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Lebensstandard von deutschsprachigen Ausländern in Japan: Ergebnis

Oktober 29th, 2011 | Tagged | 4 Kommentare | 1452 mal gelesen

Vor einer guten Woche habe ich mit diesem Artikel eine Umfrage zum Lebensstandard von deutschsprachigen Ausländern in Japan gestartet. Innerhalb einer Woche beteiligten sich insgesamt 62 Leser an der Umfrage – angesichts der Tatsache, daß sich nur ca. 5% der Leser dieses Blogs in Japan befinden, wird nicht wesentlich mehr zusammenkommen. Will heissen, die Umfrage stellt wirklich nur eine Stichprobe dar – schliesslich gibt es rund 5’900 in in Japan gemeldete Deutsche (siehe hier), gute 1’000 Schweizer und ein paar Hundert Österreicher, und hier wurden ergo rund 1% befragt. Nicht 99%. Die nackten Ergebnisse, farblich aufgehübscht, sehen so aus:

1. “Wie lange arbeitest Du schon in Japan?” 2. “Wie bist Du zu der Arbeit gekommen?”
3. “Wie ist Dein jetziges Beschäftigungsverhältnis?” 4. “Wieviel verdienst Du im Durchschnitt pro Jahr (inkl. Boni, netto)?*”
5. “Wie schätzt Du Deine Japanischkenntnisse ein?” 6. Angegebene Berufe
(Eingabe war freiwillig)Am meisten vertreten waren Übersetzer, gefolgt von Lehrern, Ingenieuren und IT-Fachkräften.

*Kurs zur Zeit der Umfrage: 1 Millionen Yen = ca. 9’500 Euro (vor drei Jahren: 6’000 Euro)

Leider ist die Menge zu klein, um vernünftige Korrelationen zu erstellen. Korrelliert** man Sprachkenntnisse mit dem Jahresgehalt, kann man feststellen, daß die logisch klingende Formel “Bessere Sprachkenntnisse = besseres Gehalt” nicht zutrifft. Diese Umfrage wird allerdings dahingehend verfälscht, daß hier auch aus Europa entsandte Ingenieure, Banker und Wissenschaftler vertreten sind: Jene sprechen in der Regel kaum Japanisch, verdienen aber überdurchschnittlich gut.

Eines wird jedoch anhand dieser Stichprobe deutlich: Es gibt genug Auswanderer, die sich in Japan mehr oder weniger durchschlagen müssen – fast die Hälfte (45%) lebt mit einem Jahresnettogehalt von 4 Millionen Yen (38’000 Euro) – angesichts der zumeist hohen Mieten und Lebensmittelpreise in Japan ist das kein Gehalt, mit dem man nur so in Geld schwimmt. Zumindest nicht in den Großstädten. Das Durchschnittsbruttogehalt für Japaner beträgt übrigens 5,5 Millionen Yen (50’000 Euro) – Davon werden zumeist ca. 1 Millionen Yen Steuern abgezogen (inkl. Kommunalsteuer – die kann je nach Stadt bis zu 10% des Gehalts betragen).

**Anhand sogenannter Session-ID’s können Daten in der Umfrage korrelliert werden

Die Umfrageergebnisse können als PDF hier heruntergeladen werden.

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Zwei Stunden Anstehen für ‘ne Wurst / The Meat Guy

Oktober 25th, 2011 | Tagged , , | 17 Kommentare | 1043 mal gelesen

Würstchenbude in Tokyo: 2 von 4 Sorten ausverkauft, zwei Stunden Wartezeit

Nein, die Rede ist nicht von einer Suppenküche oder einem Flüchtlingslager, sondern vom Deutschlandfest, welches gestern in und um die deutsche Botschaft herum stattfand. 150 Jahre Deutsch-Japanische Freundschaft sollten da gefeiert werden – Höhepunkt des Jahres der Deutsch-Japanischen Freundschaft. Hoch die Tassen.

