Juli 31st, 2011 | Tagged Blog, IT | 14 Kommentare | 588 mal gelesen
Wie bereits in der vergangenen Woche angekündigt, ist dieser Blog nun auf ein andere Plattform umgezogen. Drei Mal darf geraten werden: Fängt mit “W” an und hört mit “ordpress” auf. Mehr als fünf Jahre lang habe ich b2evolution für den Blog benutzt (allerdings stark modifiziert im Laufe der Zeit), aber viel scheint mit b2evolution als Open-Source-Projekt für Blogs nicht mehr zu passieren. Heutige Standardfunktionen wie “Kommentare abonnieren” müsste ich, wie es aussieht, selber schreiben. Das ist zwar kein Problem und so etwas habe ich auch schon für andere Systeme wie MT 3.3 geschrieben, aber WordPress hat all das schon.
Mit dem Umzug werde ich mich wohl auch von einem Grundsatzprinzip dieser Webseite abwenden – die Abkehr von der Designdiktatur. Alle Inhalte dieser Webseite stammen zu 100% von mir, und so auch die Photos. Und so auch das Design. Problem: Meine Designfähigkeiten sind, milde ausgedrückt, furchtbar. Zumindest vorläufig werde ich deshalb auf Standardtemplates fähigerer Designer zurückgreifen.
Regelmässige Leser werden diverse Elemente dieses Blogs vermissen. Die meisten werde ich so schnell wie möglich hier integrieren. Kommentare, Fehlermeldungen, Wünsche usw. bezüglich des neuen Systems sind wie immer herzlich willkommen!
Maskottchen “Chidejika”
Wie bereits vor drei Jahren (!) in diesem Artikel angekündigt, wurde in Japan am vergangenen Sonntag der analoge Rundfunk (Fernsehen) eingestellt. Endlich! Mehrere Jahre lang wurde im Fernsehen mit mehr oder weniger blickigen Werbespots und Extrasendungen daraufhingewiesen, damit auch ja Ururoma Yamada in Yoshida hinter den 7 Bergen weiss, was los ist, wenn die Glotze plötzlich nicht mehr funktioniert. Experten hatten darob grosse Sorge: Was ist mit all den armen Menschen, die die Umstellung nicht rechtzeitig machen konnten? Aus lauter Sorge liess die Regierung deswegen sogar kostenlos Digitaltuner an einkommensschwache Haushalte verteilen, damit auch ja keiner dem Fernsehen entkommt. Es war wie in 1984.
Meine Schwiegereltern, von Haus aus keine grossen Fernsehgucker (laut Eigenaussage) freuten sich schon auf den Moment, an dem ihren alten Fernseher das Signal ausgestellt wird. Letztendlich machten sie aber auch vor ein paar Wochen schlapp und kauften sich ein neues Gerät.
In den drei vom Erdbeben am stärksten betroffenenen Präfekturen (Iwate, Miyagi und Fukushima) wurde die Umstellung übrigens auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, da die Bewohner dort verständlicherweise mit anderen Problemen zu kämpfen haben – und sie zudem mehr als alle Anderen auf Informationen angewiesen sind.
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Noch ein Nachtrag in eigener Sache: In absehbarer Zeit, ich denke mal innerhalb der nächsten Tage, werde ich diesen Blog komplett umkrempeln. Die Inhalte bleiben natürlich, aber dies nur als Vorwarnung; nicht dass jemand aus den Pantoffeln kippt, wenn plötzlich alles anders aussieht.
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Ach ja – das komische Tier im Bild rechts nennt sich 地デジカ Chidejika. “chideji” ist die Kurzform für “地上デジタルテレビ放送” (chijō dejitaru terebi hōsō) – Terrestrischer digitaler Fernsehfunk; -ka bezeichnet einen Prozess (etwa wie -ung). -jika wiederum heisst auch “Reh”. Ja, da hat man sich ordentlich was einfallen lassen…
Als Reaktion auf den letzten Blogbeitrag, der unter anderem den Skandal um den Umlauf von radioaktiv belastetem Rindfleisch in Japan aufgriff, gab es ein paar Kommentare sowie persönliche Nachrichten besorgter Japan-Aspiranten, die sich Sorgen machen, ob Japan sicher ist oder nicht – vor allem in punkto Lebensmittel. Um weiteren Anfragen vorwegzugreifen, nun also ein eigener Eintrag dazu, den ich mehr als Denkanstoss denn als Ratgeber verstanden haben möchte – zur Erinnerung, der Verfasser dieses Blogs ist im Gegensatz zu vielen Millionen Deutschen kein Experte in Sachen Nuklearphysik und Ökotrophologie.
