Kulturschock Bahn

Mai 11th, 2011 | Tagged , , | 18 Kommentare | 2523 mal gelesen

So, da bin ich wieder in Japan, nach einer guten Woche in der Heimat. Nun war ich „nur“ 2½ Jahre nicht in Europa, was sicherlich im Vergleich zu vielen anderen nicht sehr lang ist – aber es reichte dann doch mal wieder für ein paar kleine Kulturschocks (das beginnt gleich am Flughafen, wenn man sieht, wie alle Leute gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen in den Bus drängen, anstatt sich anzustellen).
Für einen Kulturschock erster Güte qualifiziert sich jedoch die Deutsche Bahn jedes Mal, denn scheinbar ist man dort stetig bemüht, den Service und das ganze System permanent zu verschlechtern. Meinen ganz besonderen Spass hatte ich da an den Fahrscheinautomaten im Bahnhof von Halle/Saale: Dort wollte ich eine einfache Fahrkarte nach Leipzig erwerben. Also Reiseziel ausgewählt, und fröhlich ging es weiter: Da bittet mich der Kasten doch, den Regionalverbund bzw. die Strecke auszuwählen – vier Möglichkeiten hatte ich zur Auswahl: Über Schkeuditz, über Delitzsch (glaube ich) und noch zwei andere Nester, von denen ich noch nie was im Leben gehört hatte. Ich hatte Glück: Mir fiel ein, dass die kürzeste Route über den Flughafen und über Schkeuditz führt, und deshalb wählte ich die Route. Puh, das war knapp. Schnell noch ein paar weitere Fragen beantwortet, und dann ging es zum Bezahlbildschirm: 6 Euro. Die hatte ich nicht in Münzen, also schob ich meinen kleinsten Geldschein ein: Ein 10-Euro-Schein. Darauf erklärte mir der Automat hämisch, dass er momentan nur maximal 5-Euro-Geldscheine annehmen kann. Klasse. Machte nichts, ich hatte noch knapp 10 Minuten. Also am nächsten Automaten anstehen. Als ich dran bin, kannte ich ja schon die Antworten. Das schien den Automaten so sehr verblüfft zu haben, dass er gleich mal vor dem Bezahlbildschirm abstürzte: Gute zwei Minuten bestaunte ich das drehende Symbol und gab auf. An Automat 3 klappte es schliesslich. Und gottseidank fiel mir grade noch rechtzeitig ein, dass ich den Fahrschein eventuell vor Fahrtantritt entwerten muss.

Kaum ein Japan-Reiseführer kommt drumherum, zu erwähnen, wie vertrackt das Verkehrssystem in Japan ist und wie schwer es ist, als Ausländer die richtigen Fahrkarten zu kaufen (alle zeigen jedoch einen Ausweg auf: Einfach den billigsten Fahrschein kaufen und wenn man am Ziel ist am Automaten nachlösen – dies ist in Deutschland jedoch nicht möglich, da das System gänzlich anders ist). Aber die Deutsche Bahn holt mittlerweilen nicht nur preislich mit Japan auf, sondern auch in Sachen Kompliziertheit der Automaten. Mich wundert es immer wieder, dass man bei der Deutschen Bahn schlichtweg davon ausgeht, dass der Fahrgast umfassende Kenntnisse über den Start- und Zielbahnhof und die komplette Strecke dazwischen besitzt. Anders kann ich mir den Aufbau des Systems nicht erklären. Das ist freilich nicht neu. Als ich einmal in einer mir eigentlich unbekannten Stadt umsteigen musste und der an der Anzeigentafel und im Fahrplan ausgewiesene Zug einfach nicht kam, ging ich zur Information, um mich zu erkundigen was los sei. Dort wurde mir gesagt: „Na der fährt wegen Bauarbeiten jetzt immer 10 Minuten eher und von einem anderen Bahnsteig ab“ – und schob auch umgehend ein „Das ist aber schon seit drei Wochen so!“ hinterher.

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18 Responses to “Kulturschock Bahn”

  • ednong sagt:

    Hallo zurück!

    Das mit dem letzten Satz kann ich auch bestätigen. Ich hatte damals sogar noch in der Reiseauskunft des Startbahnhofs nach einer Verbindung gefragt. Und dann fuhr der RE nicht bis zum Umsteigebahnhof, sondern nur bis mittendrin. Bauarbeiten – auch schon einige Wochen im Gange – waren die Ursache.

    Es gab einen Busersatzverkehr. Und wie man schon erahnt – natürlich habe ich meinen Zug dann am Umsteigeort nicht mehr bekommen.