An der Außenmauer genau jener Botschaft, die sich kurz nach dem Erdbeben erstmal selbst in Sicherheit gebracht hatte, ohne die bei Ihr registrierten Bundesbürger irgendwie zu informieren, klebten riesengrosse Plakate, auf denen die Heldentaten gefeiert wurden, die Deutschland für das leidgeprüfte Japan nach der Katastrophe volbrachte – mit Photos von Cargomaschinen, Hochdruckreinigern, Räumgerät und dergleichen. Ich glaube, ein Photo vom THW, das zwar schnell vor Ort, aber noch schneller wieder verschwunden war, war glaube ich nicht dabei.

Das soll aber unser aller Freude nicht trüben. Ich war dann doch zu neugierig, und bin also mit meiner Tochter nach Hiroo gefahren. Schliesslich sollte ja sogar der Bundespräsident auftreten. Das tat er wohl auch, aber dafür waren wir zu spät, und meine Tochter wäre sicherlich auch nicht so sehr an einer Rede interessiert gewesen. Schon am Bahnhof von Hiroo ging es los: Menschenmassen, soweit das Auge reichte. Irgendwie Kind an den Cafes vorbei bis zum Park gezerrt – Menschenmassen überall. Hin zum Teich im Park, dann ein paar wenige Stufen hoch – dort begann eine Schlange, die bis zum oberen Teil des Parks reichte. Die Wurstschlange! Ein Zurechtweiser mit Schild “Hier Ende der Schlange” beantwortet gutmütig die Frage nach der Wartezeit: 2 Stunden. Um Gottes Willen.

Es war viel Trubel. Unzählige Menschen, unzählige Kinder. Schnell was zum essen kaufen? Ausgeschlossen. Nun ja, hier etwas gespielt, da etwas gespielt, kurzer Heulkrampf, weil der gerade erkämpfte Heliumluftballon gen Himmel flog… nach anderthalb Stunden wurde es eh schon langsam dunkel, und so traten wir wieder den Rückweg an. So gesehen muss das Fest ein voller Erfolg gewesen sein.

—–

The Meat Guy

A propos Wurst: Heute bin ich über eine Webseite gestolpert, die ich vorher noch nie bemerkt habe: “The Meat Guy”. Der Name an sich ist schon herrlich. Und Programm. Der Laden wird von einem in Nagoya lebenden Ausländer betrieben – und das Angebot sieht fantastisch aus. Es gibt sogar (Fanfarenton!) ganze Enten – mit 6,600 yen, also guten 60 Euro, pro Tier (wenn auch klein) sogar relativ preiswert. Sogar Speck hat er. Naja, im Moment ausverkauft… Ich war so begeistert, dass ich hier doch prompt umsonst Werbung für den Laden mache.
Die Seite ist übrigens zweisprachig (Englisch & Japanisch) – und gut gemacht. Sprich, die Artikelbeschreibungen sind regelrecht amüsant. Hier geht’s zum Meat Guy.

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Umfrage: Lebensstandard von Ausländern in Japan

Oktober 21st, 2011 | Tagged , | 13 Kommentare | 1914 mal gelesen

Bloggerkollege Coolio hat in einem seiner letzten Artikel auf ein Problem aufmerksam gemacht, das mich schon seit längerem interessiert: Wie geht es eigentlich den anderen Ausländern, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum, in Japan?

Dank meiner Arbeit bin ich relativ gut informiert darüber, wie es vielen Englischlehrern und Ex-Englischlehrern geht, aber bei Einwanderern aus dem deutschen Sprachraum bin ich mir da nicht so sicher. Und ich glaube nicht, dass es dazu irgendwo zuverlässige Zahlen gibt.

Das schreit geradezu nach einer Umfrage, denn das Thema ist durchaus interessant. Japan hat noch immer unter vielen den Ruf, das Land zu sein, in dem Milch und Honig fliessen, aber wie Coolio bereits ziemlich deutlich andeutet, ist dem nicht unbedingt so. Und der Dittman-Fond der Deutschen Botschaft in Japan belegt dies auch recht deutlich.