Ist Japan also sicher? Die Frage ist schlichtweg nicht mit ja oder nein beantwortbar. Also versuche ich mal, logische Schlüsse aus den vorhandenen Fakten zu ziehen.
Die Ausgangslage
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1. Vier Reaktoren im AKW Fukushima 1 wurden durch den Tsunami am 11. März 2011 stark zerstört. Dabei wurde eine erhebliche Menge radioaktiver Substanzen a) in die Luft und b) ins Meer freigesetzt.
2) Wie man bereits an Tschernobyl erkannt hat, breiten sich Strahlung sowie kontaminierte Substanzen nicht konzentrisch aus. Sprich, 1’000 km entfernt zu wohnen bedeutet nicht zwangsläufig, das man sicherer ist als jemand in 50 km Entfernung. Das Ausmass der Kontamination hängt stark von äußeren Faktoren wie Höhe der Explosionswolke, Windstärke und -richtung, Niederschlagssituation, Meeresströmung, Tidenhub, Länge und Konzentration der Einleitung kontaminierter Substanzen usw. usf. ab.
Folgen
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Kurz nach dem Beginn der Reaktorprobleme gab es einen deutlichen Anstieg der Konzentration radioaktiven Jods, später auch Cäsiums in der nahen bis weiteren, sowie einen Anstieg von Strontium und Plutonium (möglicherweise!?) in der näheren Umgebung. Diese Substanzen verdünnen sich an den einen Stellen und konzentrieren sich an anderen Stellen., mit teilweise schwer vorhersagbaren Verteilungsmustern.
Das Problem
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1) Information. Entweder man hat das Gefühl, die Informationen reichen nicht, oder sie werden zu spät weitergeleitet. Hinzu kommt ein grosses Misstrauen gegenüber öffentlichen Quellen sowie eine ganze Reihe von Fehlinformationen aus teilweise zweifelhaften Quellen.
2) Das Ausmass. Die Ausmasse der Reaktorkatastrophe, zudem noch gepaart mit einem gewaltigen Erdbeben und einem ebenfalls gewaltigem Tsunami, einhergehend mit massiven Strom- und anderen Versorgungsengpässen, verschärft die Lage zusätzlich.
3) Kapazitäten. Natürlich hat auch Japan Labore und mobile Messgeräte, doch das Ausmass der Katastrophe übertrifft die schlimmsten Befürchtungen. Es mangelt schlichtweg an Laborkapazität, um alle Lebensmittel und alle Winkel der betroffenen Regionen sofort und allumfassend zu überwachen.
4) Sturheit und Unwissenheit. Nein, das ist keine japanische Eigenart. Der Verkauf von belastetem Rindfleisch ist teilweise auf die Sturheit einiger Viehzüchter zurückzuführen (erwiesenermassen) – die falsche Angaben zum Futter machten, in der Hoffung, ihre Tiere trotzdem verkaufen zu können. Unwissenheit hingegen seitens der Behörden zum Beispiel, die scheinbar nicht ahnen, wie der Nahrungsmittelkreislauf funktioniert.
Die jetzige Lage
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Noch immer können nicht alle Lebensmittel getestet werden. Es werden nur Stichproben genommen. Gibt es eine erkennbare Häufung von Grenzwertüberschreitungen in einem eingrenzbaren Gebiet, wird eine Auslieferungsbeschränkung angeordnet (出荷制限 shukka seigen). Teilweise geschieht diese Beschränkung jedoch auf Freiwilligenbasis – die Landwirte werden in dem Fall lediglich “gebeten”, Lieferungen auszusetzen.
Kann ich mich in Japan schützen?
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Wer Japanisch kann, kann versuchen sich zu schützen, denn das Herkunftsgebiet bei Obst, Gemüse und Fleisch ist in der Regel ausgezeichnet. Jedoch nur auf Japanisch. Völlige Sicherheit kann auch diese Massnahme nicht bieten – vor allem bei bereits verarbeiteten Lebensmitteln ist es schwer, an Informationen zu kommen.
Bei Restaurants und dergleichen kann man sich nur sehr bedingt schützen – klar man nachfragen, woher die Zutaten stammen, und gerade bei feinem Rindfleisch ist die Herkunft wichtig und wird in der Regel dazugeschrieben, aber bei Meeresgetier und Gemüse wird es schon schwieriger.
