Fernostalgie

Juni 9th, 2011 | Tagged , , | 4 Kommentare | 1090 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Frühjahrs (2011/02)-Ausgabe der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

Irgendwann fällt es einfach auf: Eine gewisse Szene, die so ziemlich in fast jedem Film, so nicht Samurai oder gewisse Riesenechsen drin vorkommen, auftaucht: Eine ländliche Gegend, durch die ganz gemächlich ein Triebwagen zuckelt. Ein Triebwagen, den man zumindest in meiner Gegend ganz profan als Ferkeltaxe zu bezeichnen pflegte. Interessanterweise taucht diese Szene meist auch in der Filmvorschau auf, als ob dieses eine Szenenbild eine besondere Bedeutung hätte und so die Leute haufenweise zum Kino oder DVD-Dealer treiben würde.

„Ferkeltaxe“ in tiefster japanischer Provinz

 

Nun, die Szene hat symbolträchtige Bedeutung und verfehlt ihre Wirkung nicht. Zwar sind Ferkeltaxen alles andere als ausgestorben – man braucht gar nicht lange suchen, um in Japan noch welche zu finden, aber der Anblick solcher Züge und die damit verbundenen Emotionen lassen einen leisen Verdacht aufkommen: Ist dieses glitzernde, hochtechnologisierte, innovative, knallbunte und etwas verrückte Japan etwa im Herzen eher ländlich, sentimental und in sich gekehrt? Das wäre ja mal ein ganz anderes Bild!

Wie überall hat Sentimentalität zwei Dimensionen: Die örtliche und die zeitliche. Besagte Ferkeltaxen haben da den Vorteil, gleich beide Dimensionen anzusprechen, denn diese Bahnen gab es früher überall und sie sind damit für jeden über 40-jährigen in Japan fester Bestandteil der Erinnerungen an die Kindheit (von den Bewohnern kleiner und kleinster Inseln einmal abgesehen). Zum anderen gibt es die Bahnen immer noch, und zwar auf dem Land. Man sollte dabei bedenken, dass Tokyo zum Beispiel zwar ganz schön gross ist – jedoch in Japan gern schlicht als grosses Dorf bezeichnet wird, denn die meisten Bewohner kommen eigentlich gar nicht aus Tokyo, sondern aus Regionen irgendwo hinter den sieben Bergen. Wenn ich beruflich oder privat jemanden in Tokyo kennenlerne, werde ich – verständlicherweise – zumeist nach meiner Herkunft gefragt. Den Spiess drehe ich freilich danach gerne um (immer Gefahr laufend, als Antwort ein verwirrtes „Na, aus Japan!“ zu hören), und bin dabei nicht etwa über die Antwort „Okinawa!“ sondern mehr über die Antwort „aus Tokyo“ überrascht. Echte Tokyoter muss man suchen.
Man sollte eigentlich meinen, dass ein fortgeschrittenes Land wie Japan Phänomene wie massenhafte Landflucht hinter sich hat, doch dem ist nicht so. Die Landflucht hält an. Wer gute Bildung sucht, kommt um die Hauptstadt nicht herum. Wer in internationaler Atmosphäre arbeiten will – und damit sind nicht die berüchtigten Philippino-Bars gemeint, muss in die Hauptstadt. Es sei denn, man hält es eher mit Portugiesisch oder Spanisch, denn die meisten Einwanderer aus Südamerika leben mehr in der Gegend um Nagoya.