    Über so etwas kann ich auch nur permanent den Kopf schütteln. Könnte ich – aber dann wäre mir den ganzen Tag nur schlecht ;)

  • Anonymous sagt:

    Nah dann willkommen zurück und las dir sagen du bist nicht allein. Bei meinen letzten Aufenthalt in der Heimat, im Jahr 2009 stand ich wie der Ochse vor dem Scheunentor ich hab es nicht geschafft am Fahrkartenautomaten der Bahn eine Fahrschein zu erwerben. Ich hab mich dann an einem Verkaufsschalter angestellt. Zum Glück war der Bahnhof groß genug das es noch einen Schalter gab.

  • Ach ja, die Deutsche Bummelbahn! 3 Mal sind wir in den letzen 3 Jahren gefahren. Und 3 Mal ist etwas schief gegangen: 2 Mal Klimaanlage kaputt (1 Mal heiß, einmal kalt) und einmal soviel Verspätung, dass der Anschlusszug weg war und wir 1 Stunde auf einem Umbaubahnhof ohne Café oder so warten mussten. Dafür war der nächste Zug dann proppenvoll, so dass wir uns mit Händen und Füßen Sitzplätze erkämpfen mussten und praktisch mit dem Koffer auf den Knien saßen. Dazu dann die nette Lautsprecherdurchsage: „Reservieren Sie doch nächstes Mal bitte einen Platz!“ ARGH! Das mit den informierten Fahrgästen kann ich auch bestätigen. Man muss wissen, welche Sonderangebote es gibt, denn der Mensch am Fahrkartenschalter weiß das nicht.
    Grüßle
    Ursel, die am Wochenende wieder mit dem Auto heim fährt.

  • Juergen sagt:

    :-) Trotz Informatikstudium kann ich bei diesen Automaten verzweifeln. So ging es mir am Wochenende genauso wie dir. Zielbahnhof gewählt, der Automat zeigt mir 3 Verbindungen an und nun soll ich zwischen Regionalverbund und DB wählen? Versuche auf 1. Verbindung zu klicken, damit sollte ja eigentlich der Verbund klar sein (der Verbund stand bei jeder Verbindung in der letzten Spalte), aber nichts tut sich. Warum fällt sowas nicht auf, bevor man solch ein System auf die Menschheit losläßt?
    Und ich bin schon öfters verzweifelt, weil ich eine Fahrkarte zeihen wollte und der Automat zum Schluss mir nur die Verbindung ausdrucken möchte und ich bei bestem Willen nicht feststellen konnte wo ich bei der Bedienung einen Fehler gemacht habe.

  • sopame sagt:

    Da erinnere ich mich doch an meine Rückkehr nach Deutschland, nachdem ich drei Wochen Japan hinter mir hatte: Total überfüllte Züge ohne Möglichkeit, das Gepäck unterzustellen, unpünktlich und ohne Personal – und dann auch noch „wegen Betriebsstörung“ zwei Stunden Aufenthalt im Nirgendwo – nur der Dreck an selbigen hielt mich ab, vor Wut und Frust in die Sitze zu beißen.

    Noch eine Bahngeschichte: wir haben schon mehrere japanische Besucher an den verschiedensten Provinzbahnhöfen eingesammelt – aus Unkenntnis der deutschen Sprache waren sie ausgestiegen, als die angekündigte Ankunftszeit erreicht war. Leider mussten sie erst lernen, dass man bei der DB nicht nach der Uhr gehen kann…

  • Julia sagt:

    Ja, die deutsche Bahn. Für jemanden, der jeden Tag pendeln muss, ist sie echt ein Graus, und es wundert mich, dass sie hier nicht ebenfalls viel mehr Leute vor Züge schmeißen.

    Gerade in Berlin wird ständig gebaut, es gibt Verspätungen, Züge fallen komplett aus, es ist schmutzig, die Bahnangestellten sind unfreundlich etc. Es kann doch nicht angehen, dass man (wie du) versucht, eine Auskunft zu bekommen, und dann so eine Antwort erhält! Aber genau so was wie du hab ich auch schon gesagt bekommen, oder Dinge, die sich auf Japanisch am ehesten mit 知らねえ übersetzen lassen. Und statt auf viel befahrenen Strecken (z.B. morgens an der Uni) mehr Züge einzusetzen, streitet man darum, die Bahnhöfe umzubenennen in FU Bahnhof oder über anderen völlig unwichtigen Sch***.
    Und jedes Jahr tut die Bahn so, als wäre sie vollkommen überrascht vom Wintereinbruch. Winter? In Deutschland? Gab es doch noch nie!! Ja, nee, ist klar. -.-