Ist Japan unsicher in Punkto Lebensmittel?
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Nun, sicher unsicherer als vor der nuklearen Katastrophe, denn radioaktive Verseuchung kommt als potentielle Gefahr hinzu. Man sollte beim ganzen Bashing jedoch eins nicht vergessen: Die Tatsache, dass grenzwertüberschreitende Lebensmittel wichtige Themen in den Nachrichten sind, zeigt zumindest eins: Es gibt Leute, die sich Sorgen machen und versuchen, auf die Gefahren hinzuweisen. Oftmals wird man erst im Nachhinein informiert, was jedoch – logischerweise – auf die momentanen Wartezeiten bei den Labors zurückgeführt werden kann.
Was soll ich tun?
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Prinzipiell hat hier jeder 3 Möglichkeiten:
1. Augen zu und durch und einfach nicht drauf achten. Man erfährt ja sowieso nicht alles und oft erst zu spät.
Vorteil: Gesteigerte Lebensqualität aufgrund geringeren Sorgen- und Stresspegels.
Nachteil: Mit etwas Pech weniger lange Freude an der gesteigerten Lebensqualität da man doch zu oft das falsche zu sich genommen hat.
2. Panik schieben, alles und jedem misstrauen und sich weitestgehend einschränken
Vorteil: Weiss nicht. Gibt es einen?
Nachteil: Stark geschmälerte Lebensqualität und höherer Stressfaktor. Eventuelle Reue, wenn man kerngesund von einem Laster überfahren wird.
3. Augen offenhalten und versuchen, nachzudenken. Fragen stellen.
- Waren Lebensmittel vor Fukushima alle kosher?
- Sind radioaktiv verseuchte Lebensmittel die einzigen Lebensmittel, die Spätfolgen hervorrufen könnten (Stichwort Dioxin, EHEC, kanzerogene Zusatzstoffe, Schimmelsporen etc)?
- Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Rindfleisch da im Restaurant vor mir nicht aus Australien, Argentinien oder Kyūshū stammt, sondern ganz bestimmt von einem Tier aus einem stark verstrahlten Gebiet?
… usw. usf.
Ist Japan sicher?
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Für Kurzzeitbesucher? Ich denke schon. Für Dauerinsassen? Vielleicht weniger sicher als vorher, aber mit etwas Vorsicht sollte man in der Lage sein, das Risiko etwas zu senken. Es sei denn man zählt zum Typ 1, dann ist es egal.
Wer für sich Möglichkeit 1 oder 3 beansprucht, sollte nach Japan kommen. Wer Möglichkeit 2 wählt, sollte es sich überlegen – und zwar gut. Die Freude an Japan könnte durch die eigene Sorge stark geschmälert werden.
Ich habe Möglichkeit 3 gewählt.
Wie viel Sorge berechtigt war, wird sich womöglich erst in 30 Jahren zeigen. Und hoffentlich nicht bei unseren Kindern, sondern wenn schon nur bei uns selbst. Aber ich glaube, dass es selbst für Kinder sicher ist – solange sich die Eltern etwas Gedanken machen und mit Bedacht agieren.
Da tauchte also gestern und vorgestern über die Maßen radioaktiv verseuchtes Rindfleisch auf – und alle Welt scheint sich zu wundern. Die Viecher stammten aus der Nähe des Unglücksreaktors, so scheinbar das jetzt übliche Neusprech für Fukushima I, und gelangten ruckzuck in die Nahrungsmittelkette. Jetzt ist entsprechend in den Medien grosses Staunen angesagt: Nanu, wenn man verstrahltes Gras oben in eine Kuh reinsteckt, kommt kontaminiertes Fleisch raus? Wie kann das denn passieren? Dabei werden doch alle Kühe auf Verstrahlung gemessen… naja … zumindest aussen rum. Innen nicht so richtig. Man kann ja schliesslich vor dem Schlachten nicht in die Kuh reingucken, und wenn man sie einmal aufgeschnitten hat, muss man sie schon aufessen.
Nein, die Blauäugigkeit ist schon sehr beachtlich. Manchmal habe ich das Gefühl, dass 99.99% der Leute hier noch gar nicht begreifen, auf welche Spätfolgen man sich hier noch einlassen muss. Noch stehen radioaktiv belastete Nahrungsmittel am Anfang der Nahrungskette – man vermeidet einfach Grünzeug, Fleisch und Milchprodukte aus der Region. Aber das wird zunehmend schwerer – schon beim Joghurt weiss man nicht mehr, wo der herkommt, und bei Tiernahrungsmittel wird es ganz interessant. Wer kann schon sagen, welche Viecher womit gemästet wurden. Für eine Weile wird dann wohl Aussie-Beef herhalten müssen.