Wer wissen will, wie Tokyo ohne Zugezogene aussieht, sollte mal den ersten oder zweiten Januar in der Hauptstadt verbringen – viel ist da nicht los, da alle zum Neujahrsfest in die Heimat, aufs Land, gefahren sind. Leider erfreut sich die ländliche Gegend eines solchen Andrangs nur zwei Mal im Jahr – zum Neujahrsbeginn und während der お盆 O-Bon Feiertage Mitte August – ansonsten wirken weite Landstriche in Japan wie ausgestorben, und man kann froh sein, hier und da gelegentlich mal einen 80-jährigen Bauern zu treffen. Anzumerken sei hier auch, dass die Landflucht oftmals nicht etappenweise geschieht – selbst größere Städte in der Provinz, als Beispiel möchte ich hier mal Wakayama oder auch Akita, beides immerhin Präfekturhauptstädte, kämpfen mit stark und konstant schwindenden Einwohnerzahlen, was nicht nur der geringen Geburtenrate zuzuschreiben ist. In solchen Städten muss man oft nicht lange nach den sogenannten シャッター通り Shutter dōri – Rollläden-Strassen – suchen: Ehemalige Einkaufsstrassen, in denen man heute nur noch heruntergezogene Rollläden vorfindet. Nein, die meisten Leute wenden sich gleich richtig von der Heimat ab und gehen umgehend in die Hauptstadt, nach Ōsaka, Fukuoka usw. So mag es nicht verwundern, dass ca. jeder vierte Japaner in der Hauptstadtregion lebt.

Wohnzimmer vor 40 Jahren (Shōwa-Museum, Takayama)

 

Nun aber zur zeitlichen Dimension. Vor wenigen Jahren erschien in Japan der Kassenknüller Always – 三丁目の夕日 3-chōme no Yūhi, wörtlich „Always – Abendsonne im 3. Abschnitt“. Dieser Film trieb nicht nur die Leute scharenweise ins Kino, sondern auch unzähligen japanischen Männern im besten Alter die Tränen in die Augen. Der Film spielt in einem Tokyoter Stadtviertel und in Sichtweite des Tokyo Tower, welcher in der Zeit, in der es im Film geht – Ende der 1950er – gerade gebaut wird. Im Viertel geht es arm, laut aber herzlich zu – Jeder kennt Jeden, es gibt viel zu feiern und viel zu hauen. Der erste Kühlschrank und der erste Fernseher im Viertel sorgen für unglaubliche Szenen – während Wasser immer noch mit der Handpumpe im staubigen Hinterhof geholt werden muss. Kurzum, alle sind arm aber glücklich, und der Fortschritt steht vor der Tür. Dieser Tage ist ein solches Viertel zwar nicht völlig undenkbar (obwohl sehr selten geworden) – aber in der Nachbarschaft des Tokyo Tower sieht es heute, gelinde gesagt, doch etwas ander aus.

Was muss das für eine Zeit gewesen sein – jede nur halbwegs grössere Stadt lag am Ende des Zweiten Weltkrieges komplett in Schutt und Asche, und die Niederlage im Krieg war ein gewaltiger Schock. Wie auch in Deutschland folgten Jahre der Mühen und des Hungers, bis es endlich in den 1950ern aufwärts ging – in gewaltigen Schritten. Das Wirtschaftswunder gab es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan. Doch in Japan verlief es schon immer etwas anders. In Deutschland baute man seit jeher Stein auf Stein, mit dicken Mauern, auf dass das Haus auch lange stehen möge. Erst später begann man mit dem Bau von Zweckbauten mit begrenzter Lebenserwartung. In Japan war letzteres schon immer so. Stein auf Stein, womöglich noch mit Ziegelsteinen, war in Japan kaum populär – man baute und baut am liebsten mit Holz. Das ist kein Wunder – ein Ziegelsteinhaus hat bei einem stärkeren Erdbeben kaum Überlebenschancen, während Holzhäuser flexibel genug sind, um auch stärkere Stösse abzufedern. Dies hatte zur Folge, dass in Deutschland unzählige Häuser nach dem Krieg repariert wurden. In Japan hingegen brannten die Städte bis zum Grund nieder – alles musste neu gebaut werden (dabei hatte man zum Beispiel in Tokyo erst gute 20 Jahre vorher alles neu bauen müssen – nach einem verheerenden Erdbeben). Auch Regeln wie „Häuser dürfen nicht grösser sein als die Kirche im Ort“ sind in Japan unbekannt. In guten Zeiten wurde und wird gebaut, was das Zeug hält.