  • Rose sagt:

    haha, vom Kulturschock Deutschland habe ich auch neulich geschrieben :)
    Jedes Mal wenn ich aus Japan zurückkomme stehe ich vor dem „Meilenstein deutsche Bahn“ und verzweifle.
    Vor ein paar Wochen hat mein Bf mich nach Deutschland begleitet und da ging es dann schon eher in Richtung Fremdschämen.. Desaströse Fahrpläne inkl. dazugehöriger Verspätung plus diverse Körperausscheidungen durch die man zu verfügbaren Sitzpläten waten musste.
    Nicht einfach für einen „verwöhnten“ Japanischen Salaryman :)

  • San sagt:

    Waaaas, du warst in Leipzig?! Ahaha, vielleicht sind wir uns über den Weg gelaufen ohne es zu wissen!! Wie lustig.

    Jaja, die Deutsche Qual, ahem, Bahn. Da fällt einem nichts mehr dazu ein. Außer auf Auto umsteigen. Warum die dich über Delitzsch schicken wollten ist mir nicht so ganz klar, das ist ein totaler Umweg und wäre somit auch teurer geworden. Auch immer wieder schön, wenn die schnellere Strecke einen deutlichen Umweg darstellt. Allerdings möchte ich die Netzplanung nicht machen müssen.

  • sanctuslight sagt:

    hättest die 2 Zonenkarte vom MDV genommen hättest nur die Hälfte bezahlt. ^^

    Gruß aus Leipzig

  • Ingo sagt:

    hmm von halle nach leipzig… du warst doch nicht etwa bei der Museumsnacht?^^

  • Spokekiller sagt:

    Interessant, dass Du schreibst die DB hole preislich zu Japan auf. Meine Frau beschwert sich seit drei Jahren wie sauteuer die Karten im VVS (Verkehrsverbund Stuttgart) verglichen mit hankyu, hanshin und JR in Kobe und Umgebung seien.

    Auf Nachfrage hat man mir mal erzählt dass die vertrackten „Mehr-Wege-für-ein-Ziel“ Probleme u.a. durch den massiveren Einsatz von privaten Bahndienstleistern in Mittel-West und OstDeutschland kommen.
    Vielleicht kann da jemand was zu schreiben?

  • Anonymous sagt:

    @sanctuslight
    Aaargh #$@!

    @Ingo
    Mit 4-jährigem Kind? Nein … aber wir waren im Leipziger Zoo, und das war ein echtes Highlight. Hat sich wirklich sehr schön entwickelt.

    @Spokekiller
    Im Nahverkehr ist Japan wahrscheinlich vielerorts billiger – immerhin kann man ja für 2 Euro quer durch Tokyo fahren. Auch Hankyū, Hanshin und JR-Nahverkehrslinien in Kansai sind wirklich billig.
    Bei Fernfahrten mit Schnellzügen dürfte Japan jedoch teurer sein – zumal es hier so etwas wie Bahncard usw. nicht gibt (auch keinen „Maximalpreis“ wie bei der Bahn).
    Dass das Preiswirrwar mit den Privatbahnen zu tun hat, glaube ich nicht. Dieser ganze Wahnsinn mit dieser Zone und jener Zone und was weiss ich ging ja schon los bevor es Privatbahnen gab.

  • Juergen sagt:

    Als Ausländer hat man wenigstens gewisse Vorteile bezüglich Verkehrssystem-Wirrwarr. Die Hakone-Tozan-Line bin ich z.B. falscherweise mit meinen JR-Pass gefahren, und der Schaffner hat nichts gesagt :-) Der denkt sich auch: „bevor man sich in Englisch mit einem Wilden auseinandersetzen muss…!“ ;-D

  • Irene sagt:

    Da lobe ich mir die Schweizer Postautos. Mein Mann kam kürzlich nachts im Zürcher Flughafen an, musste über den Hauptbahnhof umsteigen Richtung Basel, dann kam die Durchsage „in Brugg ist Schluss, Bauarbeiten an der Bahnlinie, Postauto-Busse stehen bereit“. Die Postauto-Chauffeure haben dann rumgefragt, wer wohin muss, und die Chauffeure der Anschlusslinien per Funk informiert, dass sie warten sollen. So kam er kurz vor Mitternacht noch mit dem normalen Bus bis heim – wir wohnen sehr ländlich, aber der letzte Postbus fährt um 23.30 in unser Kaff.