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Im August steht – endlich – die übliche Woche Urlaub an. Und ich spiele mit dem Gedanken, während der Zeit irgendwo als Freiwilliger im Katastrophengebiet zu arbeiten. Das ist gar nicht so einfach, schliesslich schmollt meine Frau da zu recht: Immerhin gilt es auch, zwei Kinder zu bespassen. Mal sehen. Vielleicht lässt sich ja ein Kompromiss schliessen – zwei, drei Tage als Freiwilliger, der Rest Familienurlaub. Vorerst geht es jedenfalls morgen erstmal mit Familie für drei Tage nach Hamamatsu (liegt zwischen Tokyo und Nagoya) in ein Onsen. Das muss zur Entspannung und zum Akku aufladen erstmal reichen.
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Für geringer werdende Blogeinträge muss ich auch gleich noch ein paar Ausreden bemühen: In den letzten Tagen habe ich endlich mein selbstgeschriebenes Bildarchivierungsprogramm fertiggeschrieben (Programm ist etwas zu viel gesagt – es ist eine Webapplikation, eine Art Flickr für den Hausgebrauch). Entsprechend galt es erstmal, mehrere tausend Bilder zu archivieren. Aber es erfüllt seinen Zweck: Ich tippe einfach “Fuji” ein und schon erhalte ich alle Bilder des Fuji-san, die ich über die vielen Jahre so gemacht habe, schön aufgereiht. Sind doch schon 66 Bilder… immerhin.
Als ob das nicht reichen würde, bin ich nun auch noch “president” (Geschäftsführer!?) einer Firma geworden. Einer Firma, die sich von meiner bisherigen Firma abgespalten hat. Nein, ich bin nicht der Inhaber, aber falls die Firma mal von jemandem übernommen werden sollte, wäre das… nun ja, vorteilhaft. Ansonsten ändert sich freilich nicht viel: Mehr Arbeit für das gleiche Geld :)
Ich liebe Jahreszeiten – beziehungsweise vieles, was Jahreszeiten so mit sich bringen. In Japan zelebriert man die Jahreszeiten dabei ausgiebig – jede Saison hat ihre eigenen Spezialitäten, vor allem in Punkto Essen und Traditionen (das ist nicht nur in Japan so, aber hier besonders ausgeprägt).
Bergpfirsich in Shōchū
Zu den weniger bekannten Anzeichen, dass es so langsam Sommer wird, gehört die ヤマモモ (Yamamomo)-Ernte. Wörtlich übersetzt heisst der Baum “Bergpfirsich”, aber die Früchte sehen weder aus wie Pfirsiche noch gehören sie zur gleichen Ordnung – Yamamomo zählt zu den Buchenartigen, und dort wiederum zur Familie der Gagelstrauchgewächse. Sagt zumindest die Wikipedia – mir ist der Name kein Begriff. Der lateinische Name lautet “Myrica Rubra”.
Etliche dieser immergrünen Bäume stehen bei uns in der Umgebung herum. Ende Juni fallen dann die tiefroten Früchte herunter und verursachen eine ordentliche Sauerei. Eines Tages sah meine Frau einen alten Mann, der ein paar Früchte einsammelt. “Was machen Sie damit?” fragte sie neugierig. “Na, in Shōchū (stärkerer, klarer japanischer Schnaps, meist aus Reis, Süsskartoffeln oder Zuckerrohr gebraut) einlegen, was sonst?”.
Gesagt, getan. Meine Frau sammelte also auch ein paar ein und warf sie in den besten (bzw. einzigen) Shōchū im Haus. Ein paar Wochen später wurde der langsam rosa. Und on the rocks getrunken schmeckte das ganze gar nicht mal so schlecht: Ein leicht saurer, aromatischer und sehr erfrischender Geschmack. Hat nicht viel Tiefe, aber ist dementsprechend auch nicht aufdringlich.
Heute war es dann also wieder soweit: Ein grosser Bergfirsichbaum voller reifer Früchte machte sich am Boden durch viele grosse dunkelrote Flecken bemerkbar. Also habe ich wieder Bergfirsichshōchū aufgesetzt. Jetzt ist Sommer. Mit all seinen schlechten Seiten (Hitze) und all seinen guten Seiten (Hitze).