Es ist aber nicht nur der Anblick alter Holzhäuser in einem staubigen Viertel, der bei der Generation 40+ das Herz höher schlagen lässt, schliesslich findet man solche Häuser noch immer, sondern auch der Gedanke an das Zusammenleben von damals. Das soziale Gefüge in den Grossstädten hat sich wie anderswo auch stark verändert – nach einem richtigen Kiez muss man mittlerweilen suchen, man geht heutzutage meistens seine eigenen Wege. Oder? Dies ist sicherlich richtig für Wohngebiete mit grossen Wohnhäusern. Doch dort, wo man maximal 2-geschossige, sehr günstig zu mietende, zusammengeschusterte Wohnhäuser sieht, gibt es ihn noch – den Zusammenhalt der Bewohner. Da wird dann im Sommer spontan draussen gegrillt und gefeiert und man hilft sich bei der einen oder anderen Angelegenheit. Dass die Teilnehmer dabei ein aus allen Landesteilen zusammengewürfelter Haufen darstellt, ist der meist guten Stimmung nicht abträglich – im Gegenteil. Jedoch scheint dabei auch in Japan eine Faustregel zu herrschen: Je ärmer, desto grösser die Warhscheinlichkeit, einen solchen Zusammenhalt zu finden.

Tokyo Tower

 

Zurück zum Tokyo Tower: Jener wurde damals quasi zum Symbol der Nachkriegsgeneration und wird von daher von vielen ganz sentimental betrachtet. Dafür eignet sich der rot-weisse, 332 m hohe Turm auch ganz hervorragend: Er ist schlichtweg photogen und liebenswert. Der Tokyo Tower steht entsprechend für die Shōwa-Epoche (1926-1989, 昭和 Shōwa war das Motto des Kaisers Hirohito). Die jüngste Generation braucht sich gottseidank um ein ähnliches symbolträchtiges Bauwerk keine Sorgen machen: Der Nachfolger, genannt Tōkyō Sky Tree, wird fast doppelt so hoch (634 m) und 2011 fertig sein. Und die Japaner sind schon jetzt ganz versessen danach.

An dieser Vorliebe für Nostalgie muss etwas dran sein – immerhin spiegelt sie sich sogar in der Sprache nieder. Was geht uns durch den Kopf, wenn wir zum Beispiel ganz plötzlich ein Poster sehen oder einen Geruch wahrnehmen, welches uns umgehend an die Kindheit erinnert? Wie kann man dieses Gefühl in deutsche Worte packen? Ich bin mir bis heute nicht sicher, aber woran ich auch denke, es wird eine ganze Wortkaskade – wie „oh, das habe ich ja schon ewig nicht gesehen“ oder „ach, das waren Zeiten“. Im Japanischen gibt es für dieses Gefühl ein eigenens Wort: 懐かしい natsukashii. Und man hört dieses Wort sehr, sehr oft. Einfach mal einen mindestens 30 Jahre alten Japaner nach Wooper Looper fragen (Leser der letzten Kolumne mögen sich erinnern), und die Chance, als Antwort ein „natsukashii“ zu hören ist ziemlich gross.

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4 Responses to “Fernostalgie”

  • Ulti sagt:

    Wow ein wunderbarer Beitrag, hat mich zu tiefsten berührt :) Mach Bitte weiter so :) Ganz große Klasse!

  • Ist übrigens auch mein Lieblingsfilm des japanischen Kino ;- )

  • MinkyMietze sagt:

    Sehr schöner Blog-Eintrag; könnte man vielleicht noch kinomäßig ergänzen: Einer von Japans beliebtesten Filmemachern war lange Zeit Yoji Yamada, dessen Beinah-Endlos-Serie um den fligenden Händler „Tora-San“ genau jene Nostalgie (zuweilen leicht ironisch)feierte.

  • Tembridis sagt:

    Ich hatte das Glück solche nachbarschaftlichen Situationen selbst beiwohnen zu dürfen. Gute Freunde von mir wohnen bei Takamiya in Fukuoka und dort gibt es „noch“ die von Ihnen beschriebenen Vororte. Wird aber wohl nicht mehr lange so bleiben. Jahr um Jahr schiessen dort die Wohnblöcke aus dem Boden. Was ich persönlich ein bisschen schade finde.