Die Fragen gehen ziemlich ins Detail und sind streckenweise etwas direkt, deshalb liste ich lieber die Fragen unten auf. Ich logge keine IP’s, ich will nicht wissen, wer hinter den Antworten steckt. Aber ich hoffe auf rege Teilnahme, denn erst dann ist es sinnvoll, die Ergebnisse auszuwerten und zu veröffentlichen. Nachdem dieser Beitrag im Blog nach unten gerutscht ist, werde ich das Umfragemodul für eine Weile in die rechte Spalte bewegen – es sei denn, es finden sich schnell mehr als 100 Antwortende.

Eine Bitte an dieser Stelle: Bitte nur die Fragen beantworten, wenn Ihr
In Japan lebt UND arbeitet!

Hier die Fragen – mit Ausnahme der letzten Frage sind alle Fragen Pflicht.

1. Wie lange arbeitest Du schon in Japan?
2. Wie bist Du zu der Arbeit gekommen?
3. Wie ist Dein jetziges Beschäftigungsverhältnis?
4. Wieviel verdienst Du im Schnitt pro Jahr (inkl. Boni, netto)?
5. Wie schätzt Du Deine Japanischkenntnisse ein?
6. Wie schätzt Du Deinen Lebensstandard in Japan ein im Vergleich zum Durchschnitt?
7. Wenn Du möchtest, kannst Du hier Dein Berufsfeld angeben (nicht zwingend)

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Ist Tokyo nun verstrahlt? Oder nicht? Eine Bestandsanalyse

Oktober 17th, 2011 | Tagged , , , , | 10 Kommentare | 2055 mal gelesen

In der vergangenen Woche schreckte eine Meldung zahlreiche Hauptstädter – sowie zahlreiche deutsch- und englischsprachige Blogger und ausländische Medien auf: In 世田谷区 Setagaya-ku, einem relativ zentral gelegenen und vergleichsweise gehobenen Distrikt von Tokyo, wurde an einem alten, zerfallenen Holzhaus eine Strahlenbelastung gefunden, die über der von Iitate liegt. Iitate gilt als einer der verstrahltesten Orte Japans und liegt in der Präfektur Fukushima.

Genauer gesagt fanden Privatpersonen bei einer Messung in Setagaya-ku einen Wert von 2.7 Mikrosievert vor (offizielle Meldung hier, Japanisch). In Iitate misst man momentan (im Schnitt) 2 Mikrosievert. Das sind aufs Jahr gerechnet 23.6 Millisievert. Die Internationale Atomenergiebehörde und zahlreiche andere internationale Behörden empfehlen für Normalsterbliche eine jährliche Dosis von maximal 1 Millisievert (siehe unter anderem hier, Englisch); andere Behörden und Organisationen wiederum gehen von 20 Millisievert pro Jahr als absolut unbedenkliche Menge aus. In Japan gilt der Grenzwert 1 mSv, obwohl man den Wert auf 20 mSv für Teile der Präfektur Fukushima erhöhen wollte bzw. teilweise wohl hat.

Vielleicht mag sich der eine oder andere gewundert haben, warum mir die obige Schlagzeile keinen Beitrag wert war. Nun: Das Ganze roch etwas nach Fisch. Warum? Der Wert erschien mir doch etwas zu hoch. Denn: Seit Monaten misst nicht nur die Regierung. Gottseidank. Mehr und mehr Privatpersonen und Organisationen ziehen mit Geigerzählern durch die Hauptstadtregion und teilen gern ihre Messwerte dem interessierten und besorgten Mitmenschen mit. Das ist gut, lobenswert und sehr wichtig. Und gleichzeitig ein Novum – noch nie haben die Bürger ihrer Regierung so stark misstraut.

Wäre der in Setagaya gemessene Wert nun die Regel, wäre dies auf jeden Fall eher und aus mehreren Ecken publik geworden. Die Medien griffen den Ausreisser gern auf, zumal ein Schulweg an dem besagten Haus vorbeiführt. Die lokalen Behörden nahmen das Haus unter die Lupe – und fanden dort in einem schmalen geheimfach-ähnlichen Hohlraum eine Kiste mit Ampullen. Darin: Radium. Jenes wurde bis in die 1950er unter anderem in Japan häufig verwendet: Zum Beispiel, um die Zeiger in Uhren im Dunkeln leuchten zu lassen. Nun – die Ampullen schienen aus der Zeit zu stammen. Sie wurden entfernt, und jetzt misst man am gleichen Ort weniger als 0.01 Mikrosievert. Das entspricht anderen Messungen.