  • Anonymous sagt:

    @tabibito: kein grund sich aufzuregen. zwei-zonen-karte reicht leider nicht. muss ich leider sanctuslight widersprechen. für diese strecke brauchst du ein (sage und schreibe) fünf-zonen-karte! guckst du hier (und wählst übersicht über das verbundgebiet): http://www.mdv.de/inhalte/uebersichtsplaene_detail.php?typ=zonen

    toll nicht! da weis man gleich, wo die strecke entlang führt ;-) kann nur ein deutscher aufstellen!

    by the way: warum will dein editor kein t i c k e t?

  • Jack518 sagt:

    In dem nachfolgenden Artikel könnt ihr nachlesen was passiert und warum. jedenfalls ist die Info bezüglich Fukushima sehr besorgniserregend
    http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2011/05/schweizer-armee-zieht-geigerzahler-ein.html

  • Nipponclaudi sagt:

    Welcome to the Club! Das Fahrkartensystem der Deutschen Bahn und auch der Regionalbahnen ist einfach unglaublich. Hinzu kommt ja noch, dass jede Stadt bzw. Region unterschiedliche Systeme hat. In Köln z.B. kann man sein U-Bahnticket im Zug kaufen. Aber wehe man steigt in Düsseldorf ohne Ticket in eine Bahn ein, da hat man direkt verloren, muss aussteigen und sich erst einmal ein Ticket kaufen. Wir waren Anfang des Jahres in Hong Kong. Nach 2 Bahnfahrten dort hat unser 6-jähriger Sohn die Tickets dann an jedem Schalter selber ausgedruckt. Ein Ding der Unmöglichkeit. Das System in Japan ist ähnlich verständlich und logisch aufgebaut. Auch wenn man keine japanischen Schriftzeichen lesen kann, ist es sehr schnell sehr gut verständlich. Ich würde mir sehr wünschen, dass diese Logik endlich hier hin überschwappt.
    Lieber Tabibito, magst du noch mal von der aktuellen Stimmung und den Entwicklungen nach den Erdbeben berichten? Leider versagt hier die deutsche Berichterstattung nach wie vor. Herzliche Grüße in mein Lieblingsland

  • Joe sagt:

    Das erinnert mich an meinen vor Jahren (erfolgreichen) Versuch, mit dem Nachtzug nach Wien zu fahren anstatt zu fliegen. Das ist normalerweise schweineteuer (160 EUR pro Richtung) und lohnt sich deswegen gar nicht. Aber es gab pro Zug 6 Billigtickets zu je 30 EUR. Die wurden dann kontigentweise aufgeteilt: 2 zum Verkauf am Schalter, 2 via Internet und 2 am Automaten. Das muß man natürlich erstmal wissen…

    Die erste Kategorie ist logischerweise Bückware, also praktisch nicht zu bekommen. Um die Internetkarten prügeln sich wie bei eBay irgendwelche Sniper. Aber mit dem Automaten kommt keiner klar, da gab es also gute Chancen.

    Dazu muß man wiederum wissen, daß man eine Fahrt frühestens 92 Tage vor Reiseantritt buchen kann. Also vom gewünschten Reisetermin zurückrechnen, sich am Vortag um 23:55 Uhr vor den Automaten stellen und dann um Punkt 0 Uhr die Fahrkarte kaufen. Für die Rückfahrt wiederholt man das Spiel einige Tage später und spart so 90 % gegenüber Normalpreis. Nur wie?

    Und hier kommt der lustigste Teil: Um an den sog. „Globalpreis“ ranzukommen, mußte man dem Automaten auf dem ersten Bildschirm explizit erklären, daß man KEINE Fahrkarte kaufen will, sondern NUR einen PLATZ RESERVIEREN. Dann Verbindung zusammensuchen, die Reservierung ablehnen, „weitere Angebote“ anwählen und schon tauchte ein „Spezialangebot“ auf, wo dann auch gleich die Fahrtkarte dabei ist… Übrigens: Um das rauszufinden, sucht man sich am besten einen wenig frequentierten Automaten z. B. in einem Einkaufszentrum fern der Bahnstrecke.

    Wie man sieht, ist Bahnfahren in Deutschland eine Raketenwissenschaft und nur für Insider wirklich beherrschbar. Auch die Fehlerquote ist vergleichbar mit dem Spaceshuttle. Wer sich nicht auskennt, verirrt sich hoffnungslos oder wird gnadenlos abgezockt.

    Übrigens: Die Fahrt selbst hat nicht die Deutsche Bahn durchgeführt, sondern die Österreichischen Bundesbahnen und sie war sehr angenehm.