme Fortschritte gemacht. Bis zu drei Etagen hohe Häuser werden dabei nachwievor oft zu einem grossen Teil aus Holz gebaut. Interessanterweise ohne Keller – stattdessen werden bis über 10 Meter lange Metallträger in den Untergrund gerammt, Gruben ausgehoben und mit Beton gefüllt und darauf wird schliesslich gebaut: Mit Holz. Und das aus gutem Grund, denn Holz gilt nachwievor als vorzügliches Baumaterial in erdbebengefährdeten Gebieten.

Grundsolide: Bauen mit Holz und Stahl

Klar, Holz brennt auch gut und die winzigen Abstände zwischen den Häusern in Wohngebieten sorgen bei grossen Erdbeben regelmässig für Feuerwalzen, die sich durch die Städte fressen (so zuletzt in Kesennuma im März 2011 sowie in Kōbe 1996), aber die Vorteile überwiegen. Ziegelfreunde haben deshalb in Japan einen besonders schweren Stand – Ziegel verhalten sich im Falle eines Erdbebens äusserst unfreundlich und haben die unangenehme Eigenschaft, sich flugs in einen grossen Trümmerhaufen zu verwandeln. Vorbei sind auch die Zeiten enormer Fehlschläge. So baute man in den 1960ern erdbebensichere Wohnblocks in Niigata, doch die halfen bei dem schweren Erdbeben 1964 nicht viel – da der Untergrund nachgab, kippten die Wohnblocks einfach im Ganzen um wie riesige Legosteine (siehe hier).

Besonders interessant wird es in Japan bei der Wetterfestigkeit der Häuser. Bei Temperaturen bis unter 0 Grad im Winter in grossen Teilen Japans und bis über 35 Grad und extrem hoher Luftfeuchtigkeit im Sommer sollte man meinen, dass Wärmedämmung in Japan die Wohnqualität erheblich steigern beziehungsweise den Energieverbrauch im von Rohstoffen nicht gerade gesegneten Japan erheblich mindern helfen sollte. Das hat sich jedoch im hochtechnologisierten Japan noch nicht herumgesprochen. Wärmedämmung? Gibt es nicht. Fenster aus Doppelglas? Fehlanzeige. Das gilt nicht nur für Wohnhäuser, sondern erstaunlicherweiseoft auch für Bürohochhäuser.
Da man aufgrund des Hitzeinselphänomens in japanischen Großstädten auch nur sehr schlecht ohne Klimaanlage im Sommer auskommt, werden Wohnungen in der Regel mit der Klimaanlage im Winter beheizt und im Sommer gekühlt. Aufgrund fehlender Wärmedämmung hält der Effekt leider nicht lange vor: Kaum ist die Klimaanlage aus, wird es im Winter einfach nur kalt und im Sommer einfach nur heiss. Über die Gründe mangelnder Isolierung kann man nur mutmassen. Ist es technisch zu anspruchsvoll oder zu teuer, eine Wärmeisolierung anzubringen, die den hiesigen Taifunen und der hohen Luftfeuchtigkeit standhält? Oder sind die Energiepreise einfach zu niedrig, um den Aufwand zu rechtfertigen?

Wer jedoch einmal in den Genuss kommt, ein altes, nach traditioneller Art gebautes Wohnhaus zu betreten, wird überrascht sein: Diese Häuser sind von alters her so ausgelegt, dass man wirklich ohne Klimaanlage auskommt: Rund um den Innenbereich führt nämlich ein schmaler Gang, durch den die Luft wunderbar zirkulieren kann. Ausserdem lassen sich oft mindestens zwei Seiten des Hauses nahezu komplett öffnen. Aber wer weiss, vielleicht entdeckt Japan ja in den kommenden Jahren das Potential effektiver Wärmedeckung. Der Zwang zum Energiesparen besteht ja seit dem grossen Erdbeben im März 2011 und dem als Konsequenz daraus verkündeten Ausstieg aus der Kernenergie.

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10 Responses to “Kolumne: Abenteuer Wohnen”

  • BigAl sagt:

    Also ein technisches Problem ist das nicht. Ich kann’s beurteilen, man muß es mir glauben (wer nicht will, von mir aus auch nicht ;)). Und ein finanzielles (wie oft angeführt) auch nicht (mehr).
    Selbst die grauenvoll schlechten Aluminiumfensterrahmen haben keine technische Berechtigung.
    Es ist eher die gute alte Gewohnheit und der Unwille, neben einem Gros Lobbyismus Hand an die japanischen Verordnungen (speziell Brandschutz) zu legen.

  • Konni sagt:

    Ohja, das mit der räumlich bedingten Inkompatibilität zwischen knapp bemessenen japanischen Wohnungen und dem platzintensiven Aufbauprozess von IKEA-Möbeln kann ich aus erster Hand bestätigen! Habe mit Mühe unser 2,20m langes Bett im 2,50m breiten Schlafzimmer zusammengesetzt – nur um anschließend zu entscheiden, dass wir es doch lieber andersherum hätten… Ich erinnere mich nicht mehr an die mathematischen Formeln, aber der Praxistest hat klar ergeben: Zum einfach so Umdrehen reichen die 30cm Platzüberschuss nicht aus. Also ab in die dritte Dimension! Bettgestell (Gewicht: geschätzt 1t) hochkant im Zimmer aufgestellt, um 180 Grad gedreht und voooooorsichtig wieder abgestellt. Das ging zwar sogar ohne nennenswerte Kratzer an Tapete und Holzfußboden von Statten, hat aber tiefe emotionale Wunden hinterlassen… Ich war seitdem nichtmehr bei IKEA. (Dabei können die gar nichts dafür!)

  • Brigili sagt:

    Unsere Freunde in Kyoto haben uns letztes Jahr ganz stolz die doppelt verglasten Fenster in ihrem Neubau vorgeführt (wir hatten daheim gerade auf dreifach Verglasung umgestellt…), aber das war auch die einzige Wäremdämmung im Haus. Für Brandschutz gibt es aber wohl Vorschriften in Kyoto, die Fassade muss aus entsprechenden Materialien bestehen.

  • Chibi sagt:

    Ja so ein altes Haus ist toll. Es gibt dann im Sommer ein kühles Zimmer, im Winter ist es eiseskalt. Man sagt, im Winter kann man sich dick anziehen und Eintopf essen, im Sommer gibt es da wenig Möglichkeiten. Zum Thema Keller, erst mal ist sowas teuer, dann muss man keine Kartoffeln lagern, Otto N. braucht keinen Hobbyraum, bei einem Erdbeben könnte man dort ersticken, und das Gerümpel wird in Omas Zimmer gelagert. Allerdings gibt es einen Raum zum Schnaps lagern , das ist so ein Loch in der Küche. (床下収納).

  • Klaus sagt:

    Klar doch – Keller „geht nicht“. Begruendung: der Grundwasserspiegel.
    Na, an irgendetwas muss es halt liegen. Und japanische Bauvorschriften – gibt’s es die ueberhaupt? Ist halt alles noch etwas „zurueckgeblieben“ im Vergleich zu Germanien.

    Inkompetentes Bauen muss ja auch nicht nur auf Privatgebaeude beschraenkt bleiben. Unsere Schule wurde dieses Jahr neu errichtet. Nix mit Doppelverglasung, nix mit Solarpanelen, nix mit so vielem. Haette ja etas mehr gekostet, und ausserdem haben wir das immer schon so gemacht, also wird es auch nicht geaendert.

  • Jürgen sagt:

    @Chibi
    „Gerümpel wird in Omas Zimmer gelagert“ :-) bestimmt auch umgekehrt ;-)

    @Tabibito
    Schön, endlich kein graues „Trauerlogo“ mehr im Blog. Jetzt noch bitte weiße Schrift mit dunklem Schatten :-)

  • トゥルク sagt:

    Könnte man sich dort überhaupt ein ordentlich isoliertes Haus mit Wasserheizkörpern bauen, oder ist das in den Bauvorschriften gar nicht vorgesehen?

  • BigAl sagt:

    Ich glaube es war Toyoku Inn, die haben in jedem Ihrer Hotelzimmer nen kleinen Heizkörper unter dem Schreibtisch…

  • Oh ja, das klingt recht abenteuerlich „Wohnen in Japan“. Bei uns in Zürich, Switzerland sind im Moment vor allem die Mietspreise ungeheuer abenteuerlich!
    Danke für den interessanten Bericht.
    Liebe Grüsse nach Japan
    Elfe

  • Tako sagt:

    Der Grund ist doch recht einfach, in einem Land in dem die meiste Zeit eine Luftfeuchtigkeit von ueber 90% herrscht, macht ein Keller sowenig Sinn wie eine Isolierung oder Ledersohlen bspw. Ich kann mich noch gut an meine Lerjacke erinnern, die im Juni (Regenzeit) aussah als waehre sie mit Rauhreif ueberzogen. Gegen Schimmel hilft nur gute Belueftung.Alte japanische Haeuser sind uebrigens genial gebaut – relativ kuehl im Sommer und nicht zu kalt im Winter. Im Winter sollte man eh etwas enger zusammensitzen/essen/trinken und da ist ein Kotatsu eine wunderbare Sache.Ausserdem waehre da noch die geniale japanische Badekultur – gut zum Aufheizen und sowas von kommunikationsfreundlich! Ich habe gut 15 Jahre in einem alten 160 Tatami grossen Haus gelebt und bin davon ueberzeugt. dass diese Haeuser perfekt der Umgebung angepasst sind. Und ehrlich, wer wuerde von Japanern was anderes erwarten?