“Foul!” erschallte es sodann aus allerlei Ecken. “Das riecht ja nach Vertuschung – das stinkt doch irgendwie!”. Nun gut. An dieser Stelle mal die notwendige “What if”- Frage: “Was, wenn dort wirklich jemand Flaschen mit Radium hortete – und die über Jahrzehnte dort lagerten und vergessen wurden?” Ausgeschlossen? Nein. Es ist einfach logisch, dass solche Dinge jetzt ans Licht kommen: Wer ist vor März 2011 schon mit einem Geigerzähler durch Tokyo gerannt? Grund zur Panik oder zur sofortigen Bemühung althergebrachter Verschwörungstheorien? Nein.

Oder? Andere Messung: In der vergangenen Woche wurden in Yokohama an zwei Orten hohe (bzw. relativ hohe) Strontiumkonzentrationen gefunden. Brisant ist daran, dass Strontium zum ersten Mal soweit entfernt von Fukushima gemessen wurde. Und: Strontium ist besonders gefährlich, da es vom Körper anstelle von Kalzium aufgenommen und in Knochengewebe eingebaut wird, um dort später Knochen- und andere Krebsarten auszulösen. Nun lag die maximal gemessene Konzentration in Yokohama bei 195 Becquerel / Kilogramm (Originalmeldung siehe hier), aber es wurde auch noch nicht flächendeckend gemessen. Die Konzentration ist relativ gering, aber es ist nicht mehr zu leugnen: Strontium gibt es nun auch in der Hauptstadtregion.

Das allgemeine Verständnis lautet dieser Tage so:

  • Die Strahlenbelastung in der Luft liegt auf einem (nahezu) natürlichen bzw. vernachlässigbar erhöhten Level
  • Trinkwasser in der Hauptstadtregion ist sicher (unter Nachweisgrenze)
  • Gemüse, Fleisch, Fisch usw: Streckenweise belastet. Leider ist es schwer einzugrenzen – vor allem bei Fleisch und Milchprodukten, da man nicht weiss, wo was verfüttert wurde. Wer bei Meereserzeugnissen auf Nummer sicher gehen möchte, kauft nur, was in Westjapan (Japanisches Meer) oder im Ausland gefangen wurde (jedoch: norwegischer Lachs ist dank englischer AKW auch belastet usw.). Wer bei Gemüse auf Nummer sicher gehen möchte, vermeidet Gemüse aus Fukushima, Miyagi, Saitama, Ibaraki, Tokyo, Chiba, Shizuoka, Yamagata, Niigata und Nagano, wobei jedoch Chiba, Shizuoka, Nagano und Niigata mittlerweilen als unbelasted gelten
  • Wer Kinder hat und in der Hauptstadtregion lebt, vermeidet altes Laub, den Zwischenraum zwischen Häusern, die Gegend um Gullydeckel und eigentlich alle Stellen, an denen sich leicht Regenwasser sammelt.

Zum letzten Punkt muss jedoch folgendes gesagt werden: Die Werte sind bei weitem zu gering, um äussere Strahlenschäden zu bewirken. Es geht hier um die innere Strahlenbelastung ((体)内被曝 – (tai)naihibaku). Eltern sollten deswegen vorsichtshalber sichergehen, dass Kinder nicht auf irgendeine Art und Weise Schmutz aus diesen Bereichen aufnehmen – zum Beispiel, indem sie dort spielen und dann an ihren Fingern lecken usw. Kurzum: Nicht im Laub oder rund um Wassergräben, Gullydeckeln usw. spielen lassen.

Wie geht es weiter?
Es wird noch einiges ans Licht kommen. Die erhöhten Konzentrationen im Grossraum Tokyo werden mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit gegen Mitte 2012 nahezu verschwunden (ausgewaschen) sein – so war es auch in Bayern ein Jahr nach Tschernobyl. Das Auswaschen radioaktiver Partikel wird jedoch noch auf lange Sicht Probleme im Wasserkreislauf verursachen.

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Rente mit 70, Mehrwertsteuer um 100% rauf?

Oktober 13th, 2011 | Tagged , , | 4 Kommentare | 592 mal gelesen

Die Nachrichten gestern warteten gleich mit 2 Hiobsbiotschaften für Tarō Normalverbraucher auf: Zum einen verkündete Finanzminister Azumi bei eibem Treffen mit der Spitze des Keidanren (hiesiger Wirtschaftsverband), daß er auf jeden Fall gedenkt, im nächsten Jahr einen Gesetzesentwurf einzureichen, demzufolge die Mehrwertsteuer erhöht werden soll. Dies ist seit geraumer Zeit im Gespräch, nicht erst seit der Erdbebenkatastrophe. Die Zahl, die man am häufigsten hört, ist 10%, und dieser Prozentsatz soll Mitte dieses Jahrzehnts erreicht werden. Momentan liegt er bei 5%, vor wenigen Jahren lag er noch bei 3%. Nicht-Japan-Kundigen sollte an dieser Stelle allerdings gesagt sein, daß die Mehrwertsteuer im Bezug auf die Endverbraucherpreise ein relatives Maß ist: 5% klingt niedrig für die meisten Europäer, bedeutet aber nicht, daß die Endverbraucherpreise klein sind.

Ein anderer Vorstoß kam zeitgleich aus anderen Ecken: Man wird nicht anders können als das Rentenalter zu erhöhen. In vielen traditionellen Firmen liegt das Renteneintrittsalter noch bei 60 Jahren, oft auch bei 62. Die Rente setzt sich dabei in der Regel aus der staatlichen Rente (mickrig) und der Betriebsrente (kann je nach Firma durchaus stattlich sein) zusammen. In Sachen Renteneintrittsalter möchte man scheinbar nicht gern kleckern, sondern klotzen: Sofort war die Zahl 70 im Gespräch.

Dies ist freilich nicht weiter verwunderlich: Japan hat eine der höchsten Lebenserwartungen, aber gleichzeitig dummerweise eine der niedrigsten Geburtenraten. Momentan zahlen 2.5 Angestellte die Rente eines Rentners, und das Verhältnis wird nicht besser. Will heissen, Japans Rentenkasse steuert auf die Pleite zu, wenn sich sobald nichts ändert.

Das ist alles schön und gut, und bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich unvermeidlich, zumal die Staatsverschuldung Japans vorsichtig ausgedrückt enorm ist (das Gros der Schuldpapiere wird jedoch glücklicherweise von Japanern gehalten). Leider bekämpft man hier allerdings – wie schon seit sehr langem – nur die Folgen und nicht die Ursache: Die lange versprochene Aufstockung der finanziellen Anreize für Eltern wurde bereits über Bord geworfen, mit der offiziellen Begründung, das Geld werde für den Wiederaufbau der Katastrophenregion gebraucht. Dabei wurde bereits vor dem Beben laut darüber nachgedacht, dieses für viele Wähler stimmentscheidende Wahlversprechen zu brechen. Da Japan sich auch nicht gerade um Zuwanderer reißt, tickt die demographische Bombe weiter.

A propos schlechte Nachrichten: Schon erwähnt, daß TEPCO, die Betreiberfirma der AKW’s in Fukushima und alleiniger Stromlieferant im Großraum Tokyo, bereits im 9. Monat in Folge den Strompreis erhöht hat? Offizielle Begründung: Gestiegene Preise für fossile Brennstoffe auf dem Weltmarkt. Diese Begründung ist natürlich der blanke Hohn – der Yen jagt ein Rekordhoch nach dem anderen. Man kann sicherlich nur schwer zugeben, daß letztendlich die Verbraucher für den kompletten AKW-Schaden aufkommen werden müssen.

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Wie ein bunter Hund

Oktober 11th, 2011 | Tagged | 4 Kommentare | 822 mal gelesen

Tass' Käffchen gefällig? Kann bis zu 4 Leute einladen!

Wenn man lange Zeit im Ausland lebt und auch noch die Sprache spricht, vergißt man nach einigen Monaten? Jahren?, daß man Ausländer ist. Das ist soweit in Ordnung, wenn man zum Beispiel in die USA gezogen ist oder nach Frankreich. Etwas anders sieht es in Japan aus, wo der Anteil der nicht-ostasiatischen Ausländer bei unter einem Prozent liegt. Ob man sich als Ausländer fühlt oder nicht ist dabei vollkommen Wurst: Man ist Ausländer. Man fällt auf. Man fragt sich manchmal, ob man bunte Flecken im Gesicht hat oder einem gerade das Gesicht zerfliesst, wenn man angestarrt wird. Oder ob man als jemand angesehen wird, der gerade erst aus dem Wald kam (letzteres artikuliert sich meist dadurch, daß irgendjemand angeturnt kommt und ganz gekonnt “No, No” ruft, wobei auch eine im fliessenden Japanisch vorgebrachte Gegenfrage, was denn des Rufers Unmut errege, nicht den Wortschatz des nun leicht grenzdebil wirkenden Störenfriedes wiederbringt).

Der wahre Sinn des Lebens: Bic Camera-Karte vollmachen und leermachen

Der Bekanntheitsgrad hat in der näheren Umgebung jedoch nicht nur Nachteile, sondern auch einige Vorteile. Erst gestern zog es mich mit meiner Familie mal wieder zum Doutor. Das ist eine japanische Kaffeehausfiliale, und ja, ich bin schon soweit tatamisiert, daß ich eben nicht zu Starbucks gehe, denn da ist der Kaffee einfach mal zu groß, zu teuer und nicht mal besonders wohlschmeckend. Nicht, daß Doutor in punkto Geschmack wesentlich besser ist, aber da sind wenigstens Tasse und Preis kleiner. In Doutor-Filialen kann man mit der sogenannten T-Card seiner Punktesammelwut fröhnen. Eigentlich bin ich kein Freund solcher Karten und Systeme, aber die Sache mit der T-Card ist clever: Jene ist gleichzeitig die Mitgliederkarte für Tsutaya, der wahrscheinlich größten Video- und CD-Verleihkette in Japan. Also schleppt man die Karte sowieso mit sich herum. Warum also nicht gleich beim Gang zu Doutor oder zum Family Mart die T-Card vorzeigen. Immerhin ist damit jede 210. Tasse Kaffee umsonst (man bekommt überall 1 Prozent des Preises gutgeschrieben). A propos Punktekarte: Ein absolutes Muß meinerseits ist da die Bic Camera- Karte, mit der man meistens 10% auf Elektroartikel gutgeschrieben bekommt. Was habe ich der Karte nicht schon alles zu verdanken. Wäre doch glatt eine Geschäftsidee, vor Bic Camera Touristen abzufangen, ihnen beim Einkauf mit Rat und Tat beiseite zu stehen und sich dann die Punkte gutschreiben zu lassen. Da hat jeder was davon. Wie? Gute Idee? Na warte, wehe ich erwische einen von Euch vor Bic Camera!

Ich glaube, ich schweife ab. Doutor. Gestern ging ich also an den Tresen, um zu bestellen. Weiss nicht, welcher Hund bunter ist – ich oder meine Tochter. Die Bedienung schaut mich an, als ob sie lange auf mich gewartet hätte, greift kurz unter den Tresen und überreicht mir meine… T-Card. Da ich sie seit dem letzten Besuch, muss wohl vor 2, 3 Wochen gewesen sein, eigentlich nicht vermisst hatte, war ich umso überraschter. Und ein bisschen glücklich, denn auf der Karte haben sich mittlerweilen um die 5 Tassen Kaffee angesammelt. Es gibt wohl verschiedene Arten, Zeit zu messen.

Ob mir das in Deutschland in einem sehr gut besuchten Cafe, das ich zwei, drei Mal im Monat besuche, auch passieren würde? Ausgeschlossen ist das nicht. Aber dank des Bunten-Hund-Prinzips passiert so etwas in Japan sehr häufig.

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Absurditäten Teil soundso: Bankenverhör

Oktober 6th, 2011 | Tagged , | 12 Kommentare | 1823 mal gelesen

Schon mal erwähnt, daß ich ein riesengrosser Freund japanischer Banken bin? Ach ja, hatte ich schon. Aber da die hiesigen Banken eine unendliche Quelle abstruser Vorschriften sind, bin ich ihnen einfach mal einen weiteren Artikel schuldig.

Viele Leser werden sich an den Spendenaufruf für Minami-Sōma erinnern. Es kam einiges zusammen, und das sammelte sich auf meinem Paypal-Konto an. Und das musste irgendwie zum japanischen Spendenkonto der Organisation gelangen, da diese leider kein ausländisches Konto und auch kein Paypal haben. Mein Paypal-Konto ist mit meinem japanischen Bankkonto verbunden – will heissen, ich kann – begrenzt – Geld von meinem Paypal-Konto zu meinem Bankkonto schicken. Ist auch nicht allzu teuer. Ja, und? Nun, Paypal hat seinen Sitz im Ausland. Irgendwo da draussen. Jedenfalls nicht in Japan. Und Japanern, allen voran Banken, ist ja bekanntlich vieles, was aus dem Ausland kommt, suspekt. Dazu zählen insbesondere Überweisungen. Man könnte ja mit dem Geld, auch wenn es nur ein dreistelliger Eurobetrag ist, einen japanischen Politiker bestechen! Also setzt sich eine Maschinerie in Gang. Drei Tage, nachdem ich die Überweisung in Paypal in Gang gebracht hatte, bekam ich einen Anruf von meiner örtlichen Bankfiliale:

B: Sind sie Matthias? Matthias R***** (Name ist der Redaktion bekannt)
M: Ja!
B: Hier ist die Mizuho-Bank. Sie haben bei uns ein Konto…
M: Korrekt.
B: Wir haben heute eine Überweisung aus dem Ausland auf ihr Konto erhalten. Von (kurze Pause, es raschelt etwas) Pei… – Pei…
M: Peiparu! (Paypal)
B: Genau! Sie wissen davon?
M: Ja, ich habe die Zahlung erwartet.
B: Wir müssen Sie aufgrund von Verordnung soundso fragen, woher das Geld kommt.
M: Das ist von meinem eigenen Paypal-Konto. Ich überweise da quasi zwischen meinen eigenen Konten.
B: Und darf ich Sie nach dem Verwendungszweck fragen? Woher kommt das Geld?
M: Ich habe da eine Webseite, und da haben die Leser für einen wohltätigen Zweck für eine Organisation in Japan gespendet.
B: etto… (auf Deutsch in etwa: wie jetzt?)
M: Tja, und das Geld muss ich weiterleiten.
B. (sammelt sich und läuft zur Hochform als Detektivin auf) Wie heisst die Organisation?
M: “Save Minami-Sōma”
B: Hä?
M: Minami-Sōma! Sie wissen schon, die Stadt in Fukushima, Tsunami, AKW, Erdbeben und so!
B: Hmmm. Und was war das andere nochmal?
M: Save! Auf Japanisch 救助 oder 救う, oder in diesem Fall auch 応援する (da ich gerade Laune hatte, gab ich ihr noch mehr Übersetzungen, damit sie meinen prächtigen japanischen Wortschatz etwas mehr würdigen kann)
B: Und was macht die Organisation?
M: Nun, die fahren regelmäßig mit Hilfslieferungen nach Minami-Sōma…
B: Wohin?
M: (fallen gerade die Udon aus dem Mund) Na nach Fukushima, um das an die Evakuierten zu verteilen.
B: Achso. Ist die Organisation eingetragen?
M: Ich glaube, noch nicht. Das dauert ja in Japan immer ein paar Jahre… aber die gehören zu Second Harvest?
B: Sekando… was? Was machen die?

Nun, ich möchte nicht das ganze, ca. 10-minütige Gespräch wiedergeben. Die Dame war auch so freundlich, mich zu warnen, dass sie mich jedes Mal anrufen, wenn ich so eine Überweisung bekomme. Bis dahin werde ich mir wohl eine einfachere Geschichte ausdenken müssen (na damit will ich den Wirtschaftsminister bestechen, damit er dieses alberne Bankengesetz kippt – zum Beispiel).
Ende vom Lied: Die gute, leider etwas begriffsstutzige Frau gab endlich die Überweisung frei, sodass ich sie noch am gleichen Tag weiter überweisen konnte.

Dieser Prozess war mir nicht neu. Da wir in der Firma mehrmals im Monat auch Zahlungen aus dem Ausland erhalten, kenne ich diese Gespräche. Aber als Firma hat man freilich den Vorteil, meistens mit der gleichen Person sprechen zu können.

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Sport frei!

Oktober 2nd, 2011 | Tagged , | 4 Kommentare | 1007 mal gelesen

Heute kam ich zum ersten Mal in den Genuß eines 運動会 – Sportfestes in einem japanischen Kindergarten. Diese Sportfeste finden in allen (soweit ich weiss) Kindergärten und Schulen in Japan ein Mal im Jahr statt und sind ein fester Bestandteil japanischen Familienlebens, da die Eltern auch mehr oder weniger stark eingebunden werden: Bereits vor einem Monat saß ich um Mitternacht mit meiner Frau zu Hause und zerpflückte rote Tüten, um Pompons für unsere Tochter herzustellen. Falls sich also jemand fragt, warum tabibito mal wieder den Blog schleifen lässt – er ist beim Pompon-Machen.

Nichts zu tun am Sonnabend? Geh' doch zum Sportfest!

Um 8:45 ging es los (Sonnabends, wohlgemerkt). 150 Kinder, mindestens zwei Mal so viele gähnende Erwachsene mit noch ein paar Dutzend kleineren und grösseren Kindern sowie rund 30 Betreuer und Helfer versammelten sich auf einem tristen, staubigen Schulhof. Nach kurzer Ansprache der Lagerleitung wurde erstmal zusammen zur japanischen Nationalhymne (“Tonari no Totoro, Totoooooroooo ♪”) geturnt. Gefolgt vom Mickey-Mouse- und dann vom Pooh-der-Bär-Lied. Damit die lieben Kleinen auch wissen, was sie sich zu Weihnachten von den Eltern wünsche sollen, schliesslich liegen ja Disneyland und Disney-Store gleich um die Ecke.

Es folgten diverse Spielchen und Turnübungen und Tanzeinlagen der lieben Kleinen, mit mehr oder weniger grosser Einbeziehung der immernoch gähnenden Eltern. Darunter: Lustiges Tauziehen der Eltern. Dazu wurde den Vätern oder bei Abwesenheit selbiger den Müttern ein 鉢巻き Hachimaki (japanisches Stirnband) in der Farbe der jeweiligen Klasse ausgehändigt, und schon konnte es losgehen. Hinter mir: Jemand, der direkt aus einem Yakuza-Film entsprungen sein könnte, vor mir: eine junge Mutter in Stöckelschuhen.

Gegen 12 Uhr war alles zu Ende, aber die Erzieherin liess uns nur schweren Herzens ziehen. Nicht, weil sie uns und unseren Nachwuchs so mochte, sondern weil irgendjemand vergessen hat, sein Stirnband zurückzugeben. Alle Kinder bekamen noch schnell eine Medaille ausgehändigt (interessant, wie schnell die Stifte dabei verdrängen können, dass JEDES Kind eine Medaille bekam) und wurden nebst Eltern und Verwandten in die Wildnis entlassen. Das wars. Bis zum nächsten Jahr. Ihr dürft jetzt raten, wo ich jeden ersten oder zweiten Sonnabend im Oktober in den nächsten 18 Jahren verbringen werde: Genau, beim Sportfest. Vorausgesetzt natürlich, ich bin noch so lange in Japan